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Team: Kobold
Challenge: Schreibaufgaben — Flashback — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Franz Leitmayr, Ivo Batic
Wörter: 851
A/N: tw: child abuse



Der Himmel über der Theresienwiese war fast so grau wie Franz’ Kleiderwahl an diesem Dienstagmorgen, als sie einen neuen Fall reinbekommen hatten. Im Auto herrschte – wie nicht selten – Schweigen, aber diesmal war es von der bedrückten Sorte.
Ivo konzentrierte sich auf den Verkehr, während Franz gedankenverloren aus dem Fenster starrte.


Schließlich erreichten sie den Wohnblock gleich hinter der Theresienwiese. Als Franz ihn so sah, meinte er fast, die letzten vierzig Jahre sei überhaupt keine Zeit vergangen. Fast alles sah aus wie damals, Ende der Siebziger, als er selbst hier gewohnt hatte.
Die Fassade war vielleicht etwas grauer, die Graffiti etwas mehr, die Fenster etwas dreckiger, die Autos an der Straße etwas neuer – aber wenn Franz kurz die Augen schloss, dann merkte er keinen Unterschied. Alles war gleich.
Vor allem das Gefühl, das sich in seiner Magengrube ausbreitete.


Als Ivo und er durch den Eingang gingen, wies sie ein Streifenpolizist darauf hin, sie würden die Leiche im dritten Stock finden – zweite Wohnung nach der Stiege.


Franz hätte beinahe erleichtert aufgeatmet. Auch sie hatten damals im dritten Stock gewohnt – aber in der dritten Wohnung, nicht der zweiten.


Mit jedem Schritt, den Franz tiefer ins Haus vordrang, kamen mehr und mehr Erinnerungen zurück.
Da, unter der Stiege – da sah Franz jetzt einen kleinen Franz sitzen, zitternd, weinend, fast hysterisch, mit so viel Angst in den Augen, in der Hoffnung, sein Vater würde ihn diesmal hier nicht finden.
Aber jedes Mal hatte er ihn gefunden. Hatte ihn angeschrien. Hatte ihn unter der Treppe hervorgezerrt. Hatte ihn so fest am Arm gepackt, dass er jedes Mal blaue Flecken davongetragen hatte.
Hatte ihn hochgezerrt in die Wohnung...


Franz wurde von Ivo aus seinen Erinnerungen gerissen.
„Kommst du, Franz? Wir müssen noch einen Stock höher – das ist erst der zweite.“
Auch Ivo war aufgefallen, dass Franz etwas neben der Spur war.
Das hatte er schon bei Kallis Anruf gemerkt, an seiner Mimik gesehen, an seinem Schweigen im Auto erkannt – aber er hatte nichts gesagt. Noch nicht.


Eigentlich hatte Franz nach all den Jahren kaum noch Probleme mit dem Geruch oder Anblick von Leichen.
Aber als er an diesem Dienstagmorgen die Wohnung betrat, wurde ihm augenblicklich schlecht und schwindelig.
Er musste sich kurz an der Wand festhalten, um nicht umzukippen.
Es dauerte keine Sekunde, da spürte er Ivos Hand auf seinem Arm. Als er zu ihm sah, fragte Ivo stumm: „Alles okay?“
Franz gab ein kaum merkliches Nicken als Antwort, gab sich einen Ruck – und trat noch einen Schritt tiefer in die Wohnung.


Bei der Leiche handelte es sich um eine junge Frau, Mitte zwanzig, die augenscheinlich von ihrem Freund zuerst zusammengeschlagen und dann erwürgt worden war, ihr Name war Patrizia Bichl.
Ein weiterer Femizid. Der fünfte in diesem Jahr – und es war erst Anfang März.


Franz verzog den Mund bei dem Anblick. Eine Fahndung nach dem Freund war bereits draußen.
Wie ironisch die Todesursache doch zu diesem Haus und Franz’ Geschichte passte.
Er starrte immer noch auf die Leiche, die da so hilflos lag – sah aber lediglich einen nicht mehr ganz so kleinen Franz auf den kalten Küchenfliesen liegen.
Übel zugerichtet. Das rechte Auge so zugeschwollen, dass er dadurch kaum noch etwas sah. Aus seiner Nase rann Blut, das sich mit dem von seiner aufgeplatzten Lippe vermischte.


Der Franz, der dort lag, bewegte sich nicht mehr. Röchelte lediglich noch.
Dann bellte eine Stimme – laut, unnachgiebig:
„Los, steh jetzt auf! Hab ich dir erlaubt, hier zu liegen?!“


Wieder wurde er aus seiner Erinnerung gerissen – diesmal von einer Frau von der Spusi, die die Leiche noch fertig fotografieren wollte.
Als Franz sich nach der zweiten Aufforderung immer noch nicht rührte, zog Ivo ihn etwas zur Seite.


Ein anderer Kollege meldete sich: „So, wir hom jetzt alle in den ersten zwei Stöcken und weida oben befragt, aber de Nachbarn hier fehlen noch.“
Ivo antwortete: „Aja, danke, des machen sonst ich und der Franz jetzt dann. Wir sind hier eh fertig.“


Dann zog er Franz einfach mit sich.
Wieder meldete sich Franz’ Magen, und ihm war schwindelig.
Fast wäre er über einen der Spusi-Kästen gestolpert.


Ivo hatte genug. Was auch immer hier vorging – entweder Franz sagte ihm jetzt, was los war, oder er war raus.
Sobald sie aus der Wohnung waren, zog er Franz zur Seite, drängte ihn leicht gegen die Wand.


„Franz, was ist los?“
„Nichts. Alles gut.“
„Willst du mich für blöd verkaufen? Ich seh doch, wie scheiße es dir geht. Entweder du sagst mir jetzt die Wahrheit – und wir finden eine Lösung – oder du bist raus.“


Franz sah Ivo gequält an.
Aber Ivo blieb hart. Kein Mitleid. Zu oft hatte sowas schlecht geendet. Er erinnerte sich nur ungern an das Messer in Franz’ Rücken.


Es dauerte ein paar Momente, bis Franz antwortete. Er konnte Ivo dabei nicht in die Augen sehen.
„Das ist das Haus, in dem wir gewohnt haben. Nachdem wir ausm Glockenbachviertel weg sind.“
Jetzt schaute er Ivo an – fast flehend.
„Es ist wirklich alles okay.“


Ivo schenkte ihm noch einen letzten, misstrauischen Blick.
Franz war so stur – das hatte jetzt keinen Sinn. Aber Franz brauchte auch nicht glauben, dass er das Thema einfach so vergessen würde.

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