Prompt Angst – Ein fataler Fehler
Sep. 17th, 2025 09:37 pmTeam: Greif
Challenge: Angst – Ein fataler Fehler (für mich)
Fandom: Tatort Münster
Warnung: keine
Wörter: 1176
Zeit: 30mins
Schweigend saßen sie im Auto und fuhren zur Gerichtsmedizin in Köln. Die Autofahrt war lang und zog sich noch länger, weil keiner von ihnen ein Wort sprach. Thiel traute sich nicht und Boerne schien es tunlichst zu vermeiden, die Anwesenheit des anderen auch nur ansatzweise zu thematisiere. Thiel fühlte sich zunehmend unwohl, starrte aus dem Beifahrerfenster und bemühte sich, den Fahrstil des anderen nicht zu kommentieren – was im grundsätzlich schwer viel und heute ganz besonders.
Als sie nach gut anderthalb Stunden in der Rechtsmedizin eintrafen und Boerne mit seinem Kollegen fachsimpeln konnte, wirkte er gelöst und auch Thiel entspannte sich langsam. Er konnte Boerne immer wieder von der Seite beobachten und musste sich anstrengen, sich auf das Gesagte zu konzentrieren. Er überlies dem Professor die Schilderung und den Vergleich mit der Leiche in Münster, schweifte gedanklich ab und versuchte sich daran zu erinnern, wann die Distanz zwischen ihnen begonnen hatte.
„Haben Sie noch etwas zu ergänzen, Herr Thiel?“ Er blinzelte und schaute verwirrt zum Professor. Der sah ihn nicht an, sein Kollege aus Köln ließ seinen Blick vom einen zum anderen wandern, zog einen Mundwinkel nach oben und fasste das Gesagte noch einmal zusammen. Thiel hörte diesmal aufmerksam zu, vervollständigte seine Notizen und bedankte sich bei Professor Roth. Sie hatten in den letzten zwei Jahrzehnten bereits mehrfach Austausch zu verschiedenen Fällen gehabt und Boerne kannte den Rechtsmediziner noch aus Studientagen. Ein Schlagabtausch auf Augenhöhe war hier üblich, am Ende kämpften sie ja doch für die Auflösung von Todesfällen.
Boerne war bereits auf dem Weg zum Ausgang als Roth ein „Ist alles in Ordnung zwischen Ihnen?“ an Thiel richtete. Thiels Gesicht sprach Bände, sodass Roth abwehrend die Hände hob und ein „Geht mich ja auch nichts an“ lächelte, sich umdrehte und pfeifend zurück an seinen Schreibtisch ging. So weit war es also schon gekommen, dass selbst Außenstehende die Spannung zwischen ihnen bemerkten.
Die Rückfahrt zog sich erneute schweigend hin. Boerne starrte nach wie vor geradeaus, das Radio lief leise und Thiel schaute mit dem Kinn in seine rechte Hand gestützt aus dem Beifahrerfenster.
Es fing an zu nieseln, Thiel beobachtete immer dickere Tropfen an der Scheibe entlangsausten, die Scheibenwischer surrten. Der Herbst war endgültig angekommen, es war Ende Oktober und die Natur hatte sich verändert. Der Himmel war grau, die Stimmung im Wagen ebenfalls und der Wagen rollte langsam auf das Stauende zu. Feierabendverkehr, sie würden also noch länger zusammen im Auto aushalten müssen.
Thiel döste langsam weg, seinen Kopf an die Beifahrerseite gelehnt und bemerkte nicht, wie Boerne ihn lange ansah.
„Wissen Sie eigentlich, wie sehr Sie mich verletzt haben?“
Thiel sah noch aus dem Augenwinkel, wie Boerne den Kopf wegdrehte und brauchte eine Sekunde zu lang, um das Gesagte zu verstehen. Schwer hingen die Worte zwischen ihnen. Sein Hirn überschlug sich und er bekam Herzrasen. Er wusste nicht, ob er gerade geträumt oder Boerne tatsächlich diesen Satz an ihn gerichtet hatte. Er wischte sich die Handflächen an den Oberschenkeln ab, rutschte hin und her, richtete seinen Gurt und brachte rau ein „Was habe ich denn gemacht?“ hervor.
Boernes Hände krallten sich erneut in das Lenkrad, auch seine Atmung wurde intensiver. Seine Nasenflügel blähten sich leicht auf und sein Mund wurde schmal. Thiel ließ seinen Blick nicht von ihm; er wollte dieses Gespräch und eine Erklärung für Boernes Verhalten. Doch der Vorwurf, dass er ihn verletzt haben könnte, machte ihn einerseits nervös, weil er sich an keine Situation erinnern konnte und gleichzeitig hatte er ein Gefühl in seiner Magengegend, dass ihn bereits eines Besseren belehren wollte.
Sie schwiegen. Wie lange konnte keiner von beiden sagen. Boerne starrte geradeaus, das Weiß seiner Fingerknöchel erneut hervortretend; Thiel schaute ihn an, atmete durch den Mund und spürte die Hitze unter seiner Jacke unerträglich werden; der Rhythmus der Scheibenwischer, die prasselnden Regentropfen und der laufende Motor untermalten die Situation.
Boerne drehte den Kopf zu Thiel. Grün traf auf Blau. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Thiel ein gebrochenes Herz. Zu kurz, um sich dessen sicher zu sein. Zu kurz, um es wirklich wahrzunehmen oder als solches zu benennen. Doch lang genug, um zu sehen, dass etwas zwischen ihnen verändert hatte, was sich nicht mehr umkehren ließ. Er wusste nur nicht genau, was es war.
Sie schauten sich an, Thiels Pupillen weiteten sich, sein Mund wurde trocken und er erinnerte sich an das, was Boerne hier gerade ansprach.
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Es war das Sommerfest des Polizeipräsidiums Ende August. Es war heiß, schwül und die Stimmung dank der kühlen Getränke ausgelassen. Thiel stand in der Runde mit ein paar jüngeren Kollegen, Boerne und Alberich kabbelten sich darum, wer die nächste Runde holen sollte, und Klemm diskutierte mit Schrader über dessen Kaffeebrühsystem und ob der ‚Genuss einer Zigarette das Kaffeearoma beim Trinken beeinflussen wurde‘.
Boerne hatte eingesehen, dass er die Getränke für die gesamte Runde sowieso nicht allein tragen konnte und so waren er und Alberich gemeinsam zum Bierwagen gegangen. Thiel schaute den beiden nach, leerte seine Flasche in einem Zug und lächelte. Es war ein guter Tag und das Fest ziemlich entspannt trotz der Hitze.
„Wie Sie das mit dem überhaupt aushalten, mit Verlaub, das ist uns allen ein Rätsel, Herr Thiel.“ Ein jüngerer Kollege lächelte Thiel süffisant an woraufhin Thiel in regungslos anstarrte. Die unangenehme Situation für den jungen Polizisten wurde unterbrochen, als Boerne Thiel ein neues Bier in die Hand drückte. Thiel verdrehte die Augen, musste Boerne doch auch im passenden Moment auftauchen. Er bedankte sich, stieß mit Boernes Weinglas an und sah zu, wie der wieder zurück zu Frau Haller ging. „Aber mal im Ernst, er ist schon echt ein spezieller Typ, dass Sie beide so gut befreundet… also zusammen arbeiten, das ist schon bemerkenswert.“ Es war ein anderer Kollege auf diesen Zug aufgesprungen und alle schauten Thiel erwartungsvoll an.
Thiel wurde die Situation unangenehm. Er sprach nicht gerne über die Beziehung zu Boerne. Er dachte selbst nicht darüber nach. Er hatte es nie benannt oder sich zu viele Gedanken darum gemacht. Wieso es ständig andere Leute taten, war ihm ein Rätsel.
„Boerne ist fachlich hervorragend, wir arbeiten gut zusammen, er hilft uns mit seiner Expertise und ich habe das, naja, PRIVILEG, den Kontaktmann zu ihm spielen zu dürfen. Wenn’s nicht er wäre, wäre es halt ein anderer, aber wir sind ja bei der Polizei ganz froh, dass wir ihn haben. Zufrieden?!“ Thiels Blick ließ keinen Raum für weitere Rückfragen.
Zwei jüngere Polizisten stießen zu der Runde und die Aufmerksamkeit verschob sich. Thiel nahm einen Schluck aus seiner Flasche, als Boerne ihm eine Bratwurst im Brötchen unter die Nase hielt. „Sie sollten bei dem ganzen Bier auch etwas essen. Zumindest denkt Alberich das.“ Boerne sah ihn an, sein Gesicht zeigte keine Regung. Thiel nahm ihm das Brötchen aus der Hand, biss hinein und wendete sich wieder der Gruppe zu.
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„Wenn’s nicht er wäre, wäre es halt ein anderer.“ Boerne sprach leise. Doch Thiel spürte diesen Satz, jedes Wort und jede Silbe bis ins Mark. Boerne hatte fast zwei Monate geschwiegen. Hatte sich von ihm distanziert, ihn gemieden und Thiel bekam eine leise Ahnung davon, was er da angerichtet hatte.
no subject
Date: 2025-09-17 08:05 pm (UTC)Ach, Mensch ... da hat er auch gerade den *einen* falschen Satz gehört. Alles andere drum rum war ja wirklich schmeichelhaft 🥺
Da muss Thiel aber einiges wieder zurechtbiegen.
(BTW: Yay, Roth!)