Team: Drache
Challenge: Krimi/Thriller/Horror – Joker (fürs Team)
Fandom: Original
Anmerkung: Teil 1, 2
Inspiration: Horrorfilmmädchen
Wörter: 560
„Alles in Ordnung?“, fragte Moore rau, während er den Scheibenwischer einstellte.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, dann griff sie hastig ins Handschuhfach und zog den Notfallbeutel heraus. Sekunden später beugte sie sich vor, die Schultern zuckten, und sie erbrach sich mit einem heiseren Würgen hinein.
Moore warf ihr einen flüchtigen Blick zu, hielt den Wagen aber ruhig in der Spur. „Halt den gut fest. Wir sind gleich raus aus der Stadt.“
Das Plastik knisterte, als sie den Beutel festzurrte. Ihr Atem ging stoßweise. „Es… es tut mir leid.“
„Quatsch“, knurrte er, „dafür entschuldigt man sich nicht.“ Er drückte auf den Fensterheber, und sofort strömte kalte Luft in den Wagen.
WUUUUSCH – fssss-fffsssss.
Das Rauschen schlug wie eine Welle über sie hinweg. Jeder Baum am Straßenrand, jedes aufblitzende Verkehrsschild hieb im Rhythmus der Fahrt gegen die Trommelfelle.
Reed schloss die Augen, sog die Luft gierig ein, die nach Regen, Asphalt und nassem Laub roch. Alles war besser als der süßlich-schwere Geruch, den die Pathologie in ihr Gedächtnis gebrannt hatte: geöffneter Brustkorb, leere Höhle, wo ein Herz hätte sein sollen.
„Ich… ich hab schon einiges gesehen, aber das…“ Ihre Stimme zitterte.
Moore schaltete in den nächsten Gang, der Motor brummte tief. „Das Herzjäger-Schema ist nichts für schwache Mägen. Vor fünfundzwanzig Jahren hat’s selbst den alten Hasen die Kehle zugeschnürt.“
Sie öffnete die Augen und drehte den Kopf leicht zu ihm. Im Rückspiegel glitten die Lichter der Stadt zurück in die Dunkelheit. Vor ihnen lagen nur noch die Bäume, die wie schwarze Mauern am Straßenrand vorbeizogen.
„Und jetzt ist er zurück“, flüsterte sie.
Moore nickte kaum merklich, den Blick fest auf die Straße geheftet. „Ja. Und diesmal erwischen wir ihn.“
Moore fuhr schweigend weiter, die Hände fest um das Lenkrad geschlossen. Die Reifen zischten über den nassen Asphalt, während draußen die Bäume wie dunkle Wände vorbeirasten. Das Fenster war noch immer einen Spalt geöffnet, und die kalte Nachtluft brachte etwas Erleichterung, aber sie füllte den Wagen auch mit einem gleichmäßigen Dröhnen, das Hannahs Gedanken kaum zur Ruhe kommen ließ.
Sie drückte den Beutel fester an sich, als müsse sie verhindern, dass das Entsetzen über das, was sie gesehen hatte, wieder hochkam. Der geöffnete Brustkorb, die präzise Leere, wo das Herz hätte sein sollen – es war weniger der Anblick, der sie zermürbte, als die Ahnung, dass jemand das mit ruhiger Hand getan hatte.
„Detektive…“, begann sie stockend, „wie… wie lebt jemand damit, sowas zu sehen? Jeden Tag?“
Moore warf ihr einen kurzen Blick zu, seine Augen von Müdigkeit und Erkältung gerötet. „Man lebt nicht damit. Man arbeitet drumherum. Irgendwann denkst du mehr über die Handschuhe nach, die du trägst, als über die Leiche, die vor dir liegt.“
Sie lachte heiser, beinahe ein Husten. „Klingt nicht gerade tröstlich.“
„Soll’s auch nicht.“ Er schaltete einen Gang zurück, als die Straße enger wurde. „Aber gewöhn dich nicht an die Toten. Wenn du das tust, bist du verloren.“
Hannah schwieg, starrte hinaus in die Nacht. Straßenschilder blitzten grell auf, verschwanden wieder im Dunkel. Und jedes einzelne schien ihr zuflüstern zu wollen: Es ist noch lange nicht vorbei.