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Titel: Dein Spiegelbild ist anderen egal
Fandom: Original
Charaktere: Jasper & das Mädchen
Challenge: Sturmfrei
Wörter: ~ 1692

Summary: Ein schwuler Junge, und sein Problem mit der Wahrheit. Oder eher sein Problem mit sich selbst?

Kommentar: Juhu, ich bin pünktlich :D Und lieben Dank für den Tag Nyx !  <3 <3
 

Reiner Zufall, dass er das schrille Klingen seines Handys überhaupt hörte. Seit geraumer Zeit gab es nur ihn und die Kreatur, die ihm aus einem großen Spiegel, dessen glatte Oberfläche er berühren hätte können, wenn er sich die Mühe machte, seinen Arm auszustrecken, anstarrte. Früher mochte er diesen Spiegel. Sein alter, hölzerner Rahmen war im Laufe der Zeit schon ganz ausgebleicht, und auf der silbrigen Oberfläche waren lauter blinder Flecken. Die Kreatur saß da, mit nacktem Oberkörper, und hatte blutunterlaufene, trockenen Augen, ganz so, als hätte es unwiderruflich vergessen, wie man seine Lider benutzt. Es hielt das kleine Telefon an das Ohr, aus dem ein schwaches „Hallo?“ drang.
Warum hatte es überhaupt abgenommen? Jasper wusste es nicht „Ja.“ Er schluckte. Sein Hals tat weh. „Mit wem spreche ich da?“, fragte die helle Stimme einer Frau, obwohl es sich eher nach einem Mädchen anhörte. Mit einer Schwuchtel!, hätte Jasper am liebsten in den Hörer geschrien, denn genau das war er ja auch! Eine jämmerlich, bemitleidenswerte Schwuchtel. „Jasper K. mein Name. Wie kann ich Ihnen helfen?“ War das wirklich seine eigene Stimme? Er hatte sie ganz anders in Erinnerung. „Ich rufe im Auftrag eines Institutes für angewandte Sozialwissenschaften an...“ Wie sehr er das Blau seiner Augen doch verabscheute. Eine schöne Farbe. Eigentlich. Leicht ausgebleicht, so wie der Stoff einer alten Jeans. Und doch hatte es etwas falsches an sich. Das Blau eines verlogenen Heuchlers, eines Mannes, der alle belog, alle, einfach alle, und noch nicht einmal im Stande war, ehrlich zu sich selbst zu sein. „Und ich würde furchtbar gerne mit Ihnen ein kleines Interview führen. Es handelt sich um die Kundenfreundlichkeit der deutschen Bahn. Wenn ich mich nicht irre, haben Kollegen Sie vor einiger Zeit darauf angesprochen.“ Was hatte sie gesagt? ..wie sehr er sich doch sehnte, dem Blick dieser Augen zu entgehen. Nur für einen kurzes Moment. „Hätten Sie denn ein paar Minuten Zeit?“ Zeit wofür? „Ja..“, brachte Jasper hervor. Er blinzelte. „Ja..“, wiederholte er, und rieb sich über den Oberarm. Er hatte gar nicht bemerkt, wie kühl es in seinem Zimmer geworden war. „Ähm... gut. Fangen wir doch an. Als erstes möchte ich von Ihnen wissen, ob Sie verheiratet sind. Und wenn nicht, ob Sie vor haben, sich jemals zu verheiraten – nur für die Statistik“ Heiraten? Jasper verzog keine Miene seines hübschen Gesichtes.
Waren Homo-Ehen überhaupt schon legal? Denn darauf wird es doch hinaus laufen. Sein zukünftiger, tuntiger Lebenspartner und er leben in einer teuren Penthousewohnung. rosarote Tapete. Sofas, die mit einem kitschigen lilafarbenen Stoff überzogen waren. Pinke Püschelkissen. Ein putziger, kleiner Hund. Vermutlich ein Chiwawa, mit einem hinreizenden Outfit, passend zu der Tapete. „Also?“, wollte die junge Frau wissen. „Ähm. Ja. Ja, natürlich heirate ich später.“, sprach der Junge, während er versuchte aufzustehen. Seine Gelenke taten weh, und sein linkes Bein kribbelte unangenehm. „Das ist doch der Traum eines jeden Menschen oder? Heiraten und glücklich sein.“ Er hörte sich nicht reden. Zum Glück. „Ae, ja. Seh‘ ich genau so. Gut, die nächste Frage.“ Ein Blick aus dem Fenster sagte ihm, dass der Tag sich zum Ende neigte. Die Schatten wuchsen, und fingen an gierig jegliches Licht zu verschlucken.


Mum wird unheimlich enttäuscht sein. Und Da erst. Am meisten fürchtet er sich vor seinem Blick. Ob er sich jemals outen wird? Natürlich nicht! Doch die meisten Lügen kommen ans Licht. Dann, wenn die Putzfrau die Heftchen findet, die er jeden Abend dazu gebraucht, sich aufzugeilen. Unzählige nackte, muskulöse Männer, mit riesigen Schwänzen. Oder wenn seine Schwester sich in sein Zimmer stiehlt, wenn er nicht da war, um seinen Laptop zu benutzen, und Daten findet, die praktisch nicht existieren dürften. Bilder der schnuckeligen Jungs, die er sich von Webseiten zog. Oder der ein oder andere Schwulen-Porno. Ganz egal, wie es passiert, irgendwann, und da war sich Jasper ziemlich sicher, würde er auffallen. Irgendwann. Dann, wenn er es am wenigsten erwartet. Obwohl... „Pardon, ich hatte ein kleines technisches Problem.“, ertönt verschmitzt die Stimme des Mädchens. Jasper hatte das Telefon in seiner Hand ganz vergessen. Er antwortet nicht. „Bewerten Sie folgende Aussagen von eins bis sechs. Sagen sie mir anschließend bitte, wie wichtig Ihnen diese Aussage ist.“ Am schlimmsten wäre es wohl, wenn man ihn Inflagranti erwischen würde. Im Bett seiner Eltern. „Benutzen Sie dazu eine Skala von eins bis zehn.“ Schwuchtel, verfluchte, dreckige Schwuchtel! Jasper biss sich auf die Lippen. Er schluckte zweimal. Sein Hals tat immer noch weh. „Ja.“ Warum legte er nicht einfach auf? Drückte auf den kleinen, roten Knopf, und war die Stimme des Mädels ein für alle mal los? „Ich höre.“ Die Stimme, die er hörte –fast wäre er sicher gewesen, dass es nicht die seine war- klang teilnahmslos. „Okaaay...“ Er hörte das Klicken einer Computermaus. Oder war es das Geräusch von zackigen Risse, die sich durch silbriges Glas unkontrolliert und ganz willkürlich einen Weg bahnten, um die hässliche Kreatur zu befreien, die ihn eben noch mit jenen jeansblauen Augen so abschätzig gemustert hatten? „Oh Gott, ich muss hier raus...“, murmelte der Junge, und wand sich von dem Fenster ab. Der Spiegel war unverändert. „Bitte was? Haben Sie was gesagt?“

Keine Risse, kein Monster, dessen Krallen bewehrte Pranken den kunstvoll geschnitzten Rahmen zerkratzten. „Oh, nein, nein. Schießen Sie los.“ Jasper war erleichtert. Und auf eine seltsame Art und Weise war er ein wenig froh nicht alleine zu sein, und mit irgendwem zu reden. Sei es auch nur mit einem Mädchen, dessen Namen es nicht wert gewesen war, um ihn sich zu merken. Ein Mädchen, das er niemals zu Gesicht bekommen wird, und dessen Schicksal ihm mehr als gleichgültig war. „Wie bewerten Sie den Zustand des Bahnhofes, an dem wir Sie angetroffen haben?“ Bahnhof. Wann war er das letzte mal auf einem Bahnhof? Als das Kind eines erfolgreichen Börsenmaklers hatte er es nie nötig gehabt, mit einem Zug zu fahren, geschweige denn mit einem Bus. Das letzte mal, als er auf einem Bahnhof war... aber natürlich! Das kleine, gelbe Prospekt, Jasper erinnerte sich. ‚ Kostenlose Singlebörse – schwule Jungs zum anfassen!‘ Damals hatte er gelacht. Den Wisch in seine Jackentasche gesteckt, nur weil er auf die Schnelle keinen Mülleimer gefunden hatte. Und dann flog es in seinem Zimmer herum. Wieder nur ein Zufall, dass er es zwischen die Finger bekam, als seine Kumpels und er von einer hartnäckigen Langeweile gequält wurden. „Hm..drei.“ Als arroganter, selbst verliebter Typ, der wusste, was er wollte, hat er enthusiastisch mitgemacht. Ein paar schwule Säcke über’n Messeneger fertig machen.
Wie hatten sie sich noch mal genannt? Oh, Jasper musste nicht besonders lange darüber nach denken – SweetySexyHooootBoy_87. Und wie sie lachten! Tränen hatten die Jungs in den Augen, und nicht nur eine Nacht haben sie damit verbracht, sich ein Opfer zu suchen, das sie ein klitze kleinen wenig aufziehen konnten. „Diese verblödeten Arschficker!“, hatte Dimmi grölend geschrien, als einer der ahnungslosen Schwuchteln aus dem Netz fragte, ob er denn, genauso wie er selbst, so auf Brad Pitt stehe. „Gut. Und wie schätzen Sie die Wichtigkeit ein?“ Irgendwann wurde auch das öde, und seine Kumpels vergaßen den Schwulen-Chat. Nur er konnte ihn nicht so richtig vergessen. Er loggte sich noch ein mal in den Chat ein, als er mal wieder alleine zu Hause herum lungerte. Natürlich nur, weil er gerade in diesem Moment nichts anderes mit sich anzufangen wusste. Und weil er das unbändige Verlangen spürte, noch einmal über die wütenden Messanges zu lachen, in der sich irgendeiner der Homos schwul über die groben Späße aufregte. „Puhh...“

Und dann war da Nice_Hero007
. Da Kleiner, wie geht's dir?, schrieb der Typ. Zu diesem Zeitpunkt hatte Jasper seine hübschen Lippen noch zu einem spöttischen Lächeln verzogen. Scheiß Momos! Doch dann kam er mit dem Kerl ins Gespräch. Der große Knall, dann, wenn es hieß die Bombe platzen zu lassen, verschob er immer weiter. Später, in fünf Minuten. Sie redeten die ganze Nacht. Ja, und dann konnte Jasper nicht das tun, was bestimmt jeder normale, heterosexuelle Junge in seinem Alter getan hätte. Verdammt, er fühlte sich so widerwärtig. So dreckig. Denn er konnte nicht anders, als den Unbekannten sympathisch zu finden. Anziehend. „Ich würde sagen, neun.“ Wieder ertönt das Klicken einer Computermaus im Hintergrund.
Welche Schuhe das Mädchen am anderen Ende der Verbindung wohl trug? „Wie bewerten Sie die Wichtigkeit der Pünktlichkeit von Zügen?“ Jedenfalls blieb es nicht nur bei einer Nacht, in der er an seinem Schreibtisch hockte, immer wieder auf die Tastatur ein hackte, und wie gebannt auf den Bildschirm starrte. Zu erst beschränkte er sich darauf nur online zu gehen, wenn er sturmfrei hatte, damit keinen ihn bei seinen Machenschaften stören könnte. Doch irgendwann schaltete er dann jeden Tag seinen Laptop ein, wenn seine Eltern im Zimmer nebenan das Licht ausknipsten. Wie widerlich! „Eindeutig mit zwei.“, erwiderte Jasper. Er lehnte an der Kante des Fensterbrettes, immer den Spiegel im Blick. Nice_Hero007 faszinierte ihn so sehr, dass er nicht anders konnte als zu zu lassen, wie sich seine Neigung zum selben Geschlecht sich entfaltet. Denn er ist sich sicher, dass sie von Prinzip immer da gewesen war.
Ganz gleich was ihm auch passiert wäre, was er auch gedacht oder getan hätte, es wäre in diese Richtung gelaufen. Sein ihm eigentlich fremder Chatpartner schaffte es, eine bis dahin ihm fremde Wärme um sein Herz entstehen zu lassen. Ein angenehmes, knisterndes Gefühl erfüllte ihn, wenn Nice_Hero007 ihm von seinem Tag erzählte, von seinen Gedanken und Träumen. Der fremde Junge erzählte ihm, dass er aus dem Irak stammen würde. Seine Mutter trüge ein Kopftuch, sein Vater wäre ein konservativer, alte Sack, der sich einen Dreck darum scheren würde, sich anzupassen, um den Lebensstandard ein wenig zu erhöhen. Klassisches Ausländerpack, so beschrieb der Nice_Hero sich und seine Familie.
‚Ich habe mir nie großartig etwas daraus gemacht, dass einige Familienmitglieder mich umbringen konnten, wenn sie heraus fänden, wer ich wirklich bin –schmunzel-„, schrieb der Fremde augenscheinlich aufrichtig, doch Jasper meinte zwischen den Druckbuchstaben, die jedes mal von einem ‚Pling‘ begleitet in seinem Chatfenster erschienen, wenn Nice Hero etwas schrieb, deutlich Angst heraus lesen zu können. Kalte, nackte Angst. Und ob er nie wissen konnte, ob sein Chatpartner wirklich der war, den er vorgab zu sein, konnte der Junge nicht anders, als jedes seiner Worte zu glauben.


Date: 2008-10-22 06:43 am (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Ich komm momentan viel zu wenig zum Lesen und hab diese schöne Geschichte daher erst jetzt entdeckt. Ich finde sie gut und in sich stimmig, sehr realistisch (abgesehen davon, dass sie bei solchen Umfragen nie fragen, ob man vorhat zu heiraten. An der Stelle dachte ich zu erst, dass es gar keine richtige Umfrage ist, sondern sich irgendein Mädchen für sein Privatleben interessiert ^_~)
Sehr traurige, mitreissende Geschichte...

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