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Titel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 5a)


Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: ein schiefgegangener Zauberspruch
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G


«Teil 1 ‹Teil 4 Teil 5b›









Ein Freund hat mir für diese Geschichte Alexander als den Magier aus dem klassischen Tarot erstellt. Ich hoffe, das ist in Ordnung, dass ich das Bild zur Geschichte dazu poste 😀




Exakt drei Wochen später sitzt Alexander erneut in dem kleinen Studio. Er hat die Makeup-Dame davon überzeugen können, dass Bart und Frisur keinerlei Haarspray nötig haben, entsprechend gutgelaunt lauscht er der Anmoderation von Tara.


Auf Taras Gesicht ist ein einladendes Lächeln. Sie sitzt aufrecht in ihrem Polstersessel, der einen interessanten Kontrast zu ihrem weinroten T-Shirt bildet. Dort prangt in weißen Lettern die Formel E = mc². Dazu trägt sie einen langen schwarzen Faltenrock und Hausschlapfen aus pinkem Plüsch. Ihre Garderobe gibt ihm langsam Rätsel auf.


"Willkommen zurück zu Zauber oder Wahrheit - dem Video-Podcast rund um Magie, Mythen und Irrglauben. Mein Name ist Tara Weiss und mit mir hier im Studio sitzt wie immer Professor Dr. Alexander Schachner - gerichtlich vereidigter Sachverständiger für Magie und Leiter des Instituts für Philosophie an der Universität Salzburg."


Alexander hebt die Hand und winkt freundlich in die Kamera - er hofft, dass er die richtige erwischt hat. "Hallo auch von meiner Seite an alle Zusehenden und Entitäten zwischen den Ebenen."


Tara wendet sich ihm zu und kommt ohne Umschweife gleich zum Thema der heutigen Episode. "Alexander, du hast mir neulich von einer Geschichte berichtet, die mich seitdem nicht mehr losgelassen hat. Du hast erzählt, du wurdest mitten in der Nacht zu einem Tatort gerufen - weil die Polizei nicht mehr weiterwusste. Da war irgendetwas … entgleist?"


Alexander nickt. "Ganz genau. Es war ein Fall von arkaner Resonanzentgleisung - also im Prinzip eine ungeführte, unkontrollierte Entladung magischer Energie. Vergleichbar mit einer elektrischen Überspannung, nur … auf metaphysischer Ebene."


"Das klingt wild. Und gefährlich", stellt Tara beeindruckt fest.


"War es auch."


"Was hat dich dort erwartet?"


Alexander räuspert sich. "Was mich erwartet hat, war erstmal eine relativ durchschnittliche Wohnung in einem eher unspektakulären Viertel einer typischen Deutschen Großstadt. Sie lag im dritten oder vierten Stock eines etwas älteren Gebäudes. Die Beamten vor Ort waren vollkommen überfordert - was kein Vorwurf ist. Selbst für einen erfahrenen Magier ist so ein Fall nicht alltäglich. Der Verstorbene - ein junger Mann, Student, Mitte zwanzig und sicherlich zu Lebzeiten sehr intelligent - hatte versucht, einen eigenen Zauber zu entwickeln. Inspiriert von einem Pen-&-Paper-Rollenspiel."


Alexander sieht, wie Tara zu einer Bemerkung ansetzt und kann sich schon denken, in welche Richtung das gehen könnte. Deswegen beeilt er sich klarzustellen: "Ich möchte gleich betonen: Das war kein Spinner, kein weltfremder Sektierer, kein durchgeknallter Zauberlehrling. Er war kreativ, offen, neugierig - alles Eigenschaften, die in der Magie durchaus geschätzt werden. Und ja, sich von der Welt inspirieren zu lassen ist grundsätzlich eine sehr gute Idee. Die Grenze verläuft allerdings dort, wo Inspiration auf Selbstüberschätzung trifft."


"Was genau ist denn schiefgelaufen?", stoppt ihn Tara, bevor er sich zu sehr in dem Thema verbeißt.


"Er hat versucht, ein komplexes Wirkungsfeld zu erzeugen - eine sogenannte gebundene Potentialverlagerung mit synchronem Rückkoplungsanker. Auf dem Papier wirkte das fast stimmig. Nur: Die Grundlage war unvollständig. Keine Schutzsymbole, kein Stabilisator. Und vor allem keine Fokussierung. Sein Wille war dann nicht stark genug und seine Erfahrung nicht groß genug, um diese Defizite auszugleichen. Die Magie wusste somit nicht wohin."


Alexander macht eine kurze Pause und wählt seine Worte mit Bedacht. Ihm ist klar, dass ihre Zuseher wahrscheinlich gerade mal die Grundzüge von dem, was er gerade gesagt hat, verstehen. Er braucht ein Beispiel.


"Stell dir vor, jemand bastelt sich in der Garage ein Moped. Nichts Dramatisches. Ein bisschen Blech, zwei Räder, ein Gaspedal. Nur dass die Person - aus Gründen - als Antrieb den Turbinenkern eines Militärjets einbaut. Ohne zu wissen, wie man ihn kontrolliert. Was passiert dann wohl, wenn er sein neues Moped in Betrieb nehmen möchte?"


Tara schmunzelt, als sie vorsichtig fragt: "Das Ding hebt ab? Und … explodiert?"


Alexander nickt. "Wahrscheinlich. Ich bin weder Mechaniker noch Ingenieur. Aber selbst ich als Laie kann dir sagen, dass diese Spritztour im besten Fall wohl im Krankenhaus endet. Um wieder zurück zu dem Fall des schiefgegangenen Zauberspruches zu kommen: Dort hat die magische Entladung Raum und Wahrnehmung aufgerissen. Die ganze Wohnung war in Aufruhr. Die Kaffeemaschine hat mich auf Italienisch begrüßt, der Toaster hat versucht zu fliehen, im Schlafzimmer schwebte eine Katze und in einer Wand im Vorzimmer hat sich ein instabiles Portal geöffnet. Ganz zu schweigen von den violetten Partikeln, die sich an jede Oberfläche geheftet haben."


"Das ist faszinierend … und beängstigend", sagt Tara.


"Und traurig", ergänzt Alexander. "Der junge Mann hat nicht verstanden, wie viel Kraft freigesetzt werden kann. Und wie wichtig Kontrolle ist."


Er macht eine kurze Pause, bevor er mit eindringlicher Stimme fortfährt: "Magie ist nicht intelligent. Sie reagiert auch nicht auf Absicht allein. Sie braucht eine leitende Struktur, Kohärenz und Verständnis. Wenn eines davon fehlt, dann kann selbst ein scheinbar harmloser Zauber zum Desaster werden."


"Und was hast du getan?"


"Ich habe die Reste des Wirkungsfelds analysiert, einen improvisierten Ablauf geschaffen, damit die vorhandene Magie kontrolliert umgewandelt werden kann, das Portal stabilisiert und dann die Wohnung magisch versiegelt. Das alles natürlich unter Zeitdruck, denn die Raumverzerrung durch das Portal war instabil. Am Ende blieb nur die traurige Gewissheit: Dieser Unfall hätte verhindert werden können."


"Das klingt anstrengend", stellt Tara fest.


Alexander nickt zustimmend. "Es war vor allem ein Weckruf - für mich und hoffentlich auch für andere. Es zeigt, wie wichtig es ist, Wissen zu teilen. Magie braucht Ausbildung und Anleitung."


Er beugt sich zur Kamera vor und sagt mit Leidenschaft in seiner Stimme: "Deshalb sitzen wir hier. Um zu erklären, zu entmystifizieren und um denjenigen, die über die Verwendung von Magie nachdenken, Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie sicher und verantwortungsvoll arbeiten können."


"Dem hab ich nichts hinzuzufügen", gesteht Tara. "Allerdings gibt es etwas, das mich wirklich interessiert - und vermutlich auch viele unserer Zuschauer: Wie gehst du vor, wenn du an so einen Ort gerufen wirst? Ich meine … du weißt ja vorher nicht, mit was du es zu tun bekommst."


"Richtig. Jeder Einsatz ist anders", stimmt Alexander ihr zu. "Wir sind noch nicht so weit, dass es einen standardisierten Modus Operandi gibt, aber ich habe im Laufe der Zeit ein gewisses Vorgehensmuster entwickelt, mit dem ich bisher sehr gut gefahren bin."


"Jetzt bin ich gespannt", wirft Tara lächelnd ein.


"Erstens: Schutz. Ich betrete keine magisch belastete Umgebung ohne Stabilisierung und Ableitung. Je nach vermutetem Magietyp trage ich zum Beispiel eine individuelle Abschirmung. Das kann eine resonanzdämpfende Metallversiegelung sein oder ein modifizierter Riss-Schild mit Umkehrmatrix. Wenn ich mit offener Wirkung rechnen muss - etwa bei Flüchen, Resonanzverzerrungen oder aktiven Ritualfeldern - kommen auch mobile Fokusbrecher zum Einsatz. Die blockieren kurzfristig externe magische Einflüsse."


"Also wie ein magischer Schutzanzug", wirft Tara ein.


"Mehr wie eine Kombination aus Isolierung, Gehörschutz und FFP3-Maske. Und wir dürfen natürlich den Blitzableiter nicht vergessen. Ich trage meistens irgendeine Art von Ableitung bei mir. Sollte ich Ziel eines Zaubers werden, dann kann der einen gewissen Teil der Magie aufnehmen und ableiten. Die meisten wandeln sie in eine andere Form der Energie um. Es gibt zum Beispiel Gegenstände, die zu Leuchten beginnen. Andere erzeugen Geräusche. Einer meiner ehemaligen Schüler hat ein Akkupack modifiziert, um die Energie speichern und später wiederverwenden zu können. Es exsistieren also wirklich ausreichend Möglichkeiten, um sich adäquat zu schützen."


Tara nickt interessiert. Alexander ist sich jetzt schon sicher, dass sie ihn später, wenn die Kameras nicht mehr laufen, nach dem Akkupack fragen wird.


"Als zweites folgt die Analyse. Ich nutze dazu strukturierte Erfassungszauber - wie etwa ein Praedicius Arcanum oder die sogenannte schwebende Sondierung. Letztere ist besonders nützlich bei Residualfeldern, an die man nicht näher rangehen möchte, oder bei gestörter Raumstruktur. Und gerade bei eben erst gewirkter Magie, die noch keine Zeit hatte, sich weiter zu verbreiten und mit der Hintergrundresonanz der Umgebung zu verschmelzen, kann ich über die Fluktuation der lokalen Ätherfrequenzen Rückschlüsse auf die Absicht, Ausführung und manchmal sogar auf den Verursacher ziehen."


Tara hebt ihre Brauen. "Uff. Das klingt alles unglaublich technisch. Ich glaube, ich habe nicht mal die Hälfte verstanden …"


"Ja, es ist auch unglaublich technisch. Und höchst komplex. Magie ist nicht nur Gefühl. Sie ist Arbeit - und ein Handwerk, das man von Grund auf erlernen muss."

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