Tag Der Idioten
Dec. 10th, 2008 06:09 pmTitel: Tag der Idioten
Autor: Kleine Aster (Alex)
Fandom: Yu Gi Oh
Charaktere: Seto & Mokuba Kaiba
Challenges: #1, „Opium fürs Volk“
Warnungen: Selbstverwurstung, und außerdem weniger weihnachtsfeindlich, als ich es gern gehabt hätte.
Rating: Harmlos, außer man glaubt an den Weihnachtsmann.
Disclaimer: Wenn ich YGO besitzen würde, wäre ich Kazuki Takahashi. Wenn ich Kazuki Takahashi wäre, wäre ich aber auch ein Mann und Mitte 40. So betrachtet vielleicht nicht schlecht, dass ich´s nicht bin.
A/N: Ok, ich will nicht lügen – diese Geschichte basiert auf einem älteren Enwurf von mir, den ich im Sinne der Challenge umgearbeitet habe. Das ist traurig, aber ich war diese Woche so platt. Der Anfang mag vielleicht also irgendwem bekannt vorkommen, der Rest ist aber frisch. Mit etwas Glück erinnert sich vielleicht eh keiner. ^^*
Sie ist trotzdem mit Liebe gebacken und ich wünsche allen einen schönen Dezember!
Tag der Idioten
Es gab – insgesamt betrachtet – nur wenige Geräusche, die Seto Kaiba im täglichen Leben ertragen konnte. Und noch weniger Geräusche, die er wirklich gern hörte.
Genau genommen gab es nur drei.
Er mochte das saubere *plingplingpling*, wenn seinen Herausforderern die Lebenspunkte ausgingen.
Er mochte das *fwooosh!* seines Mantels, wenn er hinter ihm im Wind wehte; die Kaiba Corporation beschäftigte rund um die Uhr ein komplettes Team, das nur daran arbeitete, seinen nächsten Mantel *fwoooshiger* als den zuvor zu machen.
Aber das Geräusch, das er mit Abstand am liebsten hatte, war...
„Nii – sama?“
Dieses.
Seto Kaiba hasste es, unterbrochen zu werden – er konnte sich nicht vorstellen, was die Welt zu bieten haben sollte, IHN zu unterbrechen – aber Mokuba war etwas anderes. Er war immer ein erfreulicher Anblick, sozusagen der Posterboy von Setos gelungener Erziehung. Der erfreulichste Anblick, den er kannte – neben Yugi Mutôs blödem Gesicht, wenn ihm eben die Lebenspunkte ausgingen.
Mokuba konnte Seto sogar dazu verleiten, das Gesicht für einen Moment aus dem Gewühl von Drähten zu nehmen, das irgendwann mal die verbesserte Duel Disc werden sollte.
„Was gibt´s, Mokub...- „ Setos Blick fiel auf das Gesicht seines kleinen Bruders, und er verstummte erst mal.
Mokuba sah nicht so aus, als wäre er gekommen, um seinem älteren Bruder (wie üblich) fettiges Fast Food feilzubieten und ihn zum Plaudern zu überreden, wie sonst. Er sah auch nicht aus, als hätte er dringende Neuigkeiten – in diesem Fall hätte Seto längst einen Schwall buschiger schwarzer Haare im Gesicht.
Mokubas dunkles, kluges Gesicht war eingefroren. Seine Augenbrauen waren fast in seinem wuscheligen Haaransatz verschwunden. Die eine Hand hatte er nachdenklich in die Hosentasche versenkt, die andere hielt seinen kleinen schwarzen Terminkalender mit dem Zeichen des Weißen Drachen darauf. Zwischen seinen Augen stand eine hohe, äußerst seltene Falte.
„Seto...“ sagte er, ohne aus dem Kalender aufzublicken, „Wasisndasn?“
Er wirkte so verwirrt, dass er nicht einmal daran dachte, näher zu kommen. Widerwillig riss Seto sich von seinen Drähten und Elektroden los und stellte sich hinter Mokuba, um besser sehen zu können. Er warf einen schnellen Blick auf die Kalenderseite und konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.
„Was soll sein, Mokuba...? Gibt´s ein Problem mit dem Duel Disc-Release am 17en?“
Mokuba hatte seit einiger Zeit neben dem Posten des Vizepräsidenten die Aufgabe des Kaiba Corp.-Experten für Festlichkeiten aller Art übernommen. Da Seto wenig bis gar kein Talent für organisierte Fröhlichkeit an den Tag legte (von unorganisierter Fröhlichkeit fing man am besten gar nicht an), aber hin und wieder Parties für seine Kunden schmeißen musste, war er dankbar gewesen. Mokuba schien mit Heiterkeit und ähnlichem Schwachsinn mehr anfangen zu können.
Da kam ihm ein furchtbarer Gedanke... Seto zog die Stirn in Falten. „Die Deko muss nicht SCHON WIEDER extra aus Mexiko eingeflogen werden? Pegasus will nicht SCHON WIEDER in Frauenkleidern erscheinen? Bitte sag mir, dass es nicht das ist!“
Mokuba machte sich immer noch nicht die Mühe, seinen Bruder anzusehen. Er wedelte nur abwesend mit der Hand, den Blick weiter in die Kalenderseiten geheftet.
„Nein, das isses nicht,“ meinte er langsam. „Die Eisskulpturen sind schon bestellt, und Pegasus will in einem Gandalf-Cosplay kommen oder so.... ich mein DAS hier.“ Er legte den Finger auf ein Datum.
„Hier. Das hab ich noch nie bemerkt. Das Datum ist rot markiert, und da ist sogar eine Art Pflanze daneben gedruckt...“, Er neigte sich vor und kniff die Augen zusammen wie bei einer wichtigen wissenschaftlichen Untersuchung. „Was soll das sein … Fichte oder so … Nii-sama, was zum Geier ist denn Heiligabend?“
Nun sah er auf, das Gesicht fragend und zerknautscht. Gerade noch rechtzeitig, um Setos hasserfüllten Blick zu bemerkten, mit dem dieser den Tannenzweig (der durchaus als Fichtenzweig durchgehen konnte, von daher lag Mokuba nicht 100 % daneben) bedachte.
Seto schnaubte. Nicht doch. DIE Scheisse. Hatte er fast vergessen. Und er wünschte sich, er wäre niemals dran erinnert worden.
„Kümmer dich nicht drum,“ sagte er brüsk und wandte sich ab. Mokuba fuhr zusammen und blinzelte erschrocken. „Aber -“
Abrupt setzte der ältere Kaiba sich in Bewegung und kehrte an die offenen Eingeweide der Duel Disc zurück. Er nahm eine Pinzette zur Hand und begann, in der Verkabelung zu wühlen.
Innerlich köchelte er. Er verspürte einen zornigen Stich darüber, dass Mokuba überhaupt über diesen Blödsinn gestolpert war. Er hatte viel, viel Zeit darauf verwendet, ihn diesen Blödsinn wieder vergessen zu lassen.
An ihrem ersten und einzigen Weihnachtsabend im Waisenhaus hatte es einen Eklat gegeben, als Seto den bestellten Weihnachtsmann vor allen Anwesenden beschuldigt hatte, ein arbeitsloser Student zu sein, der seine wertvolle Studienzeit mit Frivolitäten wie diesen verplemperte, um sich wahrscheinlich Schnaps zu kaufen. Im darauf folgenden Tumult hatte Mokuba der Betreuerin ein Stück aus ihrem Bein raus gebissen, als sie versuchte, Seto aus dem Zimmer zu schmeißen. Den Rest der Feierlichkeiten hatten sie dann zusammen mit Stubenarrest verbracht, deswegen waren Mokuba der Baum und das Blockflötenspiel erspart geblieben. In Gozaburos Haus wurde an Weihnachten gearbeitet wie an anderen Tagen auch; und das war der einzige Punkt, in dem Seto und sein ermordeter Stiefvater einer Meinung gewesen waren.
Sein kleiner Bruder war intelligent, er war aufgeweckt, er würde später den gesamten Firmenzweig Amerika übernehmen und eine Prinzessin heiraten oder so, und er sollte nicht mit solchen Albernheiten konfrontiert sein. Es fühlte sich ein wenig an, als habe er mit angesehen, wie Mokuba mit Schmutz beworfen wurde.
Andererseits … er konnte die Übel der Welt nicht für immer von ihm weg halten. Wenn Mokuba sein Leben lebte, ohne zu wissen was Weihnachten war, konnte das zu peinlichem Schweigen auf Parties führen, oder auf dem Schweizer Edelinternat, auf das er mal gehen würde. Seto stieß einen Stoßseufzer aus.
Bevor er es aufhalten konnte, bahnten sich die Worte ihren Weg von seinen Lippen: „Heiligabend, oder Weihnachten, Mokuba, ist eine Marketing-Idee von Coca Cola, um die Spielzeug- und Pralinenpreise in die Höhe zu treiben. Sie wird oft assoziiert mit einem rundlichen alten Mann, der so ähnlich aussieht wie der Blutige Bartschlächter aus der Duel Monsters Sonderkartenedition #233. Es ist ein sinnloses Spektakel, bei dem mit Hilfe emotional aufgeladener Verkaufsbotschaften temporäre Verblödung im Konsumenten gefördert wird. Dieser Tag ist nur wichtig für Leute, die kaufen, nicht für Leute, die verkaufen. Alle, die noch mehr als eine lebende Gehirnzelle besitzen, ignorieren diesen Tag und warten, dass er vorbei geht.“ Setos Auge zuckte. Er hatte keine Lust, noch mehr Details zu besprechen. „Schlag den Rest auf Wikipedia nach.“
Mokuba beobachtete besorgt, wie sein älterer Bruder die Pinzette in seine neueste Erfindung rammte. Er hatte seinen ersten Schock über Setos Grobheit offenbar überwunden. Mokuba war zu lange Setos Bruder, um sich abschrecken zu lassen, indem man ihm ins Wort fiel.
„Und was...was machen die Leute so, an diesem Tag?“ forschte er vorsichtig nach.
„Schlag auf Wikipedia nach!“
„Bitte, Nii-sama!“
Entnervt schmiss Seto die Pinzette auf die Seite und Griff nach einer Zange. Ihm war danach, irgendwas durchzuschneiden. „Zur rechten Zeit, also etwa ab Mitte August, wird ihnen suggeriert, dass sie sich zu Weihnachten die Liebe ihrer Freunde neu erkaufen müssen,“ sagte er ungeduldig.
„Also übertrumpfen sie sich gegenseitig damit, teure Sachen zu kaufen, die dann am 25. Dezember ausgetauscht werden. Manchmal kaufen sie nutzlosen Schnickschnack wie Staubsauger und Videokameras, manchmal nützliche Dinge wie die neue Duel Disk. Hauptsache es ist teuer.“ Wenn das Weihnachten nicht zusammenfasste, dann wusste er auch nicht.
Mokuba blinzelte. „Und … was ist daran anders als an irgendeinem anderen Tag?“ Seto konnte sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. „Für uns? Nichts.“
Mokuba hatte erst gestern eine Xbox und ein mittelgroßes Düsenflugzeug bekommen. Im Gegenzug hatte er Seto Kaiba ein italienisches Landgut geschenkt, das dieser nie besuchen würde und wahrscheinlich beim nächsten Duel Disc-Release bei Pegasus gegen seinen Stürmischen Schlepper eintauschen würde. Seto mochte den Stürmischen Schlepper, er hatte 17000 ATK.
Seto sah auf und ließ die Zange neben sich auf dem Tisch liegen. Gerade zur rechten Zeit, um mitzubekommen, wie Mokuba eine empörte Mine aufsetzte, als habe Seto ihm was Wichtiges vorenthalten. Wichtig, am Arsch. Sein kleiner Bruder streckte den Finger in die Höhe, was bei Mokuba eine clevere Idee oder eine interessante Einsicht bedeutete.
„Ach deswegen,“ sagte er, „Gehen im Dezember die Verkaufszahlen der Kaiba Corporation hoch!“ Er schnaubte. „Du hast immer gesagt, das wäre nur, weil die Leute sich im Winder leer und elend fühlen und darum mehr Mist brauchen, um ihrem nichts sagenden Leben Bedeutung zu verleihen! Du hast geschwindelt!“
„Hab ich nicht!“ Entgegnete Seto indigniert. „Weil genau das passiert. Ich habe lediglich … all den Kram drum herum weggelassen. Schlag bei Wikipedia nach!“
Normalerweise war Mokuba stets sofort in einer Staubwolke verschwunden, wenn er irgendwas im Internet nachschlagen konnte. Aber diesmal wippte er nur renitent auf seinem Fußballen hin und her.
„Weißt du, ich hab Anzu in der Schule mal davon reden hören,“ sagte er. Seto kniff die Augen zusammen. „Oh, gut.“, stöhnte er. Es konnte keinen besseren Menschen für eine sachliche, realistische Einschätzung der Dinge geben.
„Offensichtlich hat es was mit der Geburt von einem Christus zu tun …“
Das war´s. Seto richtete sein Werkzeug auf Mokubas Brust, was wahrscheinlich in allen außer Mokuba und vielleicht Roland Todesfurcht ausgelöst hätte. „Wer ist Christus?“ knurrte er. „Etwa diese Pfeife aus Singapur mit seiner billigen Spielefirma und seinem widerlichen Duel Disc-Imitat aus Hartplastik? Er hat seinen eigenen Feiertag? Hnrgh.“
Kaiba nahm sich vor, später Roland damit zu beauftragen, ein gutes Datum für einen Kaiba-Tag aus dem Kalender raus zu suchen.
Mokuba lachte nervös. „Ähm … nein. Nein, das ist er nicht.“
Seto mochte es nicht, wenn andere mehr wussten als er. Er hatte geglaubt, in der Schule immer nur die wichtigen Tage ausgelassen zu haben. Also 355 von 356. „Wer ist das dann?“
Sein kleiner Bruder wedelte beschwichtigend mit der Hand. „Vielleicht schlägst du´s mal auf Wikipedia nach.“
„Ok,“ brummte Seto widerwillig, „Werd ich machen.“ Er hatte es sowieso in einer halben Stunde wieder vergessen. „Reich mir den Lötkolben und die Schweißermaske.“
Für einige Zeit hinter der Schweißermaske zu verschwinden, fand Seto Kaiba ziemlich wohltuend. Außerdem erfüllt es ihn mit Stolz, dass die Prototypen der Duel Disk nach wie vor aus seiner eigenen Hand stammten. Schließlich konnte man eine solche Arbeit niemandem sonst überlassen. Was Seto Kaiba anging, hatte der Rest der Welt riesige, tölpelige Finger und deprimierend verkleinerte Gehirne, und man sollte ihnen nur die ganz einfachen Aufgaben überlassen, wie das Steuern von Boeings oder Raketenwissenschaft.
Als er die Maske wieder aufklappte, stand Mokuba immer noch da und sah ihn an.
„Du stehst immer noch da.“
Mokuba wiegte den Kopf hin und her. „Nein … ich war zwischendurch Essen, meine Hausaufgaben machen und hab die Marktforschungsergebnisse in Kyoto abgeholt, aber du hast es nicht mitgekriegt.“ Er wirkte verlegen. „Ich komm dich abholen.“ Setos Blick fiel auf die Uhr. Tatsächlich, es war fast Mitternacht. Dabei war die Duel Disc erst zu vielleicht 82 % fertiggestellt. Aber zugegebenermaßen, mit Mokuba nach Haus zu fahren und mit seinem Porsche verstörte Börsenmakler in ihren BMWs zu verängstigen, machte Spaß. Also Schluss für heute.
Weiche Schneeflöckchen rieselten auf die Straße, als die beiden Kaiba-Brüder schließlich auf den raketenbetriebenen Porsche zuhielten.
„Nii-sama?“
„Nein, wir nehmen nicht dein Düsenflugzeug! Denk an das Desaster am Drive in-Schalter von Burger King!“
„Das ist es nicht.“ Mokuba fummelte mit seinem Anorak. „Ich wollte nur sagen, ich hab beschlossen, dir was zu Weihnachten zu schenken.“ Er sah zu ihm hoch. „Schließlich liebe ich dich.“
Wie immer, wenn Mokuba das sagte, fühlte sich Seto, als habe man ihm einen feuchten Fisch ins Gesicht geschlagen. Ein merkwürdiger, kurzer Schock. Diese ungezwungene Art, Zuneigung auszudrücken, war ihm fremd. Und es war seltsam respekteinflössend; Seto mochte es nicht, wenn andere etwas konnten, das er nicht konnte.
Außerdem zwang es ihn dazu, zu erwidern, „Ähmjaichdichjaauch.“ Solche Wortwechsel sollten eigentlich reserviert sein für die Momente, wenn man sich nach einer vereitelten Entführung/Firmenübernahme in die Arme taumelte. Also für etwa alle drei Monate.
Zum Glück fuhr Mokuba dann fort, „Und Yugi, und Anzu, und vielleicht Jonouchi Katsuya …“
Seto fuhr zusammen. „Es reicht, wenn du ihm in der Schule am Automaten eine Stange Kaugummi kaufst,“ brummte er. „Ich seh ihn immer so traurig davorstehen, weil er sich die nicht leisten kann.“ Der Gedanke, dass Jounouchi Katsuya in seinem Leben was umsonst bekam, noch dazu von Mokuba, widerstrebte ihm. Es stellte die Ordnung des Universums auf den Kopf, aber Mokuba hatte erneut den Finger ausgestreckt.
„Nein, ich kaufe überhaupt nichts,“ sagte er. „Ich mache die Geschenke selbst! Das ist viel persönlicher. Ich kann doch das Kaiba Corp. High Tech-Labor nutzen?“
Natürlich durfte er das. Mokuba durfte alles. Auch wenn Seto Kaibas Magen nun revoltierte. „Mokuba,“ fauchte er, während er das Kaibamobil aus dem Stand auf 200 km/h hochrasseln ließ, „Mach, was du willst, aber ich sagte doch, das ist nichts für dich. Es ist ein Tag für Idioten!“
Mokuba wandte mit einem Rascheln der ungeordneten Haare den Kopf um und blinzelte seinen älteren Bruder an. „Wer weiß, Nii-sama, vielleicht bin ich ein Idiot. Denk an das Desaster am Drive in-Schalter von Burger King!“
Autor: Kleine Aster (Alex)
Fandom: Yu Gi Oh
Charaktere: Seto & Mokuba Kaiba
Challenges: #1, „Opium fürs Volk“
Warnungen: Selbstverwurstung, und außerdem weniger weihnachtsfeindlich, als ich es gern gehabt hätte.
Rating: Harmlos, außer man glaubt an den Weihnachtsmann.
Disclaimer: Wenn ich YGO besitzen würde, wäre ich Kazuki Takahashi. Wenn ich Kazuki Takahashi wäre, wäre ich aber auch ein Mann und Mitte 40. So betrachtet vielleicht nicht schlecht, dass ich´s nicht bin.
A/N: Ok, ich will nicht lügen – diese Geschichte basiert auf einem älteren Enwurf von mir, den ich im Sinne der Challenge umgearbeitet habe. Das ist traurig, aber ich war diese Woche so platt. Der Anfang mag vielleicht also irgendwem bekannt vorkommen, der Rest ist aber frisch. Mit etwas Glück erinnert sich vielleicht eh keiner. ^^*
Sie ist trotzdem mit Liebe gebacken und ich wünsche allen einen schönen Dezember!
Tag der Idioten
Es gab – insgesamt betrachtet – nur wenige Geräusche, die Seto Kaiba im täglichen Leben ertragen konnte. Und noch weniger Geräusche, die er wirklich gern hörte.
Genau genommen gab es nur drei.
Er mochte das saubere *plingplingpling*, wenn seinen Herausforderern die Lebenspunkte ausgingen.
Er mochte das *fwooosh!* seines Mantels, wenn er hinter ihm im Wind wehte; die Kaiba Corporation beschäftigte rund um die Uhr ein komplettes Team, das nur daran arbeitete, seinen nächsten Mantel *fwoooshiger* als den zuvor zu machen.
Aber das Geräusch, das er mit Abstand am liebsten hatte, war...
„Nii – sama?“
Dieses.
Seto Kaiba hasste es, unterbrochen zu werden – er konnte sich nicht vorstellen, was die Welt zu bieten haben sollte, IHN zu unterbrechen – aber Mokuba war etwas anderes. Er war immer ein erfreulicher Anblick, sozusagen der Posterboy von Setos gelungener Erziehung. Der erfreulichste Anblick, den er kannte – neben Yugi Mutôs blödem Gesicht, wenn ihm eben die Lebenspunkte ausgingen.
Mokuba konnte Seto sogar dazu verleiten, das Gesicht für einen Moment aus dem Gewühl von Drähten zu nehmen, das irgendwann mal die verbesserte Duel Disc werden sollte.
„Was gibt´s, Mokub...- „ Setos Blick fiel auf das Gesicht seines kleinen Bruders, und er verstummte erst mal.
Mokuba sah nicht so aus, als wäre er gekommen, um seinem älteren Bruder (wie üblich) fettiges Fast Food feilzubieten und ihn zum Plaudern zu überreden, wie sonst. Er sah auch nicht aus, als hätte er dringende Neuigkeiten – in diesem Fall hätte Seto längst einen Schwall buschiger schwarzer Haare im Gesicht.
Mokubas dunkles, kluges Gesicht war eingefroren. Seine Augenbrauen waren fast in seinem wuscheligen Haaransatz verschwunden. Die eine Hand hatte er nachdenklich in die Hosentasche versenkt, die andere hielt seinen kleinen schwarzen Terminkalender mit dem Zeichen des Weißen Drachen darauf. Zwischen seinen Augen stand eine hohe, äußerst seltene Falte.
„Seto...“ sagte er, ohne aus dem Kalender aufzublicken, „Wasisndasn?“
Er wirkte so verwirrt, dass er nicht einmal daran dachte, näher zu kommen. Widerwillig riss Seto sich von seinen Drähten und Elektroden los und stellte sich hinter Mokuba, um besser sehen zu können. Er warf einen schnellen Blick auf die Kalenderseite und konnte nichts Ungewöhnliches entdecken.
„Was soll sein, Mokuba...? Gibt´s ein Problem mit dem Duel Disc-Release am 17en?“
Mokuba hatte seit einiger Zeit neben dem Posten des Vizepräsidenten die Aufgabe des Kaiba Corp.-Experten für Festlichkeiten aller Art übernommen. Da Seto wenig bis gar kein Talent für organisierte Fröhlichkeit an den Tag legte (von unorganisierter Fröhlichkeit fing man am besten gar nicht an), aber hin und wieder Parties für seine Kunden schmeißen musste, war er dankbar gewesen. Mokuba schien mit Heiterkeit und ähnlichem Schwachsinn mehr anfangen zu können.
Da kam ihm ein furchtbarer Gedanke... Seto zog die Stirn in Falten. „Die Deko muss nicht SCHON WIEDER extra aus Mexiko eingeflogen werden? Pegasus will nicht SCHON WIEDER in Frauenkleidern erscheinen? Bitte sag mir, dass es nicht das ist!“
Mokuba machte sich immer noch nicht die Mühe, seinen Bruder anzusehen. Er wedelte nur abwesend mit der Hand, den Blick weiter in die Kalenderseiten geheftet.
„Nein, das isses nicht,“ meinte er langsam. „Die Eisskulpturen sind schon bestellt, und Pegasus will in einem Gandalf-Cosplay kommen oder so.... ich mein DAS hier.“ Er legte den Finger auf ein Datum.
„Hier. Das hab ich noch nie bemerkt. Das Datum ist rot markiert, und da ist sogar eine Art Pflanze daneben gedruckt...“, Er neigte sich vor und kniff die Augen zusammen wie bei einer wichtigen wissenschaftlichen Untersuchung. „Was soll das sein … Fichte oder so … Nii-sama, was zum Geier ist denn Heiligabend?“
Nun sah er auf, das Gesicht fragend und zerknautscht. Gerade noch rechtzeitig, um Setos hasserfüllten Blick zu bemerkten, mit dem dieser den Tannenzweig (der durchaus als Fichtenzweig durchgehen konnte, von daher lag Mokuba nicht 100 % daneben) bedachte.
Seto schnaubte. Nicht doch. DIE Scheisse. Hatte er fast vergessen. Und er wünschte sich, er wäre niemals dran erinnert worden.
„Kümmer dich nicht drum,“ sagte er brüsk und wandte sich ab. Mokuba fuhr zusammen und blinzelte erschrocken. „Aber -“
Abrupt setzte der ältere Kaiba sich in Bewegung und kehrte an die offenen Eingeweide der Duel Disc zurück. Er nahm eine Pinzette zur Hand und begann, in der Verkabelung zu wühlen.
Innerlich köchelte er. Er verspürte einen zornigen Stich darüber, dass Mokuba überhaupt über diesen Blödsinn gestolpert war. Er hatte viel, viel Zeit darauf verwendet, ihn diesen Blödsinn wieder vergessen zu lassen.
An ihrem ersten und einzigen Weihnachtsabend im Waisenhaus hatte es einen Eklat gegeben, als Seto den bestellten Weihnachtsmann vor allen Anwesenden beschuldigt hatte, ein arbeitsloser Student zu sein, der seine wertvolle Studienzeit mit Frivolitäten wie diesen verplemperte, um sich wahrscheinlich Schnaps zu kaufen. Im darauf folgenden Tumult hatte Mokuba der Betreuerin ein Stück aus ihrem Bein raus gebissen, als sie versuchte, Seto aus dem Zimmer zu schmeißen. Den Rest der Feierlichkeiten hatten sie dann zusammen mit Stubenarrest verbracht, deswegen waren Mokuba der Baum und das Blockflötenspiel erspart geblieben. In Gozaburos Haus wurde an Weihnachten gearbeitet wie an anderen Tagen auch; und das war der einzige Punkt, in dem Seto und sein ermordeter Stiefvater einer Meinung gewesen waren.
Sein kleiner Bruder war intelligent, er war aufgeweckt, er würde später den gesamten Firmenzweig Amerika übernehmen und eine Prinzessin heiraten oder so, und er sollte nicht mit solchen Albernheiten konfrontiert sein. Es fühlte sich ein wenig an, als habe er mit angesehen, wie Mokuba mit Schmutz beworfen wurde.
Andererseits … er konnte die Übel der Welt nicht für immer von ihm weg halten. Wenn Mokuba sein Leben lebte, ohne zu wissen was Weihnachten war, konnte das zu peinlichem Schweigen auf Parties führen, oder auf dem Schweizer Edelinternat, auf das er mal gehen würde. Seto stieß einen Stoßseufzer aus.
Bevor er es aufhalten konnte, bahnten sich die Worte ihren Weg von seinen Lippen: „Heiligabend, oder Weihnachten, Mokuba, ist eine Marketing-Idee von Coca Cola, um die Spielzeug- und Pralinenpreise in die Höhe zu treiben. Sie wird oft assoziiert mit einem rundlichen alten Mann, der so ähnlich aussieht wie der Blutige Bartschlächter aus der Duel Monsters Sonderkartenedition #233. Es ist ein sinnloses Spektakel, bei dem mit Hilfe emotional aufgeladener Verkaufsbotschaften temporäre Verblödung im Konsumenten gefördert wird. Dieser Tag ist nur wichtig für Leute, die kaufen, nicht für Leute, die verkaufen. Alle, die noch mehr als eine lebende Gehirnzelle besitzen, ignorieren diesen Tag und warten, dass er vorbei geht.“ Setos Auge zuckte. Er hatte keine Lust, noch mehr Details zu besprechen. „Schlag den Rest auf Wikipedia nach.“
Mokuba beobachtete besorgt, wie sein älterer Bruder die Pinzette in seine neueste Erfindung rammte. Er hatte seinen ersten Schock über Setos Grobheit offenbar überwunden. Mokuba war zu lange Setos Bruder, um sich abschrecken zu lassen, indem man ihm ins Wort fiel.
„Und was...was machen die Leute so, an diesem Tag?“ forschte er vorsichtig nach.
„Schlag auf Wikipedia nach!“
„Bitte, Nii-sama!“
Entnervt schmiss Seto die Pinzette auf die Seite und Griff nach einer Zange. Ihm war danach, irgendwas durchzuschneiden. „Zur rechten Zeit, also etwa ab Mitte August, wird ihnen suggeriert, dass sie sich zu Weihnachten die Liebe ihrer Freunde neu erkaufen müssen,“ sagte er ungeduldig.
„Also übertrumpfen sie sich gegenseitig damit, teure Sachen zu kaufen, die dann am 25. Dezember ausgetauscht werden. Manchmal kaufen sie nutzlosen Schnickschnack wie Staubsauger und Videokameras, manchmal nützliche Dinge wie die neue Duel Disk. Hauptsache es ist teuer.“ Wenn das Weihnachten nicht zusammenfasste, dann wusste er auch nicht.
Mokuba blinzelte. „Und … was ist daran anders als an irgendeinem anderen Tag?“ Seto konnte sich ein spöttisches Lachen nicht verkneifen. „Für uns? Nichts.“
Mokuba hatte erst gestern eine Xbox und ein mittelgroßes Düsenflugzeug bekommen. Im Gegenzug hatte er Seto Kaiba ein italienisches Landgut geschenkt, das dieser nie besuchen würde und wahrscheinlich beim nächsten Duel Disc-Release bei Pegasus gegen seinen Stürmischen Schlepper eintauschen würde. Seto mochte den Stürmischen Schlepper, er hatte 17000 ATK.
Seto sah auf und ließ die Zange neben sich auf dem Tisch liegen. Gerade zur rechten Zeit, um mitzubekommen, wie Mokuba eine empörte Mine aufsetzte, als habe Seto ihm was Wichtiges vorenthalten. Wichtig, am Arsch. Sein kleiner Bruder streckte den Finger in die Höhe, was bei Mokuba eine clevere Idee oder eine interessante Einsicht bedeutete.
„Ach deswegen,“ sagte er, „Gehen im Dezember die Verkaufszahlen der Kaiba Corporation hoch!“ Er schnaubte. „Du hast immer gesagt, das wäre nur, weil die Leute sich im Winder leer und elend fühlen und darum mehr Mist brauchen, um ihrem nichts sagenden Leben Bedeutung zu verleihen! Du hast geschwindelt!“
„Hab ich nicht!“ Entgegnete Seto indigniert. „Weil genau das passiert. Ich habe lediglich … all den Kram drum herum weggelassen. Schlag bei Wikipedia nach!“
Normalerweise war Mokuba stets sofort in einer Staubwolke verschwunden, wenn er irgendwas im Internet nachschlagen konnte. Aber diesmal wippte er nur renitent auf seinem Fußballen hin und her.
„Weißt du, ich hab Anzu in der Schule mal davon reden hören,“ sagte er. Seto kniff die Augen zusammen. „Oh, gut.“, stöhnte er. Es konnte keinen besseren Menschen für eine sachliche, realistische Einschätzung der Dinge geben.
„Offensichtlich hat es was mit der Geburt von einem Christus zu tun …“
Das war´s. Seto richtete sein Werkzeug auf Mokubas Brust, was wahrscheinlich in allen außer Mokuba und vielleicht Roland Todesfurcht ausgelöst hätte. „Wer ist Christus?“ knurrte er. „Etwa diese Pfeife aus Singapur mit seiner billigen Spielefirma und seinem widerlichen Duel Disc-Imitat aus Hartplastik? Er hat seinen eigenen Feiertag? Hnrgh.“
Kaiba nahm sich vor, später Roland damit zu beauftragen, ein gutes Datum für einen Kaiba-Tag aus dem Kalender raus zu suchen.
Mokuba lachte nervös. „Ähm … nein. Nein, das ist er nicht.“
Seto mochte es nicht, wenn andere mehr wussten als er. Er hatte geglaubt, in der Schule immer nur die wichtigen Tage ausgelassen zu haben. Also 355 von 356. „Wer ist das dann?“
Sein kleiner Bruder wedelte beschwichtigend mit der Hand. „Vielleicht schlägst du´s mal auf Wikipedia nach.“
„Ok,“ brummte Seto widerwillig, „Werd ich machen.“ Er hatte es sowieso in einer halben Stunde wieder vergessen. „Reich mir den Lötkolben und die Schweißermaske.“
Für einige Zeit hinter der Schweißermaske zu verschwinden, fand Seto Kaiba ziemlich wohltuend. Außerdem erfüllt es ihn mit Stolz, dass die Prototypen der Duel Disk nach wie vor aus seiner eigenen Hand stammten. Schließlich konnte man eine solche Arbeit niemandem sonst überlassen. Was Seto Kaiba anging, hatte der Rest der Welt riesige, tölpelige Finger und deprimierend verkleinerte Gehirne, und man sollte ihnen nur die ganz einfachen Aufgaben überlassen, wie das Steuern von Boeings oder Raketenwissenschaft.
Als er die Maske wieder aufklappte, stand Mokuba immer noch da und sah ihn an.
„Du stehst immer noch da.“
Mokuba wiegte den Kopf hin und her. „Nein … ich war zwischendurch Essen, meine Hausaufgaben machen und hab die Marktforschungsergebnisse in Kyoto abgeholt, aber du hast es nicht mitgekriegt.“ Er wirkte verlegen. „Ich komm dich abholen.“ Setos Blick fiel auf die Uhr. Tatsächlich, es war fast Mitternacht. Dabei war die Duel Disc erst zu vielleicht 82 % fertiggestellt. Aber zugegebenermaßen, mit Mokuba nach Haus zu fahren und mit seinem Porsche verstörte Börsenmakler in ihren BMWs zu verängstigen, machte Spaß. Also Schluss für heute.
Weiche Schneeflöckchen rieselten auf die Straße, als die beiden Kaiba-Brüder schließlich auf den raketenbetriebenen Porsche zuhielten.
„Nii-sama?“
„Nein, wir nehmen nicht dein Düsenflugzeug! Denk an das Desaster am Drive in-Schalter von Burger King!“
„Das ist es nicht.“ Mokuba fummelte mit seinem Anorak. „Ich wollte nur sagen, ich hab beschlossen, dir was zu Weihnachten zu schenken.“ Er sah zu ihm hoch. „Schließlich liebe ich dich.“
Wie immer, wenn Mokuba das sagte, fühlte sich Seto, als habe man ihm einen feuchten Fisch ins Gesicht geschlagen. Ein merkwürdiger, kurzer Schock. Diese ungezwungene Art, Zuneigung auszudrücken, war ihm fremd. Und es war seltsam respekteinflössend; Seto mochte es nicht, wenn andere etwas konnten, das er nicht konnte.
Außerdem zwang es ihn dazu, zu erwidern, „Ähmjaichdichjaauch.“ Solche Wortwechsel sollten eigentlich reserviert sein für die Momente, wenn man sich nach einer vereitelten Entführung/Firmenübernahme in die Arme taumelte. Also für etwa alle drei Monate.
Zum Glück fuhr Mokuba dann fort, „Und Yugi, und Anzu, und vielleicht Jonouchi Katsuya …“
Seto fuhr zusammen. „Es reicht, wenn du ihm in der Schule am Automaten eine Stange Kaugummi kaufst,“ brummte er. „Ich seh ihn immer so traurig davorstehen, weil er sich die nicht leisten kann.“ Der Gedanke, dass Jounouchi Katsuya in seinem Leben was umsonst bekam, noch dazu von Mokuba, widerstrebte ihm. Es stellte die Ordnung des Universums auf den Kopf, aber Mokuba hatte erneut den Finger ausgestreckt.
„Nein, ich kaufe überhaupt nichts,“ sagte er. „Ich mache die Geschenke selbst! Das ist viel persönlicher. Ich kann doch das Kaiba Corp. High Tech-Labor nutzen?“
Natürlich durfte er das. Mokuba durfte alles. Auch wenn Seto Kaibas Magen nun revoltierte. „Mokuba,“ fauchte er, während er das Kaibamobil aus dem Stand auf 200 km/h hochrasseln ließ, „Mach, was du willst, aber ich sagte doch, das ist nichts für dich. Es ist ein Tag für Idioten!“
Mokuba wandte mit einem Rascheln der ungeordneten Haare den Kopf um und blinzelte seinen älteren Bruder an. „Wer weiß, Nii-sama, vielleicht bin ich ein Idiot. Denk an das Desaster am Drive in-Schalter von Burger King!“