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Team: Kobold
Challenge: Angst — fataler Fehler — für mich
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Ivo Batic
Wörter: 925



Franz kannte die Nummer, die ihm angezeigt wurde – auch wenn sie nicht eingespeichert war, kannte er jede einzelne Zahl davon, wie eingebrannt in sein Hirn. Und als er sie jetzt sah, wurde ihm heiß und kalt gleichzeitig. Tausend Gedanken sprangen in seinem Kopf umher. Er wusste, er sollte nicht abheben – nie, nie, niemals sollte er abheben. Es wäre tödlich, abzuheben.
Aber am Ende gewann die Angst. Die Angst davor, was passieren würde, wenn er nicht abhob. Eine Ewigkeit lang schwebte Franz’ Daumen über der Abhebentaste, bis er diese auch wirklich drückte.


Zuerst war Ivo gar nicht so richtig aufgefallen, was da passiert war. Konzentriert hatte er an seinem Protokoll getippt – es war jetzt auch schon fast fertig –, aber schließlich war sein Blick zu Franz gewandert, weil dessen Handy geläutet hatte und es Ivo interessiert hatte, wer oder was das wohl war. Vielleicht ja ein neuer Fall.
Franz hatte aber nur eine ganze Ewigkeit auf dieses Display gestarrt, bis man schon Schweißperlen auf seiner Stirn sehen konnte. Erst, als der Anruf schon fast wieder vorbei war, drückte Franz im letzten Moment auf die Abheben-Taste. Sein Gesicht war zu einer komischen, fast ängstlichen Maske verzerrt, als er das Handy jetzt zu seinem Ohr führte – und Ivos Neugier wich eher Sorge.


„Franz Leitmayr, wie kann ich Ihnen helfen?“ Franz’ Stimme war zittrig und leise – kaum mehr als ein Hauch.


„Franz! Hams mi endlich zu dir durchgestellt, hat eh lang gnuag gedauert.“
Eine kurze Pause. Franz’ Daumen schwebte über der Auflegen-Taste. Nur ein kurzer Druck – dann war alles wieder vorbei. Er könnte einfach weiter Protokoll schreiben und alles, was in der letzten Minute passiert war, vergessen.
Er bereute den Anruf anzunehmen – jetzt schon. Das alles war ein fataler Fehler.


„Warum meldest du dich nie? A private Nummer hab i a ned?“


Franz wollte was sagen – wollte sagen, dass er das eben so entschieden hatte, keinen Kontakt mehr zu haben, und dann aufzulegen. Aber stattdessen siegte ein anderer Teil in ihm:
„Tut mir leid“, sagte er.
Zu viel Angst hatte er davor, zu widersprechen. Er traute diesem Mann durchaus zu, jederzeit hier im Präsidium, in seiner Wohnung oder sonst wo aufzutauchen.


Eigentlich hatte Franz seinen Vater schon fast vergessen, dachte kaum noch an ihn – und das war auch gut so. Für Josef Leitmayr wollte Franz keinen Platz mehr in seinem Leben lassen. Zu viel hatte er schon dominiert und ruiniert.
Also warum konnte Franz sich nicht einfach zusammenreißen und ihn nochmal aus seinem Leben streichen?


„Du bist jetzt Hauptkommissar? Aha. Mehr war nicht drin? Bald bist du 40 – Frau und Kinder hast du auch ned, hat die Mama mir gsagt, weil mit der redest du ja anscheinend schon noch.“


Nur ein Vorwurf nach dem anderen. Franz wusste nicht mal, was er sagen sollte.
Er mochte sein Leben eigentlich, fand es ganz okay. Er brauchte keine höhere Beförderung oder eine Frau oder Kinder.
Er war doch glücklich so, hier mit Ivo – war doch alles gut.
Aber wenn sein Vater das so sagte…
Und es Franz’ innigster Wunsch immer nur gewesen war, von seinem Vater geliebt zu werden und dass dieser einmal stolz auf ihn war. Und irgendwo hatte ein kleiner Teil in ihm gehofft, das vielleicht erreicht zu haben – auch seinen Vater glücklich zu machen.
Aber dem schien nicht so zu sein. Und das zerstörte etwas in Franz.
Er hasste sich dafür.
Er hasste sich so sehr – viel mehr, als er seinen Vater jemals hassen könnte –, dafür, dass er es nach all den Jahren immer noch nicht schaffte, sich von dessen Meinung zu befreien.
Und er hasste sich so sehr dafür, dass er diesen Erwartungen nicht entsprach. Dass er nie gut genug war. Nicht für seinen Vater. Und auch sonst für niemanden.
Alles in ihm schrie. Alles in ihm war so voller Hass – gegen sich selbst.


„Sagst du nix? Da ruf ich dich einmal an und dann is eh nix. Hätt ich’s auch lassen können.“


„Nein!... Nein, alles gut... tut mir leid.“
Franz’ Stimme war jetzt fast panisch. Es war so absurd, wie abhängig er von diesem Mann und dessen Ansichten und Aussagen war.
Aber das war etwas, das war so tief in Franz verankert, weil er sein ganzes halbes Leben sich nur nach dessen Wünschen und Meinungen untergeordnet hatte – um irgendwie zu überleben.
Und selbst wenn er wollte, konnte er niemals die gleiche Gleichgültigkeit gegenüber seinem Vater aufbringen, die dieser sein ganzes Leben ihm gegenüber gehabt hatte.


„Naja, ist ja auch egal. Ich ruf ja ned zum Spaß an. Du kommst morgen und hilfst ma so an Schrank aufbaun. Bin scho bissl älter, do is des nimma so leicht.“


Natürlich hatte er nicht einfach so angerufen. Natürlich.
Nie.
Das war Franz nicht wert. Franz war es nur wert, irgendwas für ihn zu erledigen – irgendwas für ihn zu arbeiten, nur um dabei wie der letzte Dreck behandelt zu werden.


„Ich kann da ned.“
Franz’ Stimme zitterte noch ein wenig, wurde aber bei jedem Wort fester.
Er hatte geschworen, nie zu seinem Vater zurückzugehen – egal, wegen was. Und das würde er jetzt nicht brechen.
Außerdem hatten Ivo und er morgen nach der Arbeit schon etwas vor. Und er würde Ivo niemals auch nur irgendwo weniger Priorität einräumen als seinem Arschloch-Vater.


„Dann wirst du das wohl irgendwie einrichten müssen. Ich bin dein Vater – und du hast mir zu helfen, wenn ich des von dir verlange.“


Fast hätte Franz gelacht. Seinem Vater zu widersprechen hatte etwas Mut in ihm losgetreten – sich vielleicht doch nicht weiter unterkriegen zu lassen.


„Nein, hab ich nicht.“
Das war alles, was Franz sagte. Dann legte er auf.

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