Obligatio silvae regiae (Kapitel 5b)
Jul. 7th, 2025 07:22 pm
Titel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 5b)
Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: Joker (2024 Fantasy: Die Geister, die ich rief)
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G
"Und wenn du herausgefunden hast, was da los ist, was dann?"
Alexander lehnt sich in seinem Polstersessel zurück und lässt seinen Blick über die Kameras und die dahinter stehenden Personen schweifen. Sie alle lauschen gespannt - die Makeup-Dame, der Tonassistent, der Mann von der Dialogregie.
"Dann stellt sich die Frage: Was genau will ich tun? Will ich die Wirkung neutralisieren? Umleiten? Eindämmen? Bei aktiven Zaubern - etwa einem fortlaufenden Bannkreis oder einer manipulativen Fluchbindung - ist das Ziel meist die kontrollierte Deaktivierung. Ich arbeite dann mit magischer Inversion. Also dem gezielten Rückbau der eingesetzten Strukturen."
"Wie ein Gegenzauber?", vermutet Tara.
"Nicht ganz. Ein Gegenzauber kann gefährlich sein, wenn man nicht genau versteht, was man da neutralisiert. Manchmal sind Zauber ineinander verschachtelt - ein sogenanntes Magisches Nest. Wenn du da unvorbereitet einen Zauber auflöst, kannst du andere auslösen."
"Wie eine Bombe mit mehreren Zündschnüren …"
"Exakt", stimmt ihr Alexander zu. "Deshalb ist es so wichtig, zuerst zu verstehen und dann erst zu handeln. Ich könnte dir jetzt genau erklären, wie ich in so einem Fall vorgehe - mit schichtweiser Isolation, zum Beispiel. Aber das würde wohl nicht nur den Rahmen der Sendung sprengen, sondern alle ohne fundierter Ausbildung in Magie vollkommen verwirren. Wichtig ist nur, wenn man dabei einen Fehler macht, wird die Umgebung … sagen wir mal … unangenehm."
Tara kichert nervös. "Ich will's gar nicht genauer wissen."
Alexander stimmt ihr zu. Die Dinge, die er durch versehentlich entgleiste Magie schon erlebt hat, waren allesamt nicht schön.
"Du hast vorhin gesagt, was du gegen aktive, gelenkte Zauber machst. Aber im Fall des jungen Mannes gab es da ja nie. Da war nur was man - glaube ich - wilde Magie nennt."
"Wilde Magie ist insofern tückisch, als dass sie keinen Sender hat. Keine Absicht. Nur Kraft. Da gibt es nicht um Deaktivierung, sondern um Transformation. Ähnlich wie bei meinen magischen Blitzableitern, nur ein paar Nummern größer. Wenn ich so etwas zum Beispiel hier im Studio in einen Ton umwandeln würde, gäbe es in halb Köln keine intakte Fensterscheibe mehr. Deswegen versuche ich die Magie oft einfach umzuleiten. Etwa in Erdungsknoten, stehende Wasserflächen oder vorbereitete Magiespeicher - ähnlich wie das Akkupack, nur potenter. Ich hab schonmal einen aktiven Zauber in ein Glasgefäß verlegt und das dann sicher versiegelt und mit Runenfäden umwickelt.
Tara schnaubt amüsiert. "Zauber im Einmachglas?"
"Könnte man sagen", stimmt ihr Alexander zu. "Im Endeffekt geht es bei wilder Magie immer um Schadensbegrenzung. Da darfst du bei den Mitteln nicht wählerisch sein. Und man lernt schnell Demut. Denn wenn Magie einmal außer Kontrolle gerät, erinnert sie dich sehr schnell daran, dass du nur ein kleiner Wicht bist, der einer Urmacht gegenüber steht."
Nach einigen Momenten Stille, sagt Tara beinahe ehrfürchtig: "Wow. Das war … sehr viel. Aber auch wirklich eindrucksvoll. Ich glaube, jetzt haben wir alle ein viel besseres Bild davon, wie gefährlich Magie sein kann, wenn man sie nicht unter Kontrolle hat. Und auch was du tust, wenn du die Polizei unterstützt "
Alexander nickt. "Ich hoffe es. Denn Magie muss ernst genommen werden."
"Sag mal, wie oft kommt das eigentlich vor? Dass du wirklich von der Polizei angefordert wirst? Oder ist das mehr so was, das einmal im Jahrzehnt passiert?"
Alexander schmunzelt. Einmal im Jahrzehnt. Das wäre schön. "Früher war das deutlich häufiger. Vor zehn Jahren hat mein Telefon regelmäßig geläutet. Manchmal ein- bis zweimal im Monat. Meistens dann, wenn ich eigentlich anderes zu tun gehabt hätte. Immer war ein leicht panischer Polizist dran. Herr Schachner, da ist was Komisches passiert. Können Sie mal kurz …? Und schon bin ich im Flieger gesessen …"
Tara lacht. "Ich höre da eine gewisse Müdigkeit heraus."
"Tja. Natürlich. Aber was hätte ich denn anderes tun sollen? Die Polizei hatte zwar ein paar Leute mit Grunderfahrung, aber keine zentrale Stelle, die sich mit Magie auskennen. Das hat sich zum Glück geändert."
Taras Augen beginnen zu leuchten. "Du meinst … die Spökenkieker?"
Es hätte ihn auch sehr gewundert, wenn sie noch nicht von der Spezialeinheit gehört hätte. Grinsend antwortet er: "Richtig. Die Spökenkieker übernehmen entweder die Ermittlungen selbst oder sie beraten die zuständigen Dienststellen. Sie haben Zugriff auf eine Datenbank mit den aktuellen Fällen, besitzen inzwischen auch mobile Artefaktscanner und haben eine beeindruckende Bibliothek magischer Fachliteratur - wenn auch beinahe ausschließlich digital."
"Das klingt ziemlich professionell", zeigt sich Tara beeindruckt.
"Das ist es auch", stimmt ihr Alexander ernst zu. "Seit ihrer Gründung vor inzwischen fast acht Jahren hat sich vieles verbessert. Und das merkt man auch bei mir. Heute werde ich vielleicht noch ein- oder zweimal im Jahr direkt angefordert. Und zwar dann, wenn die Spökenkieker selbst nicht weiterkommen oder die Situation besonders delikat ist. Etwa wenn fae-diplomatische Aspekte eine Rolle spielen."
"Eigentlich müssten wir mal jemanden von den Spökenkiekern hierher einladen", sagt Tara nachdenklich. "Das wäre doch spannend, oder?"
"Unbedingt!" Das ist eine hervorragende Idee! Ich kann Christian Nguyen fragen - das ist der Leiter der Einheit. Einer meiner ehemaligen Schüler", antwortet Alexander enthusiastisch.
"Super, dann machen wir das. Eine letzte Frage habe ich aber noch. Stell dir vor, jemand - sagen wir aus unserem Publikum - kommt zufällig in eine Situation, in der Magie aktiv ist. Nichts so Dramatisches wie wilde Magie, aber doch … komisch. Wie soll man sich dann verhalten? Gibts sowas wie die magische Variante von Stop, Drop, Roll?"
Alexander lächelt, aber seine Stimme bleibt ernst, als er antwortet: "Ja. Es gibt eine einfache Faustregel, die ich meinen Lehrlingen am allerersten tag beibringe. Und die empfehle ich jedem Menschen, der sich unerwartet mit magischer Aktivität konfrontiert sieht."
Er hebt drei Finger, während er weiter spricht: "Erkennen. Entfernen. Melden."
Tara nickt langsam.
Alexander fährt fort: "Erkennen bedeutet: Nimm die Situation ernst, wenn dir etwas seltsam vorkommt. Hör auf dein Bauchgefühl. Bei Magie ist das oft der beste Sensor."
Er nimmt einen seiner Finger wieder weg.
"Entfernen heißt: Bring dich raus aus der unmittelbaren Umgebung. Je weiter weg du bist, desto besser. Wilde oder schlecht kontrollierte Magie kann chaotisch reagieren. Besser zu weit zurückweichen und dann nochmal ein paar Meter weiter."
Tara nickt erneut.
"Und Melden - ganz wichtig. Das bedeutet nicht, dass man einen panischen Tweet absetzt oder ein Video postet. Ruf die Polizei. Sag klipp und klar, dass du den Verdacht hast, dass es sich um Magie handelt. Dann landet das automatisch bei den Spökenkiekern auf dem Tisch und die wissen, was zu tun ist."
"Erkennen, entfernen, melden - klingt simpel, aber sinnvoll."
"Ist es auch", stimmt ihr Alexander zu. "Im Gegensatz zu Feuer fliegt dir ungerichtete Magie nicht notwendigerweise sofort um die Ohren. Aber wenn sie's tut, ist es oft zu spät, um dann noch irgendetwas zu unternehmen. Magie ist kein Spielzeug - aber wer mit Bedacht handelt, muss sie auch nicht fürchten."
Tara wendet sich wieder der Kamera zu.
"Mit diesen sehr praktischen Worten verabschieden wir uns von euch. Wenn euch unser Video-Podcast gefällt, gebt uns gerne einen Daumen hoch und wenn ihr schon mal auf seltsame magische Phänomene getroffen seid, erzählt uns doch davon in einem Kommentar."
"Bis zum nächsten Mal", verabschiedet sich auch Alexander.