Wichtel-FF für nyx-chan (Teil 1)
Aug. 10th, 2008 10:58 pmEs tut mir Leid, es ist so viel… deswegen hier schon mal der 1. Teil. ._.
Title: Detonation (Original) #1
Word Count: ca. 4300
Rating: PG-13
Warnings: gen, krimi, gewalt, action
Challenges: Wie du mir, so ich dir (Oberthema, später mehr)
Widmung:
nyx_chan
Summary: Ein paar Morde und keine Spur, bis irgend so ein Möchtegern auftaucht… und ein Mann, der viel zu alt ist für dieses „Hobby“. Und dann wird alles sogar noch schlimmer.
Kommentar: Weil ich immer so viel zu sagen habe, ein Link
Title: Detonation (Original) #1
Word Count: ca. 4300
Rating: PG-13
Warnings: gen, krimi, gewalt, action
Challenges: Wie du mir, so ich dir (Oberthema, später mehr)
Widmung:
Summary: Ein paar Morde und keine Spur, bis irgend so ein Möchtegern auftaucht… und ein Mann, der viel zu alt ist für dieses „Hobby“. Und dann wird alles sogar noch schlimmer.
Kommentar: Weil ich immer so viel zu sagen habe, ein Link
Detonation ½
Sie mochte ihren Beruf, was nicht zuletzt auch an den Menschen lag, denen sie dadurch immer wieder begegnete.
Manchmal traf sie freundliche Menschen, interessante Menschen oder natürlich auch gewalttätige und psychopathische Menschen… Und ab und zu traf sie Menschen, von denen sie eigentlich nichts wissen wollte, doch deren Lebensgeschichte sie innerhalb von nicht mal zwanzig Minuten kannte.
Genervt blickte sie zur Seite auf den blonden Jungen mit den langen Haaren. Sie hoffte, dass er bald den Mund hielt, denn mit 17 durfte die Lebensgeschichte noch nicht allzu lang sein.
Doch sie hoffte vergebens.
„Weißt du, früher war ich auch schon oft hier, aber da wusste ich noch nicht mal, was dahinten so los ist.“
„Aha.“ Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, während sie sich umsah. Die alten Backsteingebäude waren nur noch Ruinen. Die Dächer waren eingestürzt und die Schornsteine standen zum Teil schief, wenn sie nicht sogar ganz zusammengesackt waren. Die Fenster waren zerbrochen und nur manchmal sah man noch eine Scheibe, die unversehrt, jedoch schwarz vom Dreck war.
„Hier zu spielen, ist gefährlich“, murmelte sie nachdenklich zu dem Jungen und dieser unterbrach seinen Redefluss.
„Öhm… schon, aber das war uns damals egal… und ist es heute auch. Das ist ja der Reiz an der Sache.“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Wahrscheinlich…“
Zwischen den verrosteten Gleisen wuchsen kleine Büsche und Gras, was das Laufen etwas erschwerte.
„Wann sind wir da?“, fragte sie und man hörte die Ungeduld in ihrer Stimme. Wochenlang waren die Ermittlungen schleppend vorangegangen und jetzt, da sie endlich einen Hinweis hatten, musste sie zusammen mit einem pubertären Jugendlichen durch das alte Industrieviertel laufen – zu Fuß. Sie bereute es schon fast, dem Jungen einen Deal vorgeschlagen zu haben.
„Da hinten fängt die alte Straße an, da kommen wir dann schneller voran, oder besser: Wir würden schneller vorankommen“, antwortete der Junge und seine letzte Bemerkung klang äußerst abwertend.
„Willst du mir damit irgendetwas sagen?“, brummte sie zurück, die Augen leicht zusammengekniffen.
„Nicht wirklich… Ich fühle mich nur bestätigt.“
„Worin?“
„Dass Mädchen kein Skateboard fahren können.“ Er nahm sein Skateboard in die andere Hand und klemmte es sich unter den Arm, unterstrich so seine Aussage, das genervte Zischen seiner Begleiterin ignorierte er vollkommen. „Hey, wusstest du, dass die FooFighters praktisch die Nachfolgeband von Nirvana sind?“ Er wechselte das Thema und sie verdrehte die Augen.
„Ja, wusste ich…“
„Echt? Woah krass, hätte ich nicht gedacht. Kennst du Lieder vom Nirvana? Also ich find ja Lithium total geil! Mal gehört?“
„Ja, habe ich.“ Ihre Antwort war einsilbig. Als Nirvana Musik gemacht hatte, war sie etwas älter gewesen als zehn Jahre, der Jugendliche neben ihr hatte in der Zeit vermutlich noch in den Windeln gelegen. Sie verschwieg ihre Gedanken jedoch besser und sagte stattdessen: „Du bist ziemlich fröhlich für einen Nirvana-Fan.“ Ihre Stimme hatte keine Wertung, nur ein wenig Verwunderung.
„Yo, nur weil ich das höre, heißt das ja nicht, dass ich mich auch umbringen will.“ Er grinste sie an. „Aber ich finde, FooFighter klingen gar nicht mehr nach Nirvana, am Anfang noch mehr…“ Er redete weiter und sie holte tief Luft.
Die kurze Zeit seines Schweigens war wohl vorbei und er sprach über Musik und was er gerne hörte. Vielleicht hätte sie sich doch allein auf den Weg machen sollen, aber wenigstens erzählte er nichts mehr über seine Kindheit, die sie noch belangloser gefunden hatte.
„Hey Maria, du siehst müde aus, du solltest mal schlafen“, meinte ihr Kollege, als die schwarzhaarige Frau die kleine Küche betrat. Sie war etwa Mitte zwanzig und hatte dunkle Ränder unter den Augen.
„Würde ich ja gerne, ich weiß nur nicht wann…“ Sie goss sich Kaffee ein und lehnte sich an die Spüle. „Dieser Fall raubt mir den letzten Nerv. Jetzt wissen wir endlich, wen wir verdächtigen können und jetzt finden wir den Typ nirgends.“ Müde fuhr sie sich über die Augen. „Und die Bundesbeamten sitzen mir auch im Nacken…“
Irritiert sah ihr Kollege sie an. „Das FBI? Wieso das?“
„Hm.“ Maria trank einen Schluck. „Angeblich gab es in Nevada einen ähnlichen Mord, der hiermit zusammenhängen könnte, aber mehr weiß ich nicht. Die schweigen sich ja auch gerne aus.“ Sie seufzte.
„Kopf hoch.“ Der ältere Mann wuschelte ihr durch die kurzen Haare und lächelte sie aufmunternd an. Er war früher ihr Ausbilder gewesen, war dann jedoch wegen eines Vorfalls bei einer Schießerei in den Innendienst versetzt worden.
„Die sind sicherlich nur hier, weil ein berühmter Sportler umgebracht wurde. Würde jemand Michael Jordan töten, würden die da sicherlich auch ein Auge drauf haben.“
Sie seufzte. „Wenn es doch Michael Jordan gewesen wäre… Bei Basketball kenne ich mich wenigstens aus. Von dieser ganzen Skate-Szene hab ich nicht die geringste Ahnung.“
„Die hat hier niemand…“
„Scheint mir auch so, deswegen darf ich mich diesen Morden widmen.“
„Ach komm, wird schon! Immer positiv denken.“
„Das sagt sich so leicht…“
Ihr Kaffee war inzwischen kalt und zum zweiten Mal las sie die Akte des offenen Falls, in der sich die Fotos der drei Opfer befanden. Sie waren männlich und zwischen 19 und 22 Jahre alt. Bevor der Mörder sie erwürgt hatte, hatte er ihnen Schraubendreher durch die Kniescheiben gestoßen, sie waren mit schmerzverzerrtem Gesicht gestorben – es waren keine schönen Bilder.
Alle waren erfolgreiche Skater und hatten sich in der Szene einen Namen gemacht, was neben der Todesart ihre einzige Gemeinsamkeit war. Sie hatten keine gemeinsamen Freunde, waren nicht verwandt und sie kannten sich nur über den Sport.
Das erste Opfer hatte man vor etwa drei Wochen gefunden, die letzten beiden jungen Männer waren dann erst wesentlich später getötet worden. Die Obduktion des letzten Opfers war erst zwei Tage her und nur durch Zufall hatte eine DNA Probe gesichert werden können.
Maria trank einen Schluck kalten Kaffee und verzog das Gesicht.
Sie wussten jetzt, nach wem sie fahnden mussten, doch von dem Verdächtigen gab es keine aktuelle Adresse und ein Gespräch mit seinen Eltern war ebenfalls ergebnislos geblieben – hatte er sich wohl schon vor Jahren mit dem Vater zerstritten und danach nie wieder gemeldet.
Erschöpft seufzte die junge Polizistin und fuhr sich durch die Haare. Zu allem Überfluss hatte sich auch noch ihr Partner durch einen Sturz von seinem Garagendach das Bein und das Schultergelenk gebrochen, was ihn für mehrere Wochen außer Gefecht setzte.
Jetzt war Maria mit den Ermittlungen allein und sie befand sich ein einer Sackgasse.
Träge stand sie auf, nachdem sie entschieden hatte, sich frischen Kaffee zu holen und gerade, als sie die Küche betreten wollte, sprach sie ein jüngerer Kollege aus dem Streifendienst an: „Miss? Sind Sie der Detektive, der bei den Skater-Morden ermittelt?“
„Ja, wieso fragen Sie?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage und sah den jüngeren, etwas kleineren Polizisten erwartungsvoll an.
„Nun, wir haben einen Skateboarder aufgegriffen. Wir dachten, Sie hätten vielleicht Interesse daran, ihn zu verhören.“
„Oh man…“ Genervt rollte Maria mit den Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sie das gefragt wurde. Am Anfang hatte sie sich wirklich etwas erhofft und die Jugendlichen verhört. Doch als sie die Morde angesprochen hatte, waren die entsetzten und blassen Gesichter meist Antwort genug gewesen. Sie rieb sich nachdenklich über die Augen. Sie hatte keine Lust, erneut ihre Zeit damit zu verschwenden, jemanden zu verhören, der wegen Graffiti-Schmierereien festgenommen worden war und zufällig ein Skateboard unter dem Arm trug.
„Wieso denken Sie, ich könnte an diesem Skater Interesse haben?“, fragte sie den Polizisten, der sie scheinbar stolz ansah.
„Wir haben ihn in der Wohnung des letzten Opfers aufgegriffen…“
„WAS?!“ Ihre Augen wurden groß und sie unterbrach den Kollegen. „Warum sagen Sie das nicht gleich?!“
Sie drückte dem überraschten Mann ihre Tasse in die Hand und stürmte mit schnellen Schritten den Flur entlang. Nach einigen Metern drehte sie sich jedoch wieder um und fragte: „In welchem Raum ist er?“
„Ähm“, überrumpelt zwinkerte der Streifenpolizist, „im Verhörraum 4…“
„Danke!“ Sie nickte und lief weiter.
Wäre der junge Mann nicht in die Küche gegangen, hätte er noch mitbekommen, wie Maria zurückgerannt war, um die Akte des Falls zu holen.
Außer Atem stand sie dann endlich vor der Tür mit der Aufschrift „VR 4“. Einmal holte sie noch tief Luft, bevor sie die Klinke hinunterdrückte und das Zimmer betrat.
An dem grauen Tisch saß ein blonder Junge, der seine Augenbrauen wütend zusammengezogen hatte und ihren Kollegen, der die Personalien aufnahm, böse anstarrte.
„Danke Moellers“, ergriff sie als Erste das Wort und zog die Blicke der beiden auf sich. „Ab hier übernehme ich…“
„Gut, der Jungspund scheint mir sowieso nicht viel sagen zu wollen.“ Moellers stand auf. „Er wurde über seine Rechte aufgeklärt und will weder einen Anwalt noch seine Eltern anrufen.“ Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Allerdings hat er bisher auch nur seinen Namen gesagt.“
Maria nickte. „Okay…“
„Vielleicht hast du ja mehr Glück.“ Der Ältere klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter und verließ den Raum.
Unter den wachsamen, genervten Augen des Jugendlichen setzte sich Maria auf den Stuhl, dem Jungen gegenüber.
„Also… Adam“, sie las den Namen von dem Formular ab, „Ich bin Maria…“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie dem Blonden die Gelegenheit gab, etwas zu sagen, doch der schwieg.
Sie seufzte. „Gut, kommen wir zur Sache: Was hast du in der Wohnung von Thomas Stead gemacht?“
Erneut nur Schweigen.
Tief Luft holend zog sie ihre Augenbrauen hoch. „Wenn du nichts sagen willst, müssen wir davon ausgehen, dass du ein Komplize oder sogar der Mörder bist, dass heißt, ich kann dich wegen Verdacht auf Beihilfe zum Mord oder Mord 72 Stunden festhalten. Ich mein“, gleichgültig zuckte sie mit den Schultern, „mir ist das egal, was in den Arrestzellen so passiert, nur werden sich die anderen Insassen sicherlich freuen.“ Mit einem vielsagenden Blick grinste sie Adam an, der daraufhin etwas blasser und nervöser wurde.
„Ich hab Raid nicht umgebracht, er war mein Freund!“ Der Junge zog seine Augenbrauen noch etwas weiter zusammen.
„Du meinst Stead…“
„Nein Raid, das war sein Nickname beim Skaten.“
„Aha… Okay, wenn du das sagst.“ In Gedanken schüttelte sie den Kopf und kam nicht umhin, das mit dem Nicknamen etwas albern zu finden. Allerdings verschwieg sie den Gedanken und fuhr fort: „Wenn er dein Freund war, dann weißt du sicher, was ihm passiert ist.“
„Na ja, mehr oder weniger. Nur das, was in den Nachrichten kam.“
„Dann wusstest du also, dass er tot ist und bist trotzdem zu der Wohnung gefahren? Wieso?“
„Ich meinte doch schon, er war mein Freund! Er war wie ein Bruder und ich wollte wissen…“ Er stockte kurz. „Ich weiß auch nicht, ich dachte, ich finde vielleicht was auf eigene Faust heraus.“
„Und? Hast du was herausgefunden?“
„Tss! Wie denn?! Ich wurde ja gleich festgenommen!“ Trotzig verschränkte Adam die Arme vor der Brust und rutschte auf dem Stuhl etwas tiefer, die Polizistin mit Blicken strafend.
„Tja… Damit sollte man eigentlich rechnen, wenn man unbefugt bei einem Tatort auftaucht…“
Ihre Aussage wurde mit einem Augenrollen quittiert, was sie gekonnt ignorierte.
„Also weißt du anscheinend auch nichts, aber vielleicht kannst du uns doch helfen. Kennst du einen Christian Neim?“
„Öhm…“ Der ratlose Ausdruck lies Maria noch etwas mehr die Hoffnung verlieren. Sie seufzte leise und kramte in der Akte nach einem Foto.
„Hier, vielleicht hilft dir das Bild auf die Sprünge…“
Widerwillig sah Adam sich das Foto an und seine Mimik veränderte sich schlagartig.
Mit aufgerissenen Augen starrte er auf das ihm bekannte Gesicht und fragte: „Ist das der Mörder?“
„Du kennst ihn?“
Adam antwortete mit einem Nicken. „Das ist Roar... Ich wusste nicht, wie er wirklich heißt.“
Marias Herz begann schneller zu schlagen. „Ist er auch ein Skater?“
„Ja, also, er war in der Szene aktiv, aber er fährt seit fast einem Jahr nicht mehr…“
„Weißt du, wo er ist?“
„Nein. Ich hab ihn seit Monaten nicht mehr gesehen, aber…“
„Aber?“ Die Schwarzhaarige wurde hibbelig. Sie versuchte ihre Erwartung nicht zu sehr zu zeigen, doch wirklich gelingen wollte es ihr nicht. Vielleicht würde sie die Ermittlungen doch endlich abschließen können.
„…aber ich kenne jemanden, der es wissen könnte.“
„Wo ist dieser jemand?“
„Das kann ich nicht sagen.“
„Was?“ Adams letzter Satz war wie ein Schlag in den Magen. „Wieso nicht? Gibt’s da irgendeinen Grund?!“ Ihre Vorfreude schlug um in Wut.
„Ich kann die Szene nicht auffliegen lassen! Ich kann das nicht verraten!“
Sie verdrehte die Augen. „Das kann doch nicht wahr sein! Du willst also den Mörder deines Freundes davonkommen lassen?!“
„Nein! Aber erstens: Woher wollt ihr wissen, dass es wirklich Roar war – wieso sollte er so etwas tun? Und Zweitens: Ich kann meine anderen Freunde nicht verraten!“
Marias Augen wurden zu Schlitzen. Sie sah hinter sich auf die verspiegelte Wand, hinter der im Augenblick bestimmt ihre Kollegen standen und ihnen zuhörten.
„Gut, hör zu, wir machen einen Deal!“
„Einen Deal?“
„Genau.“ Sie stand auf. „Los, komm mit.“ Sie griff den Jungen am Arm und zog ihn hoch und heraus aus dem Verhörraum…
Der „Deal“ war nichts anderes, als ein Abkommen zwischen Maria und Adam. Er würde sie zu der Person führen, die vielleicht wusste, wo der Mörder steckte und sie unternahm im Gegenzug nichts gegen die Szene. Diese hielt sich nämlich illegal auf dem alten Industriegelände auf und würde die Polizei das mitbekommen, würde sie die ganzen alten Gebäude räumen lassen.
„Bekommst jetzt eigentlich Ärger?“ Adam sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Sie wusste sofort, was er meinte. Sie pustete eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihre Stirn kitzelte und blickte auf die verfallene Fabrikhalle vor sich. „Die anderen können mich mal. Die haben mir die ganze Zeit nicht geholfen, aber neugierig glotzen, das können sie…“
Entschlossen ging sie einen Schritt auf das große, verrostete Tor zu, hinter der man dumpf Musik hörte, doch Adam fasste sie am Arm.
„Das Tor klemmt, komm mit.“
Sie liefen an der Wand des Backsteingebäudes entlang. Aus den Augenwinkeln sah Maria große Graffitis, deren Schrift sie nicht entziffern konnte. Mit leichtem Stirnrunzeln musste sie zugeben, dass es doch eine Art Kunst war, diese Muster und Bilder mit Sprühdosen an die Wand zu malen.
„Du denkst ja nicht besonders nett über deine Kollegen.“ Die plötzliche Frage des Jugendlichen lies sie zusammenzucken und brachte sie zurück zum vorherigen Thema.
„Hm, es sind Kollegen, keine Freunde… Mit dieser Einstellung kommen die wenigsten klar. Ich würde für niemanden mein Leben riskieren, nicht einmal für meinen Partner.“
„Oh… Ich dachte immer, Polizisten sind so wie im Fernsehen. So ‚für den anderen sterben und beschützen’ und der ganze Kram.“
„Andere sind vielleicht so, ich nicht. Ich halte nichts davon, wegen den Fehlern Anderer sterben zu müssen. Jeder ist für sich verantwortlich.“
„Öhm… okay… und wissen das deine Kollegen?“
„Ich hab es nie offen gesagt, aber wissen tun sie es sicherlich…“
„Aha…“ Der Verlauf des Gesprächs war nicht so, wie Adam es erwartete hatte.
Sie kamen an eine kleine Außentür, die einen Spalt weit offen stand. Links und rechts neben ihr wuchsen große Sträucher, die sie halb bedeckten und weswegen Maria sie fast nicht gesehen hätte.
„Hier müssen wir rein, aber warte einen Moment.“
„Wieso? Hey, was?“
Ungefragt wuschelte Adam ihr durch die Haare. „Du kannst da nicht SO rein!“ Er ließ von Maria ab, zog sich seinen Pullover aus und drückte ihn ihr in die Hand.
„Zieh den an, dann fällst du weniger auf.“
Während Adam sich sein T-Shirt zu Recht zupfte, stand die Polizistin nur überrumpelt da, der Blick etwas ungläubig auf das Kleidungsstück in ihrer Hand gerichtet.
„Los, mach endlich, anders kommst du da nicht rein!“, meinte der Jugendliche mit Nachdruck und nur widerwillig zog Maria den Pullover über, der ihr viel zu groß war. Sie zischte einen leisen Fluch, doch Adam tat so, als hätte er nichts gehört.
„So, und jetzt Lächeln!“
Mit diesen Worten stieß er die Tür auf und die Musik, die man die ganze Zeit nur dumpf gehört hatte, wurde lauter.
Maria schätze, dass sich ungefähr 200 Leute in der Halle befanden. Die Treppen und Geländer aus Stahl waren zum Teil verbogen worden und bildeten mit Gerüsten und Stahlträgern seltsame Gebilde, auf denen die unterschiedlichsten Leute Stunts fuhren.
Etwas, das früher vermutlich ein Schmelzkessel gewesen war, stand verbeult in der Mitte und war zu einer Bühne umfunktioniert worden. Große Boxen standen daneben, aus denen die Musik durch die gesamte Halle dröhnte.
„Wow…“, kommentierte Maria das, was sie sah und Adam grinste sie stolz an.
„Geniale Sache, oder? Und wir sind noch nicht fertig, wir wollen noch…“
Wieder begann der Jugendliche einen Redeschwall und innerlich seufzte die Polizistin. Natürlich war sie von dem Geschehen und Gebilden in der Halle überrascht, doch noch verblüffender fand sie die Tatsache, dass die Szene in der Halle ungehindert machen konnte, was sie wollte. Das sie noch nicht entdeckt wurden, war für Maria wie ein Wunder.
Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie viele illegale Geschäfte hier gemacht wurden.
„Das wäre wirklich ein prima Waffenumschlagsplatz…“, murmelte sie und hatte nicht erwartet, dass Adam sie hörte.
„Hey, was denkst du von der Szene! Hier werden keine Waffen oder so verkauft. Skater sind friedlich!“, erwiderte der Jugendliche beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Maria sah ihn nur mit vielsagendem Blick an. „Ja, bestimmt…deswegen bringen sie sich auch gegenseitig um!“
Darauf entgegnete Adam nichts. Betreten schaute er zur Seite und nuschelte etwas, dass Maria nicht verstand.
„Wo ist denn jetzt diese Person, die uns weiter helfen könnte?“, wechselte sie das Thema.
„Rain? Okay, komm mit. Aber versuch nicht aufzufallen.“
„Gut…“ Sie wusste nicht recht, was sie antworten konnte und fragte sich nur, ob ‚Rain’ der richtige Name war oder wieder nur ein Fake.
‚Rains’ Erscheinung würde Maria wohl noch einige Zeit gut in Erinnerung bleiben.
Adam hatte sie quer durch die Halle zu einer kleinen Nische mit alten Sofas geführt, wo ihn einige Jungen überschwänglich begrüßten.
Nur einer blieb ein wenig weiter Abseits sitzen und hob zum Gruß träge die Hand, rauchte etwas, das verdächtig einem Joint ähnelte.
Noch bevor Maria etwas sagen konnte, stellte Adam ihn ihr als ‚Rain’ vor und ihre Hoffnungen, den Mörder zu finden, wurden schlagartig weniger.
Derjenige, der ihr weiterhelfen sollte, war ein Mann – sie schätzte ihn auf Mitte 30 – mit kurzen, blau gefärbten Haaren, einer Augenklappe und einem geflochtenem Bart. Er trug dieselbe Art Kleindung wie seine wesentlich jüngeren Freunde, was Maria unglaublich albern fand.
„Yo, Blast“, sprach er Adam an und Maria verkniff sich jegliches Kommentar, „Ich wusste gar nicht, dass du auf ältere Frauen stehst.“ Ein raubeiniges Grinsen huschte über Rains Gesicht, woraufhin Maria grimmig ihre Augen zusammenkniff.
Adam lachte. „Nee, nee, das ist nicht meine Freundin.“ Er setzte sich neben den Älteren. „Nur ne Bekannte.“ Er gab der Polizistin ein Zeichen sich neben ihn zu setzen, dem sie nach kurzem Zögern auch nachkam. Aufmerksam lauschte sie der folgenden Unterhaltung.
„Warst ja lange nicht mehr hier, haben uns schon gefragt, was mit dir los ist“, meinte Rain und klopfte Adam auf die Schulter. „Hab mir echt Sorgen gemacht… Ich mein, was man so in den Nachrichten gehört hat…“
Adam nickte und nahm Rain eine Dose Bier ab, die er ihm reichte. „Ja, also hast du das von Raid auch gehört…“
Maria rollte mit den Augen. Diese ganzen Namen irritierten sie.
„Natürlich, wir haben schließlich zusammen angefangen. Schade um sein Talent…“
Eine merkwürdige Stille überkam die beiden Männer, als sie von ihrem Bier nippten.
„Tja“, begann Rain nach einem Moment von Neuem, „Jetzt bin nur noch ich von uns dreien übrig…“
„Ihr drei?“, fragte Maria und Adam sah sie böse an. Sie konnte ja nicht wissen, dass sie gerade eine verdächtige Frage gestellt hatte.
Doch Rain schien es nicht so aufgefasst zu haben, er zuckte nur mit den Schultern. „Raid ist tot und Roar fährt nicht mehr.“ Er schlug sich mit der linken Hand auf sein Knie, was die Polizistin aufmerksam beobachtete. „Er kann schließlich nicht mehr fahren… Da bleib nur ich, und ich werd auch langsam zu alt.“
„Ah was, du bist nicht zu alt!“ Jetzt war Adam der, der dem anderen auf die Schulter klopfte. „Aber sag mal, wo ist Roar eigentlich?“
„Der hat sich vor’n paar Wochen in Down Town verkrochen. Hat sich da wohl richtig eingerichtet, weil man ihn hier kaum noch zu sehen bekommt. Ich glaub, er leidet an Depressionen. Ich mein, er zieht immer so eine Flappe.“ Der Ältere verzog sein Gesicht und sah aus, als wäre er gerade erst aufgestanden.
„In Downtown?“ Maria holte Luft. „Das ist ja wieder am anderen Ende der Sta… Au!“ Adam stieß ihr mit dem Ellenbogen in die Rippen, was sie unterbrach.
Wütend starrten sich beide an und Adam hatte das Gefühl, die Polizistin tat wirklich alles dafür, um aufzufliegen.
„Nicht das Downtown.“ Rain lachte und der Jüngere entspannte sich etwas, sein Puls war jedoch noch immer erhöht. „Ich meine ‚Down Town’.“ Er zeigte mit dem Finger auf den Boden. „Du bist wohl noch nicht so lange in der Szene, was?“ Rain grinste sie an.
„Ähm… kann man so sagen“, nuschelte Maria, von dieser ganzen Skater-Ghetto –was-auch-immer-Sprache genervt.
„Und wo ist er genau?“
„In Sektor 7, unter der Gießerei.“
„Oh Gott, da war ich noch nie. Da kenn ich mich gar nicht aus.“ Adam biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
„Wenn ihr wollt, bring ich euch hin. Ich wollte ihn nachher sowieso besuchen.“
„Jau, super Alter, danke!“
Maria fühlte sich deplaziert, als die beiden Männer sich so gut verstanden.
„Aber nur unter einer Bedingung!“, setzte Rain noch nach, sich an Maria wendend und stand auf.
Adams Herz begann wieder schneller zu schlagen und Marias Gesicht entgleiste.
„Warum willst du zu Roar?“
„Er hat meine schwangere Schwester sitzen lassen! Ich will ihn zur Rede stellen.“
Maria war über ihre eigene Lüge genauso überrascht wie Adam.
„Oh“, murmelte Rain, „DAS ist ein Grund…“ Er seufzte und kratzte sich am Nacken. „Der Typ muss sich wirklich immer in die Scheiße reiten. Na also dann, los, kommt mit.“
Adam und Maria sahen sich an, in ihren Gesichtern stand Erleichterung.
Jetzt waren sie also schon zu dritt und die junge Polizistin fragte sich langsam, wie sie den Verdächtigen festnehmen sollte, wenn zwei seiner Freunde dabei waren.
„Down Town“ war dunkel und nur an wenigen Stellen leuchteten die Deckenlampen hell genug, um Einzelheiten erkennen zu können.
„Die einzelnen Keller der Gebäude sind mit Schienen verbunden“, erklärte Rain und sprach gerade laut genug, um das Brummen der entfernten Stromgeneratoren zu übertönen. „Früher soll hier sogar eine U-Bahn langgefahren sein, aber ich bin die Schienen mal abgelaufen, der Tunnel ist jetzt eingestürzt.“
Vorsichtig sah die junge Polizistin sich um und achtete darauf, wo sie hintrat.
Rohre kamen aus den Wänden und an manchen Stellen waren kleine Pfützen, die sich durch das herabtropfende Wasser gebildet hatten.
Sie waren schon an mehr als einer Abzweigung vorbeigekommen, aus denen Stimmen und Musik zu hören gewesen war.
Adam hatte ihr leise erklärt, dass die obere Halle nur etwa ein Drittel der „Szene“ ausmachte und sich in Down Town die Leute trafen, die sich schon einen Rang und Namen gemacht hatten. Hier, in dieser Umgebung mit ständig gedämpftem Licht, konnte man auch nur Fahren, wenn man ein gewisses Talent und Übung hatte. Der blonde Junge nannte Maria ehrfürchtig einige Namen, mit denen sie nichts anfangen konnte, doch anhand seiner Stimmlage, wie er von ihnen sprach, ging die Polizistin davon aus, dass Adam noch lange nicht fähig war, hier unten zu fahren.
„Wir sind gleich da“, meinte Rain nach einer Weile, als sie erneut abbogen und einen etwas helleren, größeren Raum betraten. „Ich muss nur mal überlegen, wo er sich einquartiert hat. Eigentlich hatten wir uns alle nämlich gesagt, wir wollten nicht mehr hier hin, weil vor ein paar Monaten da hinten ein Keller eingestürzt ist…“
Maria blickte besorgt zur Decke.
„…aber Roar wollte sich unbedingt hier hin… Er ist echt komisch geworden, seitdem er aus dem Krankenhaus raus kam.“
„Was meint du mit Krankenhaus?“, wollte die schwarzhaarige Frau wissen, versuchte dabei wesentlich desinteressierter zu klingen, als sie es wirklich war.
„Letztes Jahr hatte er bei…“, der Ältere stockte kurz, „…er hatte einen Unfall. Echt unschöne Sache. Er war erst einige Tage ohnmächtig und konnte dann kaum laufen.“ Rain seufzte. „Es hat ihm die Kniescheibe zertrümmert. Er kam erst vor so drei Monaten aus der Reha, aber fahren kann er wohl nie wieder. Traurige Sache: Erst Roar und jetzt Raid… Ah, hier lang.“
Sie liefen weiter.
Maria dachte an die Fotos, die sich in der Akte befanden und es lief ihr kalt den Rücken runter. Sie würde wirklich gerne wissen, was das für ein Unfall gewesen war, doch sie zog es vor, ihre Fragen erst später zu stellen.
Von Rain ungesehen fasste sie in ihre Gesäßtasche und zog etwas metallisch-glänzendes hervor.
„Hey.“ Adam stieß sie mit dem Ellenbogen an. „Schlagringe sind doch verboten!“, zischte er leise, seine Augen von leichtem Entsetzen etwas geweitet.
„Na und? Menschen töten ist auch verboten.“ Routiniert zog sie die Schlagwaffe über die Finger ihrer rechten Hand. „Und außerdem steh ich nicht auf Schusswaffen.“
Adam nahm sich vor, sich jetzt doch möglichst an das Gesetz zu halten.
Maria konnte nicht sagen wo und wie oft sie in den Fluren abgebogen waren. Sie war sich sicher, sie würde ohne die Hilfe von Rain nie wieder hier raus finden.
„Hier müsste es sein“, sagte Rain, blickte dabei zu Adam und Maria, die unauffällig den Ärmel des Pullovers über ihre Hand zog.
Sie standen vor einer rostigen Stahltür, über der eine kleine, blaue Lampe schwach leuchtete.
Aus der Ferne hörte man Rap Musik und Jubelschreie, Buh-Rufe und Klatschen, worauf sich die Polizistin konzentrierte. Es half ihr, das Gefühl zu verdrängen, sie würde sich allein in irgendwelchen Katakomben aufhalten.
Die Dunkelheit und die niedrige Decke des Flures drückten ihr auf den Kopf und die Stimmung.
Das Pochen an ihrer Schläfe versuchte sie mit zwei Fingern wegzureiben, doch es gelang ihr nicht.
„Ich geh alleine rein. Ich will allein mit ihm reden!“, sagte sie mit rauer Stimme, woraufhin Adam und Rain sich skeptisch ansahen. Ihr Ton verbot jegliche Widerrede.
Sie mochte ihren Beruf, was nicht zuletzt auch an den Menschen lag, denen sie dadurch immer wieder begegnete.
Manchmal traf sie freundliche Menschen, interessante Menschen oder natürlich auch gewalttätige und psychopathische Menschen… Und ab und zu traf sie Menschen, von denen sie eigentlich nichts wissen wollte, doch deren Lebensgeschichte sie innerhalb von nicht mal zwanzig Minuten kannte.
Genervt blickte sie zur Seite auf den blonden Jungen mit den langen Haaren. Sie hoffte, dass er bald den Mund hielt, denn mit 17 durfte die Lebensgeschichte noch nicht allzu lang sein.
Doch sie hoffte vergebens.
„Weißt du, früher war ich auch schon oft hier, aber da wusste ich noch nicht mal, was dahinten so los ist.“
„Aha.“ Sie hörte nur mit halbem Ohr zu, während sie sich umsah. Die alten Backsteingebäude waren nur noch Ruinen. Die Dächer waren eingestürzt und die Schornsteine standen zum Teil schief, wenn sie nicht sogar ganz zusammengesackt waren. Die Fenster waren zerbrochen und nur manchmal sah man noch eine Scheibe, die unversehrt, jedoch schwarz vom Dreck war.
„Hier zu spielen, ist gefährlich“, murmelte sie nachdenklich zu dem Jungen und dieser unterbrach seinen Redefluss.
„Öhm… schon, aber das war uns damals egal… und ist es heute auch. Das ist ja der Reiz an der Sache.“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Wahrscheinlich…“
Zwischen den verrosteten Gleisen wuchsen kleine Büsche und Gras, was das Laufen etwas erschwerte.
„Wann sind wir da?“, fragte sie und man hörte die Ungeduld in ihrer Stimme. Wochenlang waren die Ermittlungen schleppend vorangegangen und jetzt, da sie endlich einen Hinweis hatten, musste sie zusammen mit einem pubertären Jugendlichen durch das alte Industrieviertel laufen – zu Fuß. Sie bereute es schon fast, dem Jungen einen Deal vorgeschlagen zu haben.
„Da hinten fängt die alte Straße an, da kommen wir dann schneller voran, oder besser: Wir würden schneller vorankommen“, antwortete der Junge und seine letzte Bemerkung klang äußerst abwertend.
„Willst du mir damit irgendetwas sagen?“, brummte sie zurück, die Augen leicht zusammengekniffen.
„Nicht wirklich… Ich fühle mich nur bestätigt.“
„Worin?“
„Dass Mädchen kein Skateboard fahren können.“ Er nahm sein Skateboard in die andere Hand und klemmte es sich unter den Arm, unterstrich so seine Aussage, das genervte Zischen seiner Begleiterin ignorierte er vollkommen. „Hey, wusstest du, dass die FooFighters praktisch die Nachfolgeband von Nirvana sind?“ Er wechselte das Thema und sie verdrehte die Augen.
„Ja, wusste ich…“
„Echt? Woah krass, hätte ich nicht gedacht. Kennst du Lieder vom Nirvana? Also ich find ja Lithium total geil! Mal gehört?“
„Ja, habe ich.“ Ihre Antwort war einsilbig. Als Nirvana Musik gemacht hatte, war sie etwas älter gewesen als zehn Jahre, der Jugendliche neben ihr hatte in der Zeit vermutlich noch in den Windeln gelegen. Sie verschwieg ihre Gedanken jedoch besser und sagte stattdessen: „Du bist ziemlich fröhlich für einen Nirvana-Fan.“ Ihre Stimme hatte keine Wertung, nur ein wenig Verwunderung.
„Yo, nur weil ich das höre, heißt das ja nicht, dass ich mich auch umbringen will.“ Er grinste sie an. „Aber ich finde, FooFighter klingen gar nicht mehr nach Nirvana, am Anfang noch mehr…“ Er redete weiter und sie holte tief Luft.
Die kurze Zeit seines Schweigens war wohl vorbei und er sprach über Musik und was er gerne hörte. Vielleicht hätte sie sich doch allein auf den Weg machen sollen, aber wenigstens erzählte er nichts mehr über seine Kindheit, die sie noch belangloser gefunden hatte.
„Hey Maria, du siehst müde aus, du solltest mal schlafen“, meinte ihr Kollege, als die schwarzhaarige Frau die kleine Küche betrat. Sie war etwa Mitte zwanzig und hatte dunkle Ränder unter den Augen.
„Würde ich ja gerne, ich weiß nur nicht wann…“ Sie goss sich Kaffee ein und lehnte sich an die Spüle. „Dieser Fall raubt mir den letzten Nerv. Jetzt wissen wir endlich, wen wir verdächtigen können und jetzt finden wir den Typ nirgends.“ Müde fuhr sie sich über die Augen. „Und die Bundesbeamten sitzen mir auch im Nacken…“
Irritiert sah ihr Kollege sie an. „Das FBI? Wieso das?“
„Hm.“ Maria trank einen Schluck. „Angeblich gab es in Nevada einen ähnlichen Mord, der hiermit zusammenhängen könnte, aber mehr weiß ich nicht. Die schweigen sich ja auch gerne aus.“ Sie seufzte.
„Kopf hoch.“ Der ältere Mann wuschelte ihr durch die kurzen Haare und lächelte sie aufmunternd an. Er war früher ihr Ausbilder gewesen, war dann jedoch wegen eines Vorfalls bei einer Schießerei in den Innendienst versetzt worden.
„Die sind sicherlich nur hier, weil ein berühmter Sportler umgebracht wurde. Würde jemand Michael Jordan töten, würden die da sicherlich auch ein Auge drauf haben.“
Sie seufzte. „Wenn es doch Michael Jordan gewesen wäre… Bei Basketball kenne ich mich wenigstens aus. Von dieser ganzen Skate-Szene hab ich nicht die geringste Ahnung.“
„Die hat hier niemand…“
„Scheint mir auch so, deswegen darf ich mich diesen Morden widmen.“
„Ach komm, wird schon! Immer positiv denken.“
„Das sagt sich so leicht…“
Ihr Kaffee war inzwischen kalt und zum zweiten Mal las sie die Akte des offenen Falls, in der sich die Fotos der drei Opfer befanden. Sie waren männlich und zwischen 19 und 22 Jahre alt. Bevor der Mörder sie erwürgt hatte, hatte er ihnen Schraubendreher durch die Kniescheiben gestoßen, sie waren mit schmerzverzerrtem Gesicht gestorben – es waren keine schönen Bilder.
Alle waren erfolgreiche Skater und hatten sich in der Szene einen Namen gemacht, was neben der Todesart ihre einzige Gemeinsamkeit war. Sie hatten keine gemeinsamen Freunde, waren nicht verwandt und sie kannten sich nur über den Sport.
Das erste Opfer hatte man vor etwa drei Wochen gefunden, die letzten beiden jungen Männer waren dann erst wesentlich später getötet worden. Die Obduktion des letzten Opfers war erst zwei Tage her und nur durch Zufall hatte eine DNA Probe gesichert werden können.
Maria trank einen Schluck kalten Kaffee und verzog das Gesicht.
Sie wussten jetzt, nach wem sie fahnden mussten, doch von dem Verdächtigen gab es keine aktuelle Adresse und ein Gespräch mit seinen Eltern war ebenfalls ergebnislos geblieben – hatte er sich wohl schon vor Jahren mit dem Vater zerstritten und danach nie wieder gemeldet.
Erschöpft seufzte die junge Polizistin und fuhr sich durch die Haare. Zu allem Überfluss hatte sich auch noch ihr Partner durch einen Sturz von seinem Garagendach das Bein und das Schultergelenk gebrochen, was ihn für mehrere Wochen außer Gefecht setzte.
Jetzt war Maria mit den Ermittlungen allein und sie befand sich ein einer Sackgasse.
Träge stand sie auf, nachdem sie entschieden hatte, sich frischen Kaffee zu holen und gerade, als sie die Küche betreten wollte, sprach sie ein jüngerer Kollege aus dem Streifendienst an: „Miss? Sind Sie der Detektive, der bei den Skater-Morden ermittelt?“
„Ja, wieso fragen Sie?“, antwortete sie mit einer Gegenfrage und sah den jüngeren, etwas kleineren Polizisten erwartungsvoll an.
„Nun, wir haben einen Skateboarder aufgegriffen. Wir dachten, Sie hätten vielleicht Interesse daran, ihn zu verhören.“
„Oh man…“ Genervt rollte Maria mit den Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sie das gefragt wurde. Am Anfang hatte sie sich wirklich etwas erhofft und die Jugendlichen verhört. Doch als sie die Morde angesprochen hatte, waren die entsetzten und blassen Gesichter meist Antwort genug gewesen. Sie rieb sich nachdenklich über die Augen. Sie hatte keine Lust, erneut ihre Zeit damit zu verschwenden, jemanden zu verhören, der wegen Graffiti-Schmierereien festgenommen worden war und zufällig ein Skateboard unter dem Arm trug.
„Wieso denken Sie, ich könnte an diesem Skater Interesse haben?“, fragte sie den Polizisten, der sie scheinbar stolz ansah.
„Wir haben ihn in der Wohnung des letzten Opfers aufgegriffen…“
„WAS?!“ Ihre Augen wurden groß und sie unterbrach den Kollegen. „Warum sagen Sie das nicht gleich?!“
Sie drückte dem überraschten Mann ihre Tasse in die Hand und stürmte mit schnellen Schritten den Flur entlang. Nach einigen Metern drehte sie sich jedoch wieder um und fragte: „In welchem Raum ist er?“
„Ähm“, überrumpelt zwinkerte der Streifenpolizist, „im Verhörraum 4…“
„Danke!“ Sie nickte und lief weiter.
Wäre der junge Mann nicht in die Küche gegangen, hätte er noch mitbekommen, wie Maria zurückgerannt war, um die Akte des Falls zu holen.
Außer Atem stand sie dann endlich vor der Tür mit der Aufschrift „VR 4“. Einmal holte sie noch tief Luft, bevor sie die Klinke hinunterdrückte und das Zimmer betrat.
An dem grauen Tisch saß ein blonder Junge, der seine Augenbrauen wütend zusammengezogen hatte und ihren Kollegen, der die Personalien aufnahm, böse anstarrte.
„Danke Moellers“, ergriff sie als Erste das Wort und zog die Blicke der beiden auf sich. „Ab hier übernehme ich…“
„Gut, der Jungspund scheint mir sowieso nicht viel sagen zu wollen.“ Moellers stand auf. „Er wurde über seine Rechte aufgeklärt und will weder einen Anwalt noch seine Eltern anrufen.“ Der Polizist zuckte mit den Schultern. „Allerdings hat er bisher auch nur seinen Namen gesagt.“
Maria nickte. „Okay…“
„Vielleicht hast du ja mehr Glück.“ Der Ältere klopfte ihr im Vorbeigehen auf die Schulter und verließ den Raum.
Unter den wachsamen, genervten Augen des Jugendlichen setzte sich Maria auf den Stuhl, dem Jungen gegenüber.
„Also… Adam“, sie las den Namen von dem Formular ab, „Ich bin Maria…“ Sie machte eine kurze Pause, in der sie dem Blonden die Gelegenheit gab, etwas zu sagen, doch der schwieg.
Sie seufzte. „Gut, kommen wir zur Sache: Was hast du in der Wohnung von Thomas Stead gemacht?“
Erneut nur Schweigen.
Tief Luft holend zog sie ihre Augenbrauen hoch. „Wenn du nichts sagen willst, müssen wir davon ausgehen, dass du ein Komplize oder sogar der Mörder bist, dass heißt, ich kann dich wegen Verdacht auf Beihilfe zum Mord oder Mord 72 Stunden festhalten. Ich mein“, gleichgültig zuckte sie mit den Schultern, „mir ist das egal, was in den Arrestzellen so passiert, nur werden sich die anderen Insassen sicherlich freuen.“ Mit einem vielsagenden Blick grinste sie Adam an, der daraufhin etwas blasser und nervöser wurde.
„Ich hab Raid nicht umgebracht, er war mein Freund!“ Der Junge zog seine Augenbrauen noch etwas weiter zusammen.
„Du meinst Stead…“
„Nein Raid, das war sein Nickname beim Skaten.“
„Aha… Okay, wenn du das sagst.“ In Gedanken schüttelte sie den Kopf und kam nicht umhin, das mit dem Nicknamen etwas albern zu finden. Allerdings verschwieg sie den Gedanken und fuhr fort: „Wenn er dein Freund war, dann weißt du sicher, was ihm passiert ist.“
„Na ja, mehr oder weniger. Nur das, was in den Nachrichten kam.“
„Dann wusstest du also, dass er tot ist und bist trotzdem zu der Wohnung gefahren? Wieso?“
„Ich meinte doch schon, er war mein Freund! Er war wie ein Bruder und ich wollte wissen…“ Er stockte kurz. „Ich weiß auch nicht, ich dachte, ich finde vielleicht was auf eigene Faust heraus.“
„Und? Hast du was herausgefunden?“
„Tss! Wie denn?! Ich wurde ja gleich festgenommen!“ Trotzig verschränkte Adam die Arme vor der Brust und rutschte auf dem Stuhl etwas tiefer, die Polizistin mit Blicken strafend.
„Tja… Damit sollte man eigentlich rechnen, wenn man unbefugt bei einem Tatort auftaucht…“
Ihre Aussage wurde mit einem Augenrollen quittiert, was sie gekonnt ignorierte.
„Also weißt du anscheinend auch nichts, aber vielleicht kannst du uns doch helfen. Kennst du einen Christian Neim?“
„Öhm…“ Der ratlose Ausdruck lies Maria noch etwas mehr die Hoffnung verlieren. Sie seufzte leise und kramte in der Akte nach einem Foto.
„Hier, vielleicht hilft dir das Bild auf die Sprünge…“
Widerwillig sah Adam sich das Foto an und seine Mimik veränderte sich schlagartig.
Mit aufgerissenen Augen starrte er auf das ihm bekannte Gesicht und fragte: „Ist das der Mörder?“
„Du kennst ihn?“
Adam antwortete mit einem Nicken. „Das ist Roar... Ich wusste nicht, wie er wirklich heißt.“
Marias Herz begann schneller zu schlagen. „Ist er auch ein Skater?“
„Ja, also, er war in der Szene aktiv, aber er fährt seit fast einem Jahr nicht mehr…“
„Weißt du, wo er ist?“
„Nein. Ich hab ihn seit Monaten nicht mehr gesehen, aber…“
„Aber?“ Die Schwarzhaarige wurde hibbelig. Sie versuchte ihre Erwartung nicht zu sehr zu zeigen, doch wirklich gelingen wollte es ihr nicht. Vielleicht würde sie die Ermittlungen doch endlich abschließen können.
„…aber ich kenne jemanden, der es wissen könnte.“
„Wo ist dieser jemand?“
„Das kann ich nicht sagen.“
„Was?“ Adams letzter Satz war wie ein Schlag in den Magen. „Wieso nicht? Gibt’s da irgendeinen Grund?!“ Ihre Vorfreude schlug um in Wut.
„Ich kann die Szene nicht auffliegen lassen! Ich kann das nicht verraten!“
Sie verdrehte die Augen. „Das kann doch nicht wahr sein! Du willst also den Mörder deines Freundes davonkommen lassen?!“
„Nein! Aber erstens: Woher wollt ihr wissen, dass es wirklich Roar war – wieso sollte er so etwas tun? Und Zweitens: Ich kann meine anderen Freunde nicht verraten!“
Marias Augen wurden zu Schlitzen. Sie sah hinter sich auf die verspiegelte Wand, hinter der im Augenblick bestimmt ihre Kollegen standen und ihnen zuhörten.
„Gut, hör zu, wir machen einen Deal!“
„Einen Deal?“
„Genau.“ Sie stand auf. „Los, komm mit.“ Sie griff den Jungen am Arm und zog ihn hoch und heraus aus dem Verhörraum…
Der „Deal“ war nichts anderes, als ein Abkommen zwischen Maria und Adam. Er würde sie zu der Person führen, die vielleicht wusste, wo der Mörder steckte und sie unternahm im Gegenzug nichts gegen die Szene. Diese hielt sich nämlich illegal auf dem alten Industriegelände auf und würde die Polizei das mitbekommen, würde sie die ganzen alten Gebäude räumen lassen.
„Bekommst jetzt eigentlich Ärger?“ Adam sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an.
Sie wusste sofort, was er meinte. Sie pustete eine verirrte Haarsträhne aus dem Gesicht, die ihre Stirn kitzelte und blickte auf die verfallene Fabrikhalle vor sich. „Die anderen können mich mal. Die haben mir die ganze Zeit nicht geholfen, aber neugierig glotzen, das können sie…“
Entschlossen ging sie einen Schritt auf das große, verrostete Tor zu, hinter der man dumpf Musik hörte, doch Adam fasste sie am Arm.
„Das Tor klemmt, komm mit.“
Sie liefen an der Wand des Backsteingebäudes entlang. Aus den Augenwinkeln sah Maria große Graffitis, deren Schrift sie nicht entziffern konnte. Mit leichtem Stirnrunzeln musste sie zugeben, dass es doch eine Art Kunst war, diese Muster und Bilder mit Sprühdosen an die Wand zu malen.
„Du denkst ja nicht besonders nett über deine Kollegen.“ Die plötzliche Frage des Jugendlichen lies sie zusammenzucken und brachte sie zurück zum vorherigen Thema.
„Hm, es sind Kollegen, keine Freunde… Mit dieser Einstellung kommen die wenigsten klar. Ich würde für niemanden mein Leben riskieren, nicht einmal für meinen Partner.“
„Oh… Ich dachte immer, Polizisten sind so wie im Fernsehen. So ‚für den anderen sterben und beschützen’ und der ganze Kram.“
„Andere sind vielleicht so, ich nicht. Ich halte nichts davon, wegen den Fehlern Anderer sterben zu müssen. Jeder ist für sich verantwortlich.“
„Öhm… okay… und wissen das deine Kollegen?“
„Ich hab es nie offen gesagt, aber wissen tun sie es sicherlich…“
„Aha…“ Der Verlauf des Gesprächs war nicht so, wie Adam es erwartete hatte.
Sie kamen an eine kleine Außentür, die einen Spalt weit offen stand. Links und rechts neben ihr wuchsen große Sträucher, die sie halb bedeckten und weswegen Maria sie fast nicht gesehen hätte.
„Hier müssen wir rein, aber warte einen Moment.“
„Wieso? Hey, was?“
Ungefragt wuschelte Adam ihr durch die Haare. „Du kannst da nicht SO rein!“ Er ließ von Maria ab, zog sich seinen Pullover aus und drückte ihn ihr in die Hand.
„Zieh den an, dann fällst du weniger auf.“
Während Adam sich sein T-Shirt zu Recht zupfte, stand die Polizistin nur überrumpelt da, der Blick etwas ungläubig auf das Kleidungsstück in ihrer Hand gerichtet.
„Los, mach endlich, anders kommst du da nicht rein!“, meinte der Jugendliche mit Nachdruck und nur widerwillig zog Maria den Pullover über, der ihr viel zu groß war. Sie zischte einen leisen Fluch, doch Adam tat so, als hätte er nichts gehört.
„So, und jetzt Lächeln!“
Mit diesen Worten stieß er die Tür auf und die Musik, die man die ganze Zeit nur dumpf gehört hatte, wurde lauter.
Maria schätze, dass sich ungefähr 200 Leute in der Halle befanden. Die Treppen und Geländer aus Stahl waren zum Teil verbogen worden und bildeten mit Gerüsten und Stahlträgern seltsame Gebilde, auf denen die unterschiedlichsten Leute Stunts fuhren.
Etwas, das früher vermutlich ein Schmelzkessel gewesen war, stand verbeult in der Mitte und war zu einer Bühne umfunktioniert worden. Große Boxen standen daneben, aus denen die Musik durch die gesamte Halle dröhnte.
„Wow…“, kommentierte Maria das, was sie sah und Adam grinste sie stolz an.
„Geniale Sache, oder? Und wir sind noch nicht fertig, wir wollen noch…“
Wieder begann der Jugendliche einen Redeschwall und innerlich seufzte die Polizistin. Natürlich war sie von dem Geschehen und Gebilden in der Halle überrascht, doch noch verblüffender fand sie die Tatsache, dass die Szene in der Halle ungehindert machen konnte, was sie wollte. Das sie noch nicht entdeckt wurden, war für Maria wie ein Wunder.
Sie wollte sich gar nicht ausmalen, wie viele illegale Geschäfte hier gemacht wurden.
„Das wäre wirklich ein prima Waffenumschlagsplatz…“, murmelte sie und hatte nicht erwartet, dass Adam sie hörte.
„Hey, was denkst du von der Szene! Hier werden keine Waffen oder so verkauft. Skater sind friedlich!“, erwiderte der Jugendliche beleidigt und verschränkte die Arme vor der Brust.
Maria sah ihn nur mit vielsagendem Blick an. „Ja, bestimmt…deswegen bringen sie sich auch gegenseitig um!“
Darauf entgegnete Adam nichts. Betreten schaute er zur Seite und nuschelte etwas, dass Maria nicht verstand.
„Wo ist denn jetzt diese Person, die uns weiter helfen könnte?“, wechselte sie das Thema.
„Rain? Okay, komm mit. Aber versuch nicht aufzufallen.“
„Gut…“ Sie wusste nicht recht, was sie antworten konnte und fragte sich nur, ob ‚Rain’ der richtige Name war oder wieder nur ein Fake.
‚Rains’ Erscheinung würde Maria wohl noch einige Zeit gut in Erinnerung bleiben.
Adam hatte sie quer durch die Halle zu einer kleinen Nische mit alten Sofas geführt, wo ihn einige Jungen überschwänglich begrüßten.
Nur einer blieb ein wenig weiter Abseits sitzen und hob zum Gruß träge die Hand, rauchte etwas, das verdächtig einem Joint ähnelte.
Noch bevor Maria etwas sagen konnte, stellte Adam ihn ihr als ‚Rain’ vor und ihre Hoffnungen, den Mörder zu finden, wurden schlagartig weniger.
Derjenige, der ihr weiterhelfen sollte, war ein Mann – sie schätzte ihn auf Mitte 30 – mit kurzen, blau gefärbten Haaren, einer Augenklappe und einem geflochtenem Bart. Er trug dieselbe Art Kleindung wie seine wesentlich jüngeren Freunde, was Maria unglaublich albern fand.
„Yo, Blast“, sprach er Adam an und Maria verkniff sich jegliches Kommentar, „Ich wusste gar nicht, dass du auf ältere Frauen stehst.“ Ein raubeiniges Grinsen huschte über Rains Gesicht, woraufhin Maria grimmig ihre Augen zusammenkniff.
Adam lachte. „Nee, nee, das ist nicht meine Freundin.“ Er setzte sich neben den Älteren. „Nur ne Bekannte.“ Er gab der Polizistin ein Zeichen sich neben ihn zu setzen, dem sie nach kurzem Zögern auch nachkam. Aufmerksam lauschte sie der folgenden Unterhaltung.
„Warst ja lange nicht mehr hier, haben uns schon gefragt, was mit dir los ist“, meinte Rain und klopfte Adam auf die Schulter. „Hab mir echt Sorgen gemacht… Ich mein, was man so in den Nachrichten gehört hat…“
Adam nickte und nahm Rain eine Dose Bier ab, die er ihm reichte. „Ja, also hast du das von Raid auch gehört…“
Maria rollte mit den Augen. Diese ganzen Namen irritierten sie.
„Natürlich, wir haben schließlich zusammen angefangen. Schade um sein Talent…“
Eine merkwürdige Stille überkam die beiden Männer, als sie von ihrem Bier nippten.
„Tja“, begann Rain nach einem Moment von Neuem, „Jetzt bin nur noch ich von uns dreien übrig…“
„Ihr drei?“, fragte Maria und Adam sah sie böse an. Sie konnte ja nicht wissen, dass sie gerade eine verdächtige Frage gestellt hatte.
Doch Rain schien es nicht so aufgefasst zu haben, er zuckte nur mit den Schultern. „Raid ist tot und Roar fährt nicht mehr.“ Er schlug sich mit der linken Hand auf sein Knie, was die Polizistin aufmerksam beobachtete. „Er kann schließlich nicht mehr fahren… Da bleib nur ich, und ich werd auch langsam zu alt.“
„Ah was, du bist nicht zu alt!“ Jetzt war Adam der, der dem anderen auf die Schulter klopfte. „Aber sag mal, wo ist Roar eigentlich?“
„Der hat sich vor’n paar Wochen in Down Town verkrochen. Hat sich da wohl richtig eingerichtet, weil man ihn hier kaum noch zu sehen bekommt. Ich glaub, er leidet an Depressionen. Ich mein, er zieht immer so eine Flappe.“ Der Ältere verzog sein Gesicht und sah aus, als wäre er gerade erst aufgestanden.
„In Downtown?“ Maria holte Luft. „Das ist ja wieder am anderen Ende der Sta… Au!“ Adam stieß ihr mit dem Ellenbogen in die Rippen, was sie unterbrach.
Wütend starrten sich beide an und Adam hatte das Gefühl, die Polizistin tat wirklich alles dafür, um aufzufliegen.
„Nicht das Downtown.“ Rain lachte und der Jüngere entspannte sich etwas, sein Puls war jedoch noch immer erhöht. „Ich meine ‚Down Town’.“ Er zeigte mit dem Finger auf den Boden. „Du bist wohl noch nicht so lange in der Szene, was?“ Rain grinste sie an.
„Ähm… kann man so sagen“, nuschelte Maria, von dieser ganzen Skater-Ghetto –was-auch-immer-Sprache genervt.
„Und wo ist er genau?“
„In Sektor 7, unter der Gießerei.“
„Oh Gott, da war ich noch nie. Da kenn ich mich gar nicht aus.“ Adam biss sich nachdenklich auf die Unterlippe.
„Wenn ihr wollt, bring ich euch hin. Ich wollte ihn nachher sowieso besuchen.“
„Jau, super Alter, danke!“
Maria fühlte sich deplaziert, als die beiden Männer sich so gut verstanden.
„Aber nur unter einer Bedingung!“, setzte Rain noch nach, sich an Maria wendend und stand auf.
Adams Herz begann wieder schneller zu schlagen und Marias Gesicht entgleiste.
„Warum willst du zu Roar?“
„Er hat meine schwangere Schwester sitzen lassen! Ich will ihn zur Rede stellen.“
Maria war über ihre eigene Lüge genauso überrascht wie Adam.
„Oh“, murmelte Rain, „DAS ist ein Grund…“ Er seufzte und kratzte sich am Nacken. „Der Typ muss sich wirklich immer in die Scheiße reiten. Na also dann, los, kommt mit.“
Adam und Maria sahen sich an, in ihren Gesichtern stand Erleichterung.
Jetzt waren sie also schon zu dritt und die junge Polizistin fragte sich langsam, wie sie den Verdächtigen festnehmen sollte, wenn zwei seiner Freunde dabei waren.
„Down Town“ war dunkel und nur an wenigen Stellen leuchteten die Deckenlampen hell genug, um Einzelheiten erkennen zu können.
„Die einzelnen Keller der Gebäude sind mit Schienen verbunden“, erklärte Rain und sprach gerade laut genug, um das Brummen der entfernten Stromgeneratoren zu übertönen. „Früher soll hier sogar eine U-Bahn langgefahren sein, aber ich bin die Schienen mal abgelaufen, der Tunnel ist jetzt eingestürzt.“
Vorsichtig sah die junge Polizistin sich um und achtete darauf, wo sie hintrat.
Rohre kamen aus den Wänden und an manchen Stellen waren kleine Pfützen, die sich durch das herabtropfende Wasser gebildet hatten.
Sie waren schon an mehr als einer Abzweigung vorbeigekommen, aus denen Stimmen und Musik zu hören gewesen war.
Adam hatte ihr leise erklärt, dass die obere Halle nur etwa ein Drittel der „Szene“ ausmachte und sich in Down Town die Leute trafen, die sich schon einen Rang und Namen gemacht hatten. Hier, in dieser Umgebung mit ständig gedämpftem Licht, konnte man auch nur Fahren, wenn man ein gewisses Talent und Übung hatte. Der blonde Junge nannte Maria ehrfürchtig einige Namen, mit denen sie nichts anfangen konnte, doch anhand seiner Stimmlage, wie er von ihnen sprach, ging die Polizistin davon aus, dass Adam noch lange nicht fähig war, hier unten zu fahren.
„Wir sind gleich da“, meinte Rain nach einer Weile, als sie erneut abbogen und einen etwas helleren, größeren Raum betraten. „Ich muss nur mal überlegen, wo er sich einquartiert hat. Eigentlich hatten wir uns alle nämlich gesagt, wir wollten nicht mehr hier hin, weil vor ein paar Monaten da hinten ein Keller eingestürzt ist…“
Maria blickte besorgt zur Decke.
„…aber Roar wollte sich unbedingt hier hin… Er ist echt komisch geworden, seitdem er aus dem Krankenhaus raus kam.“
„Was meint du mit Krankenhaus?“, wollte die schwarzhaarige Frau wissen, versuchte dabei wesentlich desinteressierter zu klingen, als sie es wirklich war.
„Letztes Jahr hatte er bei…“, der Ältere stockte kurz, „…er hatte einen Unfall. Echt unschöne Sache. Er war erst einige Tage ohnmächtig und konnte dann kaum laufen.“ Rain seufzte. „Es hat ihm die Kniescheibe zertrümmert. Er kam erst vor so drei Monaten aus der Reha, aber fahren kann er wohl nie wieder. Traurige Sache: Erst Roar und jetzt Raid… Ah, hier lang.“
Sie liefen weiter.
Maria dachte an die Fotos, die sich in der Akte befanden und es lief ihr kalt den Rücken runter. Sie würde wirklich gerne wissen, was das für ein Unfall gewesen war, doch sie zog es vor, ihre Fragen erst später zu stellen.
Von Rain ungesehen fasste sie in ihre Gesäßtasche und zog etwas metallisch-glänzendes hervor.
„Hey.“ Adam stieß sie mit dem Ellenbogen an. „Schlagringe sind doch verboten!“, zischte er leise, seine Augen von leichtem Entsetzen etwas geweitet.
„Na und? Menschen töten ist auch verboten.“ Routiniert zog sie die Schlagwaffe über die Finger ihrer rechten Hand. „Und außerdem steh ich nicht auf Schusswaffen.“
Adam nahm sich vor, sich jetzt doch möglichst an das Gesetz zu halten.
Maria konnte nicht sagen wo und wie oft sie in den Fluren abgebogen waren. Sie war sich sicher, sie würde ohne die Hilfe von Rain nie wieder hier raus finden.
„Hier müsste es sein“, sagte Rain, blickte dabei zu Adam und Maria, die unauffällig den Ärmel des Pullovers über ihre Hand zog.
Sie standen vor einer rostigen Stahltür, über der eine kleine, blaue Lampe schwach leuchtete.
Aus der Ferne hörte man Rap Musik und Jubelschreie, Buh-Rufe und Klatschen, worauf sich die Polizistin konzentrierte. Es half ihr, das Gefühl zu verdrängen, sie würde sich allein in irgendwelchen Katakomben aufhalten.
Die Dunkelheit und die niedrige Decke des Flures drückten ihr auf den Kopf und die Stimmung.
Das Pochen an ihrer Schläfe versuchte sie mit zwei Fingern wegzureiben, doch es gelang ihr nicht.
„Ich geh alleine rein. Ich will allein mit ihm reden!“, sagte sie mit rauer Stimme, woraufhin Adam und Rain sich skeptisch ansahen. Ihr Ton verbot jegliche Widerrede.
no subject
Date: 2008-08-10 10:35 pm (UTC)Ich liebe Maria und Adam!! *__________* Es ist Liebe, es ist toll und ich musst sooooooo gröhlen als sie das mit der Schwester gesagt hat! Ich liebe es und ich kann es kaum erwarten, wenn es weitergeht! Ich will wissen, wie es weitergeht! Wow, also, ich hab ja so ein paar Thesen und alles und- ja, da ist einiges quasi 08/15, aber ich finde Maria und Adam einfach derart charming, ich bin soooo verliebt in die beiden, ich will sie nur knuddeln und flauschen und kndudeln und knautschen und in Decken wickeln und mit Keksen füttern! *___*
Uh, sry,ich bin grad etwas aufgedreht davon und müde - und eigentlich müsste ich auch schon ins Bett, aber das ist wirklich uuunglaublich liebesnwert auf seine etwas deftige Art.
Oh Gott, hab ich schon erwähnt, dass ich Maria und Adam liebe? Es gibt so Momente, wo ich mir wünsche, dass Maria Adam nach diesem Fall nie wieder los wird und er bis zum Ende ihres Lebens das Ohr abkauen wird, damit er sich hin und wieder von ihr eine fängt, weil sie schon so angekotzt ist! XDD~
Hach~~~~<3<3 *glüüücklich*
Ich warte wirklich schon seeeeeeeehr gespannt auf das ultiamtive, spannende, bombatische Finale! *g*
nyx
no subject
Date: 2008-08-13 06:42 pm (UTC)ich freu mich wirklich, dass es dir gefällt, weil ich echt keine ahnung hatte, ob ich deinen geschmack vielleicht vollkommen verfehle. *lol* ^^°
und ich freu mich natürlich, dass dir maria und adam gefallen. *lach*
ich hab eben gerade den 2. teil zum beta geschickt, spätestens morgen kann ich ihn also posten. ^^ ich hoffe, der gefällt dir dann auch.
der teil ist sogar noch länger, ging mir aber viel besser von der hand, als dieses vorgeplänkel... @@
nyo... wie gesagt: vielen, vielen dank, auch für eure geduld und alles. wirklich: danke ._.