[identity profile] kessel-ksl.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Team: Kobold
Challenge: Romantik/Intimität - JOKER (Blutsbrüder, 2023) - für mich
Fandom: Blind ermittelt
Charaktere: Alexander Haller, Udo Strasser
Wörter: 1245


Alex findet, dass sein Leben aktuell kaum besser sein könnte: Es liegen noch dreieinhalb Wochen Ferien vor ihm, das Wetter verspricht zu halten und mit dem Erledigen seiner Hausaufgaben und dem Lesen der anstehenden Lektüren hat er sich von Lorenz alle Freiheiten erkauft. Dass er die Zeit dafür nur hatte, weil Udo noch nicht wieder zurück in Wien war, muss Lorenz nicht wissen, wenn es ihm jetzt zugutekommt, dass er sich herumtreiben darf, wie es ihm passt. Das bedeutet in diesem Moment: Im hohen, gelben Gras an einer versteckten Donauaue liegen, neben ihm eine halbleere Flasche Rotwein, die er heute Morgen im Restaurant stibitzt hat, Sonne auf seinem nackten Oberkörper und ein Buch in der Hand. Irgendwo im Wasser ist Udo, der sich damit brüstet, von seinem Vater das Angeln gelernt zu haben, aber in der ganzen Woche, in der sie an jedem Tag hier waren, noch nicht einen Fisch gefangen hat. Und Alex bezweifelt, dass er wüsste, was er mit dem armen Tier anstellen soll, sollte er je Erfolg haben.

Er hebt den Blick, als er hört, dass Udo aus dem Wasser kommt und so ganz passt dieses veränderte Bild von seinem besten Freund noch nicht zu dem, das er letztes Jahr im Winter hatte. Udo hatte einen Wachstumsschub, der ihn jetzt gute zehn Zentimeter größer macht, als Alex und er ist braungebrannt und mit ganz kurz rasierten Haaren aus Belgrad zurückgekommen und in einer stillen Minute hat Alex überlegt, was Lorenz wohl sagen würde, wenn er sich die Haare abrasieren würde. (In einer anderen, viel heimlicheren Minute hat Alex den Gedanken verfolgt, dass Udo irgendwie gut aussieht, in der gleichen Art, wie er findet, dass die Mädchen beim Volleyball gut aussehen.) Udo kriegt glücklicherweise von seinen Gedanken nichts mit, rubbelt sich nur mit dem Handtuch ab und lässt sich neben Alex in das plattgetretene Gras fallen, das um sie herum so hoch steht, dass sie und ihre nachlässig hin geworfenen Fahrräder darin ganz verschwinden und für niemanden zu sehen sind. Nur sie, das Grillenzirpen und der endlos blaue Himmel.

„Was liest du?“ Udo tippt gegen das Buch, sodass es Alex auf die Brust fällt und er klappt es zu, legt es beiseite.

„Winnetou.“ Eigentlich ist er ein bisschen zu alt dafür, aber mit der brennenden Sonne auf der Haut fühlt er sich wie unter dem weiten Himmel Amerikas und als würde Iltschi hinter ihm grasen und nicht ihre Räder dort liegen.

„Lies vor!“, fordert Udo und greift nach der Rotweinflasche, fummelt den Korken heraus und trinkt durstig. Der Wein färbt seine Lippen violett, als er absetzt und grinst, sieht Alex, dass seine Zähne ebenfalls rot glänzen, als hätte er Blut im Mund.

Alex nimmt Udo die Flasche aus der Hand, nimmt ebenfalls einen Schluck, bevor er die Stelle im Buch sucht, an der Udo ihn unterbrochen hat.

„»Es ist Klekih-petras letztes Wort und letzter Wille gewesen, daß Old Shatterhand sein Nachfolger bei den Kriegern der Apachen sein möge, und Old Shatterhand hat ihm versprochen, diesen Wunsch zu erfüllen. Darum soll er in den Stamm der Apachen aufgenommen werden und als Häuptling gelten. Es soll so sein, als ob er rote Farbe hätte und bei uns geboren wäre. Damit dies bekräftigt werde, müßte er mit jedem erwachsenen Krieger der Apachen das Calumet rauchen; aber dies ist nicht nötig, denn er wird das Blut Winnetous trinken, und dieser wird das seinige genießen; dann ist er Blut von unserm Blute und Fleisch von unserm Fleische. Sind die Krieger der Apachen damit einverstanden?«

»Howgh, howgh, howgh!« lautete dreimal die freudige Antwort aller Anwesenden.

»So mögen Old Shatterhand und Winnetou herbei zum Sarge treten und ihr Blut in das Wasser der Brüderschaft tropfen lassen!«

Also eine Blutsbruderschaft, eine richtige, wirkliche Blutsbruderschaft, von der ich so oft gelesen hatte! Sie kommt bei vielen wilden oder halbwilden Völkerschaften vor und wird dadurch geschlossen, daß die beiden Betreffenden entweder Blut von sich mischen und dann trinken oder daß das Blut des Einen von dem Andern und so auch umgekehrt getrunken wird. Die Folge davon ist, daß diese Beiden dann fester, inniger und uneigennütziger zusammenhalten, als wenn sie von Geburt Brüder wären¹“, liest Alex vor.

„Na los!“, fordert Udo und Alex blickt vom Buch auf, sieht Udo im Schneidersitz vor sich sitzen, ein Taschenmesser in der Hand, mit dem er einem Apfel zu Leibe gerückt ist und dessen Klinge er im Sonnenlicht blitzen lässt. „Wir machen das auch! Dann sind wir Brüder, so wie du es geschrieben hast!“

Das hat er tatsächlich, in einem der seltenen Briefe, die er Udo im Laufe des Schuljahres geschickt hat, als ihn das Vermissen und die Einsamkeit besonders fest im Griff hatten und den er unfassbar peinlich gefunden hat, in dem Moment, als er ihn in den Briefkasten geworfen hat. Aber Udo musste ihn gelesen und sich die Worte gemerkt haben und hinter Alex’ Brustbein kribbelt es mit einem Mal und er spürt, wie sein Nacken warm wird, ganz anders als von der Sonne.

Und außerdem konnte er Udo schon immer schlecht eine Idee abschlagen, sonst säßen sie ja auch nicht hier draußen mit der Flasche Wein.

„Gut“, sagt er also und streckt seine Hand aus, bevor er länger darüber nachdenken kann.

Udo wischt die Klinge an seinem Hemd, das bisher Alex als Kopfkissen gedient hat, sauber und greift nach Alex’ rechter Hand. Udos Finger sind noch kühl von seinem Bad im Fluss und Gänsehaut zieht sich über Alex’ Arm, lässt die wenigen Haare dort zu Berge stehen. Konzentriert zieht Udo die Unterlippe zwischen die Zähne und setzt mit sicherem Griff das Messer an. Alex schlägt das Herz bis zur Brust und er hält gespannt den Atem an, kann sich nicht entscheiden, ob er hinschauen soll oder lieber nicht. Die Klinge drückt kalt gegen seine Haut, bis sie glatt hindurchgeht. Es tut kaum weh, der Schmerz fein und dünn wie der Schnitt.

Udo lässt seine Hand los, hält das Messer sicher in seiner linken Hand und setzt es auf dem rechten Daumenballen and und schneidet sich mit einer entschlossenen Geste.

Ein Atemzug lang starrt Alex auf die beiden Schnitte, aus denen die Blutstropfen quellen und das Bild droht an den Rändern zu verschwimmen, so wie wenn er im Sportunterricht zu schnell gerannt ist und er kaum Sauerstoff in die Lunge kriegt.

„Schlag ein.“ Udo hält die Hand hoch, an der sich schon ein dünnes Rinnsal gebildet hat und Alex ergreift sie. Der Handschlag ist fest und verbindlich und Udos braune Augen blitzen warm, als sie sich ansehen.

„Brüder“, sagt Alex und hofft, dass seine Stimme so ernst klingt, wie er es der Situation angemessen findet.

„Brüder“, erwidert Udo, drückt seine Hand. „Für immer.“

Alex blickt auf ihre Hände, dann in Udos Gesicht und nickt mit einem Grinsen auf den Lippen.

„Howgh!“, rufen sie einstimmig und unter Gelächter.

Ihre Haut klebt vom Blut aneinander, als sie ihren Handschlag lösen und es läuft Alex am Handgelenk hinunter. Eilig drückt er sein Handtuch dagegen, während Udo seine Hand gegen seinen Mund presst und mit einer Hand ungelenk die Ärmel seines Bad Religion T-Shirts abschneidet. Was ihm blühend würde, wenn er so mit seinen Sachen umgehen würde, will er sich lieber nicht ausmalen.
Aber Udo schlingt ihnen die Fetzen als improvisierte Verbände um die Hände und streift sich das ärmellose T-Shirt wieder über, sieht an sich herunter. „Sieht eh cooler aus so.“ Er säubert das Messer und verstaut es in seinem Rucksack. „Gib mir nochmal den Wein und … liest du noch ein bisschen vor?“

¹aus: Karl May - Winnetou I, 1893 über Projekt Gutenberg

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios