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Titel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 6)


Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: Nixe
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G


«Teil 1 ‹Teil 5b Teil 7a›









Tara lächelt in die Kamera, als sie die inzwischen dritte Episode anmoderiert. "Willkommen zurück zu Zauber oder Wahrheit, dem Video-Podcast rund um Magie, Mythen und moderne Realität. Ich bin Tara Weiss und mit mir im Studio ist wie immer Professor Dr. Alexander Schachner - gerichtlich vereidigter Sachverständiger für Magie und Leiter des Instituts für Philosophie an der Universität Salzburg."


"Hallo Tara, hallo lieber Zuseherinnen, Zuseher und Zusehenden Entitäten. " Auch Alexander scheint gut gelaunt zu sein.


Tara fährt fort: " Heute haben wir eine ganz besondere Folge für Euch. Denn wir reden nicht nur über Magie im Allgemeinen, sondern über ihren ganz konkreten Einfluss auf Polizeiarbeit, Tatorte … und Ermittlungen."


Sie macht eine bedeutungsvolle Pause, dann fährt sie mit aufrichtiger Begeisterung fort: "Unser heutiger Gast ist Erster Kriminalhauptkommissar Christian Nguyen. Er leitet die Spezialeinheit für magisch motivierte Vorfälle bei der Kriminalpolizei Köln. Intern sind sie bekannt als die Spökenkieker. Und sie sind vermutlich das, was einem magischen SEK am nächsten kommt."


Die Studiolampen brennen auf Christian hinab und heizen sein dichtes schwarzes Haar auf. Am liebsten hätte er sich in Schatten gehüllt und sich auf diese Art etwas Kühlung verschafft. Aber er ist sich nicht sicher, wie viel man davon mit der Kamera sehen kann. Also lässt er es heute lieber bleiben. Zum Glück ist sein Gesicht mit einer gefühlt zentimeterdicken Puderschicht bedeckt. Da sieht man hoffentlich nicht, dass ihm heiß ist.


Tara trägt ein ärmelloses Top mit einem Cocktail schlürfenden Smiley drauf. Wahrscheinlich hätte er sich ebenfalls etwas sommerliches anziehen sollen. Aber er trägt wie immer ein dunkles, langärmeliges Shirt - heute mit schwarzblauen, zart glitzernden Rosen bedruckt. Kein Wunder, dass er schwitzt.


Er würde lieber draußen stehen und rauchen.


Oder besser noch: Mit seinem Partner und bestem Freund Viktor irgendwo in Deutschland auf der Autobahn am Weg zu einem Tatort sein.


Aber nein.


Er sitzt hier. Weil Öffentlichkeitsarbeit eben nicht nur wichtig, sondern notwendig ist.


Weil zu viele Menschen - vor allem in höheren Positionen - immer noch glauben, man könne die Arbeit mit ein paar Büchern und einer digitalen Fallakte erledigen.


Weil eine Einheit für ganz Deutschland ein schlechter Witz ist.


Und weil Alexander ihn darum gebeten hat. Wenn Alexander ihn um etwas bittet, dann tut Christian das auch. Punkt.


Er schluckt also seine miese Laune hinunter, setzt ein professionelles Lächeln auf und antwortet bemüht freundlich: "Also, erstmal danke für die Einladung. Und ganz kurz - mein Name wird Nju-en ausgesprochen. Nicht Nguyen, nicht N-G-jen, Einfach Nju-en. Ist vietnamesisch."


Tara sieht ihn ein wenig verlegen an. "Oh, Entschuldigung. Das wusste ich nicht. Danke für den Hinweis."


Christian deutet eine wegwerfende Bewegung mit der Hand an. "Kein Ding. Passiert ständig. Und damit wir es gleich unkompliziert machen: Wir können uns gern duzen. Ich bin Christian."


Tara lächelt ihn an. "Gern. Dann bin ich Tara. Schön, dass du da bist, Christian."


Stimmt. Mist. Eigentlich war ausgemacht, dass auch er zu Beginn das Publikum begrüßt. Er wendet sich zur Kamera, setzt ein souveränes Lächeln auf und sagt: "Von mir ebenfalls ein Hallo an alle, die gerade zusehen, zuhören oder auf irgendeine andere Art und Weise an dem Video-Blog teilnehmen."


"Ich würde gern ein bisschen verstehen, wie so ein Fall bei euch überhaupt anfängt. Also … stell dir vor, irgendwo randaliert ein Pixie. Was passiert dann bei euch?"


Christian beginnt bei der Vorstellung schief zu grinsen. "Ein randalierender Pixie? Das ist der Klassiker … Also, das Telefon klingelt. Als erstes übernimmt Mia. Sie hat den Überblick. Immer. Sie weiß genau, wer von uns gerade wo ist, ob noch Luft im Einsatzplan ist oder ob wir einen übernatürlichen Mord, eine schiefgelaufene Beschwörung und einen magischen Einbruch gleichzeitig jonglieren. Aber Mia weiß nicht nur über unsre Auslastung Bescheid. Märchen, Mythen, historische Fallbeispiele - sie kennt alles. Wenn jemand eine Frage hat à la Gab's da nicht mal diesen Fall mit dem Troll im Weinkeller?, dann ist Mia die Antwort."


"Sozusagen eure wandelnde Datenbank", fragt Tara begeistert.


Christian nickt. "Und auch unsre erste Verteidigungslinie. Denn nicht jeder magische Vorfall braucht uns. Wenn ein Pixie auf dem Marktplatz eine Obstverkäuferin anschreit und randaliert, weil die Feigen nicht mondreif sind - sorry, aber da muss ich nicht gleich das SEK losschicken."


Wie er erwartet hat, beginnt Tara zu lachen. "Mondreif? Ist das ein Ding."


"Leider. Frag nicht", antwortet Christian trocken. "Jetzt aber mal ernsthaft. Nehmen wir einen anderen Fall. Das Telefon klingelt. Diesmal ist es kein Pixie mit Fruchtproblemen, sondern ein Kollege aus Leipzig. Tatort: Wohnung, männliche Leiche, Mitte dreißig. Auffällig: Spitze Ohren. Also ein Elf, ein Angehöriger der Fae, höchstwahrscheinlich vom Sommerhof. Mia gibt den Fall an mich weiter. Ich bin Einsatzleiter. Ich kläre zuerst: Ist Gefahr im Verzug? Irgendwas Instabiles am Tatort? Was für Equipment brauchen wir. Danach kommen Viktor und ich - wir sind das mobile Einsatzteam im Außendienst. Und bei diesem Beispiel würde sich auch Gerrit bereithalten.


"Wer ist Gerrit?", fragt Tara neugierig.


"Er ist bei uns für die juristische Einschätzung zuständig. Und er kennt die Fae-Seite. Wenn jemand weiß, wie man diplomatische Katastrophen verhindert, dann er."


"Okay. Und warum ist das so heikel bei einem Toten aus dem Sommerhof?"


Christian weiß, dass er eine möglichst diplomatische Antwort geben muss. Er ist sich nicht sicher, ob Tara wirklich "nur" ein Mensch ist, so wie ihr Äußeres vermuten lässt. Und er hat auch keine Ahnung, wer diesen Video-Podcast aller sieht. Er darf niemandem zu sehr auf die Zehen steigen.


"Weil die Fae nichts vergessen. Und wenn sie den Eindruck haben, dass bei der Aufklärung eines Falls geschlampt wird - oder noch schlimmer, dass Menschen sich über magisches Recht hinwegsetzen - dann kriegen wir ein Problem. Und nicht nur wir, die Spökenkieker, sondern alle. Polizei. Politik. Zivilgesellschaft. Deshalb übernehmen wir solche Fälle sofort. Und restlos."


"Also Mord an einem Fae bedeutet sofort dass die Spökenkieker übernehmen?", fasst Tara zusammen.


Christian nickt bestimmt.


"Du hast jetzt schon ein bisschen über Mia und Gerrit gesprochen", fährt Tara fort. "Was mich natürlich neugierig macht: Haben du und dein Kollege - Viktor, richtig? - auch so etwas wie ein Spezialgebiet?"


Christian lehnt sich leicht zurück und verschränkt die Arme vor der Brust. "Ja. Haben wir. Wobei ich gleich dazu sagen muss: Wir sind die, die rausfahren. Wenn irgendetwas brennt, stinkt, knallt oder einfach merkwürdig ist, stehen meistens wir beide vor der Tür. Einzige Ausnahme ist, wenn einer von uns beiden krank oder in Urlaub ist."


Tara nickt. "Und eure Spezialgebiete …?", hakt sie nach.


"Viktor ist bei uns der Techniker. Wenn irgendwo ein Ritualkreis mit einem digitalen Artefakt gekoppelt ist oder jemand einen Dämon über ein gehacktes WLAN gerufen hat - was leider wirklich schon passiert ist - dann ist er der, der herausfindet, wie das funktioniert. Ich bin ehrlich: Ich bin froh, wenn mein Drucker funktioniert. Und wenn nicht, dann … brauch ich Viktor."


Tara lacht amüsiert. "Klingt, als wäre er ziemlich unersetzlich."


"Absolut", stimmt ihr Christian bei. "Nicht nur technisch. Er ist auch körperlich .. na ja, sagen wir: engagierter. Wenn ein Verdächtiger rennt, rennt Viktor hinterher. Wenn einer meint, er müsse ausholen, steht Viktor vor mir. Ich bin da eher der, der redet."


"Also übernimmst du auch die Verhöre?", fragt Tara.


"Ja. Glaub mir, es ist niemandem geholfen, wenn Viktor das erledigt. Und ich mach das eigentlich sehr gern. Es liegt mir. Ich hab 'nen ganz guten Riecher für Leute. Und ich rede ihre Sprache."


"Im übertragenen Sinne, oder …?", fragt Tara.


Christian zuckt beiläufig mit den Schultern. "Beides. Ich kann mich in vielen Sprachen verständigen. Natürlich Deutsch und Englisch, dann noch Vietnamesisch, Italienisch, Französisch, Spanisch, Türkisch, Arabisch - und wenns sein muss auch in Altgriechisch oder Latein."


"Wow", sagt Tara sichtlich beeindruckt. "Das ist toll. Woher kannst du das alles?"


"Sprachen waren schon immer mein Ding. Und sie helfen in meinem Job ungemein. Außerdem ist Magie ja eigentlich auch nur eine Sprache. Eben mit … Nebenwirkungen."


"Moment", fällt ihm Alexander, wie zu erwarten war, beinahe ins Wort. "Christian, das ist jetzt aber schon eine sehr grobe Vereinfachung. Sprache ist nur ein Aspekt magischer Praxis! Es geht auch um Intention, um strukturierte Kognition, um symbolische Resonanzräume …"


Christian hebt beschwichtigend eine Hand. "Alexander, es ist wohl jedem klar, dass ich das etwas vereinfacht ausgedrückt habe. Aber wenn du mal einen Schritt zurück machst und das Ganze ein bisschen von außen betrachtest, musst du mir doch zustimmen, dass ich nicht ganz unrecht habe."


Alexander antwortet trocken und gänzlich unbeeindruckt: "Junge, ich betrachte die Dinge grundsätzlich von mehreren Seiten."


Christian kann nicht verhindern, dass er zu grinsen beginnt. Er selbst ist zwar inzwischen schon mitte fünfzig, aber jedes Mal, wenn er mit Alexander diskutiert und von ihm mal wieder als Junge bezeichnet wird, fühlt er sich wieder an seine Zeit als Alexanders Schüler erinnert. Gut zu wissen, dass er immer noch weiß, wie er Alexander am schnellsten dazu bringt, dass der sich in rage redet.


"Ich weiß. Von allen Seiten gleichzeitig, wenn man dich reden lässt. Gut, dass ich Verhöre führe und nicht du."


Alexander sieht ihn tadelnd an. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich auch schon mehr als eine Aussage aus einer Sphinx herausbekommen habe, die du mit deiner Berliner Direktheit wohl eher zum Schweigen gebracht hättest.


Christian schiebt sein Kinn ein wenig trotzig vor und antwortet spielerisch angriffslustig: "Mag sein. Aber ich hätte dabei weniger Fußnoten gebraucht."


Tara beginnt herzlich zu lachen. "Okay, okay, ich seh schon. Ihr habt eine gewisse Geschichte. Ich fühle mich gerade ein bisschen wie beim Familienessen, wo sich die beiden Lieblingsonkel zum Spaß an die Gurgel gehen."


"Nenn es lieber ein interdisziplinäres Streitgespräch", schlägt Alexander vor.


"... das den Rahmen der Folge sprengt", fügt Christian trocken hinzu.


"Damit hat er leider recht", stimmt Tara zu. "Zum Schluss noch eine Frage, die ich jedem stellen würde, der so einen Job macht wie du: Was war dein … sagen wir mal … spektakulärster Fall?"


Christian seufzt gespielt dramatisch. "Einen? Echt jetzt? Du weißt schon, dass ich in meinem Leben ungefähr siebzehn Mal verflucht, fünfmal fast verhext und einmal aus Versehen mit einem Baum verlobt wurde?"


Das bringt Tara wie erwartet zum Lachen. "Okay, dann den Fall, der dir als Erstes einfällt."


Christian schüttelt leicht den Kopf. Er weiß genau, was Tara und auch das Publikum hören möchte. Und er ist sich nicht zu schade, diese kleine Episode mit der Öffentlichkeit zu teilen.


"Na gut. Nordsee. Vor drei Jahren. Da gab’s plötzlich eine ganze Reihe von Schiffen, die vom Kurs abgekommen sind. Manche sind gestrandet. Ein paar galten sogar für Tage als verschollen. Und das Seltsamste: Niemand an Bord wollte auch nur ein Wort dazu sagen, was passiert ist. Kein einziger Matrose."


Tara sieht ihn interessiert an, "Das klingt merkwürdig. Also habt ihr …?"


"Genau. Viktor und ich sind auf eines der Schiffe gestiegen, das rausfuhr. Kleines Frachtschiff, reine Männercrew. Und ich kann dir sagen, Viktor war nach genau acht Minuten auf See so grün im Gesicht, dass ich kurz überlegt habe, ob wir nicht lieber wieder umdrehen."


Tara beginnt laut loszulachen. "Oh nein! Seekrank?"


"Er ist kein Freund von unruhigen Bewegungen, sagen wir's so", antwortet Christian trocken. "Und grad als ich beschlossen habe, dass wir wirklich wieder zurück zum Hafen fahren, sehe ich sie."


Vor Christians inneren Auge tauchen die Bilder von damals wieder auf. Er hält kurz inne, bevor er sich daran macht, die Begegnung für Tara und das Publikum genauer zu beschreiben.


"Drei Stück Nixen. Klischeehaft bis ins Detail. Lange schimmernde Haare, Haut wie gebleichter Marmor, Fischschwänze wie aus 'nem Fantasy Film. Und oben rum .. na ja."


Er hebt beide Hände und deutet eine üppige Körbchengröße an.


"Sagen wir: nicht jugendfrei …"


Tara blinzelt erstaunt und lacht dann, "Ähm … Wow. Also echte, klassische Sirenen?"


"Jepp", nickt Christian.  "Und sie haben sich immer nur Schiffe ausgesucht, auf denen ausschließlich Männer an Bord waren. Wir haben später rausgefunden, dass sie keine bösen Absichten hatten. Sie wollten flirten, spielen, verführen und einfach ein bisschen Spaß haben. Aber nichts davon war bösartig. Und die Männer haben sich tatsächlich nur geschämt. So richtig geschämt. Deshalb hat auch keiner was gesagt. Die wollten einfach nicht zugeben, dass sie teilweise freiwillig ins Wasser gesprungen sind, weil ihnen eine halbnackte Wassergöttin 'Hallo schöner Seemann' ins Ohr gehaucht hat."


"Und du?", fragt Tara schmunzelnd. "Hast du widerstanden?"


Christian verzieht das Gesicht. "Ich bin auch nur ein Mann … ich bin ohne lange nachzudenken ins Meer gesprungen und fast abgesoffen. Also nein."


"Wie war das nochmal, Christian", neckt Alexander ihn. "Magie ist nur eine Sprache?"


Christian sieht Alexander an. "Wenn du dagewesen wärest, hättest du ihnen vermutlich direkt einen Heiratsantrag geschrieben. In Versform."


Tara lacht wieder auf. Als sie sich ein wenig beruhigt hat, fragt sie grinsend: "Und wie seid ihr da rausgekommen?"


"Dank Viktor", antwortet Christian ehrlich. "Der ist - sagen wir mal so - an derlei Reizen nicht interessiert. Die Nixen habens probiert, sind aber gescheitert. Und während ich noch wie ein nasser Hund aus dem Meer gefischt wurde, hat er mit den Damen ein ernstes Gespräch geführt."


"Das ist eine großartige Geschichte", sagt Tara immer noch grinsend. "Und ein herrlicher Abschluss für unsre heutige Episode. Christian, ich bedanke mich, dass du heute da warst und uns ein wenig an deinem Alltag teilhaben hast lassen."


"Ich bedanke mich auch, dass du in deinem dichten Terminkalender doch noch ein paar Minuten für uns freischaufeln konntest", stimmt auch Alexander mit ein.


"Es freut mich, dass ihr mich eingeladen habt. War eine nette Abwechslung", bedankt sich Christian.


"Und auch Euch vielen lieben Dank fürs dabei sein", wendet sich Tara an die Kameras. "Wenn Euch unser Video-Podcast gefallen hat, dann gebt uns doch einen Daumen hoch und wenn ihr Fragen habt, die wir in einer der nächsten Episoden beantworten sollen, dann schreibt sie gerne in einen Kommentar. Bis zum nächsten Mal, Tschüüüüss!

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