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Titel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 7b)


Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: Wer-Wesen
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G


«Teil 1 ‹Teil 7a









Alexanders Haus ist weitaus größer, als Tara erwartet hat. Sie bleibt kurz stehen und sieht hinauf zur hellgelben Fassade. Das Bauwerk schmiegt sich mit einer Selbstverständlichkeit an den steilen Hang, die davon zeugt, wie alt es schon sein muss. Neben dem Grundstück verläuft die Straße - schmal und mit fast zu viel Steigung, um wirklich noch als solche durchzugehen. Eine Mauer trennt den Weg vom großzügigen Grundstück. Tara sieht grünen Rasen, aber auch Beete, ein paar Obstbäume, zwei Bänke und eine Kinderschaukel, die an einem starken Ast festgemacht ist.


"Komm rein", fordert Alexander sie auf, nachdem er die Tür zum Haus aufgeschlossen hat.


Taras Beine sind müde von den Treppen und der Steigung der schmalen Straße. Sie ist froh, dass sie sich bald hinsetzen kann.


Alexander hingegen sieht immer noch beneidenswert frisch aus. Obwohl er mindestens dreißig Jahre älter ist als sie.


"Wir müssen leise sein", mahnt Alexander. "Glöckchen hält wahrscheinlich gerade ihren Mittagsschlaf."


Viel hat Alexander bisher noch nicht über seine Tochter erzählt. Tara weiß nur, dass sie etwa ein Jahr alt sein muss. Und dass sie auf keinen Fall auf irgendwelchen Fotos oder Filmaufnahmen auftauchen darf.


Im Haus ist es angenehm kühl. Der Flur ist schlicht. Helle Wände, dunkles HOlz und eine Garderobe mit einigen Häken in Kinderhöhe. An einem hängt ein winziger gelber Regenmantel. Davor stehen zwei Froschgrüne Gummistiefel, die neben den Schuhen der Erwachsenen aussehen, als würden sie einer Puppe gehören.


"Komm, ich zeig dir zuerst den Keller. Dort stören wir niemanden."


Sie steigen eine alte Holztreppe hinab, die bei jedem Schritt leise knarrt. Der Keller ist nicht düster, wie Tara erwartet hätte. Im Gegenteil. Durch zwei vergitterte Fenster fällt gedämpftes Tageslicht. Der Boden ist gefliest, die Luft trocken. Es riecht ein bisschen nach Eisen, Staub und Teebaumöl.


Alexander öffnet eine Tür aus dunklem, geölten Holz. "Das ist mein alchemistisches Labor."


Tara tritt ein und bleibt verwundert stehen.


Der Raum ist ein kurioser Hybrid. An einer Seite stehen moderne Regale mit Chemikalienfläschchen, sauber etikettiert. Glaspipetten, Trichter in verschiedenen Ausführungen, ein Destilliergerät und mehrere Heizplatten. Tara sieht auch ordentlich aufgereihte Wägegläser, Mehrhalskolben und Abdampfschalen.


An der anderen Seite hängt ein getrocknetes Bündel Kräuter, mehrere Sträuße verschiedenster Blumen und etliche schwarze Wurzeln von der Decke. Auf einem Tisch steht ein Mörser, der mit eingravierten Runen verziert ist. Über der Werkbank baumelt ein Windspiel aus Messing.


"Das ist eine interessante Mischung", murmelt Tara. Etwas lauter stellt sie die Frage: "Darf ich das filmen?"


"Tu dir keinen Zwang an. Hier unten gibt es nichts, das du nicht zeigen darfst. Nur oben dann bitte nicht mehr."


Tara nickt, zückt ihr Handy und macht sich daran, alles genau zu dokumentieren, während Alexander die Funktion der verschiedenen Dinge erklärt. Es erinnert sie stark an ihren Chemie-Unterricht vor vielen Jahren.


"Alchemie und Chemie sind offenbar nicht so unterschiedlich", stellt sie irgendwann fest. "Uff, ganz schwieriges Thema", lacht Alexander. "Ich bin ein Philosoph. Möchtest du wirklich mit mir über den Unterschied und die Gemeinsamkeiten von Alchemie und Chemie sprechen?"


"Okay …", antwortet Tara grinsend. "Das heben wir uns vielleicht für eine der nächsten Episoden auf."


Der nächste Raum wirkt deutlich bodenständiger. Ein schwerer Arbeitstisch aus furchigem Holz steht in der Mitte. An den Wänden hängen Werkzeughalter, metallene Zangen und feine Gravurstichel. Es riecht nach Öl und warmen Metall.


"Meine Verzauberungswerkstatt", erklärt Alexander. "Oder, wie Leyla es nennt: mein Hobbykeller."


Tara schmunzelt. "Sie aus wie eine Mischung aus Heimwerkertraum, Goldschmiede und Uhrmacherwerkstatt."


Alexander nickt langsam. "Ja … Nur dass ich Dinge baue, die du nicht mit Batterien betreiben kannst. Wenn allerdings einer der Gartenstühle defekt ist, kann ich hier auch Abhilfe schaffen."


Magie liegt hier nicht offen herum. Keine gglühenden Kristalle, keine magischen Symbole an den Wänden. Nur weltliches Werkzeug und Material.


"Und wo ist der eigentliche Zauber?", fragt Tara, während sie alles mit dem Handy filmt.


"Im Kopf. Der Rest ist Handwerk."


"Ich zeig dir noch mein Arbeitszimmer oben im ersten Stock. Aber da müssen wir wirklich leise sein. Das Kinderzimmer ist direkt darüber."


Sie folgen der alten Holztreppe hinauf, bis ihnen ein Treppenschutzgitter den Weg versperrt. Alexander öffnet es und sie betreten einen hell gestrichenen Flur, an dessen Wänden diverse Fotos hängen. Einige zeigen Alexander und eine dunkelhaarige Frau. Auf etlichen ist ein Baby zu sehen, das entweder schläft oder in die Kamera grinst.


Alexander öffnet eine der vielen Türen und wartet, bis Tara hindurch ist. Dann verschließt er die Tür hinter ihr wieder. 


An einem Fenster steht ein großer Schreibtisch. Auf zwei Tischen, die daneben an der Wand stehen, stapeln sich lose Manuskripte. Auf einigen davon erkennt Tara handschriftliche Notizen. Vielleicht sind das Essaykorrekturen oder Prüfungen von der Uni.


Das Zimmer erinnert sie stark an das Büro in der Universität. Nur dass dieser Raum persönlicher und ein wenig chaotischer aussieht. An einer Pinwand hängen Fotos und der bunte Abdruck einer kleinen Hand. Eine halbvolle Flasche Wasser steht auf einer kleinen Anrichte. Daneben liegt eine Taschentuchpackung.


Auch hier filmt Tara wieder. Nicht nur den Raum und seine Einrichtung, sondern auch den Ausblick. Vom Schreibtisch aus sieht Alexander hinunter auf die Straße. Wenn jemand zu ihm möchte, bekommt er es wohl frühzeitig mit.


"Ich hab für dich das Zimmer vorbereitet, das unter dem Dach ist. Früher haben dort meine Schüler geschlafen. Man hat einen wundervollen Blick hinunter auf Salzburg. Das solltest du auch filmen. Gerade am frühen Abend, wenn alles hell erleuchtet ist, sieht es aus, wie direkt von einer Postkarte geklaut."


"Du sagst früher? Hast du denn jetzt keine Schüler mehr?", hakt Tara nach.


"Natürlich auf der Uni. Aber derzeit bilde ich keine Magier oder Magiekundige hier privat aus. Vielleicht in zehn oder zwanzig Jahren wieder, wenn meine Tochter älter ist." Er zuckt mit den Schultern. "Mal sehen."


Am Abend, nach dem Tara den Nachmittag über allein die Salzburger Altstadt erkundet und etliche weitere Fotos und Aufnahmen gemacht hat, bezieht sie das kleine Zimmer oben direkt unter dem Giebel des Hauses im vierten Stock. Hier gibt es ein kleines Badezimmer und eben diesen Raum. Das ist also das Reich all derjenigen gewesen, die Alexander bisher ausgebildet hat. Neugierig inspiziert sie alles.


Der Ausblick aus dem Fenster ist so spektakulär, wie Alexander versprochen hat. Wäre da nicht der beschwerliche Auf- und Abstieg, würde Tara Alexander glatt um dieses Heim beneiden.


~~~


Der Himmel ist wolkenlos und tiefblau, als Tara am nächsten Morgen mit Alexander auf der Terrasse beim Frühstück sitzt. Es gibt Brötchen - Semmeln - mit Marmelade, Honig und Butter. Eine große Kanne voll mit dampfendem Kaffee steht in der Mitte des Tisches.


Es ist ruhig hier oben am Mönchsberg. Vögel zwitschern. Die Kühle der Nacht hängt noch in der Luft und Tara ist froh, eine dünne Jacke angezogen zu haben.


Sie ist noch bei ihrem ersten Brötchen, während Alexander schon sein zweites schmiert. Eine Weile essen sie schweigend. Es herrscht eine angenehme Stille zwischen ihnen, die zu diesem frühen Morgen passt.


Tara hat beim Einschlafen nachgedacht. Nicht nur über all das, was sie gestern über Alexander erfahren hat, sondern auch über seine Frage. Sie ist zu dem Schluss gekommen, dass ihr Geheimnis bei ihm sicher ist. Außerdem hat Alexander ihr seinen größten Schatz gezeigt. Nicht nur die Bücher, sondern vor allem seine Familie, die sie gestern beim Abendessen noch kennenlernen durfte. Da ist es nur fair, wenn auch sie etwas von ihr selbst offenbart.


"Alexander", sagt sie deswegen leise.


"Ja?" Er sieht sie mit offenem und neugierigem Blick an.


"Du hast mir gestern eine Frage gestellt, die ich nicht beantworten wollte."


Alexander nickt.


"Ich habe mir überlegt … Ich möchte dir doch eine Antwort darauf geben."


Alexander stapelt seine Finger aufeinander und sieht sie weiterhin an.


Auch wenn sie weiß, dass sie beide hier allein sind, sieht sich Tara nochmals um. Dann sagt sie: "Ich bin ein Wer-Rabe."


Einen augenblick blitzt Überraschung in Alexanders grünen Augen auf. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle und nickt ein weiteres Mal. "Das erklärt einiges."


"Das …", beginnt sie.


"... bleibt unter uns. Natürlich", unterbricht Alexander sie mit sanfter Stimme. "Danke für das Vertrauen, das du mir damit entgegenbringst."


Alexander nimmt einen letzten Schluck aus seiner Kaffeetasse. Dann steht er auf, um den Tisch abzuräumen. Sie muss bald los, ihr Zug geht in weniger als einer Stunde.


"Willst du noch einen Kaffee für unterwegs?", fragt Alexander, während er die Teller aufeinander stapelt.


"Nee, danke. Wenn ich jetzt noch etwas trinke, muss ich im Zug ständig aufs Klo."


Alexander nickt. Ein leichtes Schmunzeln umspielt seine Lippen.


Tara stützt sich mit dem Ellenbogen ab und lehnt sich ein wenig über den Tisch zu ihm hin. "Übrigens … ich hab schon eine Idee für die nächste Episode. Du wirst begeistert sein …"

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