[personal profile] tpmica posting in [community profile] 120_minuten

Team: Drache
Challenge: Krimi/Thriller/Horror – im Spiegel (fürs Team)
Fandom: Original

Einundzwanzig Uhr dreißig. Patricia hatte sich umgezogen, ihren gemütlichen Kapuzenpulli gegen einen grasgrünen Kasack getauscht. Es war ihr letzter Nachtdienst für diesen Monat in der Pflegeeinrichtung. Gemeinsam mit einer Pflegehilfskraft trug sie die Verantwortung für Siebenundsechzig Bewohner. Nein. Seit heute waren es nur noch Sechsundsechzig.
Ein älterer Herr war auf Wohnbereich Eins verstorben. Es war absehbar. Er war geplagt von einem Pankreaskarzinom, welches bereits in die Leber- und Gallengänge metastasiert hatte.
Ein schneller Tod. Erst gestern wurde er in der palliativen Versorgung aufgenommen, um ihm Schmerzen und Leid zu nehmen. Sein Hausarzt war kein Palliativmediziner, weshalb er diese Aufgabe an einen Dienst abgab, welcher sich SAPV nannte. Spezialisierte ambulante palliative Versorgung. Die beste Möglichkeit für ihn, um nicht ins Krankenhaus zu müssen und die quälenden abdominellen Schmerzen nicht weiterhin ertragen zu müssen.
Mit einer sogenannten Schmerzpumpe wurde ihm kontinuierlich eine kleine Rate Morphin verabreicht. Bei Schmerzspitzen konnte er sich selbst mit einem Knopf, der mit der Pumpe verkabelt war, einen Bolus geben. Er brauchte nichts mehr Schlucken. Zuletzt war die orale Einnahme von Analgetika selbst eine Qual für ihn. Sein Schluckreflex war verzögert.
So wie es kam, hatte er es sich gewünscht. Ohne Schmerzen sterben. Laut den Kollegen vom Tagdienst lag er ruhig im Bett und hatte eine entspannte Mimik, als sie ihn auffanden. Ohne Vitalzeichen.
Es ging schnell von statten, ebenso wie sein Tod. Bereits nach einer Stunde war sein Hausarzt vor Ort, um den natürlichen Tod zu bescheinigen. Keine weitere Stunde später war der Bestatter im Haus und nahm den, inzwischen erkalteten, Leichnam mit.
Selbst die Angehörigen räumten das Zimmer bereits am frühen Abend leer, sodass von dem Bewohner, außer der Dokumentation im Dienstzimmer, nichts mehr war.
Nachdem ihre Kollegen ihr eine ausführliche Übergabe gemacht hatten, gingen sie gemeinsam auf die Dachterrasse und rauchten jeder eine Zigarette. Als die Kollegen sich verabschiedet hatten, ging Patricia mit ihrer Kollegin Bianca, welche mit ihr Nachtdienst hatte, auf den dritten Wohnbereich, um dort die Medikamente für die Nacht vorzubereiten.
Einige der Patienten bekamen um Zweiundzwanzig Uhr noch Medikamente. Den Sinn einer Levodopa Kapsel, einem Medikament das primär bei Parkinson und sekundär bei leichten Formen des Restless-Legs-Syndroms verschrieben wird, konnte man nachvollziehen. Für die einen brachte es Ruhe in den Beinen, sodass sie schlafen konnten, während es die anderen vor einer nächtlichen Akinese bewahrte.
Andere Medikamente, wie Melperon oder Zopiclon, die sedierend wirken und den Schlaf fördern, um zweiundzwanzig Uhr zu verabreichen, machte meist keinen Sinn. Viele Patienten, die dies bekamen, wurden bereits gegen neunzehn Uhr zu Bett gebracht. Sollten sie drei Stunden wach liegen nur um auf ihr Medikament zu warten? Die meisten schliefen dann bereits.
 Patricia machte sich auf den Weg mit den Medikamenten, während Bianca sich darum kümmerte das Inkontinenzmaterial einiger Bewohner zu wechseln und bei den selbstständigen eine Sichtkontrolle durchzuführen.
Als der erste Wohnbereich fertig war, führten sie dies auf den anderen beiden fort.
Vor dem Zimmer, in dem am Nachmittag der Bewohner verstorben war, fröstelte es Patricia. Unsicher schaute sie auf die massive Tür und betätigte die Klinge, um die Tür zu öffnen. Abgeschlossen. Auch das Namensschild, welches neben der Tür in der Vorrichtung der Klingel eingeschoben wurde, war entfernt. Nur noch die Zimmernummer Eins Punkt Dreizehn war zu lesen.
Sie wandte ihren Blick nach links zu dem Fenster auf dem Flur, welches gekippt war.
Unbeeindruckt und zufrieden mit dieser simplen Erklärung führte sie ihre Arbeit fort.
Allerdings hatte sich etwas verändert. Sobald sie ein Bewohnerzimmer betrat, ergriff sie ein komisches Gefühl. Kein schönes. Es fühlte sich eher an, wie ein schlechtes Gewissen, als hätte man etwas vergessen.
Als sie einen Moment bei einer Bewohnerin im Zimmer verweilte, weil diese ihr die Fotos von ihrem Urenkel zeigen wollte, welcher heute geboren wurde, hatte Patricia das Gefühl beobachtet zu werden. Sie drehte sich um. Es stand niemand hinter ihr. Die Tür zum Flur war geschlossen. Im Badezimmer brannte Licht und die Schiebetür war einen Spalt offen, sodass man gerade so etwas sehen konnte in dem kleinen Bewohnerzimmer. Neben der Garderobe, an der ein paar Jacken hingen, war ein Spiegel.
Patricia wandte diesem wieder den Rücken zu und ließ sich die Bilder zeigen. Zufrieden und stolz war die ältere Dame. Zudem trug ihr Urenkel den Namen ihres geliebten schon verstorbenen Mannes.
Um ihrer Kollegin nicht die gesamte Arbeit zu überlassen, bedankte Patricia sich bei der Bewohnerin, dass sie ihre Freude mit ihr teilte und verließ das Zimmer.
Gemeinsam gingen die beiden Pflegerinnen wieder hoch auf den dritten Wohnbereich, wo sie die Nacht zwischen den Rundgängen verbrachten.
Bianca erwärmte sich mitgebrachtes Essen von zu Hause in der Mikrowelle der Wohnküche. Sie war eine Dauernachtwache und nach dem ersten Rundgang war ihre persönliche Abendbrotzeit.
Die Telefone der beiden klingelten. Ein Bewohner hatte den Schwesternruf betätigt. Das Display der Stationstelefone leuchtete auf und zeigte die Zimmernummer an, in der der Bewohner Hilfe anforderte.
Zimmer Eins Punkt Dreizehn. Es war das Zimmer auf der ersten Etage, in welchem der Bewohner verstorben war. Inzwischen war es gestern, die Uhr zeigte an, dass es bereits nach Mitternacht war.
Doch der ausgelöste Schwesternruf musste ein Defekt der Klingelanlage sein. Patricia selbst hatte vor der Tür gestanden und die Klinge gedrückt. Es war verschlossen.
Normalerweise hätte sie ihre Kollegin in Ruhe essen lassen und wäre allein zum Bewohner gegangen, doch immer noch lag ihr dieses komische Gefühl im Magen.
Gemeinsam gingen sie die Treppenstufen hinab und zu dem Zimmer. Erneut prüfte Patricia die Tür. Immer noch verschlossen.
Sie führte ihren Schlüssel in den Schließzylinder ein und drehte ihn um. Es klimperte und knackte. Ihr Schlüsselbund trug mehrere Schlüssel. Den Generalschlüssel für die Einrichtung und von jeder Etage einen Schlüssel für den Betäubungsmittelschrank.
Erneut drückte sie die Klinge. Nun war das Zimmer auf. Patricia zog ihren Schlüssel zurück. Er fand wieder platz in der Tasche ihres Kasacks.
Vorsichtig öffnete sie die Tür einen Spalt und gab dieser einen leichten Tritt mit dem Fuß, dass die Tür sich öffnete. In der Scheibe konnten die beiden ihre Spiegelung erkennen. Das Zimmer war menschenleer. Ein Kleiderschrank, ein Pflegebett, eine Kommode, ein kleiner Tisch mit einem Stuhl und die Garderobe mit Spiegel, welche die Standardeinrichtung des Pflegeheims waren, befanden sich noch in dem Zimmer.
Bianca blieb auf dem Flur stehen, während Patricia ein paar Schritte in das Zimmer machte, um das Kabel des Schwesternrufs zu prüfen, welches mit einer Verlängerung an der Wand neben dem Bett befestigt war. Keine Seltenheit, dass diese Kabel mit der Zeit einen Wackelkontakt hatten, da sie oft zwischen dem Bettgitter oder dem Nachttisch eingeklemmt wurden.
Fehlanzeige. Das Kabel lag zusammengerollt auf dem Nachttisch.
Erneut fühlte sie sich beobachtet und schaute zu dem Spiegel. Sie hatte das Gefühl darin jemanden zu sehen, eine Person. Eher eine Gestalt. Mehr als einen Umriss hatte sie nicht erkannt. Sie blinzelte. Das konnte nicht sein. Verunsichert schaute sie erneut in den Spiegel und schaute hinein. Ihre Hand legte sie seitlich an ihn.
Bianca hatte sich inzwischen vorgewagt und schaltete die Anwesenheit an, um das Klingeln der Rufanlage zu beenden. Anwesenheit aus. Hungrig drängelte Bianca und wollte wieder nach oben. Patricia schaute noch einmal zum Fenster. Aus einem ihr unerklärlichen Grund hatte sie das Bedürfnis es zu öffnen und tat dies.
Auf dem Weg aus dem Zimmer hinaus, als sie den Spiegel passierte, hatte sie das Gefühl ein gehauchtes Danke zu vernehmen. Ein Blick über die Schulter. Niemand zu sehen. Das Zimmer wurde wieder verschlossen.
Die nächsten Stunden vergingen ohne besonderes Vorkommnis.  Mal eine Klingel für einen Toilettengang, aber nichts Spektakuläres bis zu ihrem letzten Rundgang.
Erneut ging Patricia in das Zimmer der älteren Dame, welche Uroma geworden war. Doch dieses Mal strahlte sie nicht vor Freude und präsentierte erneut Fotos ihres Urenkels, auch schlief sie nicht Seelenruhig. Sie lag regungslos im Bett. Der Tod war unweigerlich zu vernehmen. Die ältere Dame hatte eine DNR, sie wollte nicht wiederbelebt werden. Patricia würde gleich den Arzt verständigen, doch vorher öffnete sie das Fenster in dem Zimmer, damit die Seele der Bewohnerin entweichen konnte. Als sie das Zimmer verlassen wollte, passierte sie erneut den Spiegel und blickte hinein. Er war es. Dieser Spiegel gab ihr das mulmige Gefühl.
Ein Blick auf den Spiegel, ein Blick zur Bewohnerin. Einmal reichte.
Sie nahm sich einen Schal von der Garderobe, um ihn über den Spiegel zu hängen. Es sollte keine Spiegelung mehr durchkommen. Keine Chance für die Bewohnerin sich in den Spiegel zu verlaufen. Sie sollte den direkt Weg nach draußen nehmen, ihre Seele sollte entweichen und sie sollte niemanden mit in den Tod ziehen, so wie es mit ihr getan wurde.

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