[identity profile] kessel-ksl.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kobold
Challenge: Schreibaufgabe - Szene, in der ein wichtiger Sinn fehlt - für mich
Fandom: Blind ermittelt
Charaktere: Alexander Haller, Anna Bernays
Worte: 960
A/N: MAJOR Spoiler für die neue Folge "Geister der Vergangenheit".


Alex weiß nicht, in welchem Teil der Nacht sie sich befinden. Ob es sehr spät oder sehr früh ist. Er kann es nicht sagen. Er weiß nur, dass er nicht möchte, dass die Nacht endet. Oft genug liegt er schlaflos da, liest immer und immer wieder die Uhrzeit ab, um es dann ganz aufzugeben und aufzustehen und zu arbeiten oder mit guter Musik und einem Kaffee auf dem Sofa zu liegen, bis die Morgensonne seine Haut berührt. Aber jetzt genießt er es, dass die Minuten zu Stunden werden und die Zeit langsam und zäh zerfließt.

Anna liegt an ihn geschmiegt in seinen Armen und atmet ihm im Schlaf gegen die Haut. Vorsichtig zieht er mit seinen Fingern Bahnen über ihre Haut, die weich und warm ist. Glatt, bis auf ein paar Muttermale, die er zu ausgedachten Sternbildern verbindet, zwischen denen eine Narbe am Oberarm schwebt wie eine Raumstation.

„Hab ich dich geweckt?“, fragt Alex leise und atemlos, als sie sich in seinen Armen regt und ihre Muskeln sich beim Strecken anspannen, sodass seine Hände über die Landschaft ihres Körpers rutschen, an neuen Orten zum Liegen kommen, um von dort ihren Weg an seine Lieblingsplätze zurückzufinden.

„Nein. Nächte sind…“ Sie wird von einem Gähnen unterbrochen, das in ein wohliges Brummen übergeht, als er seine Finger in ihrem Nacken tasten lässt.

„… schwierig“, beendet Alex den Satz und sie nickt gegen seine Brust und er spürt ihr Erwachen in jedem Atemzug. Auch ihre Finger finden ihren Weg auf seine Haut. Malen verschlungene Muster, folgen natürlichen Schwüngen und verweilen dort, wo sein Atem kurz stockt. Neugierig und aufmerksam und erst, als sie sich in seine Haare schieben, greift er nach ihrem Handgelenk, zieht ihre Hand zurück auf seine Brust.

„Da nicht“, stoppt er sie, streichelt ihre Finger, bevor er einen tiefen Atemzug nimmt. „Ich würde die Narben da gerne vergessen.“

„Oh“, erwidert Anna sanft, verschränkt ihre Finger miteinander und küsst seine Handknöchel, doch das Wort bleibt zwischen ihnen hängen und Alex ist sich sicher, dass er eine nachdenkliche Falte zwischen Annas Augenbrauen ertasten könnte, wenn er die Hand austrecken würde.

„Ich war nicht immer blind“, sagt er also und spürt, wie sie den Kopf hebt. „Vor ein paar Jahren gab es ein Attentat auf meine Freundin. Sie hat es nicht überlebt und ich bin nach einer Hirnblutung erblindet. Die Narben sind von der Not-OP.“ Er versucht es so ruhig und sachlich wie möglich zu erzählen, aber dennoch zittert der nächste Atemzug, weil es wahrscheinlich nie leichter wird, darüber zu sprechen.

Anna streift seine Wange, legt ihre Handfläche daran und die Geste lässt sein Herz ganz warm und weich werden. „Vermisst du es?“

„Jeden Tag“, flüstert er, küsst ihre Handfläche. Der Gedanke, was er dafür geben würde, nur einen Tag wieder sehen zu können, ist seit Jahren sein stetiger Begleiter.

„Ich kann mich kaum noch daran erinnern, wie es ist.“ Annas Stimme klingt mit einem Mal fern, weit weg in einem anderen Leben. Jetzt ist es an ihm, sich zu ihr zu drehen, die Aufmerksamkeit ganz auf ihr. „Ich war fünf oder sechs, ich war schon damals die mit der dicken Brille.“ Sie lacht, aber es kann die Traurigkeit in ihrer Stimme nicht überdecken. „Ich konnte gerade lesen und dann war es einfach weg.“ Sie schnipst mit den Fingern, das plötzliche Geräusch wie ein Peitschenknall und er zuckt zusammen. „Oh sorry.“

„Macht nichts, alles gut.“

„Aber…“ Anna zuckt mit den Schultern. „Ich glaube, es ist leichter als Kind. Man kennt noch nicht so viel und passt sich schneller an.“

„Ja, das kann sein.“ Alex tastet nach Anna, zieht sie wieder in seine Arme, umfasst ihren so lebendigen, schönen Körper, lauscht auf ihr Seufzen, als er ihren Hals und dann ihre Lippen küsst und es ein leichtes ist, dass sie zueinander finden. „Du bist übrigens die erste, die auch blind ist“, wechselt er das Thema, als der Gedanke daran, wie knapp es war, dass er so etwas beinahe nicht erlebt hätte, weil er das ewige Schwarz nicht ausgehalten hat und nicht ahnen konnte, dass noch Schönheit und Glück im Leben steckt, nicht verschwinden will und droht, ihn mit sich in die Tiefe zu ziehen.

„Aha?“, fragt Anna neugierig, tippt ihm mit dem Zeigefinger gegen die Nase.

„Jetzt klingt es, als wäre ich ein übler Casanova!“, entrüstet er sich ohne Nachdruck in der Stimme und fängt ihre Hand ein. „Es ist schön, dir nichts erklären zu müssen.“

„Aber lass es dir gesagt sein, dass ist keine Garantie, dass es auch funktioniert.“

„Wie kann ich denn garantieren, dass es funktioniert?“ Alex dreht sich über sie, drückt ihre Hand in das Kissen über ihrem Kopf und findet ihre Lippen für einen tiefen Kuss. Ihre Hand legt sich in seinen Nacken, zieht ihn näher an sich und die leisen, verlangenden Töne, die sie von sich gibt, leiten ihm den Weg besser als jede Landkarte es könnte.

„Guter Anfang“, kommentiert Anna mit einem Lachen in der Stimme, als sie sich voneinander trennen. Ihr Lachen wird zu einem weichen Keuchen, als er sich an ihrem Hals hinab zu ihrer Brust küsst, sie dort liebkost, bis er ihren Puls kräftig unter seinen Lippen spürt. „Sehr überzeugend“, kommt es ihr von den Lippen und Alex nimmt es sich als Ansporn, die Decke beiseite zu schlagen, ihr Schaudern erst über die kühle Luft und dann über seinen Mund zwischen ihren Beinen zu spüren, bis sich ihre Schenkel um ihn krampfen und er sie sich selbst auf seinen Lippen schmecken lässt. „Funktioniert“, keucht sie atemlos und befreit. Ihr Kuss ist langsam und zufrieden und wieder schmiegt sie sich an ihn, zieht die Decke über ihre Körper. „Und welche Qualitäten hast du noch?“

Alex drückt seine Nase in ihr Haar, atmet tief ihren Geruch ein. Anis und frischer, süßer Schweiß. „Magst du Jazz? Ich verspreche auch keine Entführungen.“


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