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Team: The Machine
Challenge: Orte — in einem fremden Bett
Fandom: Blind Ermittelt
Charaktere: Niko Falk, Alexander Haller, Sophie Haller
Notes: Alex schläft ungern in fremden Betten. Ausnahmen bestätigen die Regel



I


Sie sind zu Besuch bei den Großeltern. Sophie schläft auf einem Extrabett im Elternzimmer, Alex muss im Zimmer seiner Urgroßmutter schlafen. Sie ist lange vor seiner Geburt gestorben, und jetzt ist der Raum zur Hälfte Aufbewahrungsort für selten Genutztes, zur Hälfte Andenken an sie. Der Schrank ist voll mit Bettzeug und dicken Pullovern, auf dem Nachtkästchen liegt noch ihr Schmuck und ein Rosenkranz. An der Wand gegenüber vom Bett hängen Bilder von Toten. Ihr Mann, den sie fast 20 Jahre überlebt hat, die früh gestorbene Tochter und der im Krieg gefallene Sohn, ein Junge im Sonntagsanzug, wenn Alex sich richtig an die Erklärungen der Familiengeschichte erinnert, ist es ihr Bruder, der schon als Kind gestorben ist. Alle schauen auf den Schwarzweißbildern so ernst, als wüssten sie schon, was ihnen bevorsteht. Im Raum ist es stickig und es riecht muffig. Er wird so selten verwendet, dass es auch nichts geholfen hat, dass seine Großmutter vor ihrer Ankunft das Fenster aufgerissen hat. Abends kann er lange nicht einschlafen, dann schreckt er früh um fünf aus dem Bett, desorientiert und mit klopfendem Herzen, weil er nicht weiß, wo er ist. Das Gleiche ist ihm schon beim gemeinsamen Familienurlaub passiert, aber da hat er sich das Zimmer mit Sophie geteilt und auch wenn sie tief und fest geschlafen hat, hat ihn ihre Anwesenheit schnell wieder beruhigt und er ist bald auch selbst wieder eingeschlafen. Hier ist er alleine mit den Bildern und schläft nicht wieder ein.




II


Die jüngsten Schüler im Internat sind zu viert auf einem Zimmer. Alex wohnt zusammen mit Benjamin, Thomas und Karl. Karl hat drei ältere Brüder, die alle auch am Internet sind. Von ihnen weiß er alles, was man übers Internatsleben wissen muss, und er wirkt keine Sekunde unsicher oder verloren. Er liebt das Skifahren, genauso wie Thomas. Die zwei werden in Rekordzeit zu Freunden und sind schon nach ein paar Tagen unzertrennlich. Benjamin ist der Sohn eines Politikers und erklärt jedem, wie wichtig und einflussreich sein Vater ist, und dass er das auch einmal sein wird. Alex fragt ihn, ob er weiß, dass politische Ämter nicht vererbt werden, was ihm zuerst nur einen sehr wütenden Blick einbringt. Aber dann bekommt Benjamin mit, dass Alex seine Unruhe beim Aufwachen in fremden Betten immer noch nicht abgelegt hat, dass er in der ersten Woche sogar ein paar mal aufschreckt und kerzengerade im Bett sitzt, und verwendet es genussvoll als Munition gegen ihn. Es dauert keine Woche, bis es die ganze Schule weiß. Dass der Spott mit „Na, hat der Kleine Angst im Dunkeln?“ danebengreift, weil es nicht die Dunkelheit ist, die Alex zu schaffen macht, sondern das Aufwachen in einer unbekannten Umgebung, hilft nur wenig.




III


Die Matura ist geschafft, die Noten sind gut. Gut genug, dass sein Vater ausnahmsweise ehrliche Zufriedenheit zeigt. Sogar gut genug, dass er ihm eine Reise spendiert „Damit du dich nochmal amüsieren kannst, bevor es ernst wird.“ Aber gut genug, um Alex die Wahl des Reiseziels zu überlassen, waren sie wohl doch nicht. Oder vielleicht findet er einfach, dass Alex so etwas zu gefallen hat. Oder sein Vater glaubt ernsthaft, dass er Spaß daran hätte, zwei Wochen an einem Ort zu verbringen, an dem es für Touristen nichts zu tun gibt, außer tagsüber am Strand liegen, und abends in Bars gehen. Er hat nichts gegen Strandurlaub, aber vor so Langem nichts tun graut es ihm. Nach einigem Suchen findet er eine winzige Kirche, aber selbst wenn man jeden Stein einzeln betrachtet, lässt sich dort nicht viel Zeit totschlagen. Es gibt auch ein Museum, in dem Gemälde eines lokalen Künstlers ausgestellt sind. Zu jedem gibt es eine ausführliche, erklärende Hinweistafel. Aber sie sind ausschließlich auf Spanisch, wovon er wenig hat. Abends liegt er unruhig im Bett, weil die Klimaanlage viel zu laut ist. Irgendwann schaltet er sie aus und schläft ein, aber im August ist es hier auch nachts unglaublich heiß, und er wacht ein paar Stunden später wieder auf, schweißgebadet und so erschlagen, dass es eine ganze Weile braucht, bis ihm klar wird, wo er gerade ist.




IV


Alex hasst das Krankenhausbett. Es ist in seiner Situation bei weitem nicht das Einzige, das er hasst, aber es ist am Präsentesten, weil er da die meiste Zeit verbringt. Es erscheint ihm viel zu schmal, er hat panische Angst herauszufallen, wenn er sich zur Seite dreht. Er liegt er nur verkrampft da, schläft kaum. Wegen des Betts, und weil plötzlich alles so laut ist. Er weiß nicht, ob sein Gehirn schon dabei ist, den Verlust des einen Sinnes auszugleichen, oder ob er sich nur einbildet, jeden Schritt und jedes Husten auf dem Gang und im Nebenzimmer zu hören. Das Ergebnis ist jedenfalls das Gleiche. Er fleht Sophie an, ihn so bald wie möglich herauszuholen. Als sie ein paar sehr vernünftige Einwände macht, verlangt er es und als sie immer noch zögert, macht er ihr Vorwürfe, von denen er weiß, dass sie ungerechtfertigt sind. Am Ende stimmt sie zu. Ihm ist klar, dass er ihr nicht wirklich eine Wahl gelassen hat, aber das ist ihm egal.


Nur ist es im Hotel nicht besser. Zwar hat er schon früher längere Zeit da gewohnt, aber jetzt wo alles anders ist, fühlt sich auch das fremd an. Und das leere Bett neben ihm erinnert ihm nur daran, dass er sich mit Kara immer wohlgefühlt hat, egal wo sie waren.




V


Claudia ist seine Cousine. Sie war schon immer einer der wenigen Verwandten, mit denen er sich gut verstanden hat. Und nach seiner Erblindung war sie die einzige, die sich überhaupt noch bemüht hat, mit ihm in Kontakt zu bleiben. Gute Gründe, zu ihrem 50. Geburtstag zu kommen. Dass sie seit einiger Zeit am Ende der Welt wohnt oder zumindest in Vorarlberg, lässt Sophie nicht als Gegenargument gelten. Niko vermisst er schon lange bevor sie angekommen sind, aber wenn Sophie in begleitet, hat er wirklich keinen Grund, Niko auch mitzuzerren und ihn seiner Verwandtschaft auszusetzen. (Seine Reaktion auf den örtlichen Dialekt, hätte Alex aber schon gerne erlebt. Auch wenn der ihn wahrscheinlich genauso verschreckt hätte wie Alex Verwandtschaft).


In einem alten Gasthof gibt es Zimmer für die Gäste, die dort übernachten. Für ihn und Sophie gibt es eines im dritten Stock und eines im Erdgeschoss. Nach Sophies „Also ich halte dich nicht davon ab, das oben zu nehmen, aber ich bin mir nicht sicher, wie ich nach dem dritten Wein diese Treppe hochkomme, ohne mir den Hals zu brechen, und ich kann die Stufen sehen“, entscheidet er sich für das Erdgeschoss. Das bereut er, als ihm klar wird, dass alle anderen Gäste daran vorbeimüssen, und dass für einen Großteil stark angeheitert noch eine extrem beschönigende Beschreibung ist. Es wird gelacht und gegrölt und jedes Mal, wenn Alex fast eingeschlafen ist, kommt die nächste Gruppe. Irgendwann schafft er es einzuschlafen, nur um wenig später wieder aufzuschrecken. Zuerst weiß er weder wo er ist, noch was ihn geweckt hat, aber dann kommen die Erinnerungen an den gestrigen Tag wieder, und er kann im Gegröle im Nebenzimmer einzelne Worte erkennen, und mit sehr viel gutem Willen auch eine Melodie. Alex hat wenig für Georg Danzer übrig, aber was nebenan mit seinen Liedern veranstaltet wird, hat er nicht verdient. Stöhnend vergräbt er seinen Kopf im Kissen und hofft, dass bald Ruhe ist.




+1


Das ist nicht sein Bett. Das ist sein erster Gedanke, als er aufwacht. Eine Sekunde später erinnert ihn das gleichmäßige Atmen daran, wo er ist, und warum er heute nicht im eigenen Bett aufgewacht ist.


„Hats einen bestimmten Grund, warum du so breit grinst?“


Niko ist also schon wach. Und Alex noch nicht wirklich in der Lage, zusammenhängende Sätze zu bilden. Er lächelt nur weiter. Neben ihm beginnt Niko, sich zu rühren. „Frühstück?“ Alex greift nach ihm, zieht ihn wieder zurück ins Bett. „Nö.“


„Wie du meinst.“


„Ist doch schön hier.“

Date: 2023-08-28 03:08 pm (UTC)
fischgraete: (dreck)
From: [personal profile] fischgraete

AAAAW <3


Du glaubst nicht, wie sehr ich die beiden heute gebraucht habe. Thank you <3

Date: 2023-09-03 11:43 am (UTC)
aleamakota: (Cat)
From: [personal profile] aleamakota

Woah, war das gut. So kleine Schnipsel, aber so randvoll mit GEFÜHLEN! Ich hatte kurz diese eklige Gänsehaut von Hänseleien und zu oft gewaschenem Schullandheimbettzeug, in meiner Nase hängen Alte-Leute-Muff und Sommerurlaubsschweiß, und das nicht enden wollende Poltern und Schnattern hinter zu dünnen Wänden hatte ich auch sofort im Ohr. Vor allem aber läuft mir das Herz über, obwohl ich "Blind ermittelt" nicht mal kenne. Danke hierfür!

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