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Titel: Eine Sache zwischen mir und der Jacke
Autor:
[livejournal.com profile] schwarze_elster
Challenge:
Stille Nacht und der Morgen danach
Fandom: Original
Charaktere:
Jonas & Luc
Warnungen:
leichte Objektophilie?
Anmerkungen:
Luc und Jonas stammen aus Mitbwohner wider Willen, das wir letztes Jahr bei [livejournal.com profile] schreibdochmal gewichtelt haben.


Eine Sache zwischen mir und der Jacke

Ich hatte nicht vor, ihm etwas zu kaufen, schon gar nichts Teures. Auch wenn Luc es irgendwie geschafft hatte, weit mehr zu werden als ein zwielichtiger Mitbewohner, war er doch zu undurchschaubar, zu verschieden, um als Freund zu gelten.
Er war ganz klar jemand, den ich mochte, aber er war eben auch der obskure Typ, der plötzlich seine Haare und eines meiner Handtücher in einem satten, durchaus weihnachtlichen Rot färbte, und eines Morgens mit kleinen Zweigen und Spinnweben im Haar und bis zu den Knien mit Wasser vollgesogenen Jeansbeinen in meiner Schlafzimmertür stand und fragte, ob ich ihm helfen könnte, er hätte einen Baum besorgt.
Am Stamm des Baumes wachsen hellgrüne Flechten und er hat ganz klar „eine schönere Seite“, wie Luc es euphemistisch und mit einem zufriedenen Lächeln für den halbkahlen Baum ausdrückte.

Während ich Kaffee aufsetzte und die Weihnachtsdekoration heraussuchte, zog Luc sich trockene Klamotten an. Den Baum zu schmücken war eine erschreckend idyllische Angelegenheit, was vor allem darauf zurückzuführen ist, dass Luc nicht versuchte, eine Diskussion über Traditionalismus oder Religion anzufangen, was ich seit Beginn des Dezembers erwartet hatte, sondern einfach nur zufrieden wirkte.

Das ist ein seltener Anblick; Luc ist der Meinung, dass die Welt und er nicht zusammenpassen. In seinen schlechten Momenten macht ihn das misanthropisch, in seinen guten Momenten bringt es ihn dazu, die Welt erlösen zu wollen, oder – wenn die Welt gerade wieder nicht zuhört - zumindest mich davon zu überzeugen, dass nicht der Kapitalismus, sondern der Nullsummengedanke Wurzel allen Übels ist. Jedenfalls wirkt er normalerweise immer, als wolle er innerhalb der nächsten Wochen eine Rebellion anzetteln und hätte sich nur noch nicht entschieden, gegen was.

Luc mag also Weihnachten auf eine für ihn völlig untypische unkritische Weise. Trotzdem hatte ich nicht darüber nachgedacht, ihm ein Geschenk zu kaufen. Es war kein Plan.
Es war eine dieser seltsamen Entscheidungen, die man vor einem Schaufenster trifft. Es ist eine Lederjacke in einem warmen Ockerton. Es ist schwer zu erklären, wie es kommt, dass man einem Mitbewohner/beinahe-Feund ein teures Geschenk macht, ohne es vorher zu planen, aber so liegen die Dinge.
Die Jacke war eben, noch während sie im Schaufenster hing, plötzlich Lucs Jacke und mir fiel kein guter Grund ein, sie ihm nicht zu kaufen. Es ist nicht so, als ob ich unglaublich viele Weihnachtsgeschenke zu kaufen hätte und Luc gehört nicht zu den Menschen, die irgendwelche Bedenken haben, Geschenke anzunehmen.

Am Heiligen Abend habe ich es mir gerade auf dem Sofa bequem gemacht, als Luc nachhause kommt, eine Einkaufstüte in jeder Hand. „Glühwein?“ Er hebt eine der Tüten mit einem triumphalen Grinsen an. Ich lege mein Buch auf die Armlehne und folge ihm zur Küche. „Marie hat angerufen und gefragt, ob du morgen zum Essen kommst.“
Lucs Grinsen fällt in sich zusammen und er dreht sich zum Küchentisch um und füllt Glühwein aus einem Tetrapack in einen Topf um. „Was machst du über die Feiertage?“, fragt er schließlich, nachdem er den Topf auf den Herd gestellt hat. „Besuchst du Verwandte?“

Ich schüttle den Kopf. „Da sind nur meine Eltern und die sind über die Feiertage verreist.“ Tunesien und Kreuzfahrt mit dem jeweiligen Lebensabschnittsgefährten. Der Modus Operandi seit der Scheidung und traurigerweise den Weihnachtsfeiern in den Jahren davor durchaus vorzuziehen. Ich habe ihnen Karten geschickt.

„Ich könnte kochen“, sagt Luc. „Morgen.“ Er zieht eine Packung mit Entenbrustfilets aus der zweiten Tüte und winkt damit vor meinem Gesicht herum.

„Was ist mit deiner Familie?“

„Ah ja, Seligkeit. Ich, die schwer geprüften Eltern und das frisch verheiratete Paar.“ Er zieht ein Gesicht, das Nonchalance ausdrücken soll und völlig misslingt. „Sie würden völlig neue und innovative Arten der Folter erfinden“, sagt er schließlich und vermutlich soll es sich wie ein Witz anhören. „Ich denke, ich brauche noch ein Jahr, um mich mental darauf vorzubereiten.“
Er dreht sich um und starrt in den Topf, als könne er den Glühwein dazu kriegen, schneller zu kochen.

„Ente hört sich gut an“, sage ich schließlich und er lächelt erleichtert. „Wir können zusammen pathetisch und einsam sein.“ I

ch schüttle den Kopf. „Du bist pathetisch. Ich bin höchstens einsam.“

„Leute, die so was sagen, sind pathetisch.“

Es wird ein entspannter, weinseliger Heiligabend. Luc beweist einmal mehr, dass er den Filmgeschmack eines zwölfjährigen Mädchens hat, indem er „Der kleinen Lord“ einschaltet.
Danach bin ich betrunken genug, ihm sein Geschenk zu geben.
Ich habe die Jacke nicht eingepackt, weil das albern wäre. Er hält sie vor sich und starrt sie an, legt sie auf den Schoß und streicht mit beiden Händen über das weiche Leder, zieht sie schließlich an.

„Gefällt sie dir?“ Er wirft mir einen ungläubigen Blick und eines seiner strahlendsten Lächeln zu.

„Machst du Witze? Ich möchte Sex mit dieser Jacke haben!“

Ich muss lachen, was vermutlich am Wein liegt und frage dann: „Sex mit der Jacke oder Sex mit der Jacke an?“, was definitiv am Wein liegt. Luc macht ein begeistertes Geräusch und wackelt mit den Augenbrauen, was nicht lustig, sondern einfach nur verstörend sein sollte.

„Du solltest sie vielleicht vorher imprägnieren“, sage ich schließlich verlegen, woraufhin Luc in haltloses Gelächter ausbricht.

Am nächsten Morgen wache ich auf und wünsche mir, ich wäre tot. Luc sitzt im Schneidersitz vor der Couch, auf der ich offenbar geschlafen habe und schwenkt Kaffee unter meiner Nase hin und her.
Ich kämpfe das dringende Bedürfnis mich zu übergeben nieder und setze mich auf.

„Ich war zu betrunken, um dich rüberzuhieven“, sagt Luc, als er den verwirrten Blick bemerkt, mit dem ich meine Decke anstarre. Es ist allerdings weniger Verwirrung, als vielmehr der Versuch wieder bewusstlos zu werden, die Decke fällt mir erst durch seine Bemerkung auf. Ich murmle ein Danke und meine gleichzeitig die Decke und den Kaffee, den er mir in die Hand drückt.

Er sieht schrecklich amüsiert aus und trinkt eine seiner abartigen Teemischungen. Ich überlege, ob es einen Zusammenhang zwischen Alkoholresistenz und exzentrischer Ernährung geben könnte, komme aber nur zu dem Schluss, dass ich Kopfschmerzen habe.

Der Alarm am Herd piept und Luc steht auf und geht in die Küche. Er hat nur seine Jeans an, was seine normale Kleidung ist, wenn er nicht vorhat, das Haus zu verlassen – und die Jacke. Er kommt mit Kopfschmerztabletten und einem Glas Wasser zurück und ich überlege, ob wir nicht doch Freunde sein können. Im Moment würde ich den Mann heilig sprechen. Er lässt sich neben mich aufs Sofa fallen.

„In einer halben Stunde gibt es Mittag.“

Ich bin noch nicht sicher, ob mir schlecht ist oder ob ich Hunger habe, und nehme erstmal die Tablette.
Luc streichelt seine Jacke. Es ist zugegebenermaßen sehr schönes Leder, aber ich kann mir nicht helfen, ich finde das Ganze ein wenig befremdlich.

„Du hattest nicht wirklich Sex mit der Jacke?“ Luc lässt den Kopf auf der Rückenlehne liegen und dreht mir sein Gesicht zu.
Er grinst teuflisch und räkelt sich so obszön wie möglich. „Das, mein lieber Freund, ist nun wirklich eine Sache zwischen mir und der Jacke.“

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