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Titel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 7a)


Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: “Mein Interesse an dir ist rein wissenschaftlich.”
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G


«Teil 1 ‹Teil 6 Teil 7b›







Uff, ich bin zwar dauernd unterbrochen worden und kann daher nicht genau sagen, wie lange ich wirklich gebraucht habe, aber von der Wortanzahl her muss das schon sehr knapp an den zwei Stunden dran sein. Dementsprechen gabs bei dem Teil überhaupt kein zweites Durchlesen und Korrgieren mehr. Ich hoffe, es sind nicht allzu viele Wörter doppelt oder falsch 😅




Tara steigt aus dem Zug aus und wird direkt von einem Schwall Sommerluft empfangen. Der Bahnhof ist funktional und übersichtlich. Der Vorplatz ist aufgeräumt. Etliche Buslinien halten hier. Sie nehmen Einheimische und Touristen gleichermaßen auf. Tara ist heute eine von ihnen.


Inzwischen ist es ein Jahr her, dass sie und Alexander die erste Episode des Video-Blogs aufgenommen haben. Er hat sie eingeladen, ihn für eine Folge zu besuchen. Damit sie zeigen kann, wie ein moderner Magier lebt und arbeitet. Kein einsamer Turm, kein Keller voller Spinnweben - hofft sie zumindest.


Sie nimmt den Bus Richtung Altstadt. Die Linie, die sie zur Station "Rathaus" bringt, überquert die Salzach, ein träge glitzernder Strom, der die Stadt in zwei Teile zerschneidet.


Als sie aussteigt, fällt ihr als erstes die Enge auf. Die Berge sind so nah an der Stadt, dass die Häuser regelrecht zusammenrücken. Tara muss an Pinguinkolonien denken. Nur dass es hier eben Gebäude sind. Die Altstadt sieht charmant aus, beinahe theatralisch unwirklich, wie eine Filmkulisse, eine mittelalterliche Stadt, die es irgendwie in die Gegenwart geschafft hat.


Hier gibt es keine breiten Straßen, sondern Gassen, Arkade, Passagen. Manche sind so schmal und niedrig, dass sie sich unweigerlich fragt, ob man wirklich hindurchgehen darf. Und doch tun es alle. Touristen in Sandalen. Studenten mit Kaffeebechern. Einheimische mit Einkaufstüten.


Tara läuft durch eine dieser überdachten Gassen, vorbei an kleinen Boutiquen und Schaufenstern, in denen handgeschriebene Schilder Bioseife oder Messer mit Griffen aus echtem Geweih anpreisen. Ein Geschäft behauptet, die älteste Bäckerei der Stadt zu sein.


Sie folgt dem Weg, den Google Maps ihr anzeigt. Zum Glück ist das Gebäude leicht zu finden; Hohe Bögen, dicker Stein und ein kleiner Innenhof. Es würde sie nicht wundern, gleich auf eine Horde Nonnen zu stoßen. Oder auch Ritter.


Ein Schild weist das Gebäude als den Wallistrakt aus. Hier befindet sich die Theologische Fakultät der Universität Salzburg.


Tara bleibt kurz stehen, zückt ihr Handy und dreht sich langsam im Kreis. Heute hat sie kein Kamerateam dabei. Nur sie und Alexander. Sämtliche Aufnahmen muss sie selbst filmen. Etliche Shorts wird sie noch heute Abend online stellen, aber die ganze Episode, die dieses Mal nicht live ausgestrahlt wird, wird sie erst zuhause aus dem gesammelten Material gemeinsam mit ihrem Team zusammenstellen.


Mitsamt ihres Koffers betritt sie das Fakultätsgebäude und fragt sich zu Alexanders Büro durch. Dort angekommen, holt sie erneut ihr Smartphone hervor. Dieses Mal filmt sie nicht nur die Umgebung, sondern auch sich selbst.


"Okay", murmelt sie halb zu sich selbst, halb zum Publikum. "Ich bin jetzt im vierten Stock der Katholisch-Theologischen Fakultät in Salzburg. Das liegt in Österreich, für all diejenigen, die in Geo geschlafen haben. Da hinten ist die Franziskanerkirche, rechts vom Gebäude liegt der Dom. Wirklich eine außergewöhnliche Lage für eine Uni. Hier vor mir …", sie schwenkt das Handy um 180°, "... ist eine unscheinbare Holztür. Alexanders Büro."


Sie filmt das Schild.


Prof. Dr. Alexander Schachner


Fachbereichsleiter Philosophie / KTH


Auf der Tür selbst klebt ein laminiertes Papier. Sprechstunde Mittwoch, 12:00 Uhr nach der Lehrveranstaltung. Tara zoomt kurz heran, sodass man die Schrift gut erkennen kann. Dann klopft sie und unterbricht die Aufnahme.


Die Tür öffnet sich. Alexander erwartet sie schon. Er trägt auch heute wieder einen Anzug. Eine makellosen Dreiteiler aus weinrotem Stoff. Einstecktuch und Weste sind aus dazupassendem goldverzierten Brokat geschneidert. Sie fragt sich kurz, ob er auch in seiner Freizeit so herumläuft. Vielleicht wird sie dieses Geheimnis heute beim Abendessen oder morgen beim gemeinsamen Frühstück lüften können. Allerdings wird sie das nicht ohne Alexanders Zustimmung mit den Zusehern teilen.


"Willkommen in der ganz und gar nicht mystischen Welt der akademischen Bürokratie", begrüßt er sie lächelnd. "Komm herein. Setz dich. Kann ich dir etwas zu Trinken anbieten? Kaffee? Tee? Wasser?"


"Ein Wasser bitte."


Während Alexander kurz das Büro verlässt, sieht sich Tara zum ersten Mal um.


Der Raum ist hoch, hell und erstaunlich aufgeräumt. Eine Pflanze mit breiten, grünen Blättern steht direkt auf dem Fenstersims. Das Fenster dahinter ist geöffnet. Der Wind spielt mit den Zetteln auf dem Schreibtisch. Man hört Tauben gurren. Die nahen Kirchenglocken schlagen zehn Uhr. Etliche Wortfetzen dringen aus anderen geöffneten Fenstern - sind das Hörsäle?


Der Schreibtisch ist massiv und aus dunklem Holz gefertigt. Darauf steht ein modern aussehender Laptop. Kein Apple Produkt, aber dennoch ein sehr schlankes Modell aus gebürstetem Chrome. Daneben befindet sich eine stapelweise sortierte Ablage. Ein Kugelschreiber steckt in einem Halter aus grünem Marmor. Kein Krimskrams, kein Zauberstab, keine okkulten Symbole. Nur eine volle Espressotasse.


Alexander kommt mit einem Glas Wasser zurück. Er stellt es auf den Tisch und wendet sich dann Tara zu.


"Hast du gut hergefunden?"


"Ja, war gar nicht so schwer. Sag mal, hast du etwas dagegen, wenn ich kurz einen Schwenk durch dein Büro aufnehme?"


Alexander schüttelt den Kopf, "Nein, mach nur. Dafür sind wir ja hier."


Tara holt ihr Handy wieder hervor und während sie spricht, dreht sie sich langsam um die eigene Achse: "Das hier ist Alexanders Büro. Und ja, es sieht erstaunlich normal aus. Also, wenn man von der Menge an Büchern absieht."


Rund um sie herum stehen Regale, voll bis an die Kante. Keine verstaubten Folianten, sondern Fachliteratur in mehreren Sprachen. Ein paar Namen kennt sie: Aristoteles, Averroes, Kant, Derrida. Dazwischen gibt es unzählige Autoren, die ihr nichts sagen.


Auf einem Regal steht ein gerahmtes Zitat:


Zweifel ist der Anfang der Weisheit. - René Descartes


Gleich daneben steht ein kleiner Globus aus Messing. Auf einem Sideboard liegen Souvenirs aus aller Welt: ein geschnitztes Tier, vielleicht aus Indonesien. Eine alte Tontafel mit Keilschrift. Eine winzige Bronzestatue, die wohl ein tanzender Gott sein soll - oder ein Mensch, der sich gerade einen Hexenschuss einfängt.


"Setz dich doch." Alexander deutet auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch steht. Er selbst lässt sich auf dem hinter dem Tisch nieder.


Tara positioniert ihr Handy so, dass es sie beide gut aufnehmen kann. Dann nimmt auch sie Platz.


"Ich muss sagen, ich hätte mehr Magie erwartet", gesteht sie.


Alexander lächelt verschmitzt. "Dafür sind wir im falschen Stockwerk - oder im richtigen, je nachdem, wie du zu Sicherheitsstandards stehst."


Alexander deutet auf das Regal hinter seinem Schreibtisch. Einige Fächer verbergen sich hinter einer Tür aus Rauchglas, die ein Schloss besitzt.


"Die Werke, die wirklich gefährlich oder auch wertvoll sind, befinden sich im Keller. Was du hier siehst, sind Kopien, Abschriften - und ja, ein paar Originale. Aber keine, bei denen ich nachts unruhig schlafen würde."


"Du schläfst also manchmal wegen deiner Bücher schlecht?", fragt Tara interessiert.


Alexander zögert einen Moment. Dann antwortet er ruhig: "Wissen ist Macht. Manche Macht schneidet tiefer als jedes Messer."


Er greift nach der Espressotasse auf seinem Schreibtisch, nimmt einen Schluck und verzieht minimal das Gesicht. "Lauwarm …", murmelt er.


Tara lacht. "Sag bloß, du hast keinen magischen Wärmungszauber für Kaffee."


"Theoretisch schon. Aber in der Praxis … weißt du, wie scheußlich aufgewärmter Espresso schmeckt? Dagegen hab ich leider keinen Zauber."


Tara kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das Aufwärmen oder Abkühlen von Speisen und Getränken gehört zu den ersten Sachen, die sie lernen wollen würde, wenn sie Magie wirken könnte.


"Wie ist das hier so? Ich meine, Professor und Magier zu sein … in einem theologischen Umfeld?", stellt Tara die Frage, die ihr auf der Zunge brennt, seitdem sie mit Erstaunen festgestellt hat, dass Alexander den Fachbereich für Philosophie der Katolisch-Theologischen Fakultät leitet.


Alexander überlegt kurz und leert dabei den lauwarmen Espresso. Dann zuckt er mit den Schultern. "Weniger dramatisch, als du denkst."


"Wirklich"?, wundert sich Tara.


"Na ja, die Uni-Leitung weiß natürlich, dass ich Magier bin. Sie fördert das sogar - Tradition und so. Ich bin nicht der Erste. Und vermutlich auch nicht der Letzte. Und auch nicht der einzige."


Alexander steht auf und geht zum zweiten Fenster seines Büros. er öffnet es ebenfalls, bleibt dann dort stehen und dreht sich wieder zu Tara.


"Im Alltag, also mit den Kolleginnen und Kollegen, da ist es wie überall. Manche kommen gut klar, manche weniger. Ich hab schon anonyme Briefe mit Bibelzitaten erhalten. Vor allem als ich den Fachbereich frisch übernommen habe."


"Wow", murmelt Tara. Das klingt nicht nach dem friedlichen Miteinander, das sie gerade in einer katholisch-theologischen Fakultät erwartet hätte. "Und die Studierenden?"


Alexander lächelt. Es ist ihm anzusehen, dass er stolz auf sie ist. "Die Studenten stellen bessere Fragen als manche meiner Fachkollegen."


Alexander möchte noch etwas sagen, da ist sich Tara sicher, aber es klopft an der Tür. Ein junger Mann, vielleicht Mitte zwanzig, der sehr nervös wirkt, streck seinen Kopf herein. "Entschuldigung, Herr Professor - das Formular für die Drittmittelfreigabe muss heute noch …"


Alexander nickt geduldig. "Komm rein, ich unterschreib's dir gleich.Nur einen Moment, Tara."


Tara lehnt sich zurück und beobachtet, wie der junge Mann Alexander ein Tablet reicht. Alexander prüft das Schriftstück nachdenklich, unterschreibt und gibt das Tablet dem jungen Mann zurück. Dabei nickt er ermutigend und bedankt sich.


Als sie wieder allein sind, seufzt Alexander leise. "Eigentlich hätte ich jetzt einen Gesprächstermin mit der Fakultätsleitung wegen des Budgets fürs nächste Semester. Theo …", er deutet mit dem Kopf Richtung Tür, wo der junge Mann eben verschwunden ist, "... übernimmt das statt mir. Hoffentlich macht er seine Sache gut, dann kann er mich gern häufiger bei diesem buchhalterischen Kram vertreten."


Dann beugt sich Alexander vor und fragt mit einem Anflug von Verschwörung in der Stimme: "Sag mal, willst du mehr von der Uni sehen? Ich könnte dir eine Führung geben. Und dann sehen wir uns die nicht zugänglichen Teile an …"


~~~


Tara folgt Alexander durch die langen Gänge des alten Gebäudes. Immer wieder filmt sie mit ihrem Handy und fängt Details ein. Immer wieder kommen ihnen Personen entgegen. Sie alle nicken Alexander respektvoll zu. Viele grüßen ihn mit Namen.


"Du bist hier ziemlich bekannt, was?", fragt Tara, während sie die Kamera auf Alexander hält.


Alexander lacht amüsiert. "Ich leite den Fachbereich. Da ist das unumgänglich."


Sie biegen um eine Ecke. Dort öffnet sich der Flur zu einem modernen Aufenthaltsbereich. Er sieht anders aus als der Rest des Hauses. Holzelemente, helle Farben, runde Leuchten, moderne Kunst an der Wand. Der Boden ist leicht erhöht und in Stufen unterteilt, auf denen bunte Kissen liegen. Mehrere Sitzsäcke stehen herum. Einige sind von Studenten besetzt. Ein junger Mann mit Kopfhörer hat es sich in einem bequem gemacht, liest und isst nebenbei einen Apfel. Eine Studentin liegt bäuchlings auf einer der Stufen und hat einen Reader vor sich liegen. An einer der Wände klettern Efeu-ähnliche Pflanzen aus einem eingelassenen Pflanzkasten.


"Sieht gemütlich aus", stellt Tara fest. Das hier sieht so gar nicht aus wie die Uni, auf der sie studiert …


"War meine Idee", sagt Alexander leise, um die Studenten nicht zu stören. "Philosophie beginnt mit Zuhören und Hinschauen. Beides braucht Raum. Nicht jede Erkenntnis kommt an einem Tisch. Manchmal braucht es einen bequemen Sitzsack."


Tara nickt verstehen. Von Philosophie hat sie zwar wenig Ahnung, aber so wie Alexander es erklärt, klingt das alles sehr schlüssig.


Als nächstes führt Alexander Tara zu einer alten Steintreppe. Die Stufen sind unregelmäßig, in der Mitte glattgetreten vom Zahn der Zeit. Die Temperatur sinkt mit jedem Schritt.


"Keine Angst, hier unten hausen keine Dämonen. Nur staubiges Zettelwerk", sagt Alexander, als er die Tür zum Archiv aufschließt.


Tara filmt wieder alles mit.


Das Kellergewölbe ist niedriger als die restlichen Stockwerke. Alexander betätigt einen Lichtschalter. Mit einem knisternden Geräusch erwachen alte Neonröhren flackernd zum Leben.


"Willkommen im Archiv", sagt Alexander, als das Licht einen Raum vollgestopft mit Metallregalen beleuchtet. Zahllose Ordner und Kartons füllen beinahe jede Freie Fläche aus. Dazwischen befindet allerlei anders Zeug. Ein Ventilator, der aussieht, als wäre er noch aus den 80er Jahren. Ein laminiertes Schild mit der Aufschrift Achtung!!! Bitte nichts auf die Heizkörper stellen. Ein Teppichklopfer aus Rattan. In einer Ecke sind Stühle gestapelt.


"Hier landet alles, was zu wichtig zum Wegwerfen ist, aber eigentlich nicht mehr gebraucht wird", erklärt Alexander.


"Ich spüre die akademische Romantik förmlich.", bemerkt Tara amüsiert.


Alexander schmunzelt und geht voran in den hinteren Bereich des Archivs. Mehrere einfach aussehende Holztüren führen in weitere Räume. Eine der Türen hat allerdings ein zusätzliches Schloss. Kein Zahlencode, keine moderne Sicherheitstechnik, einfach ein normales Zylinderschloss.


Dahinter liegt ein winziger Raum. Es gibt keine Möbel, dafür aber eine weitere Tür. Diese hingegen hat weder Klinke noch Schlüsselloch.


"Tara, bevor wir weitergehen muss ich dich bitten, das Filmen einzustellen", sagt Alexander leise aber bestimmt.


Tara beendet die Aufnahme und steckt ihr Handy weg. Trotzdem fragt sie: "Warum?"


"Hier lagern Bücher, die nicht nur alt oder wertvoll sind, sondern besonders. Ich möchte nicht, dass irgendjemand auf die Idee kommt, sich Zutritt zu verschaffen, weil er das hier auf YouTube gesehen hat. Verstehst du?"


Tara nickt. "Okay. Kein Ding. Sag mir, was ich davon zeigen darf und alles andere, befriedigt eben nur meine persönliche Neugierde."


Alexander mustert sie einen Moment. Dann hebt er eine Hand und vollzieht eine präzise, langsame Geste, fast wie ein Dirigent, der den Einsatz vorgibt.


Ein kaum hörbares Summen erfüllt die Luft. Die Tür flimmert kurz, dann öffnet sie sich ohne weiteres Zutun.


Alexander tritt zur Seite und deutet in den dahinter liegenden Raum.


"Willkommen im eigentlichen Archiv."


Das magische Archiv ist ähnlich vollgestopft wie das weltliche. Allerdings lagern hier ausschließlich Bücher und Schriftrollen. In der Mitte gibt es einen kleinen Tisch mit Leselampe und einen einzelnen Stuhl.


Die Luft ist kühl und knochentrocken - das ist wohl die Atmosphäre, die die alten Schriften brauchen.


Etliche Bücher stehen eng aneinandergereiht in den Fächern. Viele haben verwitterte Ledereinbände. Einige besitzen Wachssiegel - manche davon gebrochen. Es gibt goldgeprägte Titel in Sprachen, die Tara nicht kennt. Teilweise mit Schriftzeichen, die sie noch nie gesehen hat.


Alexander schweigt und lässt ihr erst mal Zeit, die Eindrücke in sich aufzunehmen.


Erst beim zweiten Regal bemerkt sie, dass da etwas ist. Ein Flimmern, das sie nur aus den Augenwinkeln wahrnimmt.


"Was ist das?"


"Ein dämpfendes Resonanzfeld. Es ermutigt Dinge, die drinnen sind, auch drinnen zu bleiben. Und Dinge, die draußen sind, sollen draußen bleiben", erklärt Alexander.


Ein schmiedeeisener Käfig weckt Taras Neugierde. Eingesperrte Bücher? Ist das Wissen darin so gefährlich? Sie macht einen Schritt darauf zu.


"Warte."


Alexanders Tonfall ist ruhig, aber bestimmt.


Natürlich bleibt Tara stehen.


"Darf ich fragen, warum …?"


Bevor sie den Satz beenden kann, hat Alexander selbst einen Schritt vor gemacht.


Eines der Bücher schnellt hoch, wie eine Schlange, die zum Angriff übergeht. Nur wenige Zentimeter bevor es das Gitter erreichen kann, wird es von einer Kette zurückgehalten, mit der es am Regal befestigt ist.


"Okay", murmelt Tara. "Frage beantwortet …"


Alexander deutet auf ein Regal weiter hinten. "Wenn du willst, zeige ich dir ein paar Bücher, die du fotografieren darfst. Nichts Aktives. Aber dennoch interessant."


Tara nickt. Ihr Herz schlägt immer noch schneller als sonst. Sie hätte nicht gedacht, dass ein Raum voller Bücher ihr Gänsehaut beschert.


Alexander zieht sich weiße Baumwollhandschuhe an und nimmt das erste Buch aus einem Regal. Insgesamt zeigt er ihr drei, allesamt handgeschrieben und mit kunstvollen Bildern, von denen sie mehrere Aufnahmen anfertigt.


Dann holt Alexander irgendwo blaue Nitrilhandschuhe hervor, wie sie manche Ärzte verwenden. Er zieht sie über die Baumwollhandschuhe. Dann öffnet er ein verschlossenes Regal, das etwas abseits steht. Er holt ein Buch hervor, das in ein schwarzes Tuch eingeschlagen ist und legt es vorsichtig auf den Tisch. Als er das Tuch zurückschlägt, kommt darunter ein Buch mit einem Ledereinband zum Vorschein. Es ist nicht beschriftet und sieht auch sonst eher unscheinbar aus.


"Das ist ein spezielles Buch", erklärt Alexander. "Es ist in Menschenhaut gebunden. Außerdem wurde jede einzelne Seite mit einem hochpotenten Kontaktgift bestrichen. Und der Inhalt ist auch nicht ohne."


Der Gedanke an die Herkunft des Leder sendet Tara einen Schauer über den Rücken.


"Warum das Gift? Warum macht man sowas?", fragt sie ehrfürchtig.


"Weil Wissen früher oft nur so geschützt werden konnte. Der ursprüngliche Besitzer war vermutlich gegen das Gift immun. Oder wahnsinnig genug, um das Risiko einzugehen. Und er wollte nicht, dass irgendwer anderes sich das Wissen aneignet", erklärt Alexander. Er schlägt eine Seite in der Mitte des Buches auf.


"Es ist eine uralte Kräuterkunde. Systematisch aufgebaut. Aber mit einer sehr … sagen wir … unkonventioneller Taxonomie. Hier zum Beispiel: Herba Silens. Eine Pflanze, die angeblich Gedanken stumm schaltet. Oder hier: Fungus Obscura. Ein Pilz, der Erinnerungen frisst."


"Wow …", flüstert Tara und zückt ihr Handy. Sie macht sich sofort daran, das Buch und die Seiten zu fotografieren.


"Es gibt keine Widmung. Kein Name. Nur die Handschrift. Vermutlich aus dem frühen 15. Jahrhundert. Entstanden irgendwo zwischen Böhmen und dem Alpenraum. Der Stil erinnert mich an einen alchemistischen Zirkel aus der Nähe von Brünn", murmelt Alexander.


"Und warum bewahrst du so ein giftiges Buch auf?"


"Weil es Teil unserer Geschichte ist. Weil es gefährlich ist. Ich weiß nicht mal, ob man es überhaupt zerstören könnte, ohne irgendjemanden zu gefährden. Stell dir vor, wie giftig der Rauch sein könnte, wenn ich es verbrenne."


Tara sieht ihn lange an. "Du bist nicht nur Magier, oder? Du bist auch so was wie ein … Hüter."


Alexander zuckt mit den Schultern und räumt das Buch sorgfältig wieder weg. Dann wendet er sich ihr zu.


"Tara … eine Frage, wenn du erlaubst." Seine Stimme ist neutral und ruhig. Aber Tara fühlt, dass jetzt etwas kommt, das kein reiner Smalltalk ist.


"Ich weiß, du bist hier, weil ich dich eingeladen habe. Und ich will dir nicht zu nahe treten. Aber du weißt, ich bin Wissenschaftler. Und ich bin neugierig. Professionell neugierig." Er macht eine kurze Pause, wählt die nächsten Worte mit Bedacht.


"Ich habe den Eindruck, dass du kein normaler Mensch bist. Und mit normal meine ich, kein biologischer Mensch. Ich frage dich nicht aus Neugier im boulevardesken Sinne. Ich frage dich aus akademischem Interesse. Und falls du sagst, ich will das nicht beantworten, ist das vollkommen in Ordnung. Dann frag ich nie wieder."


Erneut läuft es Tara kalt den Rücken hinunter. Sie dachte, sie ist inzwischen so gut, dass niemand etwas merkt … "Ich weiß es zu schätzen, wie du fragst", antwortet sie langsam. "Aber ich werde deine Frage nicht beantworten."

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