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Team: Kobold
Challenge: Hurt/Comfort — Notfall — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Ivo Batic
Wörter: 1362



Es läutete. Ivo war allein. Seine Tante und sein Onkel waren bei der Arbeit, und gerade hatte er sich ein Stück von Beethoven angehört, überlegt, ob er das wohl spielen könnte. Jetzt seufzte er, kroch aus dem Bett und ging zur Tür. Mittlerweile hatte es ein zweites Mal geläutet. Wer war das denn? Sollte mal ein wenig Geduld haben.


Als er die Tür öffnete, stand da ein Junge, etwas jünger als Ivo, vielleicht. Ein schiefes Grinsen im Gesicht und dunkle, nasse Locken, die ihm an der Stirn klebten und mittlerweile schon fast die Augen verdeckten: Franz.


„Kann ich...“ – mehr brauchte es nicht. Schon war Ivo zur Seite getreten, auch er grinste jetzt und gewährte Franz Einlass in sein Heim.


Er beobachtete Franz ganz genau, jede seiner Bewegungen, und während Franz auf andere vielleicht wie ein ganz normaler Junge gewirkt hätte, hatte Ivo längst gelernt, hinter Franz’ Mauern und Fassaden zu blicken – zu sehen, was sich hinter dem spitzbübischen Grinsen befand, hinter dem Franz, der immer Witze machte und lachte.


Franz zog seine tropfend nasse Regenjacke aus und hängte sie wie selbstverständlich in die Garderobe. Dann seine alten Turnschuhe, die auch glitschnass waren und schon Löcher hatten. Unter der Jacke trug Franz einen Pullover – auch der war nass, so wie der Rest der Kleidung.


„Komm, du musst dir was anderes anziehen, sonst verkühlst du dich noch“, meinte Ivo. Seit er Franz kannte, hatte sich sein Deutsch unglaublich verbessert. Einen Akzent hatte er aber immer noch – und den hasste er.


Franz sah währenddessen an sich herunter, dann etwas überrascht zu Ivo und zuckte die Schultern. „Ach, das geht schon. So stark hat’s ned geregnet.“


„Los, komm jetzt. Du tropfst mir hier sonst alles voll, dann wird meine Tante wieder sauer.“ Schon hatte er Franz bei der Hand genommen und zog ihn mit sich ins kleine Badezimmer.


Am Anfang hatte Franz das nie zugelassen, aber dann war es irgendwann zu einer Art Tradition oder so etwas geworden. Franz sagte nie viel, er erklärte nichts – Ivo wusste es trotzdem. Er wusste genau, wer das Drecksschwein war, das Franz jedes Mal so zurichtete. Und er hasste ihn. Er hasste Franz’ Vater so sehr – viel mehr als Franz vermutlich. Und wenn er dieses Arschloch jemals in die Finger bekommen sollte, dann schwor Ivo, er würde persönlich dafür sorgen, dass dieses Schwein dafür büßte, was er seinem Franz jemals angetan hatte.


Franz hatte sich in der Zwischenzeit aus der nassen Kleidung geschält, während Ivo ein wenig anderes Zeug zusammengesucht hatte. Wobei – zusammensuchen musste er eigentlich nichts, die Sachen für Franz hatten hier längst einen festen Platz.


Franz sah furchtbar aus, wie Ivo fand – viel schlimmer als sonst. Er war doch nur drei Tage nicht hier gewesen, und Franz hatte mindestens fünfmal so viele blaue Flecken, Schrammen und Blutergüsse. Schon als Franz gekommen war, waren Ivo das angeschwollene Auge und die aufgeplatzte Lippe aufgefallen, aber zumindest das mit der Lippe musste mindestens von gestern sein.


Ivo verzog den Mund bei dem Anblick von Franz’ malträtiertem Körper. Dieses blöde Arschloch. Wut kochte in ihm hoch – aber nicht jetzt, nicht hier. Nicht solange Franz da war. Er kniete sich also vor ihn und begann langsam, alle Verletzungen zu begutachten.


Franz maulte nur: „Muss das denn sein? So schlimm ist es nun wirklich nicht.“


„Das muss sein“, antwortete Ivo bestimmt. Er sah genau den Schmerz in Franz’ Gesicht – wie jede Bewegung, wahrscheinlich sogar allein das Atmen, ihm wehtat – und wie er trotzdem noch so tat, als sei nichts.


Und so begutachtete Ivo weiter Franz’ Körper und schmierte vorsichtig Salbe auf sämtliche Verletzungen. Franz kam nicht jedes Mal. Er kam nur, wenn es schlimm war. Es durfte ja auch nicht auffallen, dass er so oft nicht zu Hause war. Und heute war schlimm. Heute war sehr schlimm. Heute schien eine Art Notfall zu sein.


Schließlich kam Ivo bei Franz’ Oberkörper an – und die Art von blauem Fleck, die sich da auf seinem Brustkorb zeigte, sah wirklich gar nicht mehr gut aus. Ivo kannte sich zwar nicht aus, hatte keine Ahnung von Medizin, aber das sah selbst er: Das sah aus, als hätte dieses dreckige Arschloch Franz eine Rippe gebrochen.


Ivo sah also nach oben – in Franz’ wunderschöne grau-grüne Augen, die manchmal so schön leuchteten. Franz’ Gesicht war jetzt aber schmerzverzerrt. Erst als er Ivos Blick bemerkte, lächelte er.


„Franz?“


„Hm?“


„Das sieht hier aber nicht mehr gut aus. Du solltest zu ’nem Arzt.“


„Ach was, Ivo. So schlimm is es nicht. Nur paar blaue Flecken.“


Ivo hörte die Panik in Franz’ Stimme – und er sah sie auch in seinen Augen.


„Scheiße, Franz. Dieses Arschloch hat dir deine Rippe gebrochen, und du schaust immer noch weg. Das muss doch verdammt weh tun?!“


Franz zuckte nur die Schultern, dann wieder – mit Panik in der Stimme: „Du weißt doch, ich kann ned zum Arzt. Das macht alles nur schlimmer.“


Da war jetzt auch Wut in Franz’ Blick. Ivo seufzte. Das hatte ja eh keinen Sinn. Aber irgendwann würde er Franz schon nochmal dazu kriegen – und wenn er ihn zum Arzt schleifen musste.


Also machte er vorsichtig weiter. Hin und wieder hörte man leises Wimmern von Franz. Dann, fast eine Stunde später, waren sie fertig.


Ivo gab Franz eine Jogginghose, einen Pullover und ein Paar warme, von seinen Tanten selbstgestrickte Socken. Dann sagte er leise: „Komm, gehen wir“, nahm Franz wieder bei der Hand und zog ihn vorsichtig in sein eigenes, sehr kleines Zimmer.


Je nachdem, wie schlimm es war – und wie das Wetter war – taten sie jedes Mal unterschiedliche Sachen. Heute regnete es in Strömen. Und dem, was Ivo gerade gesehen hatte, nach zu urteilen – auch wenn Franz es nicht zugeben wollte – ging’s ihm gar nicht gut. Und auch dafür hatten sie mittlerweile eine kleine Tradition.


Zuerst kroch Ivo aufs Bett und machte es sich dort am Rand im Schneidersitz bequem. Dann kam Franz hinterher und bettete seinen Kopf zwischen Ivos Beine. Manchmal las Ivo etwas vor oder sang etwas – auf Deutsch oder Kroatisch, unterschiedlich. Manchmal schwiegen sie einfach nur. Oft schlief Franz. Und so vergingen jedes Mal die Stunden am Nachmittag, bis Franz irgendwann wieder gehen musste – „sonst zu auffällig“, sagte er.


Was Franz und er waren, konnte Ivo so genau gar nicht sagen. Mehr als Freunde, doch sicher. Aber ein Paar oder so? So einfach konnte er Franz und ihre Beziehung nicht definieren. Vielleicht hatte die deutsche Sprache ja ein Wort für das, was zwischen ihm und Franz war. Wenn es das gab, dann kannte Ivo es nicht.


Solange benutzte er einfach das kroatische: Srodna duša.




Alles tat weh. Jede Bewegung, jeder Atemzug. Alles. Nicht zum ersten Mal – aber machte es das besser? Nicht wirklich.


Langsam kroch Franz hinter Ivo her, versuchte dabei weiter, sich nichts anmerken zu lassen – und dabei war er schon den ganzen Weg von seiner Wohnung zu Ivos gelaufen. Recht viel länger konnte er nicht mehr so tun, als sei alles gut.


Jetzt bettete er seinen Kopf zwischen Ivos Beine, der im Schneidersitz da saß, und schloss die Augen. Selbst so zu liegen tat weh – aber jetzt war er wenigstens bei Ivo, der langsam begann, mit den Fingern durch Franz’ Locken zu streichen.


Franz hasste es eigentlich, wenn Leute seine Haare anfassten. Aber Ivo war okay. Ivo durfte das. Ivo durfte fast alles, was andere nicht durften – zumindest bei Franz.


Franz hasste, dass es heute so war. Er wünschte, es wäre anders. Er wünschte, es ginge ihm besser. Er wünschte, sein Vater hätte ihn nicht so verdroschen – dann könnten sie jetzt irgendwas Lustiges machen und lachen, was Freunde halt so taten. Schach spielen. Oder – wenn’s schöner wär – Fußball. Sonst taten sie das auch oft.


Aber heute nicht. Heute ging nicht. Franz hasste sich dafür. Dafür, dass er das kaputt machte. Dass wegen ihm alles komisch war.


Ivo fing jetzt ganz leise an, die Melodie von irgendeinem kroatischen Lied zu summen. Wurde immer lauter. Sang schließlich sogar ganz leise – und brachte damit Franz’ Gedanken zum Schweigen.


Langsam wurde es still in Franz’ Kopf.


Nichts mochte er lieber, als hier bei Ivo zu sein. Seinem Ivo. Wo er endlich mal sicher war. Sich sicher fühlte. Nicht andauernd Angst haben musste. Sich auch zu Hause fühlte.


Wo alles – für einen Moment – irgendwie gut war.

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