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Team: Kobold
Challenge: Angst — in Flammen — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Josef Leitmayr, Franz' Mutter (sort of)
Wörter: 1471
A/N: tw: child abuse



Franz hatte sein Zimmer schon seit Stunden nicht mehr verlassen – zu groß war seine Angst. Als sein Vater nach Hause gekommen war, hatten seine Eltern wieder gestritten, laut geschrien. Jetzt war es ruhig, aber man sollte sich nicht täuschen lassen und glauben, es sei vorbei. Nein, es hatte gerade erst angefangen. Und jetzt konnte jeder Schritt tödlich sein.


Franz hatte furchtbaren Durst und Hunger und müsste eigentlich auch mal auf die Toilette, aber die Angst vor seinem Vater und dem, was dieser sagen oder tun könnte, war zu groß. Also blieb er in seinem Zimmer, verkrochen im hintersten Eck seines Bettes, eingerollt in seine Decke. Sein Skizzenbuch hielt er ganz nah bei sich. Er zeichnete vage Umrisse ferner Landschaften – Orte, an denen er nie gewesen war, aber vielleicht irgendwann einmal sein wollte. Orte, weit weg von München. Orte, wo es keinen Josef Leitmayr gab. Wo alles gut war. Wo alles einfach war. Ohne Josef Leitmayr war alles immer einfacher. Vielleicht wäre auch alles besser.


Tränen hatten sich in Franz’ Augen gesammelt. Er wollte eigentlich nicht über seinen Vater nachdenken – und erst recht nicht wegen ihm weinen. Das kam schon noch. Aber erst, nachdem er ihn verdroschen hatte. Dabei waren die Schläge gar nicht das Schlimmste. Über die Jahre hatte Franz gelernt, den Schmerz zu ignorieren, ihn einfach über sich ergehen zu lassen, zu verstecken, zu vergessen. Viel schlimmer waren die Worte. Natürlich könnte er versuchen, einfach nicht hinzuhören – aber das würde alles nur schlimmer machen. Die Worte waren jedes Mal anders, jedes Mal lauter, aggressiver, böser. Und jedes Mal ließen sie Franz mehr wünschen, er würde nicht existieren.


Und so saß er jetzt da, konnte nicht raus, und auch nur hier zu Liegen machte ihm Angst. Angst, dass sein Vater jeden Moment hereinkommen könnte. Franz hatte immer Angst. Hier. Überall. Er war froh, wenn er nicht zu Hause war – wenn er irgendwo war, wo es keinen Josef Leitmayr gab, vor dem man Angst haben musste.


Er versank weiter in seinen Gedanken, zeichnete Hügel, ein Haus, ein paar Bäume – wie in der Toskana. Franz lächelte fast. Wie gern wäre er jetzt wieder in Italien, wo es schön warm war. Nicht so kalt wie hier in München, wenn seine Eltern mal wieder die Heizung nicht bezahlt hatten. In Italien war es auch nicht so karg, nicht so trist – und vor allem: Dort gab es seine Eltern nicht. Und das war eigentlich das Wichtigste.


Franz wurde aus seinen Träumen gerissen, als er Schritte auf dem Flur hörte. Verdammt. Das war nicht seine Mutter – das war sein Vater. Und während Franz leise betete und hoffte, dass dieser vielleicht nur auf die Toilette ging, wusste er doch schon, dass dem nicht so war. Natürlich klopfte sein Vater nie. Josef klopfte nie. Warum auch? Es war ja seine Wohnung. Er kam einfach rein. Ob man das wollte oder nicht.


Franz lugte vorsichtig hinter seiner Decke hervor, die er wie ein Schutzschild vor sich aufgebaut hatte. Vater wirkte nicht verärgert – aber das täuschte. Man konnte selten an seinem Gesicht ablesen, wie er wirklich gelaunt war.


„Was machst denn?“ fragte er. Klang fast freundlich. Vielleicht war ja alles gut? Vielleicht war er diesmal gar nicht böse? Vielleicht war er nur neugierig? Vielleicht war er nicht gekommen, um seinen Ärger an Franz auszulassen?


„Nix“, antwortete Franz leise. Das stimmte nicht, aber Franz wollte ihm nicht sagen, dass er zeichnete. Vor allem nicht, dass er Landschaften zeichnete. Vater hielt nicht viel davon. Zeichnen sei für Mädchen, nicht für Franz – und schon gar nicht das, was Franz zeichnete. Nichts Richtiges, nichts, das einem was im Leben brachte.


„Wie, nix? Zeichnest du wieder?“ Die Stimme wurde schon verärgerter. Er drang tiefer in Franz’ Zimmer vor, in Franz’ Reich, das gar nicht wirklich seines war.


„Zeig mal.“


„Nein, ich hab nix gezeichnet.“ Franz wollte sich nicht schon wieder dafür fertig machen lassen. Es war zwar auch gewagt, den Vater anzulügen, aber jetzt war es ohnehin zu spät.


„Lüg mich nicht an!“ Jetzt stand er direkt vor Franz – groß, viel größer – und blickte auf ihn herab. Franz sah in seine Augen. Sie hatten dieselbe Farbe wie seine.


Dann griff Josef nach unten, zog Franz’ Skizzenbuch hervor.


„Wieso lügst du mich an?!“ brüllte er, und Franz rutschte noch weiter zurück ins Eck seines Bettes.


„Du bleib gefälligst hier!“ Er griff hart nach Franz’ Arm und zog ihn mit sich hinaus auf den Flur – so fest, dass Franz bestimmt einen blauen Fleck davon tragen würde. Er zog ihn ins Wohnzimmer, zum kleinen Kamin.


„Stell dich dahin“, befahl er. Franz stand direkt davor.


„Mach ihn auf.“


„Was?“, fragte Franz leise.


„Na was?! Den Kamin – oder siehst du hier sonst noch was, was man aufmachen kann?!“


Franz drehte sich hilfesuchend zu seiner Mutter um. Doch die ignorierte alles. Saß vertieft in ein Buch auf der Couch. Kein Blick. Kein Wort.


„Wo schaust du hin?! Da ist der Kamin, du Idiot!“ Mit einem harten Schubser stieß er Franz nach vorn. Der Griff war viel zu heiß. Franz verbrannte sich die Finger, als er ihn anfassen wollte. Zog die Hand wieder weg.


„Das ist zu…“ …heiß, wollte er sagen, doch Vater unterbrach ihn.


„Nix ist hier zu heiß! Du bist nur zu empfindlich! Wenn du den nicht sofort aufschraubst, wird dein Zimmer gar nicht mehr geheizt!“


Also griff Franz wieder zu, ignorierte den Schmerz, verzog den Mund, biss die Zähne zusammen, drehte auf. Er öffnete die Tür zum Nachheizen und sah verunsichert zu seinem Vater.


Der hielt noch immer das Skizzenbuch in der Hand. Dann schleuderte er es voller Wut in die Flammen.


„Das hast du jetzt davon! Ich hab dich gewarnt!“, schrie er.


Ja, er hatte gedroht. Am Samstag. Aber Franz hatte nicht geglaubt, dass er es wirklich tun würde. Dass er es wirklich verbrennen würde.


Franz konnte nur noch zusehen, wie die Flammen langsam die Seiten seines Buches fraßen. Seine Träume. Seine Zuflucht. Alles, was ihn glücklich gemacht hatte. Er war zu fassungslos, um zu weinen.


Und eigentlich überraschte es ihn nicht mal.


Es war normal.


Zumindest für ihn.


Dass sein Vater alles zerstörte, was ihm lieb war.


Und dass seine Mutter einfach wegschaute.


„Und jetzt geh mir aus den Augen! Und such dir ein anständiges Hobby!“, rief Vater.


Franz war schon fast draußen, da ertönte nochmal seine Stimme.


„Und was ist mit der Kamintür?! Denkst du, die schließt sich von selbst?!“


Franz drehte um. Tränen hatten sich in seinen Augen gesammelt, die er jetzt mühsam zu unterdrücken versuchte. Er hockte sich vorsichtig wieder hin, wollte gerade die Tür schließen – da traf ihn ein Tritt.


„Jetzt weinst du auch noch?! Wegen sowas?!“


Noch ein Tritt.


Franz kniff die Augen zusammen. Wollte einfach nur woanders sein. In Portugal vielleicht. Am Strand. Gelber Sand. Blaues Meer. Große Wellen. Bilder aus Prospekten. Aus Büchern. Menschen mit Surfbrettern…


BAM!


Der nächste Tritt.


Mitten in die Magengrube.


Ihm wurde schlecht.


Bloß nicht kotzen. Das war ihm einmal passiert. Und sein Vater hatte fast verlangt, dass er es wieder aufisst.


Einfach nur still sein. Nicht schreien. An Portugal denken.


Aber dann fiel ihm ein: Die Skizze vom portugiesischen Strand war jetzt Asche.


Wie alles andere auch.


Franz mühte sich, keine weiteren Tränen zuzulassen. Der Boden war hart. Kalt. Und alles tat weh.


„Jetzt mach sie doch endlich zu, die scheiß Tür!“, brüllte sein Vater. Seine Stimme war schon heiser.


Franz kroch auf allen Vieren, zitternd. Der Griff war jetzt nur noch lauwarm. Er warf einen letzten Blick auf das, was übrig war – verkohlte Reste seines Lebens. Dann schloss er die Tür, schraubte zu, stand auf. Wankte. Und verließ so leise wie möglich das Wohnzimmer.


Er schloss die Tür zu seinem Zimmer.


Dann brach er zusammen.


Würgte. Schluchzte. Weinte – so leise wie möglich.


Dunkel war es. Nur das Mondlicht fiel durch das Fenster auf seinen zitternden Körper am Boden.


All seine Zeichnungen. All seine Träume.


Waren jetzt Asche und Staub.


Sein ganzes Leben hatte der Vater ihm genommen.


Franz konnte kaum noch atmen. Die Luft kam nur noch in kleinen Portionen. Immer wieder verschluckte er sich an seinen Tränen, die salzig auf seiner Zunge brannten. Zwei Mal würgte er noch. Dann war er zu erschöpft. Zu erschöpft zum Würgen, zum Weinen, zum Atmen, zum Sein.


Er lag einfach nur da und starrte hinaus zum Mond.


Dachte an Gott. Und wie sehr er an ihn geglaubt hatte. Jeden Abend hatte er gebetet. Gefleht, dass es endlich ein Ende nahm – der Schmerz, das Leid.


Aber es wurde nie weniger. Nur schlimmer.


Manchmal glaubte Franz, es sei seine Schuld. Vielleicht hatte sein Vater recht. Vielleicht war er wirklich nicht gut genug. Bei anderen war das ja auch nicht so – deren Väter waren nett, liebevoll. Die liebten ihre Kinder.


Nur sein Vater nicht.


Dann war es doch sicher Franz, der falsch war.


Und jetzt war es nicht mehr nur sein Vater, der ihn schlug.


Jetzt war es auch Franz selbst.

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