Team: Kobold
Challenge: Hurt/Comfort — “Was brauchst du?” — fürs Team
Fandom: Tatort München
Charaktere: Ivo Batic, Franz Leitmayr
Wörter: 802
Zeit: ~60min
„Ivo, was brauchst du?“, sprach Franz leise in die Nacht. Er saß auf dem Bett, im Schneidersitz, mit einem Buch in der Hand und der Lesebrille auf. Es war spät. Sehr spät. Ich saß auf dem Sessel, mit dem Rücken zu Franz, und schaute durch das Fenster. Draußen schneite es—die Straßen waren so weiß, wie lange nicht mehr. Auch die Sterne leuchteten so schön, wie lange nicht mehr.
Und dennoch: Irgendetwas zog an mir. Im Innern. Irgendetwas stimmte nicht, denn so wirklich gelacht hatte ich seit Tagen nicht. Oder vielleicht habe ich das—aber dann war es nicht mehr greifbar. Alles war im Moment nicht wirklich greifbar. Es war so weit entfernt und doch viel zu nah.
Ich ließ mich in das Leder des Sessels sinken.
Ivo, was brauchst du, hallten Franz’ Worte in meinem Kopf wieder. Was brauchst du?
Mein schweres Schlucken brach die Stille.
Ich weiß es nicht. Scheisse, ich weiß es einfach nicht.
Die letzten Tage waren so viel gewesen—der letzte Fall mit dem toten Kind, die Festnahme des Täters, die alles andere als friedlich ablief, die Weihnachtsfeier im Präsidium, der nette Abend mit Kalli, das Wiedersehen mit Carlo… es war alles so viel gewesen.
Die Fälle waren nie einfach zu ertragen, sie blieben immer an einem hängen, verfolgten einen. Doch dieser Fall war besonders schlimm gewesen. Ich hatte Albträume gehabt—so viele Albträume, wie ich das ganze Jahr über nicht hatte. Die Bilder hatten sich durch meine Augen direkt in meine Seele gebrannt und waren dort jetzt tief verankert. Ich glaubte nicht, sie jemals wieder vergessen zu können. Dafür waren sie zu klar. Zu nah.
Und alles andere—die Weihnachtsfeier, der Abend mit Kalli und das Wiedersehen mit Carlo—war so viel in so kurzer Zeit gewesen, dass ich es kaum verarbeitet hatte. Die Weihnachtsfeier bedeutete einfach nur viele Gespräche, viele Fragen—es war nichts wichtiges, doch es war dennoch anstrengend. Der Abend mit Kalli war nett—anfangs war Franz noch dabei gewesen, da haben wir zu dritt einen kleinen Spieleabend gemacht, und als Franz dann gegangen war, haben Kalli und ich ein Gespräch geführt. Ein sehr bedeutsames Gespräch über seine Transgeschlechtlichkeit, seine Familie, seine Zukunft, seinen Freund Kenny… vieles.
Und das Wiedersehen mit Carlo? Ich kann es gar nicht in Worte fassen. Franz war auch dabei gewesen, natürlich, und Kalli auch, teilweise zumindest. Wir haben nichts besonderes gemacht, nur geredet. Über die alten Zeiten, über die jetzigen Zeiten, über die Zukunft. Über unseren Job, über Carlos Leben in Thailand. Über alles, was war, und über das, was hätte sein können.
Es war gut gewesen, Carlo wiederzusehen. Ich vermisste ihn. Noch immer.
Doch das alles war so viel gewesen, dass ich jetzt einfach komplett ausgelaugt hier, Zuhause, im Sessel saß.
Und zugleich—und das war wohl das Merkwürdigste—, da fühlte ich mich einsam, sehnsüchtig. Vielleicht vermisste ich einfach die Zeit mit Franz, weil wir in den letzten Tagen kaum Zeit für uns hatten. Oder ich vermisste Carlo bereits jetzt schon so sehr, dass es wieder wehtat. Oder ich wollte wieder mit Kalli reden; von seinen Plänen und seinen Sorgen hören. Vielleicht vermisste ich auch meine Heimat in Kroatien—da war ich schon Jahre nicht mehr gewesen; viel zu lange.
Was es auch war, ich konnte es nicht eindeutig ausmachen. Und deshalb konnte ich auch Franz’ Frage nicht beantworten. Dabei sollte ich doch wissen, was falsch mit mir war, oder?
Aber ich wusste nicht einmal, ob ich über all das mit Franz reden wollte oder ob ich einfach nur Zuflucht in seinen Armen suchen wollte.
Ich wusste im Moment irgendwie nichts. So fühlte es sich an.
„Ivo?“ Franz stand plötzlich neben mir, seine Stimme ganz nah. Ich sah auf und mit einem Mal spürte ich die Tränen in meinen Augen. Es dauerte auch gar nicht lange, da brachen schon die ersten aus. Sie liefen über meine Wangen, hinterließen ihre Spur aus Traurigkeit und Erlösung. Mein Herz klopfte in meiner Brust—es war schwer, so unglaublich schwer. Und so laut, dass es in meinen Wangen noch vibrierte.
„Oh“, machte Franz. „Komm.“ Er reichte mir seine Hand. Und ich nahm sie, griff sie, wie ein Ertrinkender, der nach Ewigkeiten seine letzte Rettung sah und ergriff, damit sie ihm den Weg zurück ins Licht zeigte.
Franz zog mich in unser Bett und dann in seine Arme. Die Decke zog er über uns, legte sie sanft um mich, an den Stellen, an denen sein Körper mich nicht schon wärmte. Seine Arme schlang er ebenso sanft um mich, hielt mich fest. Nicht zu fest, aber fest genug.
Er brauchte nichts sagen; ich brauchte nichts sagen. Es war genug so, wie es war. Wir waren genug, uns genug. Und das reichte, das reichte jetzt und das würde auch morgen noch reichen. Morgen, wenn ich in seinen Armen aufwachen würde.