Weltuntergang (und was danach kam)
Jan. 14th, 2009 09:15 pmTitel: Weltuntergang (und was danach kam)
Fandom: Original
Beinhaltet: ein Kind, das keines mehr ist; eine welt, die nicht untergeht und einen Vater, der alles sein kann, außer Superheld
Wörter: 611
Prompt: 1 (Weltuntergang und der Tag danach)
Als ich noch ein Kind war, glaubte ich mein Vater sei ein Superheld. Mein Vater konnte aus seiner Plastikkarte Geld machen, er wusste alles, was ich ihn fragte und wenn er es einmal nicht wusste, dachte er sich eine Geschichte aus. Ich glaubte aber auch lange an den Osterhasen und ich glaubte sogar noch an den Weihnachtsmann, nachdem ich Vater beim Einpacken der Geschenke heimlich durchs Schlüsselloch beobachtet hatte. Ich war wohl ziemlich naiv als Kind, aber eigentlich sind das doch die meisten Kinder.
Inzwischen bin ich anders geworden. Im letzten Sommer, im Urlaub auf Mallorca habe ich aufgehört mit der Glauberei. Damals hatte ich so einen Flummi, der sah aus wie die Weltkugel. Ich liebte das Teil. Er passte gerade so in meine kleine Hand und wenn ich ihn losließ sprang er sehr hoch, höher als alle anderen Flummis, die ich damals hatte. Seit dem 15. Mai, das ist mein Geburtstag, hatte ich jeden Tag mit ihm gespielt, so auch auf Mallorca. Ich war wohl etwas unvorsichtig, denn mit einemmal hüpfte er mir aus der Hand und landete im Hafenbecken. Zuerst war ich absolut traurig und schrie, aber da sah, ich, dass die Welt gar nicht untergegangen war, denn sie schwamm auf dem trüben Wasser. Und dann fasste ich vertrauen. Mein Vater war ein Superheld. Mein Vater sagte, er würde die Welt da herausfischen. Mein Vater konnte das.
Er versuchte es ja auch. Er nahm sich den längsten Stock, den er hatte finden können, fischte im Becken herum, fluchte und spritzte sich nass. Und doch trieb die Welt immer weiter davon. Mein Vater war sehr verärgert, weil er es nicht geschafft hatte, meine Welt vor den Fluten zu retten. Ich tröstete ihn zwar und redete ihm gut zu, aber insgeheim dämmerte mir, dass mein Vater gar nicht der war, für den ich ihn hielt: Er war kein Superheld. Nur ein Vater. Er war auch der Weihnachtsmann. Und der Osterhase. Sicher, das ist schon einiges. Nicht jeder Mensch schafft es zum Vater, Weihnachtsmann und Osterhasen. Aber zum Superhelden braucht es noch sehr viel mehr.
Am nächsten Tag beschloss ich, dass ich kein Kind mehr war. Denn ein Kind muss einen Lieblingsflummi haben, ich aber hatte herausgefunden, dass ich ihn gar nicht mehr brauchte. Er schwamm jetzt irgendwo im Meer herum und erfreute sich des Lebens. Ein Kind muss allerlei seltsames Zeug glauben und einen Lieblingsflummi haben, sonst ist es kein Kind. Ich sagte meinem Vater auch, dass ich beschlossen hatte, von nun an erwachsen zu sein. Er sagte „Sicher doch!“ und grinste mich an, aber irgendwie scheint es bei ihm noch nicht so ganz angekommen zu sein. Ich war schon damals im Urlaub nicht ganz gesund, aber jetzt bin ich richtig krank und liege immerzu im Krankenhaus. Das ist langweilig. Zum Glück ist Vater da und erzählt Geschichten. Aber manchmal erzählt er so schwachsinniges Zeug. Er meint, ich werde bald ein Engel sein. Engel gibt es doch nur in Geschichten! Wenn er denkt, dass ich ihm das abnehme, ist er ganz schön naiv. Ich bin schließlich schon elf und erwachsen, da soll er nicht so mit mir reden. Als wär ich noch ein Kind. Ich hab ihm das auch noch mal gesagt, dass ich nicht mehr klein bin und dass ich niemals ein Engel werde, weil es die gar nicht gibt. Ich hab ihm gesagt, ich werde Autorin. Das ist viel realistischer. Den Krankenschwestern gefallen meine Geschichten. Die meinen, das Talent zum Erzählen muss ich vom Vater haben. Seltsamerweise hat Vater da geweint. „Du siehst aus, als wenn gleich die Welt untergeht!“, hab ich ihm gesagt. Und dann: „Aber das geht auch nur im Kino. In Wahrheit kann die doch Schwimmen!“
Fandom: Original
Beinhaltet: ein Kind, das keines mehr ist; eine welt, die nicht untergeht und einen Vater, der alles sein kann, außer Superheld
Wörter: 611
Prompt: 1 (Weltuntergang und der Tag danach)
Als ich noch ein Kind war, glaubte ich mein Vater sei ein Superheld. Mein Vater konnte aus seiner Plastikkarte Geld machen, er wusste alles, was ich ihn fragte und wenn er es einmal nicht wusste, dachte er sich eine Geschichte aus. Ich glaubte aber auch lange an den Osterhasen und ich glaubte sogar noch an den Weihnachtsmann, nachdem ich Vater beim Einpacken der Geschenke heimlich durchs Schlüsselloch beobachtet hatte. Ich war wohl ziemlich naiv als Kind, aber eigentlich sind das doch die meisten Kinder.
Inzwischen bin ich anders geworden. Im letzten Sommer, im Urlaub auf Mallorca habe ich aufgehört mit der Glauberei. Damals hatte ich so einen Flummi, der sah aus wie die Weltkugel. Ich liebte das Teil. Er passte gerade so in meine kleine Hand und wenn ich ihn losließ sprang er sehr hoch, höher als alle anderen Flummis, die ich damals hatte. Seit dem 15. Mai, das ist mein Geburtstag, hatte ich jeden Tag mit ihm gespielt, so auch auf Mallorca. Ich war wohl etwas unvorsichtig, denn mit einemmal hüpfte er mir aus der Hand und landete im Hafenbecken. Zuerst war ich absolut traurig und schrie, aber da sah, ich, dass die Welt gar nicht untergegangen war, denn sie schwamm auf dem trüben Wasser. Und dann fasste ich vertrauen. Mein Vater war ein Superheld. Mein Vater sagte, er würde die Welt da herausfischen. Mein Vater konnte das.
Er versuchte es ja auch. Er nahm sich den längsten Stock, den er hatte finden können, fischte im Becken herum, fluchte und spritzte sich nass. Und doch trieb die Welt immer weiter davon. Mein Vater war sehr verärgert, weil er es nicht geschafft hatte, meine Welt vor den Fluten zu retten. Ich tröstete ihn zwar und redete ihm gut zu, aber insgeheim dämmerte mir, dass mein Vater gar nicht der war, für den ich ihn hielt: Er war kein Superheld. Nur ein Vater. Er war auch der Weihnachtsmann. Und der Osterhase. Sicher, das ist schon einiges. Nicht jeder Mensch schafft es zum Vater, Weihnachtsmann und Osterhasen. Aber zum Superhelden braucht es noch sehr viel mehr.
Am nächsten Tag beschloss ich, dass ich kein Kind mehr war. Denn ein Kind muss einen Lieblingsflummi haben, ich aber hatte herausgefunden, dass ich ihn gar nicht mehr brauchte. Er schwamm jetzt irgendwo im Meer herum und erfreute sich des Lebens. Ein Kind muss allerlei seltsames Zeug glauben und einen Lieblingsflummi haben, sonst ist es kein Kind. Ich sagte meinem Vater auch, dass ich beschlossen hatte, von nun an erwachsen zu sein. Er sagte „Sicher doch!“ und grinste mich an, aber irgendwie scheint es bei ihm noch nicht so ganz angekommen zu sein. Ich war schon damals im Urlaub nicht ganz gesund, aber jetzt bin ich richtig krank und liege immerzu im Krankenhaus. Das ist langweilig. Zum Glück ist Vater da und erzählt Geschichten. Aber manchmal erzählt er so schwachsinniges Zeug. Er meint, ich werde bald ein Engel sein. Engel gibt es doch nur in Geschichten! Wenn er denkt, dass ich ihm das abnehme, ist er ganz schön naiv. Ich bin schließlich schon elf und erwachsen, da soll er nicht so mit mir reden. Als wär ich noch ein Kind. Ich hab ihm das auch noch mal gesagt, dass ich nicht mehr klein bin und dass ich niemals ein Engel werde, weil es die gar nicht gibt. Ich hab ihm gesagt, ich werde Autorin. Das ist viel realistischer. Den Krankenschwestern gefallen meine Geschichten. Die meinen, das Talent zum Erzählen muss ich vom Vater haben. Seltsamerweise hat Vater da geweint. „Du siehst aus, als wenn gleich die Welt untergeht!“, hab ich ihm gesagt. Und dann: „Aber das geht auch nur im Kino. In Wahrheit kann die doch Schwimmen!“
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Date: 2009-01-14 09:24 pm (UTC)Wunderschön geschrieben, du fängst die Stimme der Elfjährigen richtig gut ein, das Sommererlebnis, und Mallorca scheint irgendwie die Insel der tollen Flummis zu sein.
Und der letzte Satz schlägt dann so richtig zu. Wirklich toll.
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Date: 2009-01-15 06:27 am (UTC)no subject
Date: 2009-01-15 06:52 pm (UTC)Heute habe ich eine Weile darüber nachgedacht, sehr schön geschrieben. Einfach Danke dafür♥
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Date: 2009-01-15 07:40 pm (UTC)no subject
Date: 2009-01-15 08:54 pm (UTC)Und die dazu passende Umsetzung.
Es klingt wie eine Elfjährige, naiv und gleichzeitig ungemein lebensklug und eine Welt, die schwimmen kann... - Wunderschön.
Traurig, aber wunderschön.^^
no subject
Date: 2009-01-16 06:01 am (UTC)