Titel: Wunden
Autor: Jarienn
Genre: Original
Charaktere: Cassian
Challenge: Kindheitserinnerungen / 1. Male - # 8 Erste Begegnung mit dem Tod
Rating/Warnung: NC-17, Gewalt und non-con (nicht explizit).
Wörter: ~ 550
A/N: Cassian ist ein Vampir und eine meiner ältesten Figuren. Seit Längerem arbeite ich an einer Revision seiner Geschichte, aber seine Vergangenheit als Sterblicher kommt nach wie vor zu kurz. Das hat mit den Geschicht(ch)en für diese Sommer-Challenge ein Ende. Nicht alle werden so düster, wie diese erste, das bin ich mir und ihm schuldig. ;)
Wunden
Der Sohn des Kaufmanns kam immer zur dritten Stunde der Nacht. Cassian kannte es gar nicht anders.
Auch heute Nacht verkroch Cassian sich zitternd in einer Ecke der kleinen Kammer neben den Ställen, versteckte sich unter einer fadenscheinigen Decke, die streng, aber vertraut nach Esel roch. Dies war sein Platz in den Nächten, die er nicht allein mit seiner Mutter verbrachte.
Er machte sich ganz klein, die Knie an die Brust und unters Kinn gepresst, die dünnen Arme fest darum geschlungen. Fast ohne zu atmen wartete er, bis der Mann an ihm vorüber gegangen war.
Noch waren die Stimmen der beiden Erwachsenen leise, beinahe ruhig. Aber Cassian wusste, dass sich das bald ändern würde. Vorsorglich hielt er sich bereits jetzt die Ohren zu, auch wenn es ihm noch nie gelungen war, die Stimme seiner Mutter, ihre Schreie, ihr ersticktes Wimmern auszublenden.
Nur einmal hatte er versucht, seiner Mutter zu helfen. Doch er hatte schmerzhaft lernen müssen, dass ein Fünfjähriger nichts gegen einen erwachsenen Mann ausrichten konnte. Viel schlimmer als die Schmerzen in seinem gebrochenen Bein war jedoch seine Angst gewesen – Angst, die sich wie ein Dorn in sein Herz gesetzt hatte. Angst, die so groß gewesen war, dass er ohnmächtig geworden war, als seine Mutter in der darauf folgenden Nacht für seinen Fehler hatte bezahlen müssen.
Cassians Mutter sprach nie mit ihrem Sohn über das, was in den Nächten geschah, in denen jemand anderes bei ihr lag. Cassian fragte nie. Wenn sie wieder alleine waren und er ohne ein Wort zurück auf die schmale Pritsche gekrochen war, konnte Cassian die heißen Tränen fühlen, während seine Mutter sich still in den Schlaf weinte. Wenn die Sonne aufging, waren die Tränen versiegt, und die lange vor ihrer Zeit gealterte Frau lachte wieder. Doch nur für Cassian.
Und der Junge begriff, dass die stillen Tränen und das Lachen nur ihm und ihm allein gehörten. Dieses Wissen schmerzte. Schmerzte soviel mehr als alle Prügel und auch mehr als alle Nächte, in denen er die Augen so fest zusammenpresste, dass ihm die Tränen kamen.
In dieser Nacht war jedoch alles anders.
Die Erwachsenen stritten, ihre Stimmen nicht weniger laut und hitzig als sonst. Cassian verstand die Bedeutung der Worte des Mannes nicht, und trotzdem taten sie ihm weh. Weil sie seiner Mutter weh taten.
Cassian sah nicht, was geschah oder wie es passierte. Sah nicht, wie der Mann nach seiner Mutter griff, sie an den Haaren packte und sie von sich stieß. Sah nicht, wie seine Mutter stolperte. Hörte nicht das hässliche Geräusch von brechenden Knochen, als sie mit dem Kopf gegen den Stützpfeiler schlug. Sah nicht, wie sie zusammenbrach und reglos liegen blieb.
Cassian sah, fasziniert und entsetzt, wie sich Blut wie ein samtener Teppich um seine Mutter ausbreitete. Hörte, wie der Mann mit einem Fluch auf den Lippen die Kammer verließ.
In dieser Nacht weinte Cassians Mutter nicht.
Am nächsten Morgen lachte niemand, als man ihren Leichnahm in ein Leintuch hüllte und ihn vor den Toren der Stadt begrub.
Cassian schwieg und wartete.
Zweiundzwanzig Jahre lang lachte und weinte er nicht.
*
Cassian lachte, als er seine erste Beute als Vampir tötete.
Er lachte, als der ehemalige Kaufmannssohn samt seiner Familie tot zu seinen Füßen lag, ihr Blut in seinen Adern von seinem Triumph sang.
Cassian vergoss keine Träne, als er erkannte, dass er seinen Vater getötet hatte.
Autor: Jarienn
Genre: Original
Charaktere: Cassian
Challenge: Kindheitserinnerungen / 1. Male - # 8 Erste Begegnung mit dem Tod
Rating/Warnung: NC-17, Gewalt und non-con (nicht explizit).
Wörter: ~ 550
A/N: Cassian ist ein Vampir und eine meiner ältesten Figuren. Seit Längerem arbeite ich an einer Revision seiner Geschichte, aber seine Vergangenheit als Sterblicher kommt nach wie vor zu kurz. Das hat mit den Geschicht(ch)en für diese Sommer-Challenge ein Ende. Nicht alle werden so düster, wie diese erste, das bin ich mir und ihm schuldig. ;)
Wunden
Der Sohn des Kaufmanns kam immer zur dritten Stunde der Nacht. Cassian kannte es gar nicht anders.
Auch heute Nacht verkroch Cassian sich zitternd in einer Ecke der kleinen Kammer neben den Ställen, versteckte sich unter einer fadenscheinigen Decke, die streng, aber vertraut nach Esel roch. Dies war sein Platz in den Nächten, die er nicht allein mit seiner Mutter verbrachte.
Er machte sich ganz klein, die Knie an die Brust und unters Kinn gepresst, die dünnen Arme fest darum geschlungen. Fast ohne zu atmen wartete er, bis der Mann an ihm vorüber gegangen war.
Noch waren die Stimmen der beiden Erwachsenen leise, beinahe ruhig. Aber Cassian wusste, dass sich das bald ändern würde. Vorsorglich hielt er sich bereits jetzt die Ohren zu, auch wenn es ihm noch nie gelungen war, die Stimme seiner Mutter, ihre Schreie, ihr ersticktes Wimmern auszublenden.
Nur einmal hatte er versucht, seiner Mutter zu helfen. Doch er hatte schmerzhaft lernen müssen, dass ein Fünfjähriger nichts gegen einen erwachsenen Mann ausrichten konnte. Viel schlimmer als die Schmerzen in seinem gebrochenen Bein war jedoch seine Angst gewesen – Angst, die sich wie ein Dorn in sein Herz gesetzt hatte. Angst, die so groß gewesen war, dass er ohnmächtig geworden war, als seine Mutter in der darauf folgenden Nacht für seinen Fehler hatte bezahlen müssen.
Cassians Mutter sprach nie mit ihrem Sohn über das, was in den Nächten geschah, in denen jemand anderes bei ihr lag. Cassian fragte nie. Wenn sie wieder alleine waren und er ohne ein Wort zurück auf die schmale Pritsche gekrochen war, konnte Cassian die heißen Tränen fühlen, während seine Mutter sich still in den Schlaf weinte. Wenn die Sonne aufging, waren die Tränen versiegt, und die lange vor ihrer Zeit gealterte Frau lachte wieder. Doch nur für Cassian.
Und der Junge begriff, dass die stillen Tränen und das Lachen nur ihm und ihm allein gehörten. Dieses Wissen schmerzte. Schmerzte soviel mehr als alle Prügel und auch mehr als alle Nächte, in denen er die Augen so fest zusammenpresste, dass ihm die Tränen kamen.
In dieser Nacht war jedoch alles anders.
Die Erwachsenen stritten, ihre Stimmen nicht weniger laut und hitzig als sonst. Cassian verstand die Bedeutung der Worte des Mannes nicht, und trotzdem taten sie ihm weh. Weil sie seiner Mutter weh taten.
Cassian sah nicht, was geschah oder wie es passierte. Sah nicht, wie der Mann nach seiner Mutter griff, sie an den Haaren packte und sie von sich stieß. Sah nicht, wie seine Mutter stolperte. Hörte nicht das hässliche Geräusch von brechenden Knochen, als sie mit dem Kopf gegen den Stützpfeiler schlug. Sah nicht, wie sie zusammenbrach und reglos liegen blieb.
Cassian sah, fasziniert und entsetzt, wie sich Blut wie ein samtener Teppich um seine Mutter ausbreitete. Hörte, wie der Mann mit einem Fluch auf den Lippen die Kammer verließ.
In dieser Nacht weinte Cassians Mutter nicht.
Am nächsten Morgen lachte niemand, als man ihren Leichnahm in ein Leintuch hüllte und ihn vor den Toren der Stadt begrub.
Cassian schwieg und wartete.
Zweiundzwanzig Jahre lang lachte und weinte er nicht.
*
Cassian lachte, als er seine erste Beute als Vampir tötete.
Er lachte, als der ehemalige Kaufmannssohn samt seiner Familie tot zu seinen Füßen lag, ihr Blut in seinen Adern von seinem Triumph sang.
Cassian vergoss keine Träne, als er erkannte, dass er seinen Vater getötet hatte.