[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: YGO!
Challenge: #1 Unerwiderte Liebe
Warnung: darkfic, death, drama, AU(?)
Personen: Tristan > Joey
Kommentar: Dramaqueen, die ich bin, hab ich wahrscheinlich mal wieder viel zu dick aufgetragen. Ob das Folgende wirklich vielleicht hätte passieren können im ygo-Universum, überlasse ich den Leuten, die sich besser damit auskennen.

Diesmal würden sie nicht davonkommen.

Das war keine Panikmache, keine pessimistische Vorstellung. Immerhin hatte Tristan sich immer für einen Realisten gehalten mit seiner einfachen Sicht auf die Welt. Es gab schöne Dinge und traurige Dinge.
Joey und er würden sterben, das war eine traurige Sache. Aber sie schien unabdingbar.

Er hatte das Gefühl, dass in seinem Kopf etwas aussetzte. Als würde ein Rad aus dem Gefüge von vielen winzigen anderen Zahnrädchen springen und gegen andere klirren, als würde ein Kabel durchbrennen und den Rest der Maschinerie in einen Kurzschluss stürzen.

Er spürte wie er aufgehört hatte, durch den Luftschacht zu kriechen, an einem Ort festhing und sich alle Muskeln seines Körpers krampfhaft anspannten.
Sie kamen. Er konnte sie hören, er hörte Teas Schreie und ersticktes Keuchen von irgendwem, der bei ihr war.

„Das kann nicht sein.“, hörte er sich selbst murmeln.
„Das kann einfach nicht sein. Sonst kriegen sie uns doch nie!“
Er spürte sich viel zu schnell und viel zuviel Luft holen.
„Das muss ein Loch in der Matrix sein oder...oh Gott!“
Er hatte die letzten Worte gerufen und ehe er es sich versah, war Joey, bisher hinter ihm in dem Schacht, nach vorne gekrabbelt und hielt ihm mit schmerzhaft verzogener Miene den Mund zu.

„Hältst du wohl die Klappe!“

Schüsse donnerten durch das Treppenhaus, das sich ganz in der Nähe des Schachtes befand.

Diesmal hatten Yami und Kaiba es übertrieben. Das hier hatte nichts mehr mit Karten und dunklen Spären, Welt der Schatten oder verlorenen Seelen zu tun. Die beiden hatten die Rüstungsindustrie gegen sich aufgehetzt und wahrscheinlich gedacht, einmal mehr mit ihren Karten davonzukommen. Und bisher hatten sich der schwarze Magier und Kaibas weißer Drache mit eiskaltem Blick nicht als weltrettende echte Monster erwiesen. Wenn sie dies noch vorhatten, machten sie es spannend.

Aber amerikanische Waffenlobbyisten und Osteuropäische Schmuggler fanden es nicht amüsant, wenn zwei völlig durchgeknallte Jungspunde ihnen ihren Geldfluss abschnitten. Kaiba war zwar stinkend reich, doch er stank nicht genug.
Gegen die mächtigsten Männer der Welt stank er eher ab.

Tristan hyperventilierte durch die Nase und versuchte verzweifelt, Schluchzer zu unterdrücken. Sein linkes Knie war aufgeschrammt, seine Haare hingen durcheinander und irgendwie hatte er es geschafft, an der letzten Biegung seinen rechten Jackenärmel zu verlieren.
Die Zeit schien stillzustehen. Ihm wurde phasenweise schwarz vor Augen.

Dann schrie wieder eine Stimme in der Ferne, so laut und schaurig, dass es ihm durch Mark und Bein ging. Sie hörte nicht auf, so dass man nicht davon ausgehen konnte, dass der Mensch gerade umgebracht wurde.

„Tristan!“, hörte er Joeys gequetschte Stimme.
„Reiß dich zusammen! Verflucht noch mal!“

Tristan wollte aber noch nicht sterben. Sein gesamtes Leben zog an seinem inneren Auge vorbei- und natürlich erinnerte er sich gerade nur an alle Dinge, die schön gewesen waren; alle Dinge, die er sich vorgenommen und noch lang nicht durchgezogen hatte.

Er klammerte sich an Joey fest und vergrub sein Gesicht in dessen verdreckter Jacke.
„Ich will nicht!“, wimmerte er stimm- und hilflos.
„Wie konnte es so weit kommen? Ich will hier weg!“

„Ich auch!“
Er konnte Joeys zitternde Hand in seinen zerzausten Haaren spüren. Der Junge streichelte ihn fahrig, selbst in höchste Angst versetzt und vollkommen mit der Situation überfordert.
„Deswegen musst du dich jetzt zusammenreißen, damit wir es auch schaffen.“

Es war aber egal. Diesmal würden sie nicht davonkommen.

„Das ist es also immer, was sie in Filmen sagen...“, schniefte Tristan als Joey begann, an ihm vorbeizurobben, wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sein Freund ihm folgen würde.
„Schieb nichts auf, lebe jeden Tag als wär´s dein letzter. Für Fälle wie diesen hier...“
Tristan wischte sich stinkenden Angstschweiß von der Stirn und krabbelte hinter Joey hier.
„Ich denke eher nicht.“, wisperte Joey schwerfällig. Er war an einer Luke angekommen und begann angestrengt, am Verschluss herumzufummeln.
Das Schreien in der Ferne war in ein Wimmern übergegangen, das fast rhythmisch ertönte. Tristan wünschte sich insgeheim, er könne auf der Stelle taub werden.

„Es gibt da einiges, was ich noch nicht getan habe.“
Das Nachdenken half ihm, so seltsam es auch war, über die Panikattacke hinweg.
Er dachte daran, dass er seit einigen Monaten immer dieses merkwürdige Puckern in der Brustgegend hatte, wenn er Joey zu nahe kam. Dass er es liebte, wenn Joey ein T-Shirt bei ihm zu Hause vergaß, in das er, bevor er es wusch, heimlich die Nase steckte und nur ganz kurz den fremden, angenehmen Duft einsog. Er hatte das Gefühl nie so wirklich ernst genommen. Es war immer da gewesen und es wäre schön gewesen, wenn er am richtigen Joey hätte riechen können. Den richtigen Joey umarmen, den richtigen Joey küssen und den richtigen Joey... Die Gedanken drifteten nicht weiter.

„Es gibt einiges, was du noch tun wirst.“, berichtigte Joey ihn. Er hatte die Luke geöffnet und drehte den Kopf mit siegessicherem, aber müden Grinsen nach hinten.
„Glaub mir doch einfach mal, du Schisser!“

Sie preschten die Gänge entlang, weg von dem wimmernden Schreien, weiter weg von den Geräuschen von Schüssen. Wen sie alles hinter sich ließen, wussten sie nicht, lediglich nur, dass sie um ihr Leben rannten und wahrscheinlich ein anderes, welches sie zurückließen, in dem Zustand nicht retten konnten. Es tat weh, aber es war das Vernünftigste, was sie tun konnten.

Als sie eine der vielen Hintertüren des Bürogebäudes aufstießen und sich an die Wand lehnten um Atem zu schöpfen, blinzelte Tristan zwei-drei Tränen aus den Augenwinkeln.

„Du hältst meine Hand.“, keuchte Joey.
„Ich weiß.“
„Könntest du...?“
Joey wirkte nicht mehr allzu geduldig.
Genau genommen hatte Tristan sich vorher noch nie getraut, irgendjemandes Hand zu ergreifen. Das war die Magie des Moments gewesen. All dieser „Lebe, als wär´s dein letzter Tag“-Scheiß hatte sich in seinem Kopf festgesetzt.
Zögernd ließ er Joeys Finger los und spürte, wie ihm die Wärme entglitt wie Sand durch eine geöffnete Hand rieselt.

Joey schob die frei gewordene Hand in seine Hosentasche und holte sein Handy hervor.
Ungeduldig tippte er von einem Bein auf das andere als das Telefon sich durchwählte.
„Yugi!“

Tristan lehnte an der Wand und hatte das Gefühl, Schüsse würden wieder näherkommen.
„Joey, wir sollten weiter...“, murmelte er und ließ die Tür nicht aus den Augen.

„Ja, wir sind raus. Gerade so. Und du..?“
Joey hielt sich mit der freien Hand das andere Ohr zu. Am anderen Ende schien es sehr laut zu sein.

„Wo ist Kaiba, dieser Arsch?“
„Joey, wir sollten wirklich...“
„Was..? Willst du mir damit etwa sagen, er hat´s nicht...“, sprach Joey ins Telefon.
Für einen Moment erstarrte er. Schaute ins Nichts und schluckte leise.
Seine Haare sahen dreckig aus.

In diesem Moment wurde es Tristan klar.
Es war vorbei. Sie hatten vielleicht diese Minischlacht gewonnen, aber der Krieg war schon vorbei.
Kaiba hatte es offensichtlich erwischt, in welcher Hinsicht auch immer.
Und wenn das Joey die Kraft aus dem Körper nahm, erklärte es viel.

Vielleicht war die Hoffnung wirklich verloren.

Tristan wischte sich umständlich halbgetrocknetes Blut von seinem Knie, schniefte trocken und fasste Joey wieder bei der Hand.

„Komm, lass uns abhauen.“
„Ich...“
„Ist ja gut. Komm, erst mal weg von hier...okay?“

Es war schwer genug, den Jungen in Bewegung zu setzen. Was auch immer Joey vorhin dazu gebracht hatte, voranzukriechen, hinderte ihn jetzt.

`Jeder Tag, als wär´s der letzte.´

Tristan überlegte, Joey ein Küsschen auf die zitternden Lippen zu setzen. Er traute sich nicht, sondern begnügte sich damit, seinen besten Freund an der Hand weiter zu ziehen.

Als sie um die nächste Ecke bogen und in die Öffnungen von vier Maschinengewehren starrten, wünschte er sich, er hätte es einfach getan.

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