Team: Kobold
Challenge: Schreibaufgaben — Prequel — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr
Wörter: 1152
„Au, zefix, was is denn des jetzt schon so heiß?“
Franz zog hörbar die Luft ein, ließ den Lötkolben und das Lötzinn fallen, um die Stelle an seiner Hand etwas genauer zu betrachten. Das gab bestimmt wieder eine schöne kleine Brandnarbe. Was war er auch so blöd und zog keine Handschuhe an – am Ende war er selber schuld, wenn er sich wieder verbrannte.
Franz machte einen Schritt zurück und lehnte sich mit dem Rücken an das Regal hinter ihm. Der Kellerraum war klein, vielleicht drei oder vier Quadratmeter mit Glück, das Licht war dermaßen schlecht hier, und zugeräumt war der Raum ohnehin – Regale voller Marmeladengläser, alte Koffer und Kleidung, alles, was man nicht mehr brauchte, aber vielleicht irgendwann nochmal brauchen könnte.
Es hatte gar nicht so lange gedauert, wie Franz geglaubt hatte, um seinen Vater von seinem Projekt zu überzeugen. Elektrotechnik schien etwas zu sein, das seinem Vater gefiel, und so hatte Franz angefangen zu sparen und zu sammeln und sich seine eigene kleine Werkstatt in diesem Mini-Raum aufgebaut. Neben all den Regalen stand da jetzt auch ein kleiner Holzschreibtisch mit einer Lampe drauf, sein Lötkolben, den er mal billig auf irgendeinem Flohmarkt gefunden hatte, die Lötzinne, der Plattenspieler, die Glühbirne zum Testen, der Trafo, die Gleichrichter und Elkos, die Transistoren, das Holz usw. für die Box, und noch die Einzelteile für die Frontplatte.
Das meiste Zeug hatte er bekommen, indem er alte, nicht mehr funktionsfähige Lautsprechersysteme auseinandergebaut hatte. Das hatte auch den Vorteil, dass er so lernte, wo was wohl wie hinmusste. Franz konnte Stunden oder sogar Tage hier im Keller verbringen und nur an diesen Boxen basteln – er vergaß dann Zeit und Raum und auch alles sonst um ihn herum, und sein Vater ließ ihn dann auch in Ruhe, zumindest eine Weile.
Manchmal fragte er sich, ob man mit sowas wohl Geld verdienen könnte. Wahrscheinlich nicht, war wahrscheinlich kein großes Geschäft – vor allem, wenn man nicht die richtigen Kontakte kannte.
Aus dem Plattenspieler dudelte Franz jetzt das Gitarrensolo vom Anfang von Jimi Hendrix’ Foxy Lady entgegen. Es riss ihn aus seinen Gedanken, ließ ihn schmunzeln und mit den Fingern im Takt gegen das Holz des Regals trommeln. Er schob sich die Locken aus der Stirn, machte wieder einen Schritt vorwärts und beugte sich runter zu seinem kleinen Projekt. Vielleicht würde es diesmal ja klappen – und dann könnte er seine Jimi-Hendrix-Platten noch lauter spielen. Hier im Keller waren höchstens ein paar Ratten, und die interessierte Franz’ Musik recht wenig.
Er nahm also wieder den Trafo – der sollte die 220 V aus der Steckdose später ein wenig runtertransformieren und aufteilen. An den Trafo dran kam dann der Gleichrichter, um aus dem Wechselstrom Gleichstrom zu machen. Das hatte er beides schon erfolgreich angelötet. Dann kamen zwei Elkos, die den Strom glätten sollten – und genau da hatte er sich vorhin verbrannt. Danach kamen zwei Transistorschaltungen: ein Vorverstärker, um die leisen Signale vom Plattenspieler auf ein normales Niveau anzuheben, und eine Endstufe, um das Signal dann stark genug zu machen für den Lautsprecher. Da brauchte man dann auch einen großen Kühlkörper. Franz war sich nicht sicher, ob der Endtransistor, den er hier hatte, noch ging – aber das würde er dann ja sehen.
Um den Plattenspieler anstecken zu können, brauchte er noch einen DIN-Stecker und – besonders bei Plattenspielern wichtig – einen Phono-Vorverstärker. Den hatte Franz noch gar nicht lang; erst letzte Woche hatte er den einem Mitschüler abgekauft, der sowas zufällig zuhause gehabt hatte. Wirklich neu war hier nichts – das konnte Franz sich auch nicht leisten, wie auch? Das Geld für die gebrauchten Teile hatte er durch ein paar Gelegenheitsjobs zusammengekratzt. Aber feiern wollte er schließlich auch gehen. Viel Geld hatte er nie, und hin und wieder lieh er sich dann auch was aus. Besonders stolz – neben seinem Lautsprecher-Equipment – war er aber vor allem auf seine Platten. Er hatte mittlerweile schon eine richtige kleine Sammlung, und die würde er nie wieder hergeben. Davon war er überzeugt.
„…soo, und jetzt der Lautsprecher…“
Franz sprach manchmal ein wenig mit sich selbst, wenn er so in die Arbeit vertieft war. Da brauchte man verschiedene Lautsprecher, die dann alle in der Box waren: einen Tieftöner für Bass, Mitteltöner und…
„…herrschaftszeiten, wo is denn der Hochtöner jetzt? Den hatt ich doch auch da reingegeben… der muss doch hier irgendwo sein…“
Aus dem Plattenspieler tönte jetzt Purple Haze, während Franz das Chaos auf dem kleinen Schreibtisch verschlimmbesserte, indem er alle Gegenstände einmal hochhob und jeden Zettel seines Plans einmal drehte. Irgendwo musste sich der Hochtöner doch verstecken?
„…ahh, da bist du! Was machst denn hinterm Plattenspieler?“
Franz pustete einmal den Staub von dem rundlichen Teil und legte es dann zu den anderen zwei Lautsprechern. Fehlte noch die Frequenzweiche, die am Ende die Töne auf die passenden Lautsprecher verteilen sollte.
Und so bastelte Franz noch einige Stunden weiter. Er war direkt Freitagmittag nach der Schule in den Keller gekommen – wen interessierten schon Hausaufgaben – und er war mehr als froh, seine Eltern mal länger nicht sehen zu müssen. Bis Sonntag, wo wieder Kirche war, dauerte es ja hoffentlich noch ein wenig. Hier unten waren Tag und Nacht ohnehin gleich – es war sowieso immer dunkel. Das einzige Licht war seine Schreibtischlampe. Und wenn er Hunger bekam, war hier immer irgendwas in Gläsern eingelegt oder gelagert, das keinem auffiel, wenn ein Glas fehlte. Und so lötete er weiter Teile aneinander, verband Kabel und baute Dinge in Boxen ein – immer im Hintergrund ununterbrochen ein Jimi-Hendrix-Song nach dem anderen. Alle 20 bis 30 Minuten drehte er die Platten oder tauschte sie. Wer brauchte schon Schlaf?
Franz hatte keine Ahnung, wie spät es war, als die einigermaßen fertige Box vor ihm stand. Hübsch sah sie aus – fragte sich nur, ob sie auch funktionieren würde. Aber eigentlich war er schon froh, dass hier nichts explodiert war und er sich – bis auf ein paar kleine Verbrennungen beim Löten – keine weiteren Verletzungen zugezogen hatte. Nervös strich er sich jetzt wieder eine der dunklen Locken aus der Stirn, die dort vom Schweiß etwas festklebte.
Franz hatte zur Sicherheit eine Glühbirne in Serie geschaltet, damit ihm das ganze Teil nicht gleich abrauchte, sondern nur die Glühbirne anging im Notfall. Er schob jetzt alles, was er nicht brauchte, ein wenig beiseite – und schaltete ein.
Franz hielt den Atem an, war wieder einen Schritt zurückgetreten, als ihm zuerst leise und dann lauter die Töne von Castles Made of Sand entgegen dröhnten. Viel lauter, als er gedacht hatte, sodass er erst mit zittrigen Fingern die Lautstärke etwas zurückdrehte, dann rückwärts ins Regal stolperte und lachend daran zu Boden sank. Immer wieder strich er sich die Locken aus dem Gesicht. Er hatte es tatsächlich geschafft – es funktionierte: seine eigene Lautsprecheranlage.
Franz saß so am kalten Betonboden, ein Grinsen auf den Lippen. Die Locken waren längst wieder in sein Gesicht gefallen, aber das war ihm jetzt egal. Er hatte die Augen geschlossen, den Kopf in den Nacken gelegt – und lauschte weiter den Klängen von Jimi Hendrix’ Castles Made of Sand.