*ächz*

Mar. 16th, 2007 12:14 am
[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Äh ja. Es ist Donnerstag und nachdem heute alles durcheinandergegangen ist, schmeieß ich mich jetzt als letzte durch die Ziellinie. Habe zum Schreiben aber exakt zwei Stunden gebraucht.

Fandom: NGE (Hey, ich habe da wen gähnen sehen!)
Challenge: #2 Blut ist obligatorisch
Personen: Ritsuko Akagi, Kensuke Aida


Sie wusste nicht, wie er hier hereingekommen war. Wie er so plötzlich vor ihr stehen konnte, wahrhaftig und allein. Das Flutlicht von der Decke brach sich dumpf an seinem jungen Gesicht und tauchte ihn in die harten hell-dunkel-Kontraste, die sie vorher an ihm so gar nicht wahr genommen hatte, was daran liegen konnte, dass er in ihrer Erinnerung nur auf dem Papier existierte. Sie war sich fast sicher, ihn auch schon einmal wie jetzt in Fleisch und Blut vor sich gesehen zu haben, doch sie mochte Menschen ohnehin mehr auf dem Papier.

„Mein Name ist Aida!“, sagte er und seine helle Stimme hallte in dem schier leeren Raum.
Er sah aus wie ein GI, der vor dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika persönlich stand. Ritsuko Akagi war sich fast sicher, dass er ein Brett im Rücken hatte.

„Ich möchte Eva-Pilot werden!“

Sie schaute ihn über den Rand ihrer Kaffeetasse und Brillengläser an und hatte das Gefühl, belustigt und zugleich lächeln zu müssen.
„Ist das so?“, sagte sie mit gleichgültigem Tonfall.
Für einen Moment fühlte sie sich wie ein hohes Tier, eine hohe Chefin, die einen Büroboten einstellen sollte.
Aida stand noch strammer.

„Also.. es ist so; ich habe gehört, dass Ihnen ein Pilot fehlt. Da wollte ich mich anbieten.“

Er war durchaus nicht dumm.
Es stimmte tatsächlich. Suzuhara war demoliert, Rei war angeschlagen und Shinji hatte die Flucht beschlossen. In ein-zwei Stunden würde er mit einem Shinkansen zurückfahren zu seiner Tante und seinem Onkel und versuchen so zu tun, als wäre nie etwas geschehen.
Shinji liebte solche Spielchen.
Das machte drei unbrauchbare Piloten, zwei Ordner für den Aktenvernichter, zwei ID-Karten für den Müll und viel zu viele Mühen, die sie sich umsonst gemacht hatte. Ritsuko spürte, dass sie wütend war auf die drei Kinder. Auf die ersten beiden, weil sie sich einfach so aus dem Weg hatten räumen lassen, auf Shinji, weil er den Weg räumte.

Und nun stand dieser Otaku vor ihr und schob sich die Brille höher auf den Nasenrücken.

„Hör mal... Aida-kun.“
Ritsuko strich sich durchs Haar und lehnte sich etwas in ihrem Bürostuhl zurück.
„Du kannst hier nicht einfach hereinspazieren, nur weil du Lust hast, bei Nerv mitzumachen.“
Sie verwendete mit Absicht ein kindliches Wort am Ende des Satzes.
Noch nie zuvor war ihr ein Eva-Pilot wie ein treues Hündchen zugelaufen. Sie hatte sie, abgesehen von der fanatischen Asuka, zwingen müssen. Shinji hatte sich erst unter psychischem Druck gefügt, Rei hatte trotz ihrer Seelenlosigkeit sicher auch keinen Spaß daran gehabt und Suzuhara hatte einen Deal gewollt. Es war unmöglich, dass jemand gerne Eva-Pilot werden konnte.

„Was ist deine Motivation?“

Ristuko konnte sich an sein Gesicht erinnern. Kensuke Aida gehörte zu den potentiellen Piloten, die das Marduk-Institut ausfindig gemacht hatte. Sein Vater arbeitete bei Nerv. Er hatte seine Mutter vor einiger Zeit verloren und ging in Shinjis Klasse. Sie schätzte, seinen Synchrowert spontan auf 40 Prozent, was eine hohe Zahl war.

„Motivation...“
Er überlegte kurz, dann funkelte etwas auf hinter den Gläsern.
„Ich will einfach Eva steuern, etwas bewirken, die Welt beschützen! Ich will im Inneren dieser unglaublichen Maschine sitzen, die Sie da gebaut haben!“
Ritsuko konnte sehen, dass er Mühe damit hatte, nicht loszugestikulieren.

„Das hier ist ernst, Aida-kun.“, sagte Ristuko spitz und schlug ein Bein über das andere. Sie musterte den Jungen einmal von oben nach unten, blieb an seinen wilden Haaren und dem Hemd, welches aus der Hose hing, hängen und musste an die Zeit denken, als sie selbst noch Träume und so etwas wie Idealvorstellungen gehabt hatte.

„Das ist echter Krieg. Wenn Eva es nicht schafft, ist alles verloren. Ich weiß nicht, was Shinji dir erzählt hat oder was Asuka dir vielleicht vorgeschwärmt hat, aber...“
Jetzt sah sie ihn direkt und durchdringend an.
Sie fühlte sich frustriert und vom Leben links liegengelassen. Und nun wagte es so ein enthusiastischer Mensch, hier aufzukreuzen?
„Das ist kein Kinderspielchen. Es wird kein Game-over-Schildchen am Ende auf dem Display erscheinen wie in deinen PC-Spielen. Wir hantieren nicht mit Beuteln aus Kunstblut herum und unsere Feinde sind auch nicht animiert.“

Er blinzelte nervös, während sie ihm ihren frustrierten Zynismus um die Ohren warf. Sie versuchte sich einzureden, dass es nicht schlimm für ihn war. Genau genommen bewahrte sie ihn vor einem grausamen Schicksal, denn keinem der Children ging es gut.
„Nun ja...“, sagte er zaghaft und schaute sie ehrlich und ernsthaft an.
„Natürlich ist es nicht so. Blut ist obligatorisch, das weiß ich. Und Schweiß und Tränen manchmal auch.“

Jetzt lächelte sie ihn wirklich mitleidig an.
Er meinte es ernst- absolut ernst. Genau das fand sie abstoßend.

Kensuke Aida galt als vielversprechender Pilot. Sie erinnerte sich an seine Akte, die sie damals nach dem Vorfall, bei dem Shinji ihn und Suzuhara in den Entry Plug geholt hatte, untersucht hatte. Nerv würde ihn brauchen, jetzt nachdem Shinji das Handtuch geworfen hatte.

„Dr. Akagi!“, sagte er eindringlich und beugte sich ein klein wenig vor.
„Ich weiß, worum es geht. Blut ist obligatorisch. Und Herzblut erst recht!“

Sie stand auf und schaute ihn verächtlich von oben herab an.
Dramatik würde ihm nicht helfen.

„Bitte!“, flehte er nun und es klang, als würde dieses Flehen wahrhaftig aus dem Innersten seines Herzens kommen, als wäre diese Maschine im Cage unter ihnen sein einziger Lebenssinn.
„Lassen Sie mich Eva steuern!“
In Flutlicht der Lampe sahen seine Sommersprossen aus wie Dreckflecken.

Ritsuko wandte sich um und nahm wieder auf dem Drehstuhl Platz. Sie widmete sich wieder ganz ihrer Arbeit, der Arbeit, die sie bis eben getan hatte, bevor Aida in ihr Büro gestürzt war.

„Bedaure.“, sagte sie und schaute nicht mehr auf.
Es fühlte sich ein bisschen so an wie der Moment, in dem sie gesehen hatte, wie ihre Mutter Rei damals erwürgt hatte. Sie wusste, wie viel dieses Wort bedeutete.
„Wir haben keinen Gebrauch für dich.“

Sie nahm keine Notiz davon, wie er ganz langsam ihr Büro verließ.
Über ihren Bildschirm flimmerten Zahlen und Formeln und Berechnungen.

Der kleine Klugscheißer hatte eben Recht gehabt.
Herzblut war obligatorisch.
Und seines hatte sie eben erfolgreich nach außen geleitet.

Date: 2007-03-15 11:30 pm (UTC)
From: [identity profile] kleine-aster.livejournal.com
Ich weiß nicht, ob ich es dir schon mal gesagt habe, aber ich finde deine bildhafte Sprache wirklich toll, vor allem dieser erste Absatz, als du beschreibst, wie Kensuke reinkommt und sie ihn so allmählich als dieses entschlossenen kleinen Kerl wahrnimmt.

Die Geschichte hat wirklich was sehr trauriges an sich ... es ist zwar NGE, das ich nicht kenne, aber man kann es tatsächlich prima auf eine reale Kriegssituation beziehen, wo Leben eben einfach zerschreddert werden.

Und dann ist da dieser Knabe und will aus purem Idealismus mitmachen, und sie rettet ihn, indem sie ihm das Herz bricht. Das ist super umgesetzte und eine tolle Idee für eine kurze FF.

Ich fand die beiden Temperamente echt prima gegeneinander ausgespielt ... Kensuke mit seinem ehrlichen, aber auch leicht hilflosen Idealismus und daneben diese abgeklärte Frau. Auch, wie sie ihm seinen Enthusiasmus leicht übelnimmt, weil sie schon alles durch hat und so. Das paßt einfach toll zusammen. "Otaku". *g*

Kensuke ist wirklich sehr süss und rührend in der Geschichte. Einerseits ist seine Begeisterung beeindruckend, andererseits will man ihn ohrfeigen, wenn man mitkriegt, was mit den anderen passiert ist. Und irgendwie ist man dann auch echt froh, als er wieder gehen muss. =)

Date: 2007-03-16 02:49 pm (UTC)
From: [identity profile] funky-mina.livejournal.com
Die Szene hätte echt aus EVA sein können. O_O;

Ken~ ;___; Er ist so- ... unser kleiner Mitochronidren-Prinz~ T_T *ihn flausch*
Ich weiß, dass dir Ritsuko nicht sehr sympathisch ist, so viel ich weiß, aber hier wurde mir mal weider klar, warum ich sie mag: sie ist so verdammt abgefuckt, dass ich mit ihr mitleid habe und verstehe, dass sie scheiße baut, weil einfach alles den bach runter geht und- wäh~

UNd- *sigh* Es ist wirklich sehr bewegend, also, ich steiger mich da noch einen Grad weiter rein, weil ich mich sehe, wie ich da vor dieser großen Blondine stehe, auch wenn sie sitzt - sie imindestens achtzig Mal größer als ich und dann dieses 'Nein danke, kein Bedarf' - wah. Da tut einem das Herz weh, das kleine Otaku-Herz.
Und... NERV hat an ihm wohl den lebensmüdesten, idealisten, euphorischsten und erbittersten Piloten verloren, den sie hätten kriegen können - wenigstens hat er nicht so schnell dadurch das Leben verloren. =/

Kensuke~ *ihn flausch*

Nyx

Date: 2007-03-17 12:55 am (UTC)
From: [identity profile] shojo-pingu.livejournal.com
Ja, warum haben sie ihn eigentlich nicht genommen? Er wäre der Einzige, der Eva gesteuert hätte, einfach weil er Eva steuern will. Keine Selbstbeweise, keine Flucht, keine Aufopferung - einfach, weil es sein Traum ist.
Aber solche Idealistenträumer passen nicht zu Nerv, dort gibt es zu diesem Zeitpunkt nur noch gescheiterte Existenzen. Würden sie seine Anwesenheit überhaupt ertragen können?

„Wir haben keinen Gebrauch für dich.“
Und ja, verdammt, das sind genau die Worte, die einem das Herz auf die grausamste Weise brechen. Kensuke, für den Evas doch sein Ein und Alles sind und der genau weiß, dass im Prinzip Pilotenbedarf besteht, diese Worte wie beiläufig zu sagen - Ritsuko hat Ahnung, wie ein Mensch funktioniert.

Gerettet hat sie ihn auf jeden Fall mit ihrer Abfuhr, aber war das auch ihr Ziel? Da sie auch sonst nich zimperlich ist, was Eva-Piloten angeht, glaube ich das eher nicht.
Da ich nie ein großer Ritsukofan war, würde ich ihr einfach Boshaftigkeit unterstellen, aber sicherlich steckt da noch mehr dahinter. Da es aber gleich 2Uhr ist, komme ich bestimmt nicht mehr drauf. ^^ Ich grübele morgen weiter.

Auf jeden Fall sehr schöne Fic! Hat mich mal wieder ne ganze Weile über Eva nachdenken lassen und das tue ich schließlich gerne. ^^

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios