[identity profile] m-chris-h.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Alex hat mit Winterdepressionen zu kämpfen.

Winterdepression

Alex hatte es bis aufs Sofa geschafft. Hier saß er nun schon eine Weile, das Zeitgefühl, wie lange es war, fehlte ihm. Er spürte nur die Schwere, das dunkle Nichts, das sich in seinem Inneren ausbereitete und alles unter sich begrub. Die Emotionen, seine Energie, seinen Spaß an Musik, seinen Antrieb, einfach alles.

Auch schon vor seiner Blindheit hatte er im Winter gegen die Depressionen ankämpfen müssen. Aber damals hatte er zumindest die funkelnden Lichter und das Strahlen in Karas Augen der anderen Leute gehabt. Jetzt war da nur dieselbe Dunkelheit, wie in seinem Inneren.

Im ersten Winter nach dem Anschlag hatte er gehofft, dass seine Blindheit mal von Vorteil wäre und er den Mangel an Sonnenlicht nicht bemerken würde.

Weit gefehlt. Sein Körper hatte sehr wohl die zunehmende Dunkelheit bemerkt und es hatte ihn noch härter getroffen. Raus gehen brauchte er nicht, er sah die Lichter und Dekorationen ja eh nicht. Ganz zu schweigen von den Stellen mit Schnee oder Glatteis, die er nicht sehen konnte. Von dem Gedränge und der lauten Musik aus allen Richtungen, die seine Sinne zu überwältigen drohten. Damals war ihm zu ersten Mal der Gedanke gekommen, seinem Leben ein Ende zu setzen.

„Alex?“

War das Niko? Er hatte gar nicht bemerkt, dass die Wohnungstür geöffnet worden war.

„Alex?“ Nikos Stimme klang näher, dann stoppten seine Schritte vor ihm. „Mensch, Alex, warum gibst du keine Antwort?“

Er sollte etwas sagen. Am besten Niko wegschicken, ihm sagen, dass er frei hatte, dass er ihn die nächsten Tage (Wochen. Wochen dieser Schwere, dieser noch tieferen Dunkelheit) nicht brauchen würde. Aber es ging nicht. Seine Zunge fühlte sich wie eingefroren an. Er spürte Nikos abwartenden Blick auf sich, aber alles, was er zustande brachte, war ein Schulterzucken.

Niko seufzte.

Gut. Vielleicht erkannte Niko selbst, dass Alex gerade nicht an Ausflügen interessierte war und er nicht bleiben musste.
Aber dann setzte er sich neben ihn und legte den Arm um seine Schulter. Durch sein Shirt konnte Alex spüren, wie weich Nikos Pulli war, konnte seine Körperwärme spüren. „Na komm, zumindest für eine kurze Runde. Vielleicht im Türkenschanzpark? Die Sonne scheint heute mal.“

Seine Zunge war genug aufgetaut, dass er antworten konnte. „Und es ist so kalt, dass mit Glatteis zu rechnen ist.“

Niko stieß ihn an. „Dafür hast du ja mich. Ich pass auf, dass du dich nicht auf die Nase legst.“ Nikos Daumen streichelte an seinem Arm auf und ab. „Komm mit.“, bat er sanft.

Alex konnte nicht nein sagen. „Lass mich was Wärmeres anziehen."

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios