Obligatio silvae regiae (Kapitel 4)
Jul. 6th, 2025 02:19 pmTitel: Obligatio silvae regiae (Kapitel 4)
Team: Nixe
Tabelle: SciFi & Fantasy
Prompt: Technobabble
Für: Das Team
Fandom: Original
Rating: G
"Willkommen zu Zauber oder Wahrheit. Mein Name ist Tara Weiss und ich freue mich sehr, euch zur allerersten Folge unseres Video-Podcasts begrüßen zu dürfen. Neben mir sitzt Professor Dr. Alexander Schachner, gerichtlich vereidigter Sachverständiger für Magie und Leiter des Instituts für Philosophie an der Paris Lodron Universität Salzburg", sagt Tara in professionell-freundlichem Tonfall.
"Hallo, liebe Zuseherinnen, Zuseher und zusehenden Entitäten", begrüßt auch Alexander das virtuelle Publikum.
Tara hat ihm erklärt, dass das Video live gestreamt wird. Irgendwo da draußen sitzen also - hoffentlich - tatsächlich einige Personen und sehen ihnen beiden dabei zu, wie sie zum ersten Mal gemeinsam die Anmoderation übernehmen.
Auch wenn Alexander schon unzählige Vorlesungen gehalten hat und es gewohnt ist, vor Gericht zu sprechen, ist er heute doch ein wenig nervös. Er weiß selbst nicht, warum. Tara hat ihn natürlich vorab über das heutige Thema informiert. Er weiß, wie der Ablauf des Formats geplant ist und sie haben vorhin schon kurz darüber gesprochen, in welcher Reihenfolge welche Fragen gestellt werden.
Trotzdem sind seine Handflächen feucht und er fühlt das aufgeregte Klopfen seines Herzens.
"Alexander, kannst du uns in einem Satz sagen, wo du dich in Bezug auf Magie einordnest?"
"Ich ordne mich als Chaosmagier ein - also jemand, der Magie als paradigmenflexible Realitätsmanipulation versteht - mit einer natürlichen Affinität zur Luftmagie, sprich der Beeinflussung von Atmosphäre, Druck und energetischen Strömungen", antwortet Alexander, ohne lange darüber nachzudenken.
"Das klingt furchtbar kompliziert. Aber keine Sorge, wir werden das heute ein bisschen für euch entwirren. Wir sprechen über etwas, das viele von euch betrifft: Die Frage, was Magie eigentlich ist - und wie man als Magier einsortiert wird."
"Und, ob das überhaupt sinnvoll ist", wirft Alexander ein.
Mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht fügt Tara hinzu: "Spoiler: Alexander mag keine Schubladen."
"Die Welt ist einfach zu vielfältig, um sie in wenigen Kategorien abbilden zu können", erklärt Alexander knapp. Er muss sich wirklich zurückhalten, nicht in eine ausführlichere Erläuterung abzurutschen.
"Alexander, bevor wir ins Detail gehen - du arbeitest als gerichtlich beeideter Sachverständiger für Magie. Was bedeutet das eigentlich und wie wird man so jemand?", stellt Tara die erste der abgesprochenen Fragen.
Alexander lehnt sich in seinem Polstersessel zurück und beginnt mit der Beantwortung.
Zur Frage, wie man gerichtlich vereidigter Sachverständiger wird … Das war ein längerer Weg. Wenn ich das jetzt ausführlich erklären würde, müssten wir die nächsten zwei Folgen streichen. Ganz grob gesagt: Es unterscheidet sich nicht allzu sehr von der menschlichen Variante. Prüfungen, Gutachten, Berufung durch das Gericht. Nur dass in meinem Fall sowohl die Fae als auch die menschlichen Behörden zustimmen mussten. Kein einfacher Prozess. Und ehrlich gesagt, nicht ganz schmerzfrei."
"Und was sind deine Aufgaben in dieser Funktion?", hakt Tara nach.
"Der Sachverständige ist eine unabhängige, integre Person, die auf einem oder mehreren bestimmten Gebieten über besondere Sachkunde sowie Erfahrung verfügt. Der Sachverständige trifft aufgrund eines Auftrages allgemeingültige Aussagen über einen ihm vorgelegten oder von ihm festgehaltenen Sachverhalt. Er besitzt ebenfalls die Fähigkeit, die Beurteilung dieses Sachverhaltes in Wort und Schrift nachvollziehbar darzustellen", zitiert Alexander eine der ihm bekannten Definitionen.
"Aber was bedeutet das in verständlichen Worten?", fährt er fort. "Vereinfacht gesagt: Ich bewerte magische Sachverhalte für Gerichte und erkläre sie auch für Laien nachvollziehbar. Wenn beispielsweise jemand angeklagt wird, eine andere Person verflucht zu haben, aber behauptet, der Fluch sei von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen, dann prüfe ich das. Ich analysiere die verwendeten Methoden, bewerte die magischen Fähigkeiten des Beschuldigten und stelle fest, ob der Fluchversuch überhaupt eine realistische Erfolgsaussicht hatte. Das ist juristisch relevant - genau wie bei einem Mordversuch macht es einen Unterschied, ob jemand mit einem Spielzeugmesser oder einem Jagdmesser zugestochen hat. War der Fluchversuch von Anfang an untauglich, wird das anders bewertet als ein beinahe erfolgreicher Fluch mit tatsächlichen Schäden. Meine Aufgabe ist es, dem Gericht diese magischen Zusammenhänge neutral und nachvollziehbar zu erklären."
Tara nickt. "Vielen Dank für die Erklärung." Dann kommt sie zum nächsten Punkt. Sie haben gemeinsam beschlossen, dass Alexander zu Beginn ein wenig mehr über sich selbst erzählen soll, damit er für das Publikum greifbarer wird.
"Okay, also: Luft, Chaos, Gerichte … klingt schon jetzt nach einem Leben, das alles andere als langweilig ist."
Alexander neigt zustimmend seinen Kopf.
"Was ich mich frage - und wahrscheinlich auch viele im Publikum: Was machst du eigentlich den ganzen Tag? Ich mein, was ist dein Alltag, wenn du nicht gerade Video-Podcasts aufnimmst oder magische Gutachten für die Polizei schreibst?
Alexander schnaubt amüsiert. "Alltag ist ein Wort, das in meinem Berufsfeld eher eine theoretische Kategorie ist. Ich unterrichte Philosophie an der Salzburger Privatuniversität. Dort leite ich das Institut, was bedeutet, dass ich mich neben Lehre und Forschung auch mit Verwaltung, Drittmitteln und gelegentlichen Kompetenzkrisen junger Menschen beschäftige."
Die Streitigkeiten ums Budget lässt er lieber außen vor. Das letzte Mal, als er sich zu laut darüber beschwert hat, musste er die Wogen wieder mit einem ausgiebigen Abendessen glätten.
"Abseits davon arbeite ich, wie gesagt, als Sachverständiger. Das heißt: Ich analysiere magische Spuren an Tatorten, bewerte rituelle Artefakte, schreibe Gutachten für das Gericht oder werde zu Verhören hinzugezogen, wenn jemand behauptet, sein Nachbar hätte ihn verhext."
"Und in der restlichen Zeit unterrichte ich privat ein oder zwei ausgewählte Lehrlinge in Sachen Magie oder bilde mich selbst weiter."
Er weiß, dass sie in einer der späteren Episoden noch über das Thema Magische Aus- und Weiterbildung sprechen wollen, deswegen lässt er die Formulierung absichtlich vage.
"Also ja, langweilig ist es selten. Aber dafür oft anstrengend auf eine Art, die sich nur erklären lässt, wenn man selbst mal versucht hat, einer Polizeidienststelle zu erklären, was ein Runenkreis eigentlich macht."
So viel zur Einleitung. Tara leitet mit einer Eleganz zum eigentlichen Kernthema der Folge über, die Alexander bemerkenswert findet.
"Das klingt, als würdest du täglich durch drei verschiedene Welten pendeln.
Lass uns über eine davon reden, nämlich über Magie an sich. Alexander, du hast es vorhin schon angedeutet: Es gibt verschiedene Arten von Magie. Elementar, ritualgebunden, intuitiv, chaosbasiert … Aber was davon ist denn jetzt richtig? Gibts überhaupt ein System dahinter? Oder ist das alles menschengemachter Kategoriewahn?"
Alexander setzt sich wieder gerade hin. Jetzt ist er in seinem Element. Die Nervosität ist wie weggefegt. Diese Verschmelzung von Magie und Philosophie ist eines seiner Lieblingsthemen und ihm ist in diesem Moment schon klar, dass ihn Tara wohl mehr als einmal einbremsen müssen wird, wenn die Episode nicht mehrere Stunden dauern soll.
"Also ... man kann die Welt der Magie eher mit einem dreidimensionalen Kompass als mit Schubladen vergleichen. Es gibt grobe Richtungen zum Beispiel elementar, rituell, intuitiv, struktural oder chaotisch - und jeder Praktiker orientiert sich irgendwo in diesem Feld. Aber wer glaubt, das sei ein starres Koordinatensystem, in dem sich jeder exakt einordnen lässt, verkennt, wie individuell Magie letztlich ist", erklärt Alexander mit leicht dozierender Stimme.
Tara nickt interessiert. Das ist sein Zeichen, um weiter ins Detail zu gehen.
"Einige von uns arbeiten mit willensgesteuerter Symbolprojektion. Das sind die klassischen Sigillen- und Bindungslehren, basierend auf der semantischen Codierung von Bedeutung. Andere vollziehen arkan-rhythmische Muster, wie man sie etwa in der energetischen Tanzmagie vieler Naturvölker oder in der sphärischen Entladung nach Atramé findet.
Dann gibt es Theisten - oft Trancemagier - die sich auf ein übergeordnetes, metaphysisches Prinzip berufen. Ein Wesen, das ihnen als Manifestation von Ordnung, Chaos, Leben oder Tod erscheint. Sie würden sagen: Ich empfange die Kraft. Dabei ist es egal, ob sie es Gott nennen, die Große Mutter, den Leviathan oder vielleicht sogar The Force."
"Moment", unterbricht Tara ihn. "Hab ich das gerade richtig verstanden? The Force? Also die Macht? Wie in Star Wars?"
Alexander nickt. "Exakt. Warum nicht? Auch ein Jedi glaubt an irgendetwas Höheres, dass ihn dazu befähigt, eben diese Dinge zu tun, die wir aus den diversen Filmen kennen. Aber ich gebe zu, ich bin kein Fan und ich kenne auch keinen aktiv praktizierenden Jedi persönlich. Somit kann ich nicht allzu viel zu dem Thema sagen"
"Faszinierend", murmelt Tara. Sie beginnt zu lachen. "Damit wollte ich natürlich jetzt nicht Star Trek zitieren."
Alexander stimmt in ihr Lachen mit ein. "Die meisten Personen reagieren wie du, wenn ich von den Jedis erzähle."
"Ich habe wirklich nicht damit gerechnet, dass wir bei der heutigen Episode auch über Star Wars sprechen würden", gibt Tara immer noch grinsend zu. "Aber kommen wir wieder zum Thema zurück."
"Natürlich." Alexander räuspert sich, dann fährt er fort.
"Diesen Glaubensmagiern gegenüber stehen Hermetiker. Die sehen Magie als Wissenschaft - und das meine ich wörtlich. Sie verwenden strukturelle Formeln, energetische Gleichungssysteme, sogenannte matrices de charge oder auch matrix incantationum. Manche arbeiten mit logarithmischen Feldverschiebungen, andere mit harmonikaler Partikelresonanz. Da werden Zauber nicht gewirkt, sie werden konstruiert. Man kann sie debuggen."
"Also wie ein Computerprogramm?", fragt Tara ungläubig.
"Exakt. Es gibt sogenannte Reality Hacker, die tatsächlich Programme schreiben, um die Realität abzuändern. Wir können gerne in einer der späteren Folgen einen praktizierenden Reality Hacker einladen. Ich selbst habe über diese Ausrichtung allerdings nur theoretisches Wissen."
Tara nickt enthusiastisch. Sie bedeutet Alexander fortzufahren.
"Dann gibts noch uns Chaosmagier. Wir sagen: Alles kann funktionieren, wenn du es richtig machst. Also intentional, kohärent, konzentriert. Für uns ist Magie paradigmatisch fluide. Ob ich ein Ritual in lateinischer Liturgie halte, ein Zeichen aus der Goetia auf ein Post-it kritzle oder bei Neumond mit Acrylfarbe auf Plexiglas arbeite, die Technik ist sekundär. Entscheidend ist, dass ich verstehe, was ich tue. Und warum."
Tara hebt interessiert beide Brauen.
Bevor sie ihn aber unterbrechen kann, beendet Alexander den kurzen Überblick über die Spielarten der Magie: "Am Ende ist Magie also vor allem eins: Weltanschauungssache. Die einen tanzen zu Vollmond nackt am Brocken, andere konstruieren Sigillen mit höherer Mathematik. Beides kann funktionieren. Beides kann grandios scheitern."
Tara richtet ihren Blick auf eine der Kameras. "Okay, das war ein wilder Ritt - aber auch total spannend. In der nächsten Folge wollen wir uns dann mal anschauen, wie man eigentlich rausfindet, welche Magieform zu einem passt." Augenzwinkernd fügt sie hinzu: "Spoiler: Es hat nichts mit Hogwarts-Häusern zu tun."
Lachend schüttelt Alexander den Kopf. "Nein, absolut nicht. Und ich freue mich schon auf das nächste Mal."
"Vielen Dank, Alexander, dass du dir Zeit genommen und all meine Fragen so geduldig beantwortet hast. Und auch euch, liebe Zuseherinnen und Zuseher …"
"... und zusehenden Entitäten", unterbricht Alexander sie gut gelaunt.
"Natürlich. Euch allen vielen Dank fürs Zusehen. Wenn ihr Fragen habt, die Alexander euch in einer der nächsten Episoden beantworten soll, dann könnt ihr diese gerne an die gleich eingeblendete E-Mail schicken."
"Auch von mir ein herzliches Dankeschön– ich freu mich aufs nächste Mal!", verabschiedet sich Alexander.