[identity profile] kessel-ksl.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kobold
Challenge: Schreibaufgabe - JOKER (ohne wörtliche Rede, 2022) - für mich
Fandom: Original
Charaktere: Sie und er, Greta und Birk
Wörter: 500


Die letzte Runde ist ein Ritual. Gummistiefel anziehen. Geht am schnellsten, muss sie nicht schnüren. Die Leine ins Halsband klicken, das Leder weich von vielen Jahren. Jacke. Stirnlampe. Schlüssel.

Tür auf. Tür zu.

Dunkelheit. Sie atmet tief durch, schnalzt mit der Zunge und Greta trottet neben ihr her, über den Hof zur Straße. Links rum.

Die Welt schläft. Bis auf die Rinder ihres Nachbarn ist nichts zu hören. Über ihr spannt sich der Sternenhimmel. Hier draußen gibt es kaum Lichtverschmutzung und solange wie Greta für Hundedinge braucht, legt sie den Kopf in den Nacken und starrt in den Himmel.

Gemächlich folgen sie der Straße um die lange Kurve. Die klimpernde Hundemarke und Gretas Atem die einzigen Geräusche.

Da, an der nächsten Einfahrt hinter der Kurve steht er schon parat, Birk liegt zu seinen Füßen. Hunde und Menschen begrüßen sich. Bisher war sie auf der letzten Runde immer alleine. Jetzt ist er dabei. Weil sie beschlossen hat, dass sie einen Hund brauchen, jetzt, wo sie hier draußen wohnen. Und sie hat auch beschlossen, dass er die letzte Runde geht, weil sie es unheimlich findet hier, wo nichts und niemand ist. Außer ihr und ihm und Greta und Birk und den kauenden Rindern.

Jetzt gehen sie zusammen, Schulter an Schulter. Teilen sich die nächtliche Stille ohne sich etwas wegzunehmen. Er hält eine Taschenlampe in der Hand und der Strahl zuckt über die schiefgefahrenen Leitpfosten und die Weite. Über den Baumwipfeln blinken die Lichter der Windkraftanlagen wie ein Herzschlag. Ba-ba-bum. Ba-ba-bum.

Ihre Schritte finden in einen gemeinsamen Rhythmus und sie zieht ihre Hand nicht weg, als seine Handkante ihre streift. Blickt nur kurz zu ihm, verstohlen, aber Gesicht und Hand liegen im Dunkel und er öffnet seine Hand, als sich ihre Finger bewegen, sich in seine haken. Zum Glück ist die Nachtluft kalt auf ihren warmen Wangen.

Greta und Birk finden irgendetwas im Straßengraben und springen hinab, müssen es erkunden. Also bleiben sie stehen, lassen die Hunde an der Böschung kratzen und ihre Schnauzen in Mäuselöcher stecken.

Er schaltet die Taschenlampe aus und sie blinzelt ein paar Mal, bis sie sich an die neue Dunkelheit gewöhnt hat. Er ist nicht mehr als ein großer Schatten neben ihr, der mit leiser Stimme von den Perseiden erzählt und welche Sternbilder sie sehen können. Sie legt den Kopf in den Nacken, aber schnell hängt ihr Blick an seinem hellen Gesicht. Natürlich bemerkt er es und seine Aufmerksamkeit rutscht vom Himmel zurück zur Erde, ganz zur ihr.

Sie kann sich seinen Gesichtsausdruck nur denken, aber sicher ist er sanft. Sanft und doch ganz konzentriert. Er ist gut darin, nur einer Sache seine Aufmerksamkeit zu schenken. Seine Finger streifen ihre, trockene, raue Haut von der vielen Arbeit, die es hier gibt.

Greta kommt aus dem Graben gesprungen, schüttelt sich, die Hundemarke klimpert am Halsband. Finger lösen sich. Ein Schritt zwischen sie. Hundefell unter ihrer Hand. Ein Pfiff und Birk springt heran.

Er schaltet die Taschenlampe an. Zwei dreckige Schnauzen, zwei wedelnde Ruten.

Es ist gut so, denkt sie.

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