[identity profile] my-black-desire.livejournal.com posting in [community profile] 120_minuten
Sommer Challenge 2008

 

Der menschliche Makel

  

Fandom: Original | Der Menschliche Makel
Challenge:
#10 Vergewaltigung  

               #2 Schweigen ist Gold [vom 26.04.07]

Characters: Jaelle, Stiernacken, die blonde Frau & der kleine Mann
Warnung: Hum.. ich denke, es geht in Richtung eines Thrillers. Das heisst: Blut mit inbegriffen ^_^''
Wörter: 948

Sie liebte es, nur dem langsamen Klackern ihrer Absatzschuhe zu horchen, wenn sie Abends, die Schultern hochgezogen, den Kopf leicht zu Boden gesenkt, den nach Hause Weg antrat. Dann gab es nur sie, und das dumpfe Klackern ihrer schlichten, schwarzen Schuhe, die sie fünf Tage der Woche zu tragen pflegte, immer dann wenn es hieß, ihrem grauen Bürojob nachzugehen. An diesem Abend war es besonders ruhig auf den Straßen. Am Horizont klebte nur noch ein matter, rötlicher Sonnenschimmer, und alles Leben schien von einer zähen, unsichtbaren Schicht eingelullt zu sein. Die junge Frau, mit dem kurzen, jugenhaften Haarschnitt hatte den Eindruck, dass jedes lebende Wesen von einer unbestimmten Trägheit erfasst wurden war. Der dreckige Spatz, der auf dem Rand eines Mülleimer hockte, und apathisch mit seinen Schwanzfedern wippte, der hoch gewachsene Postbote, dessen gelbes, altes Fahrrad ihm viel zu klein war, und während er an ihr vorbei fuhr, quietschende Geräusche von sich gab, so als würde es jeden Moment in seine Einzelteil zerfallen, sowie der ganze Rest der dreckigen Stadt.

Ein Wunder, dass die erstickenden Schreie die zähflüssige Atmosphäre überhaupt durchschneiden hatten können. Jaelle blieb abrupt stehen. Sie würde nicht von sich sagen, dass sie ein ängstlicher Mensch sei, auch wenn sie jeden verfluchten Abend kontrollierte, ob auch jede Schranktür geschlossen ist, bevor sie ins Bett ging. Sie mochte keine Dunkelheit. 

Die Augenbrauen energisch zusammen gezogen beugte sie sich nach vorne, um in eine schmale Gasse zu spähen, an der sie soeben vorbei laufen wollte. Wie ein lauerndes Raubtier hatte sie auf die Frau gewartet. Dunkel und bedrohlichen lachte die Gasse Jaelle in ihr blasses Gesicht. ‚Hier bin ich mein Kind, und du kannst mir nicht entkommen’ Die Schatten wurden länger. Wieder ertönte ein Schrei. Das Mädchen zuckt unweigerlich zusammen. Meine Güte, eigentlich hatte sie ja wirklich keine Zeit für so etwas. Sie war keine Heldin. War da der breitschultrige Rücken eines Mannes? Natürlich, keine Frage. Unverkennbar zeichnete sich die Gasse vor ihr ab. Vollgestopfte Mülltonnen. Kisten, die irgendwer feinsäuberlich aufeinander gestapelt hatte. Ein wenig Graffiti an der Hauswand. Sie stand so nah an dem Geschehen, dass sie, hätte sie jemals den Mut dazu aufgebracht, ohne große Schwierigkeiten die primitive Tätowierung, die den Stiernacken des Kerls einen gewissen Touch verlieh, beschreiben hätte können.    

Ja warum unternimmt den niemand etwas? Das Gekreische war ja mittlerweile unerträglich. Schrill, ein wenig heiser. Verunsichert blickt sie sich um – sie war alleine. Irgendwo hörte man Sirenen, doch diese waren weit entfernt. „Nein, nein, fass mich nicht an!“ Panisch klingt die Fremde, und Jaelle hörte die nackte Angst aus ihren Schreien. Die Unglückliche wurde an das alte Gemäuer gedrückt. Er hatte ihr das Top vom Leib gerissen, und machte sich an ihrer Jeans zu schaffen. „Bitte, BITTE…“ Jaelle war wie versteinert. Eine zitternde Säule aus Angst und Panik. Atme, mein Mädchen, atme nur weiter. „Ich sag’ auch niemanden etwas…ich..“ Gepolter, irgendetwas zerbricht klirrend. Die Unbekannte fing wieder an zu schreien, doch der Laut ersticke gurgelnd. Ein bizarres Geräusch. Irgendwie auf eine faszinierende Art schön. Schön, und unendlich grausam. Jaelle stand nur da. Erahnte noch einen japsenden Laut, der in dem gedämpften Gepolter fast untergegangen wäre, und dann war es still. Das Mädchen verstummte. Erst langsam, und dann mit panischer Hast wich sie von den Schatten zurück. Sie war sich ja auch gar nicht sicher. Vielleicht war das alles nur gespielt. Ein Filmdreh, oder so etwas in der Art. Es gibt schließlich überall schräge Typen! „Tija mein Mäuschen, so ist das halt, wenn man seine Nase in Angelegenheiten steckt, die einem nichts angehen…“ Schlaf sackte die Fremde in sich zusammen, die blonden, feinen Haare wirr im Gesicht. Der kirschrote Lippenstift war verschmiert. Wimperntusche verlaufen. Viel älter als sie selbst war die Unbekannte bestimmt nicht. Und sie hatte nichts getan, um zu es verhindern. Jaelle musste sowieso nach Hause. Phil wartet schon mit dem essen auf sie. Freitags kocht er immer Chinesisch. Bambussprossen waren einfach total ihr Fall. Sie drehte sich um, und hätten ihre pechschwarzen Pupillen nicht die Silhouette eines Dritten registriert, hätten ihre Beine sie mit Sicherheit so schnell es möglich war schon bis an die nächste Kreuzung getragen. Ob er heute auch an Paprika denkt? Die vergisst er immer wieder. Plötzlich stand da dieser Mann [oder hatte er sich schon die ganze Zeit dort befunden?] und beobachtete stumm, wie der Stiernacken ins runde, blasse Gesicht seines Opfers rotzte. Er hatte dunkel braunes Haar, das schon von vielen grauen Strähnen durchzogen wurde. Und er hatte eine Pistole in der Hand. Eine von der Sorte, die einen langen, kolbenartigen Lauf hatte, und nur ein surrendes Piung abgeben, wenn die Kugel ihr Magazin verlässt. Jaelle zog die Luft ein. Ein solches Teil hatte sie schon oft gesehen. In Krimis und Actionstreifen. Der gute alte Phil wartet. Sie sollte wirklich gehen. Aber halt… warum wartet sie nicht noch einen Moment? Die beißende Angst lähmte ihre Glieder ohnehin. Wenn sie es versuchen würde zu fliehen, würde ihr Körper wahrscheinlich sowieso nicht gehorchen. Und vielleicht würde sie nur unnötig Aufmerksamkeit erregen, wenn sie in panische Bewegungen verfällt. Spritzt das Blut nur in Kinofilmen so fontänenartig aus dem Schädel, wenn dieser platzt? Denn der kleine Mann, der vielleicht nur einen halben Kopf größer war als sie, würde dem Stiernacken den Kopf wegblasen. Mit einem einzigen Zucken seines Zeigefingers. Piung. Seine Hirnmasse würde dann da hinten, direkt hinter seinem breiten Kreuz, an der Wand kleben. Sein Blut würde ganz bestimmt die weißen Kartons versauen. Und die weiße Jeans der fremden, blonden Frau. Und Phil war wahrscheinlich nicht gar nicht fertig mit dem Kochen. Eigentlich war Jaelle auch gar nicht da. Sie war unsichtbar. Es glich dem Gefühl, von keinem einzigen Wassertropfen getroffen zu werden, wenn man durch einen tropischen Regenschauer geht. Der kleine Mann entsicherte die Knarre.

Date: 2008-07-24 08:23 pm (UTC)
From: [identity profile] tristraine.livejournal.com
Super geschrieben. Man kann sich die Atmosphäre in der Stadt richtig gut vorstellen und die "Lähmung" in der sich die Hauptfigur befindet. Die Geschichte ist sehr tragisch und spannend zugleich- und man möchte sofort wissen, wie es weitergeht und was es mit dem kleinen Mann auf sich hat. Manchmal, wenn man Zeitung liest, fragt man sich, wie man in so einer Situation tatsächlich reagieren würde: eingreifen oder selbst wie gelähmt, voller Panik dastehen...
Toll gemacht!

Date: 2008-07-24 08:58 pm (UTC)
From: [identity profile] nebel-kraehe.livejournal.com
Kann meiner Vorrednerin nur zustimmen. Sehr atmosphärische, genial geschriebene Story. Mir gefallen besonders die Gedankensprünge der Hauptfigur zwischen dem brutalen Geschehen und dem Alltag, der zu Hause auf sie wartet.

Profile

120_minuten: (Default)
Die Uhr läuft ... jetzt!

Most Popular Tags

January 2026

M T W T F S S
   1 234
567891011
12131415 161718
19202122232425
262728293031 

Style Credit

Powered by Dreamwidth Studios