[identity profile] kessel-ksl.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kobold
Challenge: Wetterphänomene - Nebel - für mich
Fandom: Helgoland 513
Charaktere: Marek
Worte: 420


Der Nebel hängt schon am Morgen über dem Meer, verschluckt die Barrikade, die sie zwischen sich und den Rest der Welt gebaut haben und die das Unglück doch nicht von ihm fernhalten konnte. Jetzt wirkt es so, als sei sie gar nicht da. Als sei die Welt wieder eins. Oder, überlegt Marek, während er den dünnen Kaffee trinkt, als gäbe es sie gar nicht mehr. So als wäre dort die Welt tatsächlich zu Ende. So wie bei einem Computerspiel, wo sich die Map im Pixelgrau verliert. Der Gedanke, dass es nur noch die Insel gibt, spendet keine Hoffnung.

Am Mittag drückt der Nebel schon gegen die Fenster, ganz so, als wolle er ins Haus. Als wäre er lebendig und suche mit blassen, dünnen Fingern nur nach einer Ritze, durch die er ins Innere gelangen könnte. Marek stellt es sich vor. Zähe, dunstige Tentakel, die sich durch den Spalt zwischen Fensterrahmen und Backstein schieben. Die zögernd ins Warme tasten, um sich aufzulösen. So aber drückt sich der Nebel gegen die Fensterscheibe, wie ein Kind, das das Gesicht gegen das Schaufenster eines Spielwarenladens drückt.

Die Nachbarhäuser sind nur noch blasse Schemen und wieder kommt Marek der Gedanke, dass hinter dem Nebel auch die Existenz endet. Dann wäre er allein auf der Insel und nur der Bereich, den er in Sichtweite dem Nebel abtrotzen kann, existiert. Dabei ist er es doch schon. Allein. Seitdem Linus nicht mehr da ist, ist das Haus still. Es knarzt nur dann und wann, Heizung und Kühlschrank summen, die alte Uhr in der Küche zerteilt tapfer den Tag. Aber da ist niemand mehr, der mit ihm spricht. Manchmal erschrickt er vor seiner eigenen Stimme.

Der Nebel verschluckt auch sein Haus, als er es am Nachmittag verlässt und legt sich als feuchter Schleier auf seine Schultern, die er gegen die Nässe und die Kälte hochzieht. Falls jemand außer ihm am Strand ist, dann ist er oder sie im dichten Nebel nicht auszumachen. Außerdem hat die Dämmerung eingesetzt und das wenige Licht ist grau und verschwommen, nimmt der Welt ihre Konturen. Aber nach all den Jahren auf der Insel kennt er sein Ziel.

Ohnehin ist die Stelle nicht markiert. Nicht beim ersten Toten, den er hier begraben hat, noch beim zweiten hat er den Ort mit einem Kreuz oder einem Stein versehen. Niemand soll wissen, wo er Linus und Silbermann zur letzten Ruhe gebettet hat. Er bleibt an den Gräbern stehen und die Luft, die er atmet ist feucht und salzig.

Aber im Nebel kann ihn niemand sehen.


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