Sommerchallenge 1/5
Jun. 22nd, 2008 12:18 amPrompt: Buchtitel: Dichtung und Wahrheit.
Fandom: Schattengilde
Wörter: 1227
Disclaimer: alles gehört Mrs.Flewelling, ich spiele nur damit.
Inhalt: In schier auswegslosen Situationen stellt sich zuweilen heraus, dass so mancher Schwur sich nicht halten lässt...
Kommentar: diese Szene wandert irgendwo zwischen Angst und Fluff und wollte einfach geschrieben werden, warum auch immer. Feedback ist immer gerne gesehen, natürlich auch Kritik.
Ps: dürfte ich vielleicht um tags bitten? Ich kann offensichtlich selbst keine neuen erstellen!
„Wie schlimm ist es?“
Einmal, vor, wie ihm scheint, unendlich langer Zeit,– kann es tatsächlich sein, dass nicht mehr als fünf Jahre verstrichen sind? – da tat Seregil einen Schwur, vor den Göttern, vor sich selbst: er, dem zum Meister der Verstellung zu werden sein Schicksal und seine Talente gleichermaßen auferlegt hatten, er würde es zuwege bringen, wenigstens Alec gegenüber aufrichtig zu bleiben, was auch geschah, gleichwohl, wie gelegen eine Lüge ihm – ihnen beiden, vielleicht – einst kommen mochte: und irgendwie ist es ihm gelungen, danach zu leben, die meiste Zeit.
Doch in jenem Moment, da er in Alecs Augen – hell, verschleiert, viel zu groß in dem hageren Gesicht – blickt, weiß er, dass er dieses Versprechen nicht mehr wird halten können. Und was tut es schon, wenn er sein Leben mit einer weiteren, einer letzten Lüge, die sich im Unterschied zu ihren hässlichen Schwestern nicht Böswilligkeit und Kalkül, sondern allein einer übergroßen Liebe schuldet, beschließen wird?
Vorsichtig lässt er sich neben der Pritsche, auf der Alec zwischen klammen, zerschlissenen Decken, ruht, zu Boden sinken.
„Du hast schlimmeres überstanden“, sagt er leise, sucht ein Lächeln in seine Stimme zu legen. Er streckt eine Hand aus, sacht streicht er über Alecs fieberheiße Stirn.
„Es ist so dunkel… und so kalt… wie damals, in dem Verlies… Asengais Schergen… als ich… als du… erinnerst du dich?“
Ja, es sind die Kälte, und der Gestank nach Blut und Elend, in denen sich alle Kerker gleichen. Allein, das Schloss dieser Zellentür ist nach allen Regeln der Kunst gesichert, die Wachen, die am Ende des Ganges positioniert wurden, aufmerksam und unerbittlich. So sehr sich Seregil auch den Kopf zermartert, um eine Idee, eine Eingebung, den Funken einer Chance betet, so ahnt er doch, dass die Wachen erst morgen, wenn sie in der ersten Stunde der Dämmerung die beiden wertvollen Gefangenen zum Richtplatz zerren, ihre Stellungen aufgeben werden.
„Schhh… Aber natürlich entsinne ich mich. Was für eine Frage!“ Er wird Alec nicht erzählen, wie draußen am Gang die Fackeln brennen, wie ein jedes Flackern Schatten an die Wände zeichnet, wie der Feuerschein diese Welt aus Stein und Stahl in ein unwirkliches Zwielicht taucht. Er wird nicht erwähnen, dass Alec einen Moment zu lange in das gleißende Licht des magischen Blitzstrahls geblickt hat, dass seine geblendeten Augen Tage bräuchten, sich wieder zu erholen.
Tage, die wir vermutlich nicht mehr haben… Es sei denn, ich würde es zustande bringen, das Schloss aufzubrechen, dann könnten wir die Wachen überraschen… wenn ich an eine Waffe komme, irgendwie… ich müsste nur schnell genug sein…
Gedankensplitter, hoffnungsvoll und verräterisch: einen Augenblick lang gibt er sich der trügerischen Illusion hin, nicht zu wissen, dass ihm mit seinem verwundeten Gefährten niemals die Flucht gelingen kann.
„Die von dir beanstandete Dunkelheit ergibt sich aus der Tatsache, dass tiefste Nacht ist“, antwortet er mit einiger Verzögerung.
„Oh.“ Probeweise versucht Alec den Kopf zu heben, mit einem resignierenden Seufzen lässt er sich wieder zurück sinken. „Wo… wo sind wir eigentlich?“
„An Bord eines unserer Schiffe. Auf dem Weg nachhause.“
„Nachhause? Dann hatten wir Erfolg? Haben wir gesiegt?“ Der bange Tonfall der Frage brennt wie Salz in Seregils Wunden.
Gesiegt? Nein, ich denke nicht. Das Regiment der Königin war schon vernichtet, bevor wir uns hinter die feindlichen Linien schleichen konnten, um diesen verdammten Schwarzmagiern das Handwerk zu legen… und sieh nur, wie glorreich wir an dieser Aufgabe gescheitert sind.
„Oh, das haben wir. Du warst so tapfer, Alec.“ Eine winzige Pause, dann: „Wie immer.“
„Es ist seltsam… ich kann mich an gar nichts mehr erinnern…“
„Das macht das Fieber. Aber du tätest besser daran, dich zu erinnern: spätestens wenn man uns im Hafen von Rhiminee als Helden in Empfang nimmt…“
Vor Ende des Sommers wird Rhiminee vermutlich schon in Schutt und Asche liegen…
„…wirst du wieder und wieder erzählen müssen, wie es uns beiden gelang, mit einer List das Regiment der Königin zu retten.“
Alec versucht sich an einem Lachen, das nahtlos in einen Hustenanfall übergeht. „Vielleicht sollte ich das erzählen besser dir überlassen?“ erkundigt er sich leise, keuchend, sobald er sich wieder beruhigt hat.
„Nein. Dein Pfeil hat ihren Anführer getötet. Du bist der Held dieser Geschichte. Dir wird keine Wahl bleiben.“
Schweigen. Alecs Atem wird ruhiger, flacher.
Selbst wenn ich entkommen könnte, wie stehen die Chancen, dass ich einen Weg finde, ihn vor Einbruch der Morgendämmerung zu befreien?
Alecs Stimme reißt ihn aus seinen Gedanken. „Rhiminee…“
„Bald, talí, bald. Wir haben erst vor kurzem die offene See erreicht. Hörst du, wie die Wellen gegen die Planken schlagen?
Alec lauscht ins Halbdunkel der Kerkerzelle.
„Ich glaube…“
Zeit vergeht. Gerade als Seregil seinen Freund eingeschlafen meint, richtet dieser wieder das Wort an ihn.
„Haben wir die Schlacht wirklich gewonnen?“
„Aber ja. Weshalb fragst du?“
„Du klingst so… anders. Als ob du einem Fremden eine deiner Geschichten erzähltest.“
Seregil beißt sich auf die Unterlippe. „Ich bin nur müde. Um nicht zu sagen erschöpft.“ Das, wenigstens, ist die Wahrheit.
„Wenn es… wirklich übel um mich stünde, würdest du es mir doch sagen? Du würdest nicht versuchen, mich zu schützen?“
Seregil kann sich nicht entscheiden, ob er eine Frage oder eine Anklage in diesen Worten hören soll.
„Fühlst du dich so schlecht? Soll ich…?“
Ja, soll ich – was? Versuchen, von hier zu verschwinden, dich zurückzulassen mit der vagen Hoffnung, dass es mir vielleicht gelingt, dich zu retten?
„Nein. Bleib’ nur bei mir.“ Alec rutscht ein wenig zur Seite. Seregil zögert einen Augenblick, ehe er die Einladung annimmt: sehr vorsichtig lässt er sich auf der Pritsche nieder, streckt sich neben seinem Gefährten aus, schlingt behutsam einen Arm um Alecs schmale Hüften, fühlt den heißen, mageren Körper, der sich an den seinen schmiegt.
Seregil kämpft den schier übermächtigen Wunsch, um Verzeihung zu bitten, nieder.
„Wenn wir zuhause sind“, flüstert Alec da dicht an seinem Ohr, „gehen wir dann nach Watermead? Es ist so friedlich dort, und…“ Seine Stimme, stetig leiser geworden, ist nun endgültig zu einem unhörbaren Flüstern verkommen.
„Ja, das werden wir. Höchste Zeit, dass wir Micum wieder einmal ein bisschen Abwechslung verschaffen, und Kari eine Gelegenheit bieten, ihre Talente, Genesende nach Strich und Faden zu verwöhnen, unter Beweis zu stellen, was meinst du? Und vielleicht gibt es Neuigkeiten von Beka! Du wirst nur zusehen müssen, dass du Illia nicht am Ende noch das Herz brichst – für ein Kind gibt sie sich große Mühe, ernsthaft in dich verliebt zu sein. Und natürlich wird es ihr ganz besonders gefallen, wenn du als verwundeter Held zurückkehrst.“
Verzeih mir, Alec, bitte verzeih mir...
Seregil blinzelt ärgerliche Tränen, die in seinen Augen brennen, weg, fährt mit fester Stimme fort: „Wenn es dir ein bisschen besser geht, reiten wir zum Otterteich, seltsam, dass wir seit – damals – nicht mehr dort waren. Ich glaube, es ist seither noch kein Tag vergangen, an dem ich nicht den Göttern gedankt habe, dass du mir an diesem Morgen gefolgt bist.“
„Ich auch.“
Aber hättest du es nicht getan, dann wärst du jetzt in Sicherheit. Dann würde es für dich vermutlich noch ein morgen geben.
Langsam setzt Seregil sich auf, schwingt die Beine von der Pritsche.
„Bleib“. Alecs Stimme ist sehr leise, abwesend. Es wäre Seregil ein leichtes, den Einwand zu überhören, wenn er nur wollte.
Er will nicht. „Ich bin bei dir“, sagt er, sacht streicht er durch Alecs schweißnasse Locken. „Alles ist gut. Versuche nur zu schlafen.“
Alec bewegt sich zwischen den Decken.
„Seregil?“
„Ja?“
„Ich kann die Wellen nicht mehr hören.“
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Date: 2008-06-21 10:53 pm (UTC)