Polizeiruf 110 - H/C - Erinnerungslücke
Sep. 30th, 2025 07:26 pmFandom: Polizeiruf
Pairing: Adam Raczek/Vincent Ross
Prompt: H/C - Erinnerungslücke
Dumpfes Pochen hinter der Schläfe lässt Adam die Augen öffnen. Er blinzelt gegen leicht verschwommene Lichter, setzt sich abrupt auf, was eine Welle von Übelkeit in ihm auslöst und das Pochen in scharfen Schmerz wandelt.
„Langsam, langsam.“ Wiktors beruhigendes Brummen dringt an sein Ohr, und er spürt eine Hand auf seinem Arm, warm und schwer.
„Was zum…“ bringt er krächzend heraus, doch wird sofort unterbrochen.
„Der Arzt sagt, du sollst dich nicht anstrengen. Hier, trink das.“
Missmutig nimmt Adam das Glas Wasser entgegen. Er hat es noch nie leiden können, wenn Wiktor ihn zu sehr bemuttert, zu sehr die Glucke spielt.
Die klare Kälte in seinem Hals hilft allerdings, die Kopfschmerzen etwas zu mildern, seinen Hals zu befeuchten, und auch der Geschmack nach Metall in seinem Mund ist nicht mehr ganz so scharf.
Mit einem gebrummten „Danke“ reicht er das Glas wieder zurück, lässt seinen Blick schweifen.
Sowohl Marian als auch Pawlak stehen an seinem Bett, sehen ihm mit gerunzelter Stirn und ernsten Augen entgegen. Adam will schon beinahe fragen, ob sie nichts Besseres zu tun haben, als ihn anzustarren, da findet er einen jungen Mann, und stutzt.
Es ist kein Pfleger, zumindest nimmt Adam das an, trägt er doch keine Uniform, lugen seine Beine stattdessen aus einem schweren Rock hervor.
Skeptisch sieht Adam an den kräftigen Schenkeln empor, zu einem doch recht weit aufgeknöpften Hemd, das den Blick freigibt auf eine behaarte Brust, einen goldenen Ring an einer Kette, einen langen, blassen Hals.
Adam folgte den Barstoppeln hinauf zu einem schmal zusammengekniffenen Mund, einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn, und blaue Augen, die ihn schon fast wütend anfunkeln.
Ehe er auch nur eine Frage formulieren kann, drückt Wiktor seinen Arm, und er lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Kollegen.
„Weißt du noch, was passiert ist?“
Was ist das denn für eine Frage? „Ich hab eins auf den Kopp gekriegt, oder nicht?“
„Wie immer,“ wirft Marian trocken ein.
„Wie immer,“ echot der junge Mann besorgt.
„Das wird wirklich zur Gewohnheit bei dir.“ Wiktors Augen funkeln belustigt bei seinen Worten.
„Als würde ich das mit Absicht machen,“ gibt Adam grummelnd zurück.
Dabei war sein Plan natürlich alles andere als ausgefeilt gewesen – und ja, das ist ein wenig seine Spezialität, lieber zu handeln anstatt zu denken, das weiß er auch und versucht, daran zu arbeiten.
Aber wie hätte er sonst den Täter stellen sollen, wenn nicht, indem er ihm hinterher geht, ihn auf frischer Tat ertappt quasi.
Und wie hätte er ahnen können, dass dieser Mensch einen rechten Haken besitzt, der Adam glatt ausknockt, ihm gar keine Zeit gibt, sich überhaupt zu wehren.
So viel erzählt er jetzt auch Wiktor und Marian und Pawlak, und diesem jungen Mann, der mittlerweile auf der Unterlippe kaut und an seinem Ring herumspielt.
„Und Verstärkung rufen konntest du nicht?“
Adam bedenkt Wiktors Frage mit einer skeptisch hochgezogenen Augenbraue. „Wie lange hätte ich denn auf euch warten sollen? Oder hätte ich dem Typen sagen sollen, er soll bitte langsam machen, bis ihr da seid?“
„Und dass du keine Alleingänge mehr machen wolltest, hast du auch vergessen?“
„Ich hab es für den Moment erfolgreich verdrängt.“
Wiktor lacht leise in sich hinein, und seine Hand findet wieder auf Adams Arm. „Bringt es etwas dich zu bitten, das nie wieder zu tun?“
Adam zieht die Schultern hoch. „Ich könnte es versprechen, aber wir wissen beide, dass ich mich nicht zwingend dran halten würde.“
„Auch wieder wahr.“ Wiktor erhebt sich mit einem Ächzen von seinem Stuhl, sieht dann noch einmal fragend zu Adam hinunter. „Kann ich noch etwas für dich tun? Brauchst du etwas?“
Adam schüttelt nur den Kopf. „Nee, schon in Ordnung. Aber ich hätte mal eine Frage.“
„Die da wäre?“
„Wer,“ beginnt Adam und streckt seinen Finger nach dem junge Mann aus, „ist er eigentlich?“
+~+
Vincent versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Amnesie sei eine tückische Sache, so der Arzt, man wisse nie, welche Teile des Gedächtnisses betroffen seien und welche nicht. Ebenso wenig, wie man wisse, wann sich die Erinnerung nun wieder einstellt, oder ob sie es überhaupt jemals wieder tut.
An sich ist es auch gar nicht so schlimm, dass Adam ihn nicht mehr erkennt – er ist schon fast erleichtert, dass er ihre Streitigkeiten, die bösen Worte, das alles vergessen hat – aber.
Aber Vincent sieht sich jetzt konfrontiert mit einem fröhlichen, ehrlich interessierten Adam, einem der ihn mit einem Lächeln zu Hause absetzt, der ihn morgens abholt, ihn zum Abendessen einlädt und ihm Kaffee holt.
Vincent müsste lügen, wenn er behaupten würde, dass ihm das nicht gefällt, er sich nicht zu diesem Adam hingezogen fühlt, nicht gerne mit ihm Zeit verbringt.
Ein Adam, der neben Vincent auch sein Burnout, seine Tablettensucht, seine Depression vergessen hat, der fröhlich pfeifend auf die Arbeit kommt, um pünktlich Feierabend zu machen, der sich mit Marian zum Angeln und mit Wiktor zum Grillen verabredet.
Vincent kann gar nicht anders, als eine Aufforderung zum gemeinschaftlichen Feierabendgetränk anzunehmen, sich in Adams Gartenstuhl sinken zu lassen und erfreut festzustellen, dass sie Adam heute mit Apfelschorle begnügt.
Laut dem Arzt soll Vincent nicht aktiv versuchen, Adams Erinnerung zu wecken, soll lieber auf Fragen warten, diese ehrlich beantworten und sonst abwarten.
Und genau das tut er auch, erzählt Adam von einem Fall, den sie gemeinsam gelöst haben, von seiner Abneigung gegenüber Schweinefleisch, von Berlin und dem Psychologiestudium.
Adam hört aufmerksam zu, stellt neugierige Fragen, und seine Augen funkeln so hell, dass Vincent beinahe nicht wegsehen kann, sich beinahe in diesem Blick verliert.
Er bemerkt auch kaum, wie die Zeit vergeht, stellt irgendwann nur überrascht fest, dass es dunkel um sie herum wird, einzelne Sterne am Himmel auftauchen.
„Wird allmählich Zeit fürs Bett,“ sagt er mit einem Gähnen, und Adam nickt bestätigend.
Ganz selbstverständlich sammelt Vincent die Gläser ein, sein Weg aus Adams Wohnung führt schließlich an der Küche vorbei, da kann er sie auch in die Spülmaschine stellen.
Der Arm um seine Taille, als er die Tür der Spülmaschine wieder schließt, kommt überraschend.
Noch überraschender ist der Kuss, ist die schwere Wärme, die von Adams Brust ausgeht, als er sich näher an Vincent drückt.
Vincent keucht auf, legt seine Hände auf Adams Brust, schiebt ihn wieder sanft von sich.
„Was, Adam?“
Verwirrter Blick aus grünbraunen Augen. „Ich dachte, wir…“
Vincent begreift, und schüttelt den Kopf.
„Wir sind nicht… wir sind nur Kollegen.“
„Oh.“ Adams Arm fällt von Vincents Taille, er macht einen Schritt zurück. „Tschuldigung, aber ich dachte, so wie du… und wie ich… Tschuldigung.“
Vincent schüttelt wieder den Kopf. „Dafür musst du dich nicht entschuldigen. Ich hätte vielleicht klarer machen müssen, in welchem Verhältnis wir stehen.“
Er hört selbst, wie kühl sein Ton ist, wie abweisend, und es tut ihm beinahe leid.
Dass sie nicht zusammen sind, Küsse und Berührungen nicht zu ihrem Alltag gehören, sie nicht so vertraut sind, wie Adam dachte.
Dass so viel zwischen ihnen steht, was Adam nicht mehr weiß, was Vincent ihm nicht erzählen kann, nicht erzählen will.
Dass er sich jetzt rückwärts aus der Küche schleicht, seine Jacke und Tasche packt, mit schmalem Lächeln nach der Türklinke greift.
„Wir sehen uns.“
Dass Adam ihm hinterher sieht, verwirrt und verletzt, und er ihn damit allein lässt, allein lassen muss, sein Kopf voller Gedanken, die er sich erst in Ruhe ansehen muss, ehe er entscheidet, was er als nächstes tut.
+~+
Seufzend beugt sich Adam über das Rübenbeet, streicht Blätter zur Seite.
Ihm muss es wirklich beschissen gegangen sein, wenn er seinen Garten so derart vernachlässigt hat.
Beherzt greift er um den Stiel einer Pflanze, die in diesem Beet nichts zu suchen hat, reißt sie mitsamt Wurzel aus der Erde.
Es ist ihm völlig unbegreiflich, wie es so weit kommen konnte, dass seine Rüben so zugewuchert sind, doch es ist nicht nur das, was ihm unbegreiflich ist.
Warum ihn alle behandeln wie ein rohes Ei, zum Beispiel, versteht er auch nicht. Warum er sie alle ständig dabei erwischt, wie sie besorgte Blicke tauschen, miteinander tuscheln, mit dem Gespräch aufhören, sobald Adam in Hörweite ist.
Und Vincent…
Adam zieht noch fester an dem Unkraut, verliert beinahe das Gleichgewicht, als es doch nachgibt, er plötzlich keinen Widerstand mehr spürt.
Er hätte schwören können, zwischen ihm und Vincent ist – etwas. Nicht nur arbeitsbedingt, sondern tiefer, persönlicher.
Und es hatte sich so richtig angefühlt, ihn zu küssen, so vertraut.
Wie kann das sein, wenn sie gar nicht zusammen sind, es nie waren, Vincent das wohl auch gar nicht will?
In seiner Verwirrung hat Adam Wiktor gefragt, der weiß ja immer alles, doch der hat nur vorsichtig gelächelt, die Schultern gehoben, und dazu geraten, doch lieber mit Vincent zu reden.
Leichter gesagt, als getan, wenn der ihm aus dem Weg geht, seit Tagen schon, und nur rein dienstlich mit ihm spricht, wenn er muss.
Adam war schon froh um seinen freien Tag, die Entschuldigung, sich um seinen Garten zu kümmern, seinen Gedanken nachzugehen.
Wenn doch nur nicht diese Dunkelheit herrschte, dort, wo Vincent sein sollte, wenn er wüsste, wer Vincent ist, wer er für ihn ist.
Mit einem Schnauben fährt Adam sich über die Stirn, landet gedanklich wieder bei diesem Abend, als er Vincent geküsst hat, ihn näher ziehen wollte, ihn berühren wollte, an seiner Brust, an seinem Rücken, an seinem Hals.
Scharf zuckt plötzlich ein Bild durch Adams Gedächtnis, ihm bleibt die Luft weg, und dieses Mal landet er auf seinem Arsch, als die Erinnerung vor ihm abspielt wie ein Film.
Seine Hand um Vincents Hals, die Wut so heiß in ihm, seine andere Hand unter Vincents Nase, und Vincents Blick, so verängstigt, sein Puls so wild unter Adams Haut.
Die Tabletten auf Adams Handfläche, und er lässt los, tätschelt Vincents Wange, als wäre nichts gewesen, als wäre das alles völlig normal.
Adam keucht nur noch schwerer, lauter, sein Atem gefangen in seinem Brustkorb, sein Herz so heftig in seinem Hals, und er kann nicht, er muss…
„Hey, Adam, atmen!“
Eine Hand schwer auf seiner Schulter, dunkle Haare in seinem Blickfeld, blaue Augen, die seine Aufmerksamkeit fangen, ihn besorgt ansehen.
„Ganz ruhig. Atme mit mir. Ein. Und Aus.“
Adam blinzelt hilflos, klammert sich an die Hand auf seiner Schulter.
Und atmet.
+~+
„Dass du überhaupt noch mit mir sprichst.“
Vincent lacht trocken auf. „Das hat auch eine Weile gedauert, bis ich so weit war.“
Adam zieht nachdenklich an seiner Zigarette. „Und warum hast du dich nicht versetzen lassen? Oder nach einem neuen Partner gefragt?“
Diese Fragen hat sich Vincent schon oft selbst gestellt, hat sie gedreht und gewendet und auf sich wirken lassen, bis er eine Antwort hatte.
„Ich war grade erst hierher gezogen. Und, naja, ich dachte, jeder verdient eine zweite Chance.“ Sein Grinsen fühlt sich scharf an, spitz, gemein. „Auch wenn du dir die größte Mühe gegeben hast, mich vom Gegenteil zu überzeugen.“
„Verstehe gar nicht, warum du dir die Mühe gemacht hast.“
Vincent atmet schwer schnaufend ein. „Ich weiß, so aufgelistet klingen deine Unzulänglichkeiten eher schrecklich. Aber,“ Vincent hebt einen Zeigefinger, „du hast auch deine guten Momente. Manchmal.“
Adams Brust hebt sich leicht bei seinem leisen Lachen. „Ganz selten, hm?“
„Genau.“ Vincent nimmt einen Zug von seiner Zigarette, sieht dem Rauch dabei zu, wie er im Himmel verschwindet. „Ich kann es dir auch nicht wirklich erklären. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Aber ich mag dich. Und ich möchte wirklich, dass wir uns miteinander verstehen. Tablettensucht und Burnout hin oder her.“
„Und du glaubst nicht, dass meine Ex-Frau richtig gelegen haben könnte, als sie sich hat scheiden lassen.“
„Ach Adam.“ Vincent beugt sich leicht zur Seite, legt eine Hand auf Adams Arm. „Was zwischen dir und deiner Ex-Frau passiert ist, ist nun mal passiert. Daran lässt sich nichts ändern. Aber es hat auch nichts mit mir zu tun.“
„Wenn du das sagst.“
„Sag ich.“
Adam schnauft leise durch die Nase, dann lehnt er sich tiefer in seinen Gartenstuhl, raucht schweigend seine Zigarette.
Vincent presst die Lippen aufeinander, will schon seine Hand wieder zurückziehen, da dreht sich Adam wieder zu ihm.
„Und was machen wir jetzt?“
Vincent zuckt mit den Schultern. „Wir lassen einfach alles auf uns zukommen. Was anderes bleibt uns ja nicht übrig. Und dann mal sehen, was wird.“
„Was wird,“ murmelt Adam wie automatisch.
Überrascht lacht Vincent auf. „Daran erinnerst du dich?“
Adam blinzelt ihn nur langsam an. „Ich… weiß nicht. Fühlte sich nur richtig an.“
Vincent fühlt wieder ein Grinsen, breit und hell und ehrlich dieses Mal.
„Das war es auch. Genau richtig.“ Mit einem letzten Tätscheln zieht er seine Hand zurück, sackt tief im Stuhl zusammen und sieht zum Himmel hinauf.
Pairing: Adam Raczek/Vincent Ross
Prompt: H/C - Erinnerungslücke
Dumpfes Pochen hinter der Schläfe lässt Adam die Augen öffnen. Er blinzelt gegen leicht verschwommene Lichter, setzt sich abrupt auf, was eine Welle von Übelkeit in ihm auslöst und das Pochen in scharfen Schmerz wandelt.
„Langsam, langsam.“ Wiktors beruhigendes Brummen dringt an sein Ohr, und er spürt eine Hand auf seinem Arm, warm und schwer.
„Was zum…“ bringt er krächzend heraus, doch wird sofort unterbrochen.
„Der Arzt sagt, du sollst dich nicht anstrengen. Hier, trink das.“
Missmutig nimmt Adam das Glas Wasser entgegen. Er hat es noch nie leiden können, wenn Wiktor ihn zu sehr bemuttert, zu sehr die Glucke spielt.
Die klare Kälte in seinem Hals hilft allerdings, die Kopfschmerzen etwas zu mildern, seinen Hals zu befeuchten, und auch der Geschmack nach Metall in seinem Mund ist nicht mehr ganz so scharf.
Mit einem gebrummten „Danke“ reicht er das Glas wieder zurück, lässt seinen Blick schweifen.
Sowohl Marian als auch Pawlak stehen an seinem Bett, sehen ihm mit gerunzelter Stirn und ernsten Augen entgegen. Adam will schon beinahe fragen, ob sie nichts Besseres zu tun haben, als ihn anzustarren, da findet er einen jungen Mann, und stutzt.
Es ist kein Pfleger, zumindest nimmt Adam das an, trägt er doch keine Uniform, lugen seine Beine stattdessen aus einem schweren Rock hervor.
Skeptisch sieht Adam an den kräftigen Schenkeln empor, zu einem doch recht weit aufgeknöpften Hemd, das den Blick freigibt auf eine behaarte Brust, einen goldenen Ring an einer Kette, einen langen, blassen Hals.
Adam folgte den Barstoppeln hinauf zu einem schmal zusammengekniffenen Mund, einer tiefen Sorgenfalte auf der Stirn, und blaue Augen, die ihn schon fast wütend anfunkeln.
Ehe er auch nur eine Frage formulieren kann, drückt Wiktor seinen Arm, und er lenkt seine Aufmerksamkeit wieder auf seinen Kollegen.
„Weißt du noch, was passiert ist?“
Was ist das denn für eine Frage? „Ich hab eins auf den Kopp gekriegt, oder nicht?“
„Wie immer,“ wirft Marian trocken ein.
„Wie immer,“ echot der junge Mann besorgt.
„Das wird wirklich zur Gewohnheit bei dir.“ Wiktors Augen funkeln belustigt bei seinen Worten.
„Als würde ich das mit Absicht machen,“ gibt Adam grummelnd zurück.
Dabei war sein Plan natürlich alles andere als ausgefeilt gewesen – und ja, das ist ein wenig seine Spezialität, lieber zu handeln anstatt zu denken, das weiß er auch und versucht, daran zu arbeiten.
Aber wie hätte er sonst den Täter stellen sollen, wenn nicht, indem er ihm hinterher geht, ihn auf frischer Tat ertappt quasi.
Und wie hätte er ahnen können, dass dieser Mensch einen rechten Haken besitzt, der Adam glatt ausknockt, ihm gar keine Zeit gibt, sich überhaupt zu wehren.
So viel erzählt er jetzt auch Wiktor und Marian und Pawlak, und diesem jungen Mann, der mittlerweile auf der Unterlippe kaut und an seinem Ring herumspielt.
„Und Verstärkung rufen konntest du nicht?“
Adam bedenkt Wiktors Frage mit einer skeptisch hochgezogenen Augenbraue. „Wie lange hätte ich denn auf euch warten sollen? Oder hätte ich dem Typen sagen sollen, er soll bitte langsam machen, bis ihr da seid?“
„Und dass du keine Alleingänge mehr machen wolltest, hast du auch vergessen?“
„Ich hab es für den Moment erfolgreich verdrängt.“
Wiktor lacht leise in sich hinein, und seine Hand findet wieder auf Adams Arm. „Bringt es etwas dich zu bitten, das nie wieder zu tun?“
Adam zieht die Schultern hoch. „Ich könnte es versprechen, aber wir wissen beide, dass ich mich nicht zwingend dran halten würde.“
„Auch wieder wahr.“ Wiktor erhebt sich mit einem Ächzen von seinem Stuhl, sieht dann noch einmal fragend zu Adam hinunter. „Kann ich noch etwas für dich tun? Brauchst du etwas?“
Adam schüttelt nur den Kopf. „Nee, schon in Ordnung. Aber ich hätte mal eine Frage.“
„Die da wäre?“
„Wer,“ beginnt Adam und streckt seinen Finger nach dem junge Mann aus, „ist er eigentlich?“
+~+
Vincent versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Amnesie sei eine tückische Sache, so der Arzt, man wisse nie, welche Teile des Gedächtnisses betroffen seien und welche nicht. Ebenso wenig, wie man wisse, wann sich die Erinnerung nun wieder einstellt, oder ob sie es überhaupt jemals wieder tut.
An sich ist es auch gar nicht so schlimm, dass Adam ihn nicht mehr erkennt – er ist schon fast erleichtert, dass er ihre Streitigkeiten, die bösen Worte, das alles vergessen hat – aber.
Aber Vincent sieht sich jetzt konfrontiert mit einem fröhlichen, ehrlich interessierten Adam, einem der ihn mit einem Lächeln zu Hause absetzt, der ihn morgens abholt, ihn zum Abendessen einlädt und ihm Kaffee holt.
Vincent müsste lügen, wenn er behaupten würde, dass ihm das nicht gefällt, er sich nicht zu diesem Adam hingezogen fühlt, nicht gerne mit ihm Zeit verbringt.
Ein Adam, der neben Vincent auch sein Burnout, seine Tablettensucht, seine Depression vergessen hat, der fröhlich pfeifend auf die Arbeit kommt, um pünktlich Feierabend zu machen, der sich mit Marian zum Angeln und mit Wiktor zum Grillen verabredet.
Vincent kann gar nicht anders, als eine Aufforderung zum gemeinschaftlichen Feierabendgetränk anzunehmen, sich in Adams Gartenstuhl sinken zu lassen und erfreut festzustellen, dass sie Adam heute mit Apfelschorle begnügt.
Laut dem Arzt soll Vincent nicht aktiv versuchen, Adams Erinnerung zu wecken, soll lieber auf Fragen warten, diese ehrlich beantworten und sonst abwarten.
Und genau das tut er auch, erzählt Adam von einem Fall, den sie gemeinsam gelöst haben, von seiner Abneigung gegenüber Schweinefleisch, von Berlin und dem Psychologiestudium.
Adam hört aufmerksam zu, stellt neugierige Fragen, und seine Augen funkeln so hell, dass Vincent beinahe nicht wegsehen kann, sich beinahe in diesem Blick verliert.
Er bemerkt auch kaum, wie die Zeit vergeht, stellt irgendwann nur überrascht fest, dass es dunkel um sie herum wird, einzelne Sterne am Himmel auftauchen.
„Wird allmählich Zeit fürs Bett,“ sagt er mit einem Gähnen, und Adam nickt bestätigend.
Ganz selbstverständlich sammelt Vincent die Gläser ein, sein Weg aus Adams Wohnung führt schließlich an der Küche vorbei, da kann er sie auch in die Spülmaschine stellen.
Der Arm um seine Taille, als er die Tür der Spülmaschine wieder schließt, kommt überraschend.
Noch überraschender ist der Kuss, ist die schwere Wärme, die von Adams Brust ausgeht, als er sich näher an Vincent drückt.
Vincent keucht auf, legt seine Hände auf Adams Brust, schiebt ihn wieder sanft von sich.
„Was, Adam?“
Verwirrter Blick aus grünbraunen Augen. „Ich dachte, wir…“
Vincent begreift, und schüttelt den Kopf.
„Wir sind nicht… wir sind nur Kollegen.“
„Oh.“ Adams Arm fällt von Vincents Taille, er macht einen Schritt zurück. „Tschuldigung, aber ich dachte, so wie du… und wie ich… Tschuldigung.“
Vincent schüttelt wieder den Kopf. „Dafür musst du dich nicht entschuldigen. Ich hätte vielleicht klarer machen müssen, in welchem Verhältnis wir stehen.“
Er hört selbst, wie kühl sein Ton ist, wie abweisend, und es tut ihm beinahe leid.
Dass sie nicht zusammen sind, Küsse und Berührungen nicht zu ihrem Alltag gehören, sie nicht so vertraut sind, wie Adam dachte.
Dass so viel zwischen ihnen steht, was Adam nicht mehr weiß, was Vincent ihm nicht erzählen kann, nicht erzählen will.
Dass er sich jetzt rückwärts aus der Küche schleicht, seine Jacke und Tasche packt, mit schmalem Lächeln nach der Türklinke greift.
„Wir sehen uns.“
Dass Adam ihm hinterher sieht, verwirrt und verletzt, und er ihn damit allein lässt, allein lassen muss, sein Kopf voller Gedanken, die er sich erst in Ruhe ansehen muss, ehe er entscheidet, was er als nächstes tut.
+~+
Seufzend beugt sich Adam über das Rübenbeet, streicht Blätter zur Seite.
Ihm muss es wirklich beschissen gegangen sein, wenn er seinen Garten so derart vernachlässigt hat.
Beherzt greift er um den Stiel einer Pflanze, die in diesem Beet nichts zu suchen hat, reißt sie mitsamt Wurzel aus der Erde.
Es ist ihm völlig unbegreiflich, wie es so weit kommen konnte, dass seine Rüben so zugewuchert sind, doch es ist nicht nur das, was ihm unbegreiflich ist.
Warum ihn alle behandeln wie ein rohes Ei, zum Beispiel, versteht er auch nicht. Warum er sie alle ständig dabei erwischt, wie sie besorgte Blicke tauschen, miteinander tuscheln, mit dem Gespräch aufhören, sobald Adam in Hörweite ist.
Und Vincent…
Adam zieht noch fester an dem Unkraut, verliert beinahe das Gleichgewicht, als es doch nachgibt, er plötzlich keinen Widerstand mehr spürt.
Er hätte schwören können, zwischen ihm und Vincent ist – etwas. Nicht nur arbeitsbedingt, sondern tiefer, persönlicher.
Und es hatte sich so richtig angefühlt, ihn zu küssen, so vertraut.
Wie kann das sein, wenn sie gar nicht zusammen sind, es nie waren, Vincent das wohl auch gar nicht will?
In seiner Verwirrung hat Adam Wiktor gefragt, der weiß ja immer alles, doch der hat nur vorsichtig gelächelt, die Schultern gehoben, und dazu geraten, doch lieber mit Vincent zu reden.
Leichter gesagt, als getan, wenn der ihm aus dem Weg geht, seit Tagen schon, und nur rein dienstlich mit ihm spricht, wenn er muss.
Adam war schon froh um seinen freien Tag, die Entschuldigung, sich um seinen Garten zu kümmern, seinen Gedanken nachzugehen.
Wenn doch nur nicht diese Dunkelheit herrschte, dort, wo Vincent sein sollte, wenn er wüsste, wer Vincent ist, wer er für ihn ist.
Mit einem Schnauben fährt Adam sich über die Stirn, landet gedanklich wieder bei diesem Abend, als er Vincent geküsst hat, ihn näher ziehen wollte, ihn berühren wollte, an seiner Brust, an seinem Rücken, an seinem Hals.
Scharf zuckt plötzlich ein Bild durch Adams Gedächtnis, ihm bleibt die Luft weg, und dieses Mal landet er auf seinem Arsch, als die Erinnerung vor ihm abspielt wie ein Film.
Seine Hand um Vincents Hals, die Wut so heiß in ihm, seine andere Hand unter Vincents Nase, und Vincents Blick, so verängstigt, sein Puls so wild unter Adams Haut.
Die Tabletten auf Adams Handfläche, und er lässt los, tätschelt Vincents Wange, als wäre nichts gewesen, als wäre das alles völlig normal.
Adam keucht nur noch schwerer, lauter, sein Atem gefangen in seinem Brustkorb, sein Herz so heftig in seinem Hals, und er kann nicht, er muss…
„Hey, Adam, atmen!“
Eine Hand schwer auf seiner Schulter, dunkle Haare in seinem Blickfeld, blaue Augen, die seine Aufmerksamkeit fangen, ihn besorgt ansehen.
„Ganz ruhig. Atme mit mir. Ein. Und Aus.“
Adam blinzelt hilflos, klammert sich an die Hand auf seiner Schulter.
Und atmet.
+~+
„Dass du überhaupt noch mit mir sprichst.“
Vincent lacht trocken auf. „Das hat auch eine Weile gedauert, bis ich so weit war.“
Adam zieht nachdenklich an seiner Zigarette. „Und warum hast du dich nicht versetzen lassen? Oder nach einem neuen Partner gefragt?“
Diese Fragen hat sich Vincent schon oft selbst gestellt, hat sie gedreht und gewendet und auf sich wirken lassen, bis er eine Antwort hatte.
„Ich war grade erst hierher gezogen. Und, naja, ich dachte, jeder verdient eine zweite Chance.“ Sein Grinsen fühlt sich scharf an, spitz, gemein. „Auch wenn du dir die größte Mühe gegeben hast, mich vom Gegenteil zu überzeugen.“
„Verstehe gar nicht, warum du dir die Mühe gemacht hast.“
Vincent atmet schwer schnaufend ein. „Ich weiß, so aufgelistet klingen deine Unzulänglichkeiten eher schrecklich. Aber,“ Vincent hebt einen Zeigefinger, „du hast auch deine guten Momente. Manchmal.“
Adams Brust hebt sich leicht bei seinem leisen Lachen. „Ganz selten, hm?“
„Genau.“ Vincent nimmt einen Zug von seiner Zigarette, sieht dem Rauch dabei zu, wie er im Himmel verschwindet. „Ich kann es dir auch nicht wirklich erklären. Ich kann es mir selbst nicht erklären. Aber ich mag dich. Und ich möchte wirklich, dass wir uns miteinander verstehen. Tablettensucht und Burnout hin oder her.“
„Und du glaubst nicht, dass meine Ex-Frau richtig gelegen haben könnte, als sie sich hat scheiden lassen.“
„Ach Adam.“ Vincent beugt sich leicht zur Seite, legt eine Hand auf Adams Arm. „Was zwischen dir und deiner Ex-Frau passiert ist, ist nun mal passiert. Daran lässt sich nichts ändern. Aber es hat auch nichts mit mir zu tun.“
„Wenn du das sagst.“
„Sag ich.“
Adam schnauft leise durch die Nase, dann lehnt er sich tiefer in seinen Gartenstuhl, raucht schweigend seine Zigarette.
Vincent presst die Lippen aufeinander, will schon seine Hand wieder zurückziehen, da dreht sich Adam wieder zu ihm.
„Und was machen wir jetzt?“
Vincent zuckt mit den Schultern. „Wir lassen einfach alles auf uns zukommen. Was anderes bleibt uns ja nicht übrig. Und dann mal sehen, was wird.“
„Was wird,“ murmelt Adam wie automatisch.
Überrascht lacht Vincent auf. „Daran erinnerst du dich?“
Adam blinzelt ihn nur langsam an. „Ich… weiß nicht. Fühlte sich nur richtig an.“
Vincent fühlt wieder ein Grinsen, breit und hell und ehrlich dieses Mal.
„Das war es auch. Genau richtig.“ Mit einem letzten Tätscheln zieht er seine Hand zurück, sackt tief im Stuhl zusammen und sieht zum Himmel hinauf.