[identity profile] rei17.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten


Titel: Late Night TV
Autor: [livejournal.com profile] schwarze_elster 
Challenge: Spielereien mit brennbaren Materialien
Fandom: Original
Charaktere: Jonas & Luc
Warnungen: keine
Anmerkungen: Luc und Jonas stammen aus Mitbwohner wider Willen, das wir letztes Jahr bei [livejournal.com profile] schreibdochmal gewichtelt haben.


„Einer der schlimmsten Jobs, die ich je hatte“, sagt Luc, „war in einer Parfümerie. Ich hab nur zwei Wochen ausgeholfen, aber ich glaube, es hat meinem Geruchssinn bleibenden Schaden zugefügt.“ Er sitzt auf der vordersten Kante des Sofas und hat sich über eine brennende Kerze gebeugt, an deren Rand er abwesend herumdrückt.

Dazu muss ich sagen, dass ich eigentlich keine Kerzen in meiner Wohnung habe, weil vor einiger Zeit die Elektrizität erfunden wurde, eine großartige technische Errungenschaft, die es unnötig macht, offenes Feuer in der Wohnung zu haben. Aber Lucs Schwäche für esoterischen Schnickschnack erstreckt sich leider auch auf Kerzen im Allgemeinen und Duftkerzen und Räucherstäbchen im Speziellen. Möglicherweise ist der geschädigte Geruchssinn die lang gesuchte Erklärung dafür, dass er das Zeug ertragen kann.

„Lass das“, sage ich. Mein Kaffeetisch ist aus unlackiertem Holz und ich habe weder Verständnis für Lucs ungesunde Begeisterung für Feuer noch für sein zwanghaftes Bedürfnis ständig seine Finger mit irgendetwas beschäftigen zu müssen.

Er sieht mich fragend an, dann die Kerze, an der das flüssige Wachs jeden Moment herunterzulaufen droht, dann zieht er seine Hände in einer ruckartigen Bewegung weg und schmeißt sich aufs Sofa wie ein schmollender Teenager.
Er sitzt ganze zwei Minuten still, bevor er anfängt, an einer Haarsträhne herumzuzupfen, die ihm im Gesicht hängt.

„Außerdem wollten sie nicht, dass ich Nagellack trage“, erzählt er weiter, „und ich sollte mir die Haare zusammenbinden.“
„Ist das nicht normal bei Verkäufern?“, frage ich.
Ich bin mir nicht ganz sicher, wie wir auf das Thema gekommen sind. Es ist ziemlich spät und im Fernsehen läuft eine Wiederholung von talk talk talk, die dem unkritischen Nachtzuschauer unnötigerweise als Special verkauft wird und auf die typisch abartige Weise faszinierend ist. Ich sehe die Sendung wegen der Abgründe der menschlichen Seele und Sonyas Dekolletes und Luc wegen Jerry Springer. Er ist der felsenfesten Überzeugung, dass Jerry Springer ein Außerirdischer ist oder zumindest von außerirdischen Mächten unterstützt wird. Eine zugegebenermaßen einleuchtende Erklärung für viele Dinge.

Luc geht dazu über, sich den Nagellack von den Fingern zu kratzen, heute ein klassisches Schwarz. „Kann sein. Aber ich sehe bescheuert aus mit zurückgebunden Haaren“, behauptet er. „Da!“, sagt er und hält sich die Haare zurück.

Es sieht ungewohnt aus, aber eine weitergehende Meinung zu dem Thema würde ich nur ungern aufbauen. Überhaupt scheint das ganze nur eine Ablenkungsstrategie gewesen zu sein, denn Luc knetet schon wieder an der Kerze rum.

Ich würde etwas sagen, aber gerade in dem Moment kommt ein Clip über eine Dreiecksgeschichte bei Britta (oder ist es Arabella? Egal, eine dieser Talkshowtanten) und überraschenderweise sind mir alle drei heulenden Teenager auf dem Bildschirm vage sympathisch. Solche Dinge kommen vor. Macht einen immer ein bisschen sprachlos.

„Ich hab mal gelesen, dass der menschliche Geruchssinn eigentlich viel besser ist, aber die Wahrnehmung unterdrückt wird“, informiert mich Luc zusammenhangslos.
„Stell wenigstens was unter“, sage ich.
Er wirft mir einen genervten Blick zu während er seinen Finger mit einer dünnen Wachsschicht überzieht und die dann wie tote Haut abzieht und auf meinem Kaffeetisch liegen lässt. Ich kann kaum hinsehen.

„Du solltest mir dankbar sein“, behauptet er. „Wenn nachts mal ein Stromausfall ist, hast du wenigstens Kerzen im Haus und sitzt nicht im Dunkeln.“
„Am Schlüsselbrett im Flur hängt eine Taschenlampe“, sage ich.
Luc runzelt die Stirn, als würde ihm der Zusammenhang nicht ganz klar werden, dann sagt er: „Oh.“

Oh ist schlecht. Oh ist ganz schlecht. Nach einem Oh sagt Luc meist Dinge, die ich nicht hören will. Luc dreht sich zu mir um und schenkt mir seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Das ist nie eine gute Sache.

„Du hast Angst vor Feuer“, sagt er. Bevor ich etwas erwidern kann, zählt er auf: „Du hast weder Kerzen noch Streichhölzer noch Feuerzeuge, du kriegst Anfälle, wenn jemand in deiner Wohnung raucht und du hast einen Feuerlöscher in der Küche. Und einen Elektroherd“, setzt er hinzu.
„Viele Leute haben einen Elektroherd“, verteidige ich mich, „und ich bin militanter Nichtraucher.“
„Du bist kein militanter Irgendwas“, behauptet Luc.

Okay, das war eine Lüge. Und möglicherweise hab ich ein bisschen Angst vor Feuer. Aber immerhin lebe ich seit über einer Stunde mit einer brennenden Kerze auf meinem Kaffeetisch, das muss doch etwas wert sein.
„Wir könnten das therapieren“, sagt Luc mit der Begeisterung eines echten Hobbypsychologen fürs Neurosenpieksen. „Du weißt schon: Aversionstherapie oder herausfinden, welches Ereignis in deiner Kindheit deine Angst verursacht hat.“
„Ich glaube nicht an Psychologie“, sage ich.
„Du bist ein Spielverderber“, sagt Luc gespielt beleidigt. Ich hoffe zumindest, dass es nur gespielt ist.
„Ich gehe schlafen“, sage ich und stehe auf.

Luc drückt die Kerze zwischen den Fingerspitzen aus und lächelt mich an. „Ich mach die Kerze lieber aus, sonst kannst du nachher nicht einschlafen, weil du Angst hast, ich brenne die Wohnung ab.“
Ich finde das überhaupt nicht komisch. „Ich hasse dich“, sage ich beim Verlassen des Zimmers.
„Ich weiß“, ruft Luc mir hinterher, „flammend.“

Date: 2008-12-21 10:52 am (UTC)
From: [identity profile] chija.livejournal.com
Aww! Ich fand die beiden schon letztes Jahr so toll, und freu mich, wieder mal was von ihnen zu lesen. So toll, und ich kann die Kerzenmatschleidenschaft so gut nachvollziehen. Einfach weihnachtlich-schön!

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