Prompt Schreibaufgabe - Flashback
Aug. 28th, 2025 09:23 pmTeam: Greif
Challenge: Schreibaufgabe - Flashback (für mich)
Fandom: Tatort Münster
Charaktere: Karl-Friedrich Boerne, Frank Thiel, Wilhelmine Klemm
Warnung: keine
Wörter: 867
Zeit: 60mins
„Wissen Sie, Frau Staatsanwalt, das ist modernste Technik, da können Sie mit Ihrer ganz normalen, sanften Stimme sprechen.“ „Ja, ist ja gut! Ich kann auch leise.“
Boerne war zufrieden. „Hab ich mich da gerade verhört? Normale SANFTE Stimme?“ Thiel gluckste belustigt und Boerne verdrehte die Augen. „Woher wollen Sie das denn wissen?“
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Klemm hatte es ihm einmal beiläufig erzählt, dass Hörbücher ihr beim Einschlafen helfen. Sie hielt einen Vortrag über besondere Sprecher, die sie nach kurzer Zeit bereits ‚ins Land der Träume‘ bringen, wie sie es ausdrückte und welche Texte besonders geeignet seien und welche eher nicht. Boerne hielt nichts davon. Für ihn war klar, wenn er nicht ein- oder durchschlafen konnte, dann hatte das Gründe, die er angehen musste. Denn nur dann konnte er seine Gedanken beruhigen und das lösen, was ihn wachhielt. Grundsätzlich war er ein guter Schläfer und hatte selten Probleme. Doch nach einem Fall, der viele Dinge aus seiner Vergangenheit hervorgebracht hatte, zweifelte er an seiner Methode. Er konnte seine Gedanken nicht beruhigen oder die Dinge lösen und fand seit mehreren Tagen kaum in den Schlaf.
„Klemm!“ Die Staatsanwältin hob nach dem ersten Klingeln ab. „Ja, Frau Staatsanwalt, Boerne hier. Ich wollte Sie Fragen-“ „Boerne?! Was erlauben Sie sich? Haben Sie mal auf die Uhr geschaut, es ist nach Mitternacht! Und wieso rufen Sie mich überhaupt an, wo ist denn Thiel?“
Boerne war verwirrt. Wo sollte Thiel schon sein, schlafend in seiner Wohnung vermutlich. Dann wusste er, was sie meinte. „Wir haben keinen Fall, ich rufe, nunja, man könnte sagen, ich rufe privat an.“ Stille am anderen Ende.
„Ist alles in Ordnung bei Ihnen beiden?“ Was meinte sie denn jetzt wieder damit? „Frau Klemm, Herr Thiel ist nicht hier, der ist in seiner Wohnung und schläft vermutlich, wo sollte er auch sonst sein? Und es gibt kein… ach, also warum ich eigentlich anrufe: ich kann nicht einschlafen.“
„Und was wollen Sie jetzt von mir?“ Klemm stellte diese Frage berechtigt, es dämmerte ihm langsam, dass er vermutlich eine Grenze überschritten haben könnte. Andererseits war sie scheinbar auch noch wach und es war ihm nun einmal dringend, endlich wieder zu schlafen.
„Sie haben mir doch von Ihrem Hang zu einschläfernden Hörbüchern erzählt und da ich akuten Bedarf an – nennen wir es Einschlafhilfe – habe, könnten Sie mir freundlicherweise eine Empfehlung geben.“ „Jetzt?“ „Ja, was glauben Sie denn, wieso ich Sie anrufe?“ Boerne schüttelte den Kopf. Frau Staatsanwalt war auch nicht die schnellste Person, jedenfalls nicht um diese Uhrzeit und bei diesem Thema.
„Boerne, Sie machen mich fertig. Also gut: Es gibt da verschiedene Anbieter, Sie müssen sich irgendwo registrieren. Was Sie genau da präferieren, kann ich natürlich nicht sagen. Es gibt aber einige-“ „Das ist mir doch jetzt alles schon viel zu aufwendig, Frau Klemm. Ich brauche JETZT so ein Hörbuch. Können Sie mir nicht eine Datei zusenden, die ich einfach abspielen kann?“
Boerne konnte durch sein Handy hindurch hören, wie die Staatsanwältin die Augen verdrehte. „So etwas habe ich nicht. Sie müssen sich da anmelden und dann die Hörbücher kaufen. Ich kann Ihnen gerne morgen früh ein paar Empfehlungen schicken, dazu Sprecher und Buchtitel.“ „Aber Frau Klemm, das hilft mir doch jetzt nicht wirklich weiter.“ „Soll ich Ihnen jetzt etwa noch was vorlesen oder was genau wollen Sie von mir?“
Boerne überlegte kurz. Das war eigentlich keine schlechte Idee. Klemms Stimme war relativ rau, doch wenn sie ruhig und langsam sprach auch ziemlich sonor, was ihm nicht unbedingt missfiel. „Also, wenn Sie es schon anbieten, wir könnten es ja mal versuchen.“ Keine Antwort am anderen Ende. „Sie wollen mich doch gerade verarschen, Boerne. Glauben Sie allen Ernstes, dass ich Ihnen jetzt um diese Uhrzeit eine Gute-Nacht-Geschichte vorlese, Ihnen noch eine Nachtmilch zubereite und Sie dann zudecke?“ „Die Nachtmilch hatte ich schon.“ Boerne biss sich auf die Zunge.
Es blieb wieder still am anderen Ende. Er wusste nicht, ob sie gerade seine Zurechnungsfähigkeit hinterfragte oder ernsthaft darüber nachdachte, ihm etwas vorzulesen. „Also gut, ich habe die Befürchtung, dass Sie sonst einfach keine Ruhe geben. Aber unter einer Bedingung: Wir reden nie wieder darüber und ich habe was gut bei Ihnen.“ Der Unterton ihrer letzten Worte missfiel ihm, doch seine Verzweiflung überwiegte. „Ja ja, was auch immer Sie verlangen. Nun lesen Sie schon was vor, ich bin ganz Ohr.“ Die Staatsanwältin seufzte übertrieben laut am anderen Ende, räusperte sich und fing an aus Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vorzulesen. In der Literatur ein Garant für seine einschläfernde Wirkung. Boerne stellte das Telefonat auf Lautsprecher, legte das Handy auf seinen Nachttisch und wickelte sich in seine Bettdecke. Bereits nach einigen Minuten dämmerte er in den Schlaf und hoffte einfach, dass Frau Staatsanwalt es irgendwann bemerken und auflegen würde.
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„Erde an Boerne, sind Sie noch anwesend oder schon im Land der Träume?“ Boerne schreckte zusammen und blickte in Thiels belustigtes Gesicht. „Ich habe gerade nur kurz an etwas gedacht.“ „Ja, ach, das hab ich wohl gemerkt. Waren ja ganz in Gedanken versunken. Muss was Schönes gewesen sein, so wie Sie gelächelt haben.“ Thiel und Boerne schauten wieder zu dem Gebäude und den heranfahrenden Autos. Boerne bemerkte, dass Thiel in immer wieder von der Seite ansah, aber keine weiteren Fragen stellte. War auch besser so.