Perspektivenwechsel
Aug. 21st, 2008 11:50 pmFandom: Original (12.000 Kilometer)
Personen: Tabea, Jona (ihr Bruder), Daniel
Challenge: #1 "Heulst du etwa..?"
Wörter: 765
Morgendliche Stippvisite und alles, was zum perfekten Bild noch gefehlt hätte, wäre eine Peitsche gewesen. Eine neunschwänzige Katze, wenn man sich denn solcher euphemistischer Worte bedienen wollte.
Jona ging durch das graue Morgenlicht, welches Staub zum Fenster hereinwarf. Er musste gut aufpassen, um nicht über irgendwelche Spielsachen, die im Weg herumlagen, zu stolpern oder gar über Matthias´ neues Pokémon-Magazin zu schlittern. Der Junge war ein bisschen zurückgeblieben und leicht zu erregen, besonders wenn man seine Pokémon-Sachen anfasste.
Suppe also.
Kartoffelsuppe angeblich, aber sie sah aus wie Mehl in Wasser getaucht, und letztendlich würde sie auch so schmecken. Denn jede Woche war nach einem festen Essenplan eingeteilt. Jeden Montag gab es Ravioli, jeden Dienstag Schnitzel Wiener Art, jeden Mittwoch Kartoffelsuppe. Kartoffelsuppe mit Mehl, dafür ohne Salz.
Ganz vorsichtig manövrierte Jona den heißen Teller über die letzten Hindernisse und setzte sich auf sein Bett. Mit einem Handtuch auf dem Schoß ließ sich die Hitze der Suppe ganz gut ertragen. Behutsam löffelte er das klebrige, farblose Zeug in sich hinein.
Es war ein kurzer Moment der Stille und der Ruhe, in den er sich lehnen konnte. Nachher in der Schule würde Paul ihm wieder die Federtasche klauen, und wenn er sich wehren und dem Idioten vors Schienbein treten würde, würde ihn Paul wieder vor der versammelten Klasse „Waisenkind! Heimkind!“ nennen. Es würde letztendlich damit enden, dass er, Jona, im Zimmer des Direktors landen würde, weil er Paul eine neue Beule am Kopf verpasst hatte. Und es würde niemanden interessieren, dass er nur wollte, dass Paul aufhörte, ihn Waise zu nennen.
Jeden Mittwoch dasselbe.
„Lass die Blödmänner halt reden!“, würde Tabea dazu vielleicht sagen.
Aber Tabea war nicht hier. Sie gehörte nicht in diese Welt, sie würde sie niemals betreten und anschauen können. Sie nicht, Mama nicht, Papa nicht.
Das hier war eine Zwischenwelt, die nur aus Grau, aus Mehl und aus Unerträglichkeiten bestand. Ab und zu blinkerte mal ein buntes Pokémon hinein, das war es aber auch schon.
Jona kratzte den Rest Suppe zusammen, als Matthias ins Zimmer stürzte und die Tür hinter sich zuknallte. Er hatte Suppenreste am Mund und wild blitzende Augen. Es war schon seltsam, aber hier hatte selbst das Blitzen in den Augen eine graue Farbe.
„Du hast mein Heft angefasst!“, herrschte Matthias Jona an.
„Ich hab gar nichts.“, entgegnete Jona und schickte sich an, den Teller in die Küche zurückzubringen. Weiter als bis in die Mitte des Zimmers kam er damit allerdings nicht.
„Lügner!“, kreischte Matthias und versperrte ihm den Weg.
„Hurensohn, Schwanzlecker!“
Okay, er versuchte mit den Wörtern aufzutrumpfen, die er in der Schule aufgeschnappt hatte.
Jona war sich aber sicher, dass Matthias keine Ahnung hatte, was eine Hure war. Er selbst aber schon und deswegen fiel es ihm schwer, ruhig zu bleiben. Seine Finger krampften sich um das weiße Porzellan herum.
Es half ihm allerdings nichts.
Fast zeitgleich traf ihn Matthias´ Faust und der Teller fiel herunter- das würde wieder einen Ärger geben! Solchen Ärger nur wegen des billigen Porzellans! Er zerbarst in tausend Stücke, kleine, winzige, weiße, graue Tellerstücke, die sich in Jonas Trommelfelle bohrten und dort kreischten.
Tabea schreckte so heftig auf, dass sie sich den Kopf beinahe am Dach des Wohnmobils stieß.
„Ups, sorry, mein Fehler!“, murmelte Daniel unten, dann gab es scharrenden Geräusche.
„Wo sind Handfeger und Müllschippe, ich muss die Scherben zusammenkehren!“
Sie ertappte sich dabei, völlig abwesend, noch vollkommen gefangen im Traum bei Jona, eine Weile in Daniels Gesicht zu starren ohne es wirklich anzusehen. Sein Kopf war einfach auf ihrer Bildfläche erschienen; sie hatte das Knarren der Leiter zur Schlafkoje, in der sie saß, nicht einmal gehört, dabei hörte man es eigentlich bis zum anderen Ende jeder noch so großen Raststätte.
„Hallo? Handfeger? Müllschippe?“
Er wedelte vor ihrem Gesicht herum. Draußen ging der Lärm von der Autobahn- ein klein bisschen angenehmer als sonst, da heute Sonntag war. Dazwischen Musikfetzen vom Radio, welches Denise draußen aufgestellt hatte. All das hörte Tabea zwar, doch sie nahm es nicht wahr. Sie fand sich gefangen zwischen Pokémon-Heften und Kartoffelsuppe.
Sie schaute Daniel an und merkte kaum, wie er forschend die Augenbrauen zusammenzog und sich zu ihr vorbeugte.
„Heulst du etwa...?“
Er hob die Hand und ließ sie vor ihrer Wange schweben, langsam und zaghaft wie die Hand einer Marionette, die gerade erst ausprobiert wird.
Eine kurze Weile hing nichts als Luft zwischen ihnen beiden. Tabea blinzelte müde und entrückt und spürte sie dann, diese Nässe zwischen den Augenlidern.
Sie fuhr sich schnell über die Wangen, über die Nase.
Das brachte den Alltag einigermaßen zurück.
Dann seufzte Daniel.
„Dann halt nicht...“
Er kletterte die Leiter wieder herunter.
„Blöde Zimtzicke!“
Sie hatte ihm jegliche Möglichkeit versaut.
Personen: Tabea, Jona (ihr Bruder), Daniel
Challenge: #1 "Heulst du etwa..?"
Wörter: 765
Morgendliche Stippvisite und alles, was zum perfekten Bild noch gefehlt hätte, wäre eine Peitsche gewesen. Eine neunschwänzige Katze, wenn man sich denn solcher euphemistischer Worte bedienen wollte.
Jona ging durch das graue Morgenlicht, welches Staub zum Fenster hereinwarf. Er musste gut aufpassen, um nicht über irgendwelche Spielsachen, die im Weg herumlagen, zu stolpern oder gar über Matthias´ neues Pokémon-Magazin zu schlittern. Der Junge war ein bisschen zurückgeblieben und leicht zu erregen, besonders wenn man seine Pokémon-Sachen anfasste.
Suppe also.
Kartoffelsuppe angeblich, aber sie sah aus wie Mehl in Wasser getaucht, und letztendlich würde sie auch so schmecken. Denn jede Woche war nach einem festen Essenplan eingeteilt. Jeden Montag gab es Ravioli, jeden Dienstag Schnitzel Wiener Art, jeden Mittwoch Kartoffelsuppe. Kartoffelsuppe mit Mehl, dafür ohne Salz.
Ganz vorsichtig manövrierte Jona den heißen Teller über die letzten Hindernisse und setzte sich auf sein Bett. Mit einem Handtuch auf dem Schoß ließ sich die Hitze der Suppe ganz gut ertragen. Behutsam löffelte er das klebrige, farblose Zeug in sich hinein.
Es war ein kurzer Moment der Stille und der Ruhe, in den er sich lehnen konnte. Nachher in der Schule würde Paul ihm wieder die Federtasche klauen, und wenn er sich wehren und dem Idioten vors Schienbein treten würde, würde ihn Paul wieder vor der versammelten Klasse „Waisenkind! Heimkind!“ nennen. Es würde letztendlich damit enden, dass er, Jona, im Zimmer des Direktors landen würde, weil er Paul eine neue Beule am Kopf verpasst hatte. Und es würde niemanden interessieren, dass er nur wollte, dass Paul aufhörte, ihn Waise zu nennen.
Jeden Mittwoch dasselbe.
„Lass die Blödmänner halt reden!“, würde Tabea dazu vielleicht sagen.
Aber Tabea war nicht hier. Sie gehörte nicht in diese Welt, sie würde sie niemals betreten und anschauen können. Sie nicht, Mama nicht, Papa nicht.
Das hier war eine Zwischenwelt, die nur aus Grau, aus Mehl und aus Unerträglichkeiten bestand. Ab und zu blinkerte mal ein buntes Pokémon hinein, das war es aber auch schon.
Jona kratzte den Rest Suppe zusammen, als Matthias ins Zimmer stürzte und die Tür hinter sich zuknallte. Er hatte Suppenreste am Mund und wild blitzende Augen. Es war schon seltsam, aber hier hatte selbst das Blitzen in den Augen eine graue Farbe.
„Du hast mein Heft angefasst!“, herrschte Matthias Jona an.
„Ich hab gar nichts.“, entgegnete Jona und schickte sich an, den Teller in die Küche zurückzubringen. Weiter als bis in die Mitte des Zimmers kam er damit allerdings nicht.
„Lügner!“, kreischte Matthias und versperrte ihm den Weg.
„Hurensohn, Schwanzlecker!“
Okay, er versuchte mit den Wörtern aufzutrumpfen, die er in der Schule aufgeschnappt hatte.
Jona war sich aber sicher, dass Matthias keine Ahnung hatte, was eine Hure war. Er selbst aber schon und deswegen fiel es ihm schwer, ruhig zu bleiben. Seine Finger krampften sich um das weiße Porzellan herum.
Es half ihm allerdings nichts.
Fast zeitgleich traf ihn Matthias´ Faust und der Teller fiel herunter- das würde wieder einen Ärger geben! Solchen Ärger nur wegen des billigen Porzellans! Er zerbarst in tausend Stücke, kleine, winzige, weiße, graue Tellerstücke, die sich in Jonas Trommelfelle bohrten und dort kreischten.
Tabea schreckte so heftig auf, dass sie sich den Kopf beinahe am Dach des Wohnmobils stieß.
„Ups, sorry, mein Fehler!“, murmelte Daniel unten, dann gab es scharrenden Geräusche.
„Wo sind Handfeger und Müllschippe, ich muss die Scherben zusammenkehren!“
Sie ertappte sich dabei, völlig abwesend, noch vollkommen gefangen im Traum bei Jona, eine Weile in Daniels Gesicht zu starren ohne es wirklich anzusehen. Sein Kopf war einfach auf ihrer Bildfläche erschienen; sie hatte das Knarren der Leiter zur Schlafkoje, in der sie saß, nicht einmal gehört, dabei hörte man es eigentlich bis zum anderen Ende jeder noch so großen Raststätte.
„Hallo? Handfeger? Müllschippe?“
Er wedelte vor ihrem Gesicht herum. Draußen ging der Lärm von der Autobahn- ein klein bisschen angenehmer als sonst, da heute Sonntag war. Dazwischen Musikfetzen vom Radio, welches Denise draußen aufgestellt hatte. All das hörte Tabea zwar, doch sie nahm es nicht wahr. Sie fand sich gefangen zwischen Pokémon-Heften und Kartoffelsuppe.
Sie schaute Daniel an und merkte kaum, wie er forschend die Augenbrauen zusammenzog und sich zu ihr vorbeugte.
„Heulst du etwa...?“
Er hob die Hand und ließ sie vor ihrer Wange schweben, langsam und zaghaft wie die Hand einer Marionette, die gerade erst ausprobiert wird.
Eine kurze Weile hing nichts als Luft zwischen ihnen beiden. Tabea blinzelte müde und entrückt und spürte sie dann, diese Nässe zwischen den Augenlidern.
Sie fuhr sich schnell über die Wangen, über die Nase.
Das brachte den Alltag einigermaßen zurück.
Dann seufzte Daniel.
„Dann halt nicht...“
Er kletterte die Leiter wieder herunter.
„Blöde Zimtzicke!“
Sie hatte ihm jegliche Möglichkeit versaut.