Team: Kobold
Challenge: Krimi/Triller/Horror — “Was haben Sie gestern Abend zwischen zehn und zwölf gemacht?” — für mich
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Ivo Batic
Wörter: 1025
A/N: tw: child abuse
Sie läuteten bei der ersten Wohnung.
Sie waren schon kurz davor, einfach weiterzugehen und es stattdessen bei der dritten zu versuchen –
doch dann öffnete eine kleine alte Frau mit langen grauen Haaren im Dutt.
Franz erkannte sie sofort. Frau Seib. Sie hatte auch damals schon hier gewohnt – vor vierzig Jahren.
Und auch sie schien ihn wiederzuerkennen, bevor er überhaupt seinen Ausweis zücken konnte:
„Ach, Franzl! Du bist aber groß woan. Dass i di nu amoi do seg, hätt i ma a ned docht.“
Sie lächelte. „Ach kemans doch eina. Geht’s um de Nachbarn?“
Ivo begann einige Fragen zu stellen.
Aber es dauerte keine drei Sätze, da schaute Frau Seib wieder zu Franz:
„Dei Voda, da Josef, der is jo jetzt a scho boid 15 Joah tot, oder?
Ahhh, a guada Mann woa des. Des woa nu a echter Mann. Der hod nu für Ordnung gsorgt.
Und er hod sie jo a ois Voda immer so vü Müh’ gem. Hostas scho guad ghobt domois, Franzl.
Des woa scho a guada Mann.“
Franz konnte nur nicken. Mehr schaffte er nicht.
Ivo unterbrach sie noch, bevor sie den letzten Satz überhaupt beenden konnte:
„Kommen ma doch zurück zu den Nachbarn, Frau Seib. Also Sie sagen, Sie hätten öfter Geschrei gehört?“
„Ja, ja, immer hom de gschrien.“
Ihr Blick war weiter auf Franz fixiert.
„So wie bei eich domois, Franzl. Dei Muata – des woa scho so oane. De hod dein Voda nie in Ruah lassen kina.
Do woas donn a immer laut. Guat woas, wie die moi weg woa.
Owa, Franzl – du hostas jo eh zu wos brocht. Dei Voda wad sicha stoiz.
Des woit a nämlich immer – dass du moi a ganz a Großer wirst.“
Sie lächelte ihn an.
Franz konnte nur grimassenähnlich zurücklächeln.
Wieder musste Ivo das Gespräch retten:
„So, Frau Seib, danke für die Auskunft. Wir schicken dann die Tage nochmal an Kollegen vorbei.
Aber des war’s jetzt erstmal. Vielen Dank und schönen Tag noch.“
Dann schob er Franz aus der Wohnung und schloss die Tür hinter sich.
Er beobachtete ihn wachsam.
Doch Franz schien sich diesmal schneller gefangen zu haben – zumindest wollte er Ivo das glauben lassen.
Er schaute ihn an und sagte: „Die dritte noch, oder?“ und zeigte ans Ende des Flurs.
Doch so blöd war Ivo nicht.
Er sah die Angst in Franz’ Augen, das Zittern in seinen Händen.
Er sah genau, dass das, was Franz da spielte, nur Show war.
Trotzdem antwortete er nur mit: „Ja.“
Und seufzte. Hier war nicht der Ort für diese Auseinandersetzung.
Mit jedem Schritt, den Franz weiter auf die Wohnungstür zuging, wurde ihm flauer im Magen.
Alles in seinem Kopf begann sich zu drehen, sich zu vermengen mit den Erinnerungen.
Alle Erinnerungen rannen zusammen, wurden zu einem Meer aus einer großen, schweren Erinnerung –
einer Erinnerung an Liebe, Wut, Hass, Schmerz, Unsicherheit und Trauer.
Ein Ort, an den er nie hatte zurückkehren wollen.
Und trotzdem stand er jetzt da.
Drückte den Knopf unter dem Klingelschild – auf dem jetzt „Wallner“ statt „Leitmayr“ stand.
Franz war so schlecht, dass er glaubte, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
So eingenommen von allem, dass ihm fast schwarz vor Augen wurde.
In dem Moment, in dem er glaubte, gleich umzukippen, öffnete eine Frau Mitte dreißig die Tür und blickte etwas verunsichert zu den beiden Männern hoch.
„Batic, Kripo München. Wir hätten ein paar Fragen zu Ihren Nachbarn für Sie“, hörte Franz die Stimme seines Partners – und wurde zurück in die Realität geholt.
Auch er zuckte jetzt mit zitternden Fingern seinen Ausweis und schaffte es irgendwie, seinen Namen zu sagen:
„Leitmayr.“
Den Namen seines Vaters.
Die Frau ließ sie herein, führte sie in die Küche – als würde Franz den Weg nicht kennen.
Als wäre er dort nicht unzählige Male am Boden gelegen.
Alles war noch wie damals – zumindest für Franz.
Der gleiche Boden, die gleichen Wände.
Alles schrie nach damals, nach dem Franz, der hier fast gestorben wäre.
Auf dem Weg in die Küche erhaschte er einen Blick ins Kinderzimmer –
sein Kinderzimmer.
Das Bett stand jetzt woanders, der Schrank war kleiner, die Möbel allgemein anders –
natürlich.
Und trotzdem sah Franz nur sein Zimmer.
Dort in der Ecke, neben dem Fenster, in der Wand –
da war noch der gleiche Riss wie damals.
Dann waren sie in der Küche.
Die Frau, die sich als Frau Wallner vorgestellt hatte, gab ihnen zwei Gläser Wasser,
und Ivo begann mit seinen Fragen.
Soweit Franz es mitbekam, stimmten ihre Aussagen mit denen von Frau Seib überein.
Aber wirklich konzentrieren konnte er sich nicht.
„Sie waren also mit Frau Bichl befreundet? Dann muss ich Ihnen diese Frage jetzt stellen, was haben Sie den gestern Abend zwischen zehn und zwölf gemacht?“ drang schließlich Ivos Stimme noch mal zu ihm durch, bevor die Stimmen in seinem Kopf wieder lauter wurden.
Immer lauter und lauter wurden die Stimmen in seinem Kopf.
Die Stimme seines Vaters.
Wie sie ihn anschrie, wie seine Hand ihn traf.
Wieder und wieder.
Er sah den kleinen Franz am Boden.
Hörte ihn keuchen.
„Wozu hab ich dich überhaupt?“
Ein Schlag.
„Du kannst nix!“
Noch ein Schlag.
„Hör auf zu heulen!“
Noch ein Schlag.
Franz versuchte zu flüchten.
„Du bleibst jetzt da!“ –
Ein Griff, ein Tritt.
„Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie wiederkommen!“
Der nächste Schlag – doppelt so hart.
Diesmal blieb Franz liegen.
Er kehrte kurz in die Realität zurück.
Die Frau stieß beim Reden gegen ein Glas – fing es aber auf, bevor es zu Boden fallen konnte.
Doch in Franz’ Erinnerung fiel es.
Zersprang in tausend Scherben.
Und dann kamen die Worte seines Vaters – wie glühendes Eisen:
„Du bist so blöd. Räum das sofort weg!“
Wieder ein Schlag.
Franz, fluchend, mit zitternden Händen, wie er die Scherben aufklaubt –
und sich dabei schneidet.
„Du scheiß Idiot, blut hier doch nicht alles voll!“
Ein dritter Schlag.
„Und wenn du jetzt noch einmal heulst oder dich so blöd anstellst,
dann sorg ich dafür, dass du einen richtigen Grund zum Heulen kriegst!
Was sollen bei dem Geschrei denn die Nachbarn denken?!“
Noch ein Tritt.
Er war wieder in der Realität.
Ivo zog an seinem Arm, sah ihn auffordernd an.
Franz sah Ivo zuerst verständnislos an –
bis er verstand, was dieser von ihm wollte.