[identity profile] tristraine.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten

Fandom: Original
Challange: #3 Entzugserscheinungen
Words: 510
Anmerkungen: Etwas spät, aber es wollte geschrieben werden. Auf Entzug von Dir...


 

Es fing mit Dir an. 

Weißt Du noch, wie wir für ein Pärchen gehalten wurden? Wir fanden das unheimlich witzig, aber insgeheim hat es mich gefreut. Ich war stolz darauf, dass man mir eine so hübsche Freundin zutraute. Wir waren immer zu zweit gegen den Rest der Welt. Wir wussten was der andere dachte, wir entschieden gemeinsam und irgendwann war es nur noch logisch zusammen zuziehen. Damals hat mich meine Mutter ständig gefragt, ob ich keinen Freund möchte. Und versucht mich mit sämtlichen Typen aus der Nachbarschaft zu verkuppeln. Ich fand es traurig, dass sie  uns nie verstand. Ich brauchte nur Dich, Du warst der Mensch fürs Leben. Nein, keine Angst- ich wollte nie mit Dir schlafen. Ich wollte Dich auch nie küssen. Ich wollte Dich schon küssen und ich hab Dich oft geküsst, aber nicht anders, als ich meinen Bruder küsse. Du warst einfach meine Familie.
Und dann kam Typie.
Ich konnte verstehen, dass Du mit ihm zusammen gezogen bist. Er tat Dir gut- und ich hätte kotzen können.
Er war so nett, dass ich ihn noch nicht mal hasste. Seitdem hatte ich Kopfschmerzen. Es war ja nicht so, dass wir uns nicht mehr sahen, aber es war so anders. Ab da war ich allein gegen die Welt. Das Gefühl nie mehr gewinnen zu können.

Nach Jahren ohne Sport kramte ich meine Schuhe raus und rannte los. Laufen machte frei. Ich lief jeden Tag eine Stunde, nach einigen Wochen immer mehr. Der Gedanke an Dich, wurde von dem Gedanken ans Laufen verdrängt. Immer wenn ich lief, ging es mir besser. Ich ging nur noch sporadisch zur Uni, denn ich brauchte die Zeit zum laufen. Meine Beine fühlten sich ruhelos an, wenn ich sie nicht bewegte. Manchmal stand ich mitten in der Nacht auf, um ein Paar Runden zu drehen. Oft sah ich dabei den Sonnenaufgang. Ich wünschte, mein Körper wäre stärker, ich wünschte, ich wäre nicht so schwach. Ich übergab mich häufig, mein Magen machte das ganze nicht mit. Ich kotzte mitten im Wald und weinte und schrie. Dann drehte ich mich angeekelt weg und schlief für einige Zeit auf dem harten Boden, Traumfetzen ließen mich nicht zur Ruhe kommen. Wenn ich erwachte, rappelte ich mich hoch und lief weiter. Einmal schürfte ich mein Gesicht auf, als ich auf Asphalt fiel, ein anderes Mal verstauchte ich mir den Ellbogen, als ich ungeschickt über eine Baumwurzel stolperte.
Je länger ich lief, desto öfter stürzte ich. Meine Füße schlürften über den Boden. Meine Zehen schliefen ein, da ich nicht mehr richtig abrollte, sondern kraftlos vor mich hinstampfte. Trotzdem lief ich weiter.

"Wird schon wieder", war das erste, was ich im Krankenhaus von einem der Ärzte hörte. Ich musste eine Woche bleiben. Die meisten hielten mich für eine übertrieben ehrgeizige Amateursportlerin. Nur ein Arzt sprach mit mir über Sportsucht. An seinen Worten merkte ich, dass er die gleiche Reportage auf Vox gesehen hatte, wie ich den Tag davor. Auch wenn ich nachts schlecht schlief und meine Beine sich ständig bewegten, war ich nicht sportsüchtig. Nein, ich war nur auf Entzug von Dir.

 

 

Date: 2008-08-12 05:27 pm (UTC)
From: [identity profile] wortfetzen.livejournal.com
Eine wirklich sehr schöne Geschichte. Und auch wahnsinnig traurig...
Ich finde, du hast das sehr gut umgesetzt und toll geschrieben. Nur weiter so!

Date: 2008-08-12 08:09 pm (UTC)
From: [identity profile] agadinmar.livejournal.com
Wieder etwas der Sorte 'verstörend-schön'! ♥ Du triffst mit deinen Originalen echt immer irgendwelche Nerven, zielsicher und gut. Und ich bin immer wieder begeistert, wie du ganze Leben in wenig Worte kondensieren kannst. respekt, meine Liebe :)

Date: 2008-08-12 10:08 pm (UTC)
From: [identity profile] ina-chan0808.livejournal.com
ich schließ mich der verstörend-schön fraktion an.
gefällt mir außerordentlich gut...schmerz kompensiert eben jeder anders.

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