Team: Kobold
Challenge: Angst — fataler Fehler — für mich
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Josef Leitmayr
Wörter: 1520
Franz hasste das Pflegeheim. Und er hasste es, dorthin zu fahren.
Er hasste alles daran.
Er hatte es geschoben und geschoben, immer wieder abgesagt – monatelang. Aber ihm waren die Ausreden ausgegangen, und so musste er jetzt doch wieder hin.
Ivo hatte er irgendwas erzählt – er würde einkaufen gehen oder so. Keine Ahnung, ob Ivo ihm das glaubte oder nicht. Wahrscheinlich nicht.
Er durchquerte die gläserne Tür und trat ein ins warme Innere des Pflegeheims. Draußen war Winter – es war unfassbar kalt.
Franz hasste schon den Geruch hier. Und er hasste die Geräusche.
Er hasste, wie das Linoleum unter seinen Schuhen leicht quietschte, und er hasste den Weg, den er jedes Mal einschlug: vorbei an irgendwelchen religiösen Bildern und halb verdorrten Pflanzen.
Dann durch eine weitere Tür, an der ein großes Schild hing, auf dem stand: „Türe immer schließen!“
Fast wie ein Gefängnis hier. Eigentlich war es nichts anderes als sein Gefängnis.
Josef saß dort, wo er immer saß – im Essenssaal, ganz hinten im Eck. Da war eben sein Platz.
Er sah Franz zuerst nicht, war vertieft in die Zeitung, die vor ihm auf dem Tisch lag.
Erst als Franz nur noch wenige Meter entfernt war, blickte er auf – über den Rand der Lesebrille hinweg – hoch zu Franz.
Franz fand, er sah furchtbar aus.
Abgemagert. Viel schwächer als früher.
Die Haare dünner, noch weißer. Die Finger noch knochiger. Die Haut in seinem Gesicht noch faltiger.
Franz verzog den Mund.
„Guten Tag, Vater“, sagte er, streckte ihm die Hand entgegen.
Josef nahm sie. Ein kurzer Händedruck. Dann ließen sie wieder los.
Franz hasste das Gefühl, das die trockene Haut seines Vaters auf seiner Hand hinterließ.
Er schob einen der Stühle heraus und setzte sich darauf.
Er schaute seinen Vater erstmal einfach nur stumm an. Josef hatte bisher noch nichts gesagt – aber das war nicht ungewöhnlich.
Es gab Besuche, da sagte er kein einziges Wort.
Er sah Franz nur an. Stumm. Und verurteilte ihn mit Blicken allein.
Vielleicht war heute wieder so ein Tag.
Vielleicht, weil Franz so lange nicht gekommen war. Vielleicht aus einem anderen Grund.
Franz wusste es nicht.
Er schaute jetzt auch nicht mehr zu Josef.
Er hasste es, sich in seinem Vater wiederzuerkennen.
Viel zu oft hatte er hören müssen, wie ähnlich er ihm doch sah.
Er wollte nicht aussehen wie sein Vater – und wollte jetzt erst recht nicht mit dieser Wahrheit konfrontiert werden.
Also sah er lieber den Schneeflocken zu, wie sie langsam am Fenster vorbeiflogen.
Fast meditativ war das.
Für einen kurzen Moment vergaß Franz, wo er überhaupt war. Und weshalb.
Dachte stattdessen an Ivo.
Und an den Fall, den sie als Letztes bearbeitet hatten.
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als einer der anderen „Patienten“ seinen Becher fallen ließ – ein lauter Knall.
Franz wandte sich also wieder seinem Vater zu. Sah auf dessen Finger und Nägel.
„Und…“, er räusperte sich, „…was geht’s dir so?“
Ein kurzer Seitenblick zu seinem Vater.
Fast fragte er sich, warum er überhaupt mit ihm reden sollte.
Hier passierte ohnehin nicht viel.
Und Franz war seinem Vater doch eh immer gleichgültig gewesen.
Außerdem bekam er jetzt ohnehin keine Antwort.
Franz seufzte.
Dann begann er, einfach irgendwas zu reden.
„Mutter hat mich wieder an Weihnachten eingeladen. Es gab Wild diesmal.
Jedes Mal hat sie eine andere Idee, was ich mitbringen soll.
Weißt du noch? Früher hatten wir immer Frankfurter an Weihnachten?
Bevor ich zur Messe gehen musste. Du hast immer gesagt, das sei das einzig wahre Essen an Weihnachten.“
Franz lächelte bei der Erinnerung. Ein trauriges Lächeln.
Damals war seine Mutter schon weg gewesen – nur sein Vater und er.
Es war schrecklich gewesen.
Er blickte wieder kurz auf.
Und sah in das Gesicht seines Vaters.
Er meinte, den Hauch eines Lächelns gesehen zu haben.
Also erzählte er weiter:
„Und beim Rathaus – ham die jetzt wieder so ’nen riesen Baum aufgestellt, wie jedes Jahr. Und ein Weihnachtsmarkt ist auch da. Aber da war ich heuer noch nicht.“
Er blickte wieder kurz zu seinem Vater –
aber der starrte nur in die Leere.
„Weißt du noch – wir hatten auch immer ’nen Baum. Einen kleinen, den wir aus dem Wald gestohlen haben.
Aber Kugeln hatten wir keine.“
Franz lachte ein wenig. Es war ein unechtes Lachen.
„Und die Nachbarn haben uns immer Kekse geschenkt – die du mich nicht hast essen lassen.“
Noch ein Blick zu seinem Vater. Keine Reaktion.
Franz seufzte.
Er dachte eigentlich nicht gern an seine Kindheit.
Und noch weniger gern an Weihnachten.
Er wischte sich ein wenig über die Augen.
Weihnachten.
Sein Vater hatte ihn noch nicht mal eines Blickes gewürdigt.
Damals nicht – und heute nicht.
„Schau mal – es schneit sogar. Heuer hat es schon echt oft geschneit, findest du nicht?“
Ein letzter kläglicher Versuch.
Auch diesmal –
Josef blieb stur. Starrte auf die Tischplatte und die Zeitung darauf.
„Wenn du mir eh nix zu sagen hast, dann werd ich jetzt wieder gehen.“
Franz stand auf, nahm nochmal die Hand des alten Mannes.
Noch ein Blick zurück.
Nichts. Gar nichts.
Franz war ihm scheißegal.
Franz drehte sich also um und ging.
Langsam.
Kurz blieb er noch stehen – beim Büro der Pfleger.
Eine Pflegerin kam heraus, um mit ihm zu reden.
„Und wie geht’s so mit ihm?“, fragte Franz, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.
„Sie waren jetzt auch länger nicht hier, oder?“
„Ja… mir ist leider immer wieder was dazwischengekommen“, log Franz.
„Es geht ihm soweit gut. Er versteht sich gut mit den anderen, gesundheitlich ist auch alles in Ordnung. Ein paar Jahre hat er sicher noch.“
Franz nickte. Und lächelte – als wäre das etwas Gutes.
„Danke.“
Er schüttelte ihre Hand.
Dann ging er.
Zurück in die Freiheit.
Hinaus aus diesem Gefängnis.
Zurück im Auto.
Er fuhr nicht gleich los.
Er saß einfach nur da. Starrte in die Leere.
Dachte an seinen Vater.
An den Vater, von dem er sich nur eines wünschte:
Einmal im Leben geliebt zu werden.
Einmal gut genug zu sein – für ihn. Für seinen Vater.
Tränen stiegen in Franz’ Augen.
Aber egal, was er tat – Franz war nie gut genug.
Nie. Nie. Nie.
Er war es nicht mal wert, eines Blickes gewürdigt zu werden. Oder ein Wort.
Da war nichts.
Überhaupt nichts.
Nur Leere.
Und Gleichgültigkeit.
Schon immer.
Nur Anforderungen, denen er nicht genügen konnte.
Und der Schmerz, der Schläge und der Worte.
Und danach – immer diese Entschuldigungen, die nichts bedeuteten.
Nichts hatte sich verändert.
Und trotzdem konnte Franz seinen Vater nicht hassen.
Konnte ihm niemals die selbe Gleichgültigkeit entgegenbringen.
War es denn so schwer?
Franz wollte doch nur, dass sein Vater einmal stolz auf ihn war.
Er wollte einmal genügen.
Einmal nicht zu viel – und nicht zu wenig sein.
Und Franz fühlte sich schlecht.
Er fühlte sich schlecht, wenn er seinen Vater so lange nicht besuchte.
Aber jetzt… jetzt hatte er ihn besucht.
Und jetzt fühlte er sich auch schlecht.
Egal, was er tat – er fühlte sich immer schlecht.
Er hasste sich. Immer.
Und auch das war die Schuld seines Vaters.
Franz schaute in den Rückspiegel.
Eigentlich nur, weil er meinte, Leute vorbeigehen gesehen zu haben.
Aber – weil Ivo als Letztes gefahren war und Franz vergessen hatte, den Spiegel umzustellen – sah er jetzt statt der Straße hinter sich sein Spiegelbild.
Ein Bild, das nicht seines war.
Er sah dieselben grün-grauen Augen, wie sie auch sein Vater hatte.
Und dieselbe markante Nase.
Die gleiche Art, wie sich die Stirn in Falten legte.
Franz hasste, wie er aussah.
Wie ähnlich er seinem Vater sah.
Und dieser Hass, diese Wut waren so stark in ihm, dass er, als er versuchte, den Spiegel wegzudrehen, ihn fast abbrach.
Sein Gesicht war zu einer Grimasse verzerrt, während weiter Tränen über seine Wangen strömten.
Und in ihm eine Stimme schrie die auch nicht seine war, sondern auch die seines Vaters:
„Hör auf jetzt! Hör auf zu heulen! Oder willst du, dass Ivo das sieht? Dass er sieht, was du wirklich bist? Was für ein Versager du bist? Dann wird er dich auch verlassen! Hält sowieso niemand mit dir aus! Du bist es sowieso nicht wert, dass irgendwer dich liebt! Und jetzt reiß dich verdammt nochmal zusammen!“
Franz entwich ein Schluchzen – so laut, dass es ihn in der Stille selbst erschreckte.
Er hielt sich die Hand vor den Mund.
Dann biss er hinein – um das Schluchzen irgendwie zu unterdrücken.
Die Windschutzscheibe war nass vom Schnee.
Und Franz war kalt.
Kalt, weil es draußen kalt war.
Kalt, weil es im Auto kalt war.
Kalt, weil er fast zehn Minuten zum Auto hatte gehen müssen.
Und kalt, weil es in seinem Herzen so kalt war.
Weil er sich so ungeliebt und scheiße fühlte.
Und verdammt – er hasste es, dass er sich so fühlte.
Er hasste, dass er sich immer noch so sehr von seinem Vater beeinflussen ließ.
Von allem, was dieser sagte oder dachte.
Obwohl er Ivo nie etwas hiervon erzählt hatte – nicht erzählen konnte –
wünschte er sich jetzt so sehr, Ivo wäre hier.
Würde ihn in den Arm nehmen.
Ihm sagen, dass das, was sein Vater tat und sagte, nicht stimmte.
Dass Franz gut genug war.
Aber das war nur eine Wunschvorstellung.
Ivo war nicht hier.
Franz war ganz allein.
Rei in der tube
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Wegen faden schaun