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Titel: Wolfie
Team: Nixe
Challenge: Hurt/Comfort – Notfall – fürs Team
Fandom: Tatort Münster
Charaktere: Boerne (POV), Thiel, Lukas
A/N: Ein weiterer Versuch, die drei zusammen zu bringen.


2002 • Juli

Es klopfte. Oder war das etwa ein Tinnitus? Boerne ließ das Buch sinken, das er in den Händen hielt, und horchte. Nein, da war ein Klopfen, ganz sicher.

Gewissenhaft schob er ein Lesezeichen zwischen die Seiten, schwang die Beine aus dem Bett und schlüpfte in seine Hausschuhe. Auf dem Weg zur Tür band er noch eine Schleife aus dem Gürtel seines Bademantels, man wusste ja nie. Aus dem Flur drangen gedämpfte Stimmen in seine Wohnung, ein Flüstern und – ein Weinen? Mit gerunzelter Stirn öffnete Boerne die Tür.

„Thiel“, stellte er fest. Dann landete sein Blick auf Thiels Begleitung. „Und Lukas.“

Dem Kleinen strömten Tränen über die geröteten Wangen, mit einer Hand klammerte er sich an Thiels Arm, mit der anderen hielt er ein Kuscheltier fest, einen Hund vielleicht, oder einen Wolf – es war schwer zu sagen, weil dem Tier die Nähte zwischen Torso und Kopf aufgerissen waren und von dort weiße Füllwatte nach außen quoll. Ach du grüne Neune.

„Siehst du? Doktor Boerne ist noch wach“, sagte Thiel zu Lukas in einem besänftigenden Ton, bevor er sich wieder aufrichtete und Boerne eindringlich in die Augen schaute, „und er hilft dir ganz bestimmt, Wolfie wieder gesund zu machen.“

Boernes Blick sprang von Thiel zu Lukas zum Kuscheltier Wolfie und wieder zu Thiel, aber noch bevor er irgendwas erwidern konnte – so etwas wie „Es ist schon nach 22 Uhr, Thiel“ oder „Ich war gerade kurz davor, zu erfahren, wer der Mörder ist“ – schob Thiel sich und seinen Sohn mit einem Wir dürfen, ja? schamlos an ihm vorbei in die Wohnung.

Zwar überrumpelt, aber immerhin fest dazu entschlossen, sich davon nichts anmerken zu lassen, drückte Boerne die Tür ins Schloss und straffte seine Haltung. Thiel und Lukas waren ins Wohnzimmer gelaufen, dort saßen sie jetzt auf dem Sofa, vor ihnen lag Wolfie aufgebahrt auf dem Tisch. Boerne rückte seine Brille zurecht.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass ihr deshalb zur späten Stunde bei mir aufgeschlagen seid, weil ich deinen kleinen Freund hier wieder zusammennähen soll?“

Lukas schniefte. „Papa sagt, Sie sind Arzt.“

Boernes Blick traf Thiels.

„Ja, da hat dein Papa natürlich recht.“ Er zeigte mit dem Finger hinter sich. „Begleiten Sie mich kurz, Herr Thiel?“

„Ja, äh – hör zu, ich bin gleich wieder da, ja?“ Thiel strich Lukas über seinen Haarschopf, dann lief er hinter Boerne zu seinem Abstellraum am Ende des Flurs.

„Hören Sie, Boerne –“

„Hat Ihnen denn nie jemand das Nähen beigebracht?“, unterbrach Boerne ihn flüsternd. Im spärlichen Licht der Deckenlampe suchte er nach der Dose, in der er für gewöhnlich Nadel und Faden aufbewahrte.

„Doch“, bekräftigte Thiel, „aber –“

„Es ist nach 22 Uhr“, er schob einige Aktenordner beiseite, um eine darunter liegende Kiste freizulegen, „und ich war gerade kurz davor, zu erfahren, wer der Mörder ist.“

„Ach, in dem Buch mit dem verstorbenen Zoowärter?“

„Genau. Meine Theorie ist ja, dass sein Arbeitskollege ihn mutwillig in das Eisbärengehege eingeschlossen und das Tier anschließend provoziert hat, um auf diese Weise einen Totschlag herbeizuführen. Es gab zwar keine Kratzspuren an der Tür des Geheges, die nahelegen würden, dass das Opfer zu fliehen versucht hat, aber was, wenn der Täter vorgesorgt und die Tür präpariert hat?“

„Äh, das kann schon sein ...“

„Jedenfalls“, konzentrierte Boerne sich wieder auf das eigentliche Thema, „werde ich es nicht herausfinden, wenn ich stattdessen die Stofftiere Ihres Sohnes flicken muss. Hier.“ Er drückte Thiel eine alte Keksdose in die Hand.

„Kekse?“

„Nähgarn.“

„Ah.“

„Es geht ja nicht nur ums Zusammennähen“, fing Thiel an.

„Sondern?“

„Na ja ... ums Heilen.“ Jetzt schaute Thiel ihn wieder an. „Und dafür braucht man eben einen Arzt. Einen richtigen.“

Boerne lächelte mild. „Ein richtiger Arzt, wie? Das sind ja ganz neue Töne von Ihnen, Herr Thiel.“ Sein Ton war neckend, aber er konnte nicht leugnen, dass sich ein Teil von ihm geschmeichelt fühlte. Nur ein bisschen natürlich.

„Bitte.“ Thiel sah ihn flehend an. „Wolfie ist Lukas’ Lieblingskuscheltier. Er hat ihn schon seit er denken kann.“

„Ja, so sieht er auch aus.“ Boerne schaute in Richtung Wohnzimmer, auch wenn ihm die Wand die Sicht auf Lukas und seinen Wolfie versperrte. Leise hörte man ihn schniefen. Und in Boerne wurde etwas weich.

„Und?“, fragte Thiel.

„Was, und?“ Boerne zuckte mit den Schultern. „Natürlich helfe ich Ihnen, Thiel, ich bin doch kein Unmensch!“ Er schlug die Tür zur Abstellkammer wieder zu und holte noch ein paar zusätzliche Utensilien aus seinem Badezimmerschrank – wenn er das hier schon tun würde, dann wenigstens richtig! –, bevor er gut ausgerüstet ins Wohnzimmer zurückkehrte. Dort hatte Thiel seinen tröstenden Arm um Lukas gelegt und, wie Boerne zufrieden bemerkte, ihm ein Taschentuch in die Hand gedrückt.

„Würdest du mir assistieren?“, fragte Boerne, während er alles Wichtige auf dem Tisch abstellte. „Es ist schon eine Weile her, seit ich so eine Operation durchgeführt habe, und Wolfie wird es sicher gut tun, dich bei sich zu haben.“

Lukas nickte stumm. Es war nicht viel, aber Boerne meinte, den Hauch eines Hoffnungsschimmers in ihm aufblitzen zu sehen.

„Sehr gut.“ Boerne lächelte ihn aufmunternd an, bevor er anfing, die unterschiedlichen Schritte mit ihm durchzugehen – desinfizieren der Hände natürlich, den Mundschutz nicht vergessen, das Operationsbesteck sterilisieren, den Patienten anästhesieren.

Selbstverständlich war Boerne Rechtsmediziner und kein Arzt im klassischen Sinne. Aber was viele Leute vergaßen, war die Tatsache, dass er am Ende eines jeden Tages trotzdem mit mehr lebenden als toten Menschen zu tun hatte. Und wenn ihn die Zeit eines gelehrt hatte, dann dass nichts so angsteinflößend war, wie die Dinge, die man nicht verstand. Also hatte er sich angewöhnt, in Anwesenheit von Laien zu erklären, was er gerade tat und warum, welchen Handgriff er wie setzte und was als nächstes zu tun wäre.

Mit Erleichterung nahm Boerne war, dass Lukas sich für seine Erklärungen durchaus empfänglich zeigte. Er stellte zwar keine Fragen, aber befolgte Boernes Anweisungen trotz zitternder Hände gewissenhaft und sprach Wolfie zwischendurch ein paar aufbauende Worte zu. Irgendwann hatte Thiel seinen wachsamen Posten vom Sessel verlassen und war stattdessen in die Küche gewechselt, wo nun Töpfe und Geschirr klirrten und sich schließlich der Geruch von heißer Schokolade in der Wohnung ausbreitete.

Mit vier statt zwei Händen dauerte es nicht lange und Wolfie war wieder ganz. Das Garn, das Boerne benutzt hatte, entsprach fast genau der Farbe seines Fells, sodass man ihm ihren Eingriff kaum ansehen konnte.

„Ist Wolfie jetzt wieder gesund?“, fragte Lukas am Ende. Der Mundschutz, der ihm viel zu groß war, war unter seine Nase gerutscht.

„Nun, er wird sich noch ein paar Tage ausruhen müssen, aber ich denke, er wird sich schnell erholen.“

„Danke“, sagte Lukas, die großen Augen auf den Wolfie in seinen Armen gerichtet, als könnte er gar nicht glauben, was gerade passiert war.

„Na, sind die beiden Ärzte fertig?“ Thiel kam lächelnd mit zwei Tassen ins Wohnzimmer und drückte jedem von ihnen eine in die Hand.

„Ja, schau mal, was Boerne gemacht hat!“ Lukas hielt Wolfie seinem Papa unter die Nase und der staunte in angemessener Manier.

„Boah, das ist ja toll! Habe ich nicht gesagt, er ist der beste in seinem Fach?“

Lukas nickte nur und drückte Wolfie an sich. Thiel und Boerne tauschten einen zufriedenen, vielleicht sogar glücklichen Blick.

„Erst ein richtiger Arzt und dann auch noch der beste, hm?“ Boerne zog belustigt eine Augenbraue nach oben.

„Wehe, Sie zitieren mich.“

„Och.“

Boerne grinste in seine heiße Schokolade. Würde er eben morgen herausfinden, wer der Mörder war.


Date: 2025-08-08 04:54 pm (UTC)
From: [identity profile] cricri-72.livejournal.com
Ich weiß ganz genaus, inw as für einer Keksdose Boerne sein Nähzeug hat! :D

Das ist eine sehr, sehr süße Szene (im positiven Sinn, nicht kitschig oder so). Ich liebe sie ♥

„Erst ein richtiger Arzt und dann auch noch der beste, hm?“ Boerne zog belustigt eine Augenbraue nach oben.
Das wird er garantier t noch öfter zitieren, zumindest Thiel gegenüber :D

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