[identity profile] kessel-ksl.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kobold
Challenge: Sommer - unter freiem Himmel schlafen - für mich
Fandom: Blind ermittelt
Charaktere: Alexander Haller, Udo Strasser
Wörter: 1028
A/N: Nächster Teil vom Jugend-Verse


In der fortschreitenden Dämmerung sieht der Weg zu ihrer Badestelle ganz fremd aus, obwohl sie ihn in den letzten Wochen fast täglich gegangen sind und im hohen Gras einen Trampelpfad hinterlassen haben. Die Halme streifen seine Beine und der laue Wind streicht über seine Haut, ist ihm willkommene Erklärung für seine Gänsehaut.

Udo geht mit sicherem Schritt voran, wirft seinen Rucksack dort ab, wo sie immer nach dem Schwimmen liegen und Alex tut es ihm gleich, späht in die Dunkelheit. Er hört das leise Gluckern des Wassers, das Rauschen der Blätter und irgendwo im Unterholz raschelt es. Es scheint ihm, als verstärke die einbrechende Dunkelheit jedes Geräusch.

„Rupf mal was von dem Gras ab, damit kriegen wir super das Feuer an“, ordert Udo und Alex tut wie geheißen. Sie sammeln Äste unter den Bäumen auf, trockenes, totes Zeug, das bald am kiesbedeckten Ufer knistert. Unter Udos Staunen packt Alex den Beutel aus, den er neben seinem Rucksack und der zusammengerollten Decke mitgeschleppt hat, und der allerlei Köstlichkeiten aus der Hotelküche beinhaltet. Alois, der Küchenchef, hat an alles gedacht, als er ihn nach Verpflegung für eine Wanderung gebeten hat. In dicke Scheiben geschnittenes Brot, Landjäger und Käse, hartgekochte Eier und eine ganze Tüte voller Topfengolatschen, die verführerisch duften. Nur den Wein hat er wieder klauen müssen, dessen leeren Karton er ganz hinten im Heizungskeller versteckt hat, und er hofft, dass die sechs fehlenden Flaschen bei der Inventur einfach nicht ins Gewicht fallen.

Sie lassen sich das Essen schmecken, rösten das Brot an langen Stöcken über dem Feuer und liegen dann satt und zufrieden auf ihren Decken und sehen hoch in den Himmel. Das Feuer glimmt warm an ihrer Seite aus und sprüht keine Funken mehr in den Nachthimmel, sodass sie die Sterne am wolkenlosen Himmel sehen können.

„Da“, sagt Udo, deutet mit dem Zeigefinger in die Luft. „Siehst du den ganz hellen Stern?“ Alex folgt der Linie seines ausgestreckten Arms und meint den richtigen Stern gefunden zu haben. „Das ist der Polarstern und da.“ Er zieht mit dem Finger eine gezackte Linie. „Ist der kleine Wagen und da der große.“

Je länger Alex in den Himmel starrt, desto mehr Sterne scheinen aufzutauchen. Große, kleine, funkelnde Bändern und dazwischen die Sternbilder, die Udo ihm beschreibt und von denen Alex sich nicht sicher ist, ob er sie sich gerade ausdenkt.

Plötzlich zischt am Rande seines Blickfeldes etwas Helles über den Nachthimmel. Alex wirft den Kopf herum, aber da ist das Leuchten auch schon wieder verglimmt. „Ich glaub, da war ´ne Sternschnuppe!“, ruft er aus und scannt den Himmel jetzt umso genauer und mit angehaltenem Atem ab, um ja keine weitere zu verpassen.

„Da!“, ruft Udo aufgeregt und dieses Mal sieht er schnell genug hin, um sie zu sehen. „Los! Wünsch dir was!“

Sein Wunsch schießt ihm so schnell in den Kopf wie die Sternschnuppe über den nachtschwarzen Himmel und er spürt, wie seine Ohren mit einem Mal glühen, so intensiv ist der Gedanke. Alex blinzelt in den Himmel und zum Glück bohrt Udo nicht nach und zum Glück soll man Wünsche nicht aussprechen.

„Hat mir übrigens Michail gezeigt das mit den Sternbildern. Aber auf Serbisch heißen die alle anders“, erzählt Udo beiläufig und Alex zieht die Augenbrauen zusammen. Udo hat schon mehrmals dieses Michail erwähnt. Mit dem er mit einer Pistole auf Büchsen geschossen hat, der ihm Kraulschwimmen beigebracht hat, wie er stolz präsentiert hat und dessen Mofa er fahren durfte.

Sein Herz zieht sich in seiner Brust zusammen.

Aber jetzt im Dunkel, wo er nicht mal mehr Udos Gesichtszüge ausmachen kann, findet er mit klopfendem Herzen den Mut zu fragen. „Wer ist dieser Michail?“ Der fremde Name klingt aus seinem Mund eher wie Michael und nicht so weich, wie wenn Udo seine Lippen um den Namen formt.

Udo lacht und der Stich in seiner Brust wird zu einem Riss, zu etwas Gröberen und er ist mit einem Mal drauf und dran sich über Udo zu rollen und ihm eine zu verpassen.

„Ist der Leibwächter von meinem Vater“, erklärt Udo gelassen und verpasst ihm einen Klaps gegen den Oberarm. „Papa schickt ihn immer los, wenn er keine Zeit für mich hat. Allein darf ich da ja nichts.“

Alex meint zu hören, wie Udo das Gesicht verzieht und diese Erklärung rückt Udos Erzählungen von seinen Wochen in Belgrad in ein anderes Licht. Udo ist dort sicher so einsam wie er hier in Wien, wo er kaum noch Zugang zu seinen Freunden findet, seitdem er das ganze Jahr über in Deutschland ist und er in ihre Witze und Anekdoten nicht eingeweiht ist.

Udo gähnt so herzhaft, dass die Worte fast darin untergehen. „Du bist doch mein Blutsbruder.“


Alex fährt bibbernd aus dem Schlaf. Er reibt sich über die Arme, wickelt sich wieder fester in seine Decke ein, die er aus Ermangelung eines Schlafsacks mitgenommen hat, und bemerkt, dass sie genau wie seine Haut ganz klamm ist. Blasse Nebelschwaden hängen über der Wiese und das Gras ist schwer von der Feuchtigkeit. Ganz im Osten beginnt es bereits zu dämmern, aber noch singen keine Vögel.

Aus Udos Schlafsack schauen kaum seine Haare hinaus, so tief hat er sich darin vergraben. Nur sein leises Schnarchen ist zu hören. An Schlaf ist für Alex nicht mehr zu denken. Die Kälte hat ihn ganz durchdrungen und er zittert, obwohl er sich ganz klein zusammenrollt.

„Komm her“, nuschelt Udo irgendwann. „Dein Zähneklappern weckt ja Tote.“

Alex reagiert erst nicht, spannt seinen Körper gegen das Zittern an.

„Ich weiß, dass du wach bist. Komm!“

Alex schält sich aus seiner Decke, rutscht zu Udo, der Schlafsack und Decke über sie ausbreitet und Alex mit einem Arm um die Brust an sich zieht.

„Mann bist du kalt! Da wär ich aber in Not gekommen, Lorenz zu erklären, dass du leider leider im August erfroren bist.“ Udo lacht ihm in den Nacken, aber Alex ist zu müde und die Wärme zwischen Schlafsack, Udo und ihm zu wohlig, um zu protestieren. „Dann tau mal auf, du Eismann.“

Udo rutscht noch ein bisschen hin und her, bis sie Rücken an Brust und von Schulter bis zu den Zehen aneinander daliegen und Udo sein Gesicht in seinem Nacken vergräbt und es Alex‘ Sternschnuppenwusch nahe genug kommt.

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