Challenge: Wetterphänomene – Im Auge des Sturms (fürs Team)
Rating: gen
Fandom: Ungeschminkt (2024)
Charaktere: Josefa Beckmann, Magnus Beckmann
Notes: Am Abend vor ihrer Abreise ruft Josefa ihren Mann an.
Den Film hab ich gestern beim Filmfest München gesehen und musste abends gleich noch was kleines dazu schreiben. Spoiler-Warnung: Es werden wichtige Details erwähnt, die man nicht aus dem Trailer kennt ;-)
Jakob war eben ins Haus gegangen, um Ellie ins Bett zu bringen. Die Kleine hatte ihr von der Schulter ihres Papas aus schläfrig zugewunken, was Josefa fast schon wieder Tränen in die Augen getrieben hatte.
Und Petra und Blume? Die waren vor einer Ewigkeit irgendwohin verschwunden, um ihre Zweisamkeit zu genießen. Naja, und um ihr, Jakob und Ellie Raum zu geben, einander richtig kennenzulernen.
Sie blickte über den leeren Hof. Grillen zirpten leise drüben in der Wiese. Es war so ruhig.
Innerlich war sie hier immer angespannt gewesen, früher. Dann hatte sie dem Ort, diesem Hof und ihrer Familie den Rücken zugekehrt, war geflohen von hier, hatte fest daran geglaubt, dass es für immer war.
Ja, ein paar glückliche Momente hatte sie hier erlebt, doch die wurden überschattet von dem Chaos in ihrem Kopf, dem Chaos in ihrem Herzen und dem Chaos in ihrer Familie. Fünfunddreißig Jahre lang waren ihre Erinnerungen an hier tiefrot eingefärbt gewesen – ihre Erinnerungen waren ein gewaltiger Sturm, jeder schöne Moment begleitet von Gegenwind, der sie im nächsten Augenblick von den Füßen riss.
Nur jetzt… Jetzt fühlte es sich anders an. Jetzt war Ruhe eingekehrt.
Wenn sie diese Ruhe doch für immer behalten könnte.
Sie seufzte. Ihr Leben musste weitergehen. Sie konnte nicht länger hierbleiben. Morgen würde sie tatsächlich zurückfahren. Zurück zu ihrer Arbeit, zurück zu ihren Verpflichtungen, zurück zu ihren Freunden, zurück zu Magnus.
Seit seiner Abreise war ihr Handy stumm geblieben, nun tippte sie auf seinen Namen und lauschte dem Rufton.
Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis er abhob.
"Josefa." Er klang neutral, vielleicht in bisschen fragend.
"Hey." Oh, sie vermisste ihn, ihren Fels in der Brandung. "Ich komm morgen heim."
Es dauerte einen langen Moment, bis er antwortete. "Wirklich?"
"Ja. Diesmal wirklich. Ich würd gern… Ich kann nicht länger bleiben, du weißt, die Arbeit–"
"Nur wegen der Arbeit?" unterbrach er sie.
Sie schüttelte den Kopf, auch wenn er das nicht sehen konnte. "Nein. Nein, natürlich nicht."
Wegen dir.
Wegen uns.
Wegen unseres Lebens.
Sie musste gehen. Aber sie würde hierher zurückkehren. Bald.
"Ich… Ich hab–" Ein Kloß saß in ihrem Hals.
"Ich hab einen Sohn," brachte sie schließlich so leise hervor, dass sie befürchtete, er könnte sie nicht hören.
"Magnus. Ich hab einen Sohn."
"Was?"
"Ich hab einen Sohn," wiederholte sie, selbst noch immer kaum in der Lage, es zu glauben. "Und eine Enkeltochter. Und…" Sie konnte nicht weiterreden.
"Mein Gott. Josefa, das… Wow. Wow."
Sie schnaubte. Jetzt waren sie beide sprachlos.
"Warum hast du denn nichts gesagt, als ich da war?" fragte er schließlich.
"Ich weiß es doch auch erst seit heute."
"Josefa…"
"Weißt du, ich fühl mich, als würd ich hier im Auge des Sturms stehen. Wie wenn die Zeit still steht. Und ich weiß nicht, was passiert, wenn ich zurück komm."
"Aber du kommst zurück." Dieses mal war es keine Frage.
"Ja."
"Dann… Dann stehen wir den Sturm gemeinsam durch. So wie wir das immer gemacht haben."
"Ja."
"Soll ich dich abholen?"
Er spekulierte bestimmt darauf, Jakob und Ellie kennenzulernen und das würde er auch. Aber nicht morgen. "Nein, ich nehm den Bus. Ich glaub, ich brauch die Zeit, um– naja, um Abschied zu nehmen."
Von hier zu gehen, fühlte sich an wie ein Ende. Vielleicht war es das auch. Vielleicht konnte sie die Vergangenheit jetzt endlich begraben und sich ihrer Zukunft zuwenden.
"In Ordnung. Dann... Bis morgen?"
Sie lächelte. "Ja. Bis morgen."