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Team: Juliet
Challenge: Orte – JOKER (An der Bar, 2021) (fürs Team)
Rating: gen
Fandom: Tatort Wien
Charaktere/Pairings: Ernst Rauter, Moritz Eisner
Notes: Ernst und Moritz treffen sich auf ein Feierabendbier. Eine Fortsetzung dieses Kapitels meiner zweiten trans!Moritz fic, in der sie sich wieder begegnen, nachdem Moritz nach Wien gezogen ist.

***

Als Ernst gestern beim Mittag überraschend einen jungen Kollegen erblickte, den er das letzte mal vor fünf Jahren gesehen hatte, wurde ihm schlagartig klar, welcher seltsame Moritz in dem Gespräch gemeint war, das er vergangene Woche zwischen Richard und Ferdl überhört hatte. Einen Moment lang hatte er überlegt, ob er Moritz überhaupt in Richards Anwesenheit ansprechen sollte, aber danach war er froh, es getan zu haben. Allein, dass Moritz ihn sofort als Ernstl ansprach, ließ ihn wissen, dass ihm Richards Misstrauen durchaus bewusst war.

Es fühlte sich zwar etwas seltsam an, Moritz ein Alibi zu geben, doch wenn er seinen Gesichtsausdruck richtig deutete, war es genau das, was er brauchte. Außerdem war es schließlich wahr, dass er Moritz' Hilfe vor fünf Jahren sehr geschätzt hatte.

Vor Moritz war Ernst noch nie jemandem begegnet, der sein Geschlecht geändert hatte, oder gerade dabei war, es zu ändern. Die Respektlosigkeit und offene Aggressivität, mit der Moritz damals von seinen beiden Kollegen behandelt wurde, hatte ihn so sehr schockiert, dass er gar nicht anders konnte, als das genaue Gegenteil davon zu tun. Er konnte sich noch genau daran erinnern, wie Moritz geschaut hatte, sein Gesichtsausdruck eingefroren, aber seine Augen voll Wut und Resignation.

Ernst konnte sich ebenso gut daran erinnern, wie schnell sein Herz schlug, als er Moritz dann 'Herr Eisner' nannte. Würde er das überhaupt wollen? Aber wie sonst hätte er ihn ansprechen sollen? Moritz' Reaktion zeigte, dass es die richtige Entscheidung war, also hatte er einfach so weitergemacht und innerhalb weniger Tage entwickelte sich ein vorsichtig freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen.

In den Jahren, die seitdem vergangen waren, hatte er ab und zu an seinen jungen Kollegen gedacht und sich gefragt, was er jetzt wohl tat und wie es ihm ging. Und ob er ihn überhaupt wiedererkennen würde, falls sie sich irgendwann noch einmal begegnen sollten.

Aber Ernst hatte ihn trotz aller Veränderungen erkannt und als er vorhin in Moritz' Büro beim Einbruchsreferat hereinschaute, während Moritz gerade dabei war, seine Jacke anzuziehen, überkam ihn ein Gefühl des Stolzes, das ihn selbst überraschte. Moritz hatte es im Leben ganz sicher nicht leicht, aber hier war er, ein attraktiver, junger Mann, und ein guter Polizist.

Er hatte ihn auf ein Feierabendbier eingeladen und Moritz hatte zugesagt, sich ihm nach einem kurzen Arztbesuch anzuschließen. Jetzt trank er einen Schluck und fuhr mit dem Finger über das Wasser, das am kalten Glas kondensiert war, als sich jemand auf den Barhocker neben ihm setzte.

"Servus, Ernst."

"Moritz, hallo. Bin ich jetzt wohl nimmer Ernstl?"

"Äh, ja, 'tschuldige, das war nur…" Er zuckte die Schultern.

"Schon klar. Aber keine Sorge, mich stört's ned, wennst mich so nennst."

Nachdem Moritz ebenfalls ein Bier vor sich stehen hatte, fragte Ernst, "Und, wie lang hast es noch in Seefeld ausgehalten?"

Moritz lachte. "So ungefähr zwei Monate, glaub ich. Die Versetzungsanfrage hatte ich ja schon längst abgeschickt."

"Wohin hat's dich dann verschlagen? Oder bist du schon länger in Wien?"

"Nah, bin noch ned lang da. Die letzten Jahre war ich in Linz, erst bei der Steife, dann beim Einbruch."

"Ah, dort war's sicher interessanter als in Seefeld."

"Pfft, ja, tausend mal interessanter. Und die Kollegen waren auch besser."

"Das war sicher keine Kunst, oder? Wenn ich mich recht erinnere, hätten die beiden weder für Sympathie, noch für ihren Arbeitswillen einen Preis gewonnen."

"Allerhöchstens den Trostpreis für den letzten Platz."

Ernst grinste, "Und das wär noch nett."

Moritz zuckte die Schultern. "War auch in Linz ned immer einfach. Ich mein, na ja, weißt ja, wie ich ausg'schaut hab damals. Wer ich bin hat da auch vielen ned gepasst. Aber insgesamt war's besser."

Er nickte. "Und jetzt? Wie gefällt dir Wien?"

"Es is toll. Wirklich toll. Das is… Hier kann ich…" Er stockte und schien keine Worte für das zu finden, was er ausdrücken wollte. Ernst konnte sich einiges schon selbst vorstellen.

Moritz sah ihn über den Rand seines Bierglases an, ein ziemlich ernster Ausdruck auf seinem Gesicht.

"Wien is für mich a Neuanfang, weißt? Ich hab lang gewartet, bis ich… Also hier kann ich ja einfach nur Moritz sein. Hier kennt mich keiner von vorher und keiner weiß… Naja, wie ich halt vorher war." Er zuckte die Schultern und grinste schief. "Äh, außer dir natürlich."

Ernst lächelte, unsicher, wie er darauf antworten sollte. Als er Moritz kennengelernt hatte, war der ja schon… Moritz. Er hatte eben nur noch etwas anders ausgesehen als jetzt. "Freut mich, dass es dir hier gefällt. Und ich bin froh, dass du zu uns gefunden hast. Wir brauchen gute Leute. Du willst bestimmt auch nicht immer beim Einbruch bleiben, oder?"

Sein junger Kollege nickte und in der nächsten Stunde entwickelte sich ihr Gespräch von Moritz' Zukunftsplänen, über die aktuelle Welle an Raubüberfällen, Spekulationen über die Gründe dieser ungewöhnlichen Häufung, bis schließlich zu privateren Themen. Es fühlte sich ähnlich an, wie die Abende damals in Seefeld, wenn er mit Moritz noch ein Bier getrunken hatte, nur dass er jetzt um ein vielfaches selbstsicherer und offener war.

Und Moritz hatte eine Art an sich, die ihn sehr an jemanden erinnerte.

"Ah, ich muss dir unbedingt irgendwann Renata vorstellen. Ich wette, ihr würdet euch bestens verstehen."

"Wie jetzt? Ich bin grad mal einen Monat in Wien und du willst mich schon mit irgendwem verkuppeln? Nimm sie doch selber, wenn sie so toll is!"

Ernst lachte prustend. "Oh Gott, nein, nein! So meinte ich das gar nicht!"

Auf den Schreck – und diese unschöne Vorstellung – musste er erst einmal einen großen Schluck trinken.

"Nein, ich dacht halt bloß, du hast ja sicher noch nicht so viele Bekanntschaften hier. Ich denke, ihr würdet euch wirklich prima verstehen. Das ist alles. Sie ist die Schwester eines Studienfreundes, daher kenn ich sie ganz gut. Sie ist Ärztin, hat letztes Jahr das Studium abgeschlossen."

"Ärztin? Und da denkst du, sie würd sich mit mir abgeben? Sicher, dass die nicht besser zu dir passen würde?"

Moritz lachte, als Ernst ihn mit dem Ellenbogen in die Seite stieß.

"Also erstens, euer Humor ist auf einer Wellenlänge, da ich bereue den Vorschlag schon fast ein bisschen. Und zweitens, ich kenn sie schon ewig, sie ist für mich eher wie eine Schwester."

"Pfft, na gut. Solang du ned von mir erwartest, dass sie meine große Liebe wird."

Er schüttelte den Kopf. "Nein, keine Sorge."

"Oder hast du etwa schon eine große Liebe?" bohrte Moritz nach.

"Nein. Mit der Arbeit ist's kompliziert und allem, was außerhalb so los ist…"

Er dachte an die Freunde, die er nie wiedersehen würde. Die bekannten Gesichter in seinem Stammlokal, die immer schmaler wurden und schließlich irgendwann gar nicht mehr auftauchten. Und er dachte daran, wie er eine potenzielle Beziehung vor seinen Kollegen verstecken müsste. Nein, im Moment waren ihm seine Karrierepläne wichtiger.

"Eine Beziehung könnt ich grad eh nicht gebrauchen. Zu riskant. Und würd mich zu sehr von der Arbeit ablenken."

Auf Moritz' fragenden Blick hin fügte er hinzu, "Vielleicht finde ich ja irgendwann mal den Richtigen. Wer weiß." Er zuckte die Schultern.

So etwas war für ihn gerade schwer vorstellbar. Aber man wusste ja nie.



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