[personal profile] tpmica posting in [community profile] 120_minuten
Team: Drache
Challenge: Angst – fataler Fehler (fürs Team)
Fandom: Original
Wörter: 651
Anmerkungen: Teil 1, 2, 3


Detektive Joseph Moore starrte durch die schmutzige Glasscheibe des Verhörraums. Auf der anderen Seite saß der Mann, den er für den Herzjäger gehalten hatte. Kalte Augen, verschlossene Miene, die Art, wie er jeden Satz abwog – alles hatte für Moores Instinkt gesprochen. Der Verdächtige war verhaftet worden, und Moore hatte geglaubt, es endlich geschafft zu haben.
Doch die Nachricht war wie ein Hammerschlag gekommen: Eine zweite Frau war tot. Erneut das gleiche Muster. Brustkorb geöffnet. Herz entfernt. Keine Abwehrspuren. Keine Zeugen.
Moore rieb sich mit zitternder Hand über das Gesicht. „Verdammt.“ Das Wort klebte ihm auf den Lippen wie Gift.
Die Tür zum Verhörraum öffnete sich, und Hannah Reed trat ein. Sie wirkte blass, erschöpft, aber entschlossen. „Joseph… es war nicht deine Schuld. Er sah verdammt noch mal schuldig aus. Jeder hätte dieselben Schlüsse gezogen.“
„Aber ich war es, der ihn eingesperrt hat“, knurrte Moore, ohne sie anzusehen. „Und während ich ihn hier drin verrotten ließ, hat der wahre Täter sich eine zweite Frau geholt. Ich habe ihm das Herz geschenkt.“
„Nein.“ Hannah stellte sich vor ihn, zwang ihn, den Blick zu heben. „Du hast einen Fehler gemacht, ja. Aber die Verantwortung liegt immer noch beim Mörder, nicht bei dir. Du bist nicht derjenige, der ihr Herz herausgerissen hat.“
Moore schüttelte den Kopf. Die Worte prallten ab. In seinem Inneren nagte nur der Gedanke: Wenn ich anders gehandelt hätte, wäre sie vielleicht noch am Leben.

Der Tatort der zweiten Frau war noch gesperrt, als sie eintrafen. Dunkle Gassen, ein Müllcontainer, der Geruch nach nassem Asphalt. Moore trat vorsichtig an die Stelle, wo die Spurensicherung Markierungen angebracht hatte. Hannah neben ihm, Notizblock in der Hand.
„Gleiche Handschrift“, murmelte sie. „Die Platzierung des Körpers, die aufgestellten Hände. Exakt wie beim ersten Opfer.“
Moore nickte, zwang sich, professionell zu bleiben. Doch sein Magen krampfte, als er die Kreideumrisse sah. Wieder eine Frau, die er nicht retten konnte.
„Wir müssen noch einmal von vorn anfangen“, sagte Hannah leise. „Alle Zeugen neu befragen. Den Kreis erweitern. Vielleicht…“
„Vielleicht“, unterbrach Moore, „hätten wir die Zeit gehabt, wenn ich nicht blind gewesen wäre. Ich habe mich an ihn festgebissen. An den Falschen.“
„Joseph.“ Hannah legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du kannst dich selbst zerfleischen, so viel du willst – es wird sie nicht zurückbringen. Aber wir können verhindern, dass es noch eine Dritte gibt. Dafür brauchen wir dich.“
Ihre Stimme war eindringlich, fast flehend. Doch Moore hörte nur das Dröhnen seines eigenen Gewissens.

Später, zurück im Büro, starrte er auf die Fotos der Opfer. Zwei Gesichter, jung, blühend, und jetzt nur noch Aktennummern. Er nahm die Bilder in die Hand, so fest, dass seine Fingerknöchel weiß wurden.
„Sieh sie dir an“, murmelte er. „Sie sind tot, weil ich den Falschen verhört habe.“
„Sie sind tot, weil ein Wahnsinniger frei herumläuft“, widersprach Hannah scharf. „Und der bringt auch noch andere um, wenn wir uns jetzt gegenseitig zerlegen.“
Moore schwieg. In seinem Kopf aber liefen die Fragen im Kreis: Was habe ich übersehen? Wo habe ich die falsche Abzweigung genommen?
Hannah zog einen Stuhl heran und setzte sich neben ihn. „Lass uns die Akten durchgehen. Gemeinsam. Wir finden ihn. Aber nicht, wenn du dich selbst aufgibst.“
Moore seufzte, die Müdigkeit hing schwer auf seinen Schultern. Er wusste, dass sie recht hatte. Doch das Gewicht des Fehlers, des Blutes, das an seinen Händen klebte, war erdrückend.
„Du kannst mich nicht aufbauen, Hannah“, sagte er heiser. „Ich habe das Vertrauen in meinen Instinkt verloren. Und wenn ich meinem Instinkt nicht trauen kann – was bleibt dann noch?“
Sie schwieg, sah ihn nur an, und in ihrem Blick lag Mitleid, aber auch eine Entschlossenheit, die er selbst nicht mehr hatte.
Moore wandte den Blick wieder zu den Fotos. Zwei Gesichter. Zwei Herzen, geraubt. Und er schwor sich, auch wenn er daran zerbrechen würde: Der nächste Fehler durfte nicht passieren.
Doch tief in ihm saß die Angst, dass der nächste Fehler längst auf ihn wartete.

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