Team: Greif
Challenge: Romantik/Intimität — Die erste Umarmung (für mich)
Fandom: Tatort Münster
Charaktere: Karl-Friedrich Boerne, Frank Thiel
Warnung: keine
Wörter: 1240
Zeit: 90mins
Thiel musste nochmal eingeschlafen sein, denn als er wieder aufwachte, war Boerne nicht mehr neben ihm. Er streckte sich und dachte noch einmal darüber nach, was Boerne zu ihm gesagt hatte.
‚Ich könnte mich daran gewöhnen, auch ohne Albtraum.‘ Sie hatten öfters auf der Couch des anderen geschlafen, auch in einem Bett, wenn es nur eines gab, aber nie wirklich freiwillig oder mit Absicht. Wenn er allerdings darüber nachdachte, hatte ihn auch nie jemand wirklich davon abgehalten, dann auf der Couch oder einem Sessel zu schlafen. Also ganz unfreiwillig sind sie bisher nie in einem Bett gelandet.
Er verdrehte die Augen ob seiner eigenen Gedanken und rieb sich über das Gesicht. „Sind Sie wach?!“ Boerne steckte seinen Kopf durch die Tür. Thiel richtete sich auf und sah in das lächelnde Gesicht. Boerne war bereits angezogen, trug jedoch keine Krawatte. Wenigstens am Sonntag war er für seine Verhältnisse etwas legerer gekleidet. „Frühstück ist gleich fertig und Sie möchten sicherlich noch vorher ins Bad. Ich habe Ihnen frische Sachen, eine neue Zahnbürste und ein Handtuch hingelegt.“
Dass Boerne davon ausging, dass er gar nicht erst in seine eigene Wohnung ging, sondern das Bad hier nutze, machte ihn stutzig. Es war ihm plötzlich alles zu viel und er musste die Bettdecke zurückschlagen, weil ihm viel zu warm war. Er stand auf und zögerte. Er stand in Boxershorts und St. Pauli Shirt im Schlafzimmer seines Nachbarn und Arbeitskollegen, nachdem sie die Nacht zusammen verbracht haben und nun hatte Boerne Frühstück für beide zubereitet.
Thiel schüttelte den Kopf. Da war doch nichts dabei. Thiel hatte Boerne nur wegen des Albtraums nicht allein gelassen und dann hatte er halt hier geschlafen. Frühstück war also das mindeste, für das Boerne nun sorgen konnte. Thiel verließ das Schlafzimmer, ging ins Bad und machte sich fertig. Zu seinem Erstaunen stellte er fest, dass Boerne frische Unterwäsche, eine Hose und ein T-Shirt aus seiner Wohnung geholt hatte.
Als er ins Wohnzimmer kam, war der Tisch bereits gedeckt und Boerne schaufelte gerade Rührei auf ihre beiden Teller. „Ah, gerade richtig.“ Boerne grinste ihn an, verschwand dann in der Küche und klapperte mit der Pfanne. „Sagen Sie mal, waren Sie etwas heute schon in meiner Wohnung?“
Boerne kam zurück ins Wohnzimmer. Er stand vor Thiel und schaute ihm direkt in die Augen. Er sah frisch aus, er trug eine dunkle Stoffhose und ein weißes Hemd, hatte die Ärmel hochgekrempelt und seine Hände in den Hosentaschen. In seinem Gesicht war nichts mehr von der Müdigkeit oder den Strapazen der vergangenen Nacht zu sehen. „Ich brauchte Butter. Und als ich drüben war, dachte ich, ich könnte Ihnen auch frische Sachen mitbringen. Damit Sie nicht extra rüber gehen müssen, wissen Sie.“ Den letzten Satz sprach er leise, doch Thiel hörte ihn.
Boerne schaute ihn noch ein paar Sekunden an und setzte sich dann an den Tisch. Thiel setzte sich ihm gegenüber. Boerne lächelte schon wieder – oder noch immer und prompt meldete sich Thiels Magen, das Ziehen und Kribbeln war recht stark und er griff rasch nach einem Brötchen. Muss doch am Hunger liegen.
Sie aßen schweigend und hin und wieder schauten sie sich kurz an. Boernes Lächeln verschwand langsam und seine Stirn legte sich in Falten. Thiel bemerkte, dass sich die Körperhaltung des anderen anspannte und die kleine Falte zwischen den Augenbrauen des anderen etwas tiefer wurde. Das war immer so, wenn er nachdachte.
Thiel war das alles schrecklich unangenehm, gleichzeitig wollte er aber auch nicht, dass dieser Morgen endete. Es war schön, einmal nicht im Stehen einen Kaffee und ein Brötchen zu essen, weil er nur für sich selbst nie den Tisch deckte. Er fühlte sich wohl mit Boerne, auch wenn beide schwiegen, waren diese Momente doch eher selten. Doch langsam wurde ihm unbehaglich und seine eigenen Worte halten in ihm nach. Er hatte vorgeschlagen, beim Frühstück darüber zu reden, dass Boerne sich daran gewöhnen konnte, dass er neben ihm schlief.
In der Situation im Bett kam es Thiel auch als eine richtige und verständliche Reaktion vor. Doch hier, bei Tageslicht am Tisch gegenüber von Boerne, der wieder ganz der Alte war in Hemd und mit aufgeräumtem Gesicht, da wirkte es lächerlich und wie aus einem Traum.
Vielleicht dachte Boerne genauso und überlegte jetzt, wie er es ihm am besten sagte. Vielleicht sollte er ihm eine Brücke bauen, um die Situation zu entspannen. Sie könnten die Nacht einfach so hinnehmen, es war ja nichts passiert und dann nie wieder darüber reden. Außer, wenn Boerne ihm von dem Albtraum erzählen wollte. Aber das war aus seiner Sicht losgelöst von dem Rest der Nacht.
„Boerne,-“ „Herr Thiel,-“ Sie sahen sich beide an und lächelten. Nach dem Schweigen hatten beide gleichzeitig angesetzt, die Stille zu unterbrechen.
„Bitte, Sie zuerst.“ „Boerne, also, ich bin nicht gut in sowas. Aber ich weiß, dass Sie letzte Nacht nicht ganz Sie selbst waren. Also, von mir aus können wir die Nacht so abhaken. Aber das Angebot steht nach wie vor, dass Sie mir von dem Albtraum oder das, was dazu geführt hat, erzählen können. Hab immer ein offenes Ohr für Sie. Oder zwei.“ Thiel grinste sein schiefes Grinsen und schaute Boerne an. Dessen Gesicht hatte sich jedoch noch weiter in Falten gelegt und er schaute ihn aus unsicheren Augen an. Für einen Moment huschte wieder die Verletzlichkeit er vergangenen Nacht über seine Gesichtszüge. Thiel biss sich auf die Zunge. Er hatte Boerne doch nur helfen wollen und scheinbar genau das Gegenteil erreicht.
Boerne straffte den Rücken und räusperte sich. Seine Gesichtszüge wurden wieder härter und er fixierte Thiel. „Wie Sie meinen. Es wird wohl das Beste sein, wenn wir die letzte Nacht abhaken.“ Sein Blick durchdrang Thiel und er bekam plötzlich weiche Knie und sein Magen wurde flau. So hatte er das doch nicht gemeint.
Boerne stand auf und ging mit seinem Teller in die Küche. „Boerne, jetzt warten Sie doch.“ Thiel stand mit wackeligen Beinen auf und folgte ihm. „So hab ich das doch nicht gemeint.“
„Wie haben Sie es denn gemeint?“ Boerne sprach leise und hatte Thiel den Rücken zugewandt. Er stütze sich auf die Arbeitsplatte und ließ seine Schultern hängen. „Wie haben Sie es gemeint, Herr Thiel?“ Seine Stimme klang brüchig und Thiel wusste nicht so recht, wie er reagieren sollte. Er atmete tief durch und versuchte seinen Magen zu beruhigen.
Er wusste nicht, was er antworten sollte, und sah sich plötzlich einfach auf Boerne zugehen. Er stand jetzt direkt vor ihm und legte automatisch seine linke Hand zwischen dessen Schulterblätter. Boerne strafte sich unter der Berührung und drehte sich um. „Das sollten Sie nicht tun, Herr Thiel.“ Boerne sprach noch immer leise und schaute ihm direkt in die Augen. Es lag Unsicherheit darin. Boerne sah verletzlich aus, wie in der Nacht, als er keinen Schutz, keine Maske aufgelegt hatte.
Bevor Thiel realisierte, was er da tat, legte er seine Arme links und rechts an Boernes Schultern vorbei und umarmte ihn. Er strich mit seinen Händen über Boernes Rücken und den Haaransatz. Boerne knickte sofort ein, sackte gegen Thiel und schob seine Hände über Thiels Seiten auf dessen Rücken. Boerne legte sein Kinn erst an Boernes Schulter und dann in dessen Halsbeuge. Sie standen so gefühlt eine Ewigkeit und keiner ließ den anderen los. Thiels Kribbeln im Magen war endlich nicht mehr spürbar und er musste lächeln. Das war es also.
Ihre Atmung synchronisierte sich und Thiel spürte das Heben und Senken von Boernes Brustkorb. Er wollte für immer diese Nähe in sich aufsaugen, diesen Moment einfrieren.