Challange: 2 & 3
Wörter: ~800
Warum erzähle ich Ihnen das?
Warum ich mich von Marie getrennt habe? Eigentlich eine sehr persönliche Geschichte und so gut kenne ich Sie nun auch wieder nicht. Aber ich werde sie Ihnen einfach erzählen. Ich lernte Marie vor ca. 18 Monaten auf der Beerdigung ihres Vaters kennen. Ich hatte meine Ausbildung bei ihm gemacht und er war wirklich ein herzensguter Mensch gewesen. Der Friedhof platze beinah aus allen Nähten, das ganze Dorf war gekommen, der Betrieb, jeder, der mit ihm zu tun hatte. Mein Ziel war es dabei natürlich nicht, irgendeine Frau kennen zu lernen, aber Marie musste einem einfach auffallen. Sie war das einzige Familienmitglied, das nicht weinte. Sie tröstete die anderen, sie hielt eine kleine Grabrede und in all ihren Bewegungen und in ihrem Lächeln konnte man sehen, wie sehr sie ihren Vater geliebt hatte. Beim Leichenschmaus erzählte sie die fröhlichsten Anekdoten über das Leben ihres Vaters und die Trauer mischte sich mit Lachen, Freude und Dankbarkeit. Selbst das Gesicht ihrer Mutter hellte sich bei der einen oder anderen Geschichte auf und jedes Mal, wenn Marie ihr einen Kuss gab oder ihr beruhigend übers Haar strich, konnte man ein kleines Lächeln sehen. Später spielte sie mit den Kindern.
Marie hat so eine Wirkung auf Menschen müssen Sie wissen, da ist die Welt nicht mehr grau, da ist man kein Opfer mehr, da kann man alles erreichen. Und so voller Liebe. Ja, sie haben schon Recht, wenn sie sagen, dass das noch ein wenig verliebt klingt. Nach einem halben Jahr sind wir zusammengezogen, vielleicht ein bisschen früh, aber es sollte ja für immer sein.
Vielleicht stimmt es, dass man einen Menschen erst richtig kennen lernt, wenn man mit ihm lebt. Nach 2 Wochen sah ich Marie zum ersten Mal weinen. Ich dachte an das schlimmste, sie erzählte mir unter Tränen, dass sie die falsche Milch gekauft hatte. 3,5% Fett. Wer soll die bloß trinken. Ich nahm sie tröstend in den Arm, ihre Tränen durchnässten mein Hemd. Später rief ihre Mutter an, panisch, Verdacht auf Hautkrebs. Aber Marie war wieder die Marie, die ich kannte. Man hörte ihr Lächeln durchs Telefon, ihre Zuversicht, dass alles wieder gut werden wurde. Ihre Mutter beruhigte sich. Als sie in den Arm nehmen wollte, sagte sie, dass alles in Ordnung ist und schlief mit mir. Ich war verwirrt.
Der Sex war übrigens gut. Marie konnte einem das Gefühl geben der Beste zu sein. Also nicht, dass ich schlecht bin im Bett. Aber bei ihr fühlt mann sich wie Gott und das völlig ohne Erwartungsdruck. Marie käme nie auf die Idee einem mit irgendwelchen Ex-Freunden zu vergleichen. Also nicht, dass ich da Angst hätte. Wie gesagt, ich bin echt gut…Aber zurück zum Thema- ich verstand einfach nicht, wie sie über schlimmste Katastrophen so positiv-optimistisch bleiben konnte und über Milch Tränen vergoss. Also machte ich kleine Test. Es wird Dir nicht gefallen, aber ich hab mit meiner Ex-Freundin geschlafen. Es wird Dir nicht gefallen, aber die Blumenvase ist mir runtergefallen. Es wird Dir nicht gefallen, aber ich hab dein Kleid beim Bügeln ruiniert. Und immer so weiter. Meine kleine private Liste. Wollen Sie sie mal sehen? Sekunde, ich hab sie hier irgendwo.
Sex mit der Ex – Tränen nein
Blumenvase - Tränen ja
Kleid ruiniert - Tränen ja
Hund überfahren – Tränen nein
Sie abgelenkt, dann Spagetti verkocht – Tränen ja
Einbruch – Tränen nein
Flusen verteilt, ihr schlechtes Staubsaugen vorgeworfen – Tränen ja
Auto im See versengt – Tränen nein
Blumenbeet ruiniert – Tränen ja
Diätschokolade gekauft- Tränen ja
Meinen Tod vorgetäuscht – Tränen nein
Sehen Sie? Und das ist erst die erste halbe Seite. Da kommen ja noch 12. Irgendwann konnte ich dann nicht mehr. Klar, okay, wenn man es so ausdrückt klingt das schon ein wenig so, als hätte ich meine komplette Freizeit damit verbracht, meine Freundin möglichst oft zum Weinen zu bekommen. Aber ich wollte doch nur verstehen, wer und wie sie ist. Als ich nach einem kleinen Brand in Wohnwagen in der Notaufnahme ohne Augenbrauen wieder zu Bewusstsein kam, Marie lächelnd meine Hand hielt und voller Überzeugung „alles wird wieder gut“ sagte, obwohl die Ärzte sich da noch nicht so sicher waren,
da konnte ich nicht mehr. Da hab ich Schluss gemacht. Und sie lächelte immer noch und sagte nur: „Das ist okay, wenn man einem Menschen nicht liebt, wie er ist, dann sollte man besser ehrlich sein.“ Während ich im Krankenhaus lag, brachte sie mir neue Sachen. Ich stellte mich schlafend. Ja, das kann man wohl feige nennen, aber wie soll ein Mann damit umgehen. Wenn sie nicht weint, nicht schreit, nicht die Autoreifen zersticht. Marie suchte mir sogar eine neue Wohnung und schaffte meine ganzen Sachen dahin. Die Wohnung ist echt ein Traum. Manchmal träum ich auch noch vom Sex mit ihr.
Naja, ihr geht´s jedenfalls gut. Ich hab sie gestern mit ihrem neuen Freund gesehen. Sie war ganz unglücklich darüber, dass das Rastaurant noch geschlossen hatte. Er nahm sie in den Arm und murmelte nur „Das mit deiner Mutter tut mir Leid.“
Da hab ich sie vielleicht zum ersten Mal richtig verstanden.
Und mir kamen die Tränen.
Starke Marie.
no subject
Date: 2008-09-05 01:19 pm (UTC)Und Marie fasziniert mich. Ich bin noch immer nicht so genau dahinter gestiegen, wie es bei ihrm im Oberstübchen rattert, aber darüber werde ich jetzt noch weiter nachdenken, bis ich meine These aufgestellt habe udn damit zurieden bin, dass ich auch wieder über was anderes nachdenken kann. XD
Ich mag deinen Schreibstil hier sehr. =) Dieses Narative, das gibt einem immer so ein viel einbezogeneres Gefühl. Und die Idee gefällt mir.
^^b
no subject
Date: 2008-09-05 01:30 pm (UTC)PS: Könnte man dich durch Liebäugelei und unterwürfiges Bittebitte zu Original-Slash motivieren? So ein klein wenig? *lieb guck* Irgendwann? Wenn du ganz viel Zeit hast?
no subject
Date: 2008-09-05 02:19 pm (UTC)no subject
Date: 2008-09-05 04:20 pm (UTC)Ich werds versuchen, sobald ich eine Erleuchtung hab ^__^