[identity profile] tsutsumi.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Fandom: NGE
Personen: Asuka, Kensuke, Misato, Kaji
Päckchen: 1. Male
Challenge: #8 (1. Begegnung mit dem Tod)
Wörter: 2162 (ja, es ist lang, aber ich hatte ja mit Inhalt gedroht XD)

„Ach, guck mal, ist da einem Großmaul die Sprache vergangen?“
Sie saß auf dem Krankenbett und verkniff sich das Beinebaumeln nicht einmal. Solche Dinge wie heute, Pipifax. Ein weiteres Mal an einer Katastrophe vorbeigeschrammt, Alter. Danke, Asuka, dankeschön, sagte sie sich selbst im Kopf, weil es in der Realität ja doch niemand tat. All diese undankbaren Stümper.
Und der größte und blödeste davon hatte soeben, in Handschellen wohlgemerkt, das Zimmer betreten.

Als ob es wirklich viel zu tun gäbe, wuselte Nerv-Krankenpersonal um Asukas Bett herum. Irgendwer hielt ihr ein Fieberthermometer ins Ohr, ein nächster ruckelte am Verband um ihren Kopf herum, an dem schon mindestens drei oder vier andere zuvor herumgeruckelt hatten und wieder irgendwer anders tastete vorsichtig ihren Rücken ab, als wolle er nachsehen, ob alle ihre Wirbel noch da waren.

Der Idiot stand immer noch im Türrahmen, obwohl ihm von hinten- zugegeben, ein bisschen übertrieben war es ja schon- der Sicherheitsbeamte mit seiner Kanone in den Rücken piekte. Er stand da, weil er sie eben gesehen hatte, ganz klarer Fall.

„Na, willst du nicht irgendwas sagen?“, lachte Asuka gehässig.
Sie ließ sich langsam vom Krankenbett rutschen.
„Du kannst mir alternativ auch die Füße küssen, kein Problem.“

Es fühlte sich so verdammt gut an, der Retter zu sein, derjenige, dem man Dank zollen musste, der Gevatter Tod davon abgehalten hatte, einen weiteren Lebensfaden durchzuschneiden.

„Ich...“, fing Aida an, dann musste er sich wohl an die Pistole zwischen seinen Schulterblättern erinnern und stolperte ein-zwei Schritte vorwärts. Er sah ziemlich erbärmlich aus, selbst für jemanden, der gerade mindestens hundertmal durch den Dreck und durch AT-Felder geschleudert worden war. Konnte von Glück reden, dass ihm seine hässliche Brille überhaupt noch auf der Nase saß. Konnte von Glück reden, dass sein Körper überhaupt noch die Form hatte, dass er den Geist noch recht fassen konnte. Wenn es da so etwas wie einen Geist gab.
„Setz dich endlich hin!“, maulte ihn der Sicherheitsbeamte an.


Asuka lümmelte sich müde neben Misato auf deren Schreibtisch.
„Wie kommt´s, dass der Blödmann von Nerv auch noch verarztet wird?“
Sie fand ein zusammengeknülltes Bonbonpapier und schnippte es bis zum nächsten Papierstapel. Papierstapel kamen bei Misato vor wie Wolkenkratzer in Hongkong. Eigentlich wartete Asuka nur darauf, dass die Frau endlich ihre gröbsten Berichte fertigtippte, ihre Schicht beendete und sie nach Hause fuhr. Zu dieser Uhrzeit fuhren in der supermodernen, großen und fortschrittlichen Stadt keine Bahnen mehr.
„Freundschaftsdienst inklusive?“

Misato hatte das nur anordnen können, weil der Kommandant und Ritsuko nicht da waren. Und weil Fuyutsuki alt und verkalkt war. Oder es war ihm egal, das konnte natürlich auch sein. Das ärztliche Personal freute sich doch, wenn es mal Frischfleisch gab.
Nein, Misato tat das nur, weil sie heile Welt spielen wollte. Shinjis Freunde sind auch meine Freunde, hihi.

„Weil er einen Schock hat.“, murmelte Misato in einer Tipp-Pause. Asuka verwettete insgeheim ihren Eva darauf, dass Kensuke Aida nicht als Patient von Nerv in den Akten erscheinen würde.
„Er muss beobachtet werden. Ich will nachher nicht Schuld sein, wenn er auf dem Weg nach Hause umkippt und an seiner Kotze erstickt.“
„Ich weiß nicht.“, entgegnete Asuka gespielt nachdenklich.
„Können Aliens kotzen?“
Misato warf ihr einen warnenden Blick zu, dann wandte sie sich wieder an den Laptop.

Wenn bei Nerv Alarm eingeht, weil ein Engel gesichtet wurde, fängt der Zeitraum, der hinterher protokolliert werden muss, an. Wann er aufhört, ist nie so ganz klar, weil eigentlich kaum ein Fall einer Auseinandersetzung mit einem Engel wirklich richtig abrupt aufhört.
Misato und Ritsuko zumindest führten ihre Papierkriege unaufhörlich.
Und Misato hasste das.

„Spiel dich nicht so auf.“, sagte sie nach einer kleinen Weile des Schweigens und trank einen Schluck kalten Kaffee.
„Du tust immer so, als könnte dir jeder gestohlen bleiben, aber dann bemerke ich heute ganz plötzlich, dass es einen Aida braucht um eine etwas andere Seite von dir zu zeigen.“
Sie schaute auf den Bildschirm, aber aus ihren Augenwinkeln musste sie Asuka anstarren. Ihr Blick bewegte sich nicht.

„Was denkst du denn von mir?!“, erwiderte das Mädchen gekränkt.
„Ich bin kein gefühlloser Roboter wie die First. Das lasse ich auf mir nicht sitzen!“
„Nein, bist du nicht. Aber vielleicht irre ich mich auch und du hast den Jungen nur benutzt um allen zu zeigen, dass du auch ohne Deckung gewinnen kannst?“


Nerv-Türen ließen sich so scheiße schwer zuschmeißen. Das war ein eindeutiges Manko an dieser Schrottstation, fand Asuka. So hatte es reichen müssen, Misato anzuschreien. Aber das wirkte nicht mehr so richtig, weil die es schon gewohnt war.
Asuka trudelte durch den Geosektor und dachte sich Beleidigungen aus, weil das vom Wesentlichen ablenkte. Die Abwesenheit von Ritsuko und Ikari verwirrten sie. Ansonsten hatte Misato immer jemanden, der sie von ihren bescheuerten Befehlen abhielt oder wenigstens dafür rügte.

Es war doch letztendlich völlig egal, warum sie den Idioten gerettet hatte.
Kaum jemand würde ihm nachheulen, wenn er fort war- außer Shinji und der Trottel Suzuhara und die Eltern- kostbarer Sauerstoff würde auf dieser Erde gespart. Nein, sie hatte einfach ihren Job erledigt. Sie hatte den Engel vernichtet- und zwar alleine- sie hatte den Zivilisten, der unerwartet dazwischen aufgetaucht war, gerettet und schließlich die ganze Stadt.
Save the otaku, save the world.
Mehr war das doch nicht.

Oben an den Getränkeautomaten traf sie auf Kaji-san, den einzigen Lichtblick in diesem seltsamen Irrenhaus.
„Hey Asuka!“
Er wandte sich um als sie den Pausenbereich betrat und schenkte ihr eine Dose warmen Kakao.
„Ich hab davon gehört- gut gemacht!“
Er lächelte und es war endlich mal ein bisschen Wärme, die dem Mädchen entgegenfleuchte.
„Ritterin in schimmernder Rüstung.“
„Na klar doch.“, grinste sie und setzte sich auf die abgenutzte Couch in der Mitte.
„So habe ich einer Mutter dieser Stadt den kostbaren Sohn erhalten!“
Oh jah, im Sarkasmus war sie noch ganz gut. Und eigentlich fühlte sie sich okay, wenn sie von ihrem schmerzenden Kopf absah, der von der Prellung vorhin im Entry Plug herrührte. Eine Prellung, die der Otaku freilich zu verantworten hatte.
„Wenn es denn noch eine Mutter geben würde.“, entgegnete Kaji gutmütig.
„Aber so hast du einen Vater glücklich gemacht. Ich muss dann wieder...“
Er wandte sich ab.
„Ruh dich aus, ja?“

Sie versuchte es, aber es war nicht ganz leicht.
Nach einem Kampf zitterten ihr regelmäßig alle Glieder von der übriggebliebenen Aufregung. Schwankende Nervenenden, flimmernde Muskeln. Und Bilder, die erst nach und nach verschwanden. Es galt, wieder runterzukommen auf den Boden der Tatsachen, von dem sich Asuka schon eine ganze Weile fragte, ob es nicht ein Traum war zwischen allen Kämpfen und Unfällen und dem ganzen Blut.
Jedesmal, wenn sie die Augen schloss, konnte sie Aidas nach Hilfe heischendes Gesicht sehen. Seine unhörbare Stimme sehen, die sich in seinem sich bewegenden Mund manifestierten. Der Kakao auf den Lippen, auf den Zähnen, der milchigsüße Geschmack lullten sie ein.

Der Staub hatte nachgelassen und sie hatte große Mühe, die Situation wenigstens einigermaßen rational einzuschätzen. Ihre Konzentration hatte in dem Moment versagt, da sie Kensuke Aida plötzlich auf einem Hügel gänzlich ohne Deckung entdeckt hatte, selbstredend mit Augen groß wie Suppentellern und Tränen des Schrecks darin. Der Engel hatte ihn halb mit seinem Wesen gestreift und schien sich plötzlich für ihn zu interessieren, was Asuka ziemlich verwirrte. Engel interessierten sich nicht für Menschen, sie interessierten sich im Normalfall nicht einmal so wirklich für die Evas.

Sie benutzte den Rückstoß, machte einen großen Satz über den Engel hinweg und grapschte nach dem Menschen wie ein Kind im Buddelkasten nach einer Sandform. Sie spürte die fünfhundert Kilo Erde, die sie in der Eile mitgegriffen haben musste und öffnete die Faust hastig wieder, um in all der dunklen Masse nach Aida zu suchen wie nach einem Edelstein im Schlamm. Der Engel traf sie hart am Rücken mit irgendetwas, das sich nach Feuer und Säure gleichzeitig anfühlte und ließ sie vor Schmerz und Schreck zugleich zusammenzucken. Ihr Kopf traf hart gegen die Steuervorrichtung im Entry Plug.
Sie fluchte, sie fühlte sich fluchen und hörte ihren Herzschlag, dann fiel ihre getrübte Sicht auf den Jungen in ihrer Hand.

Er hatte eingepisst. Die Tränen auf seinen Wangen waren schwarz von Erde und Humus und er blutete aus verschiedenen kleinen Schnitten, die ihm Steine zugefügt haben mussten. Aber sie hatte ihn nicht zerquetscht und das war erstmal viel wert.
Wie ein kleiner, brauner, hässlicher Käfer lag er in ihrer Hand und krauchte vorwärts. Dann spürte sie trotz allen Schmerzes seine Umklammerung, wie er sich mit aller Kraft an Evas kleinem Finger festhielt und ständig dieselben Worte zu wiederholen schien. Zumindest sah es so aus.

Dann traf sie die nächste Welle aus Schmerz und Licht und sie beschloss, sich umzuwenden und den Feind endlich kaltzumachen.


Sie schreckte hoch zu furchtbarer Fahrstuhlmusik und dem Lautsprecher, der Misato in den Cage rief. Jetzt tat ihr dank der Couch auch noch der Rücken weh.

„Kopfschmerzen.“, sagte sie nur, als sie in das Krankenzimmer zurückkehrte und daraufhin sofort wieder jemand losstürzte, um ihr irgendetwas dagegen zu besorgen. Die Uhr zeigte halb zwölf in der Nacht an.
Asuka lugte vorsichtig um die Ecke in das Zimmer nebenan. Natürlich war der Kerl noch hier. Natürlich schlief er nicht. Das hätte die Sache vielleicht etwas einfacher gemacht. Aber wie soll man jemanden zur Seite schieben, der immer da ist? Der immer die Gedanken einnimmt?

„Wieviel zahlst du mir dafür, dass ich deinen idiotischen Freunden nicht erzähle, dass du dich vor Angst bepisst hast?“, sagte sie, als sie eintrat und ihn damit fast zu Tode erschreckte- ja, sie freute sich selber sehr darüber.
„Du willst mich erpressen?“, entgegnete er matt lächelnd.
Immerhin war das schon viel besser als das Gestottere vorhin.
„Du bist ja verkommener als ich dachte.“
Sie nickte und setzte sich auf den Rand des Bettes, nachdem sie seine Beine ein wenig zur Seite geboxt hatte.
Himmel, wie er stank.
„Nichts ist kostenlos.“, sagte sie spitz, aber lächelnd.
„Und meine Hilfe schon gar nicht.“

In dem Moment schien der Blödmann zu beschließen, dass er aufmucken wollte, denn er setzte sich auf, sich mit den Ellenbogen im Kissen abstützend;
„Ich hab dich auch nicht drum gebeten, mich zu retten!“
Selbstredend hatte sie dafür nichts weiter als ein höhnisches Grinsen übrig.
„Ach nein? Ich hätte dich als da sitzen lassen und zusehen sollen, wie dich das Viech pulverisiert hätte? Und du hast natürlich nicht um Hilfe gefleht als du an meinem Finger gehangen hast?“
Asuka reckte demonstrativ den kleinen Finger aus ihrer rechten Faust.
„Natürlich nicht!“, giftete Aida.
„Ich hab geschrien, dass du das Ding bekämpfen und dich nicht um mich kümmern sollst!“

Einen Augenblick sahen sie sich wütend an.
Kensuke Aida hatte komische Augen, mit einer völlig undefinierbaren Farbe. Als ob der Erdenschlamm auf ihn abgefärbt hatte.
„Lügner.“, sagte Asuka schließlich.
„Du hast um dein nacktes Leben gebettelt. Jeder tut das.“
„Ich bin aber nicht jeder!“, blaffte der Junge. Das schien ihn alles ganz schön aufzuwühlen.
„Doch!“, schrie Asuka ihn nieder, und jetzt nahm sie sich vor, ihn nicht länger zu schonen oder einfach nur zu necken.

„Doch, du bist jeder! Du bist ein nichtsnutziger Kerl, der sich aus den Angelegenheiten nicht heraushalten kann, der nicht auf Sirenen hört und gegen einen Feind wie die unseren nichts ausrichten kann. Du kennst deinen Platz nicht und behinderst die anderen bei der Arbeit, nur weil du dir wünschst, wie wir sein zu können. Aber du bist nicht wie ich oder dein toller, bester Freund Shinji, bei dem du nur metertief in den Arsch kriechst, weil du dir davon erhoffst, irgendwann in einem Eva zu landen. Du bist wie jeder andere, hörst du? Du bist jeder!“
Das gab ihm den Rest.
Er sank wortlos zurück in das Kissen und versuchte, Asuka nicht mehr anzublicken.
Mehr noch, sie hatte sich über ihn gebeugt, ihr Gesicht schwebte drohend über seinem. Ihr Stolz schwoll über seinem kleinen, stinkenden Arsch, den sie gerettet hatte. Es sollte sich eigentlich gut anfühlen, aber irgendwie blieben, so bemerkte Asuka, die Glückshormone aus.

„Deine erste Begegnung mit dem Tod?“, sagte sie schließlich.
„Nach dem vierten oder fünften Mal gewöhnst du dich dran. Wenn man mal davon absieht, dass es so weit wahrscheinlich nicht kommen wird, weil du dich vorher von irgendeinem Berg oder gestürzt haben wirst. Ich bin ja nicht immer da, um dich zu retten. Man könnte fast meinen, du wärst suizidal.“
Sie lachte, aber das Geräusch hallte unangenehm an den Wänden wieder.

„Wie auch immer. Ein Dankeschön wäre aber wenigstens angebracht.“

Sie versuchte, seinen Blick mit ihrem zu erwischen, aber er gab sich alle Mühe, möglichst zur Seite zu sehen. Als sie ihm näherkam, merkte sie auch, warum. Er hatte vollkommen feuchte Augen.
Sie hätte später gerne gesagt, sie hätte es nicht kommen sehen, was völliger Unsinn war.
Natürlich konnte sie genau sehen, wie er sich wieder ein bisschen hochbeugte und ihr mit kühlen Lippen ein Küsschen auf die Wange setzte, sich streckte und ein zweites auf ihren Verband gab. So emotional, dass der Druck auf ihren Kopf wehtat.
Sie zuckte zurück und starrte ihn geschockt an.

„Was guckst du denn so?“
Er zog die Nase hoch.
„Dankeschön sagen hätte jetzt jeder gemacht.“

Date: 2008-08-27 08:33 pm (UTC)
ext_184151: (Karen)
From: [identity profile] nyx-chan.livejournal.com
Ich liebe es, ich liebe es schamlos und ohne Hindernisse! Mir fallen keine squee-Worte ein, es ist einfach nur made of awesome! Uah, uah, Gänsehaut, Herzklopfen, Gedankenrasen!
Du weißt, wie du mich niederstrecken kannst und - oh, gott, killing me softly!
Oh Gott.......... Ich finde keine Worte. Ich müsste alles rauszitieren. Es ist so- jaahaaa.....

Save the otaku, save the world.
Win!

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