Challenge: Schreibaufgaben – eine Szene, in der ein wichtiger Sinn fehlt (fürs Team)
Fandom: Tatort Wien
Charaktere: Bibi Fellner, Ernst Rauter
Inhalt: Ernstl kommt aus dem Gleichgewicht.
A/N: Eine kleine Szene, die in meinem Magic AU vom letzten Jahr spielt, angesiedelt kurz nach diesem Beitrag.
Ein dumpfer Schlag und etwas, das wie ein lautes Fluchen klang, auch wenn sie die Worte nicht verstehen konnte, ließen Bibi aufspringen. Sie eilte durch den Flur und klopfte an die geschlossene Badezimmertür.
"Ernstl? Alles in Ordnung?"
Einen langen Moment blieb es still, dann sagte er etwas, das sie als 'nein' interpretierte. Vorsichtig öffnete sie die Tür und als sie keinen Protest hörte, lugte sie um die Ecke, bevor sie den Raum betrat. Ernstl saß am Boden zwischen Toilette und Badewanne und war gerade dabei, sich aufzurappeln. Mit einer Hand hielt er sich am Wannenrand fest, die andere streckte er ihr nun entgegen. Sie griff danach und half ihm hoch, so dass er sich auf den Klodeckel setzen konnte.
"Das Gleichgewicht?", fragte sie und er nickte, bevor er sofort wieder in Schieflage geriet. Dieses Mal war sie aber da und hielt ihn fest, bevor er zur Seite kippen konnte.
Seine Hände suchten nach ihr, fanden ihren Arm und ihren Bauch und krallten sich regelrecht in ihrem Pullover fest, während er ein klägliches Wimmern ausstieß, bei dem ihr fast die Tränen kamen. Er hatte die Augen geschlossen, die Lider fest zusammengepresst und sie zog ihn jetzt ganz nah an sich heran, damit er nicht wieder fallen konnte und hielt ihn, solange sein Gleichgewichtssinn streikte.
Seit Ernstl aufgewacht war, hatten sie herausgefunden, dass es meist nur ganz kurze Momente waren, in denen sein Gleichgewicht versagte, aber in seltenen Fällen konnte es auch mehrere Minuten dauern, in denen für ihn dann die Welt Kopf stand und sich drehte. Auch jetzt merkte sie, wie er im Sitzen schwankte und hielt ihn so fest sie konnte. Sein Atem hatte sich beschleunigt, bis er nun fast vor Anstrengung schnaufte. Sie spürte, wie sich seine Muskeln spannten und entspannten, wenn die falsch feuernden Synapsen in seinem Hirn ihn in die eine oder andere Richtung zogen.
Wieder machte er ein Geräusch, fast ein Schluchzen und seine Verzweiflung brannte sich in ihr Herz.
"Ist gut, Ernstl. Ich halt dich fest. Versprochen", murmelte sie in seine Haare. "Is bestimmt gleich vorbei."
Wen von ihnen beiden sie damit mehr beruhigen wollte, wusste sie nicht, denn Momente wie dieser machten ihr furchtbare Angst. Was, wenn es immer so weiter gehen würde und er für den Rest seines Lebens mit seinem Gleichgewichtssinn kämpfen musste?
Er schwankte leicht in ihren Armen und sie drückte ihn fester.
Nein, so durfte sie nicht denken! Ernstl würde sich wieder erholen. Er würde seine Sprache wiederfinden und sein Gleichgewicht.
Daran musste sie glauben– wenn nicht für sich selbst, dann für ihn.