Team: Kobold
Challenge: Angst — Familientradition — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Roswitha Leitmayr (Franz Großmutter)
Wörter: 1290
Als Franz noch jünger war, war er oft bei seiner Großmutter gewesen, später dann nicht mehr. Sie war alt geworden – und was sollte Franz dort überhaupt?
Aber heute dachte er gern zurück an damals, als er noch ein kleiner Bub gewesen war und seine Eltern ihn zu seiner Großmutter gebracht hatten, damit sie auf ihn aufpasste.
Einmal war er krank gewesen und hatte nicht zur Schule gekonnt. Er war vielleicht sechs oder sieben gewesen. Sein Vater hatte sich furchtbar aufgeregt, und Franz war schwach gewesen, er hatte nicht so schnell laufen können. Es war Winter gewesen und hatte geschneit, und sein Vater hatte ihn dann irgendwie weiter gezerrt und gebrüllt, dass er doch endlich weitergehen solle.
Schließlich hatte sein Vater ihn einfach gepackt und zur Wohnung seiner Großmutter geschleift. Franz hatte ziemlich hohes Fieber gehabt – Grippe, hatte der Arzt gemeint.
Franz’ Großmutter war nicht wie sein Vater. Franz hatte nie verstanden, wie sein Vater so eine nette Mutter haben konnte und dann selbst so gemein war.
Sie hatte ihm einen Tee gemacht und ihn in ganz viele Decken gewickelt, ihm selbst gestrickte Socken gegeben und ihm etwas vorgelesen.
Dann war Franz in einen fiebrigen Schlaf gefallen, voller komischer Träume. Erst Stunden später war er wieder wach geworden. Es war ihm schon etwas besser gegangen, und seine Großmutter hatte sich neben ihn gesetzt. Sie hatte noch einen Tee und Hühnersuppe gemacht, und während Franz diese eifrig schlürfte, hatte sie etwas Geld geholt.
Zwei Scheine steckte sie Franz zu:
„Des is für dich, darfst nix dem Vati sagen – der nimmt’s dir nur weg. Damit du da auch mal was Schönes kaufen kannst.“
Sie hatte gelächelt, während sie das gesagt hatte, dann hatte sie ihn verschwörerisch angeschaut und die restlichen Scheine zusammengefaltet und in eine kleine Dose getan.
„Weißt du, Franzl, des machen wir schon seit Generationen so – des hat schon mei Mutter so gemacht und meine Großmutter und die Mutter von meiner Großmutter. Immer des Geld in da Kuchl verstecken – do schaut koana. Koane Nazis und a koane Einbrecher. Do is des Geld sicher. Merk da des, Franzl. Vielleicht hilft’s da numoi später im Leben.“
Jedes Mal, als Franz bei ihr war, auf dem Sofa saß oder am Esstisch, würde sie ihm etwas Geld zustecken und dann die restlichen Scheine in der Dose in der Küche verstauen.
Franz war das einzige Enkelkind, sein Vater hatte keine Geschwister, und auch er hatte keine – und deshalb war er der Liebling seiner Großmutter. Er konnte nichts falsch machen, sie würde ihn immer lieben, egal was er tat – ganz anders als seine Eltern, wo er für jedes kleine Vergehen eine Strafe zu erwarten hatte.
Je älter Franz wurde, desto seltener besuchte er seine Großmutter. Er konnte jetzt schließlich auf sich selbst aufpassen, und sein Vater hatte auch ansonsten keinen sonderlich guten Draht zu seiner Mutter.
Als Franz 15 war, starb sie schließlich – plötzlich und unerwartet an einem Schlaganfall. Franz war bestimmt seit Monaten nicht mehr bei ihr gewesen. Immer wenn sie angerufen hatte, hatte er gesagt, es sei gerade stressig mit der Schule, er habe keine Zeit. Nicht immer war das die ganze Wahrheit gewesen.
Es war wieder Winter, so wie damals, vor fast zehn Jahren. Vater war schon wieder gegangen, er hatte gesagt, Franz solle sich beeilen, nicht zu viel Zeit verschwenden, das alte Zeug brauche doch ohnehin keiner mehr.
Jetzt, wo Vater weg war, war es ruhig.
Franz hatte die Schuhe ausgezogen, obwohl die Wohnung nicht mehr geheizt wurde – aber Großmutter hätte es so gewollt.
Seine Füße waren kalt, als er durch die Räume der kleinen Wohnung schlich und sich zurückerinnerte.
Die Garderobe, wo er immer freudig seine Schuhe angezogen hatte, wenn seine Großmutter mit ihm einkaufen gegangen war – er hatte dann immer was Süßes bekommen, und neben dem Geschäft hatte es einen kleinen Spielplatz gegeben, wo sie immer eine Weile geblieben waren.
Franz ging weiter ins Schlafzimmer, strich über das noch schön zusammengelegte Bettlaken und sog den Geruch seiner Großmutter ein – nach Pfefferminze und Wärme.
Immer wenn er bei ihr hatte schlafen dürfen, dann hatten sie gemeinsam in dem Bett gelegen, und sie hatte ihm gezeigt, wie man betete. Und jedes Mal hatten sie dann gebetet und waren danach schlafen gegangen.
Franz erinnerte sich jetzt nicht mal noch genau daran, wie dieses Gebet gelautet hatte.
Weiter ging er ins Badezimmer.
Er wusste, dass er viel zu lang brauchte, dass Vater sauer sein würde – aber Franz war das egal.
Er schob eine Locke aus seinem Gesicht, dann ging er weiter ins Badezimmer, erinnerte sich an die vielen Stunden, die er dort verbracht hatte, in denen er seiner Großmutter zugeschaut hatte, wie sie sich fertig gemacht hatte.
Am Ende war sie ihm immer einmal durch die Haare gefahren und hatte gesagt, was für schöne Locken er nicht hätte – „wie der Vati“.
Franz hatte sich geschworen, nicht heulen zu wollen, aber jetzt sammelten sich langsam doch Tränen in seinen Augen, als er weiter ins Wohnzimmer ging, das mit dem Esszimmer und der Küche eigentlich einfach nur einen größeren Raum bildete.
Franz dachte an die vielen Male, als er dort auf dem Sofa gesessen hatte, gespielt hatte oder sich von seiner Oma Geschichten über den Krieg und die Zeit davor erzählen hatte lassen.
Er zog einmal die Nase hoch.
Der Esstisch – er war aus altem Holz. Großmutter hatte immer gemeint, ein Erbstück. Darauf lag ein Tischtuch aus Spitzen, das seine Großmutter, als sie jünger gewesen war, selbst gestrickt hatte – sie hatte ein Talent dafür gehabt.
Er war oft hier gesessen und hatte mit den Spitzen rumgespielt.
Keiner hatte so lecker gekocht wie Großmutter.
Als Letztes kam er nun in der Küche an, erinnerte sich, wie er als kleiner Bub immer auf der Anrichte hatte sitzen dürfen, und sie ihm Teig zum Probieren gegeben hatte – war ja für ihn, er sollte sagen, ob es auch süß genug war.
Franz musste lächeln bei der Erinnerung.
Jetzt sah er die kleine Dose ganz oben im Regal – aus Metall, mit Blumenmuster darauf. Franz wusste genau, was darin war – sein Vater nicht.
Er streckte sich ein wenig, dann kam er ran. Das Metall fühlte sich kühl in seinen Händen an. Er drehte sie etwas und schüttelte sie einmal – es war definitiv etwas drin.
Weiterhin fokussiert auf die Dose stolperte er wieder zurück Richtung Wohnzimmer und ließ sich dort auf das Sofa fallen.
Jetzt, mit schon etwas zittrigen Händen, versuchte er nochmal, die Locken aus seinen Augen zu streichen.
Mehrere Tränen waren in der Zwischenzeit schon über seine Wangen geronnen, und mit jeder Erinnerung, die in seinem Kopf hier wiederbelebt wurde, wurde es auch eine Träne mehr.
Und egal wie oft Franz über seine Augen wischte – es kamen immer und immer wieder neue nach.
Das Geld in der Dose war ihm ganz egal – es ging um die Dose an sich.
Wenn Franz jetzt zurückdachte, war er sicher, dass das so gewollt war von seiner Großmutter – dass nur er von der Dose und ihrem Versteck wusste.
Es war sein Erbe. Es war das, was ihm von seiner Großmutter blieb.
Franz drückte die Dose jetzt fest gegen seine Brust.
Er bereute, nicht mehr gekommen zu sein.
Sie hatte ihn doch geliebt – so viel mehr, als seine Eltern ihn je hatten lieben können. Und er hatte doch auch sie geliebt.
Er hatte ihr doch gerne zugehört, hatte gern ihr Essen gegessen, hatte gern in ihren Armen geweint und sich beschwert, wie unfair sein Vater doch war.
Jetzt hörte er einen Schlüssel im Schloss, dann die laute Stimme seines Vaters:
„Ze fix, Franz! Wo bist denn? Kommst du jetzt sofort? I wart doch ned ewig auf dich – glaubst, meine ganze Welt dreht si nur um dich?“
Franz wischte die letzten Tränen weg und ließ die kleine Dose in eine seiner Taschen gleiten.
Dann schrie er zurück:
„Komme!“