Der Mond und die Flut
Sep. 18th, 2022 01:01 pmTeam: Mittelerde
Challenge: Krimi/Thriller/Horror: über Funk
Wörter: 1390
Fandom: Punishing: Gray Raven
Charaktere: Lucia, Liv, Lee, Kommandantin
Anmerkung: Punishing: Gray Raven ist ein Spiel, in das ich über den dazugehörigen Soundtrack hineingestolpert bin. Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der das biomechanische Punishing-Virus die Kontrolle über alle Maschinen auf der Erde übernommen hat und dabei ist, sich auch alles Leben anzueignen. Die drastisch dezimierte Menschheit ist in den Weltraum geflüchtet und versucht mit kybernetischen Spezialeinheiten, ihren Planeten zurückzuerobern. (Möglichst ohne dass diese selbst vom Virus korrumpiert und in dessen Hive Mind eingegliedert werden.) Eine davon ist Gray Raven, bestehend aus drei ehemals menschlichen Soldat*innen in künstlichen Körpern (sog. Konstrukten) und ihrer Kommandantin aus Fleisch und Blut, die durch permanente Bewusstseinsverbindung ihr menschliches Bewusstsein stabil hält.
LIV
Die rote Flut. Anfangs hatten sie noch Witze darüber gemacht. Haha, Mädels, reißt euch mal zusammen, müsst ihr überall, ihr wisst schon. Was wollte man auch erwarten, wenn der Großteil der Mannschaft ein mentales Alter zwischen siebzehn und achtzehn Jahre hatte. (Oder ein Alter von vier Jahren, wie Karenina nicht selten schimpfte.) Doch auch der letzte Idiot nahm die zähflüssige Masse aus winzigen Maschinenteilen und Unmengen schreiend roter Vitalflüssigkeit inzwischen ernst, die sich durch die alten Kanalisationen wälzte, sich Flüsse und Seen aneignete und versuchte, ins Meer zu gelangen. Von da aus käme sie überallhin, würde Kontinente umspannen und ihre Versuche, die Erde zurückzuerobern um Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte zurückwerfen.
Sie waren hier, um das zu verhindern. Sie mussten mehr über die Ursprünge dieses neuen Phänomens erfahren. Wie erneuerten sich die korrumpierten Maschinen? Wer oder was entschied, in welcher Form sie der roten Masse entstiegen? Wohin die Flut und ihre „Kinder“ sich fortbewegten?
Eine bloße Erkundungsmission sollte nicht so viele Opfer fordern.
Liv kniete neben dem Kommandanten nieder, dessen Crew sie in der Ruine dieses längst zerstörten Museums gefunden hatten. Seine Glieder waren verdreht und zerrissen, sodass er kaum von den zerstörten Statuen zu unterscheiden war, die damals, im goldenen Zeitalter der Postmoderne, von zahlreichen Besuchern bewundert worden waren.
„Keine Lebenszeichen“, informierte sie Lee über das Ergebnis ihres Scans.
Ihr Kamerad nickte mit unbewegter Miene.
„Ein Konstrukt sendet ganz in der Nähe, aber das Signal ist schwach. Ich schicke euch die Daten.“
Sie schloss dem Kommandanten die Augen, nahm seine Plakette und schickte ein Signal hinauf in den Weltraum zu EX 02 Babylonia, damit seine Angehörigen über seinen Tod informiert werden konnten. Dann folgte sie Lee, Lucia und der Kommandantin. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Nichts mehr zu retten.
LEE
„Wie heißt du?“, fragte Liv die Überreste des Konstrukts, das sie unter dem von Schüssen durchsiebten Betonpfeiler fanden. „Was ist hier passiert?“
„Komman… dant!“, krächzte sie, statt zu antworten, und streckte die Hand ins Leere.
Letzte Worte eines Konstrukts, dachte Lee. Ein Allgemeinplatz wie „Letzte Worte eines Chemikers: Dieses Experiment ist vollkommen ungefährlich.“ Kein Wunder, dass sie von außen aussahen wie abgerichtete Hunde, die nichts lieber taten als den Befehlen ihrer Herrchen und Frauchen zu folgen. Doch so war es nicht. Ja, das M.I.N.D. Beacon ihrer Kommandierenden war überlebenswichtig für ihr menschliches Bewusstsein, ein Schild gegen das Virus, das sich nach hochentwickelten Konstrukten wie ihnen die Finger leckte. Doch das war nicht der Grund, warum sie kurz vor dem Recall nach ihren Menschen riefen.
Lee merkte es selbst, während er Liv zuschaute, wie sie die Verletzte versorgte. Die Arbeit im Team hatte ihn verändert. Er war sensibler geworden durch Liv, die nach außen hin still und schüchtern wirkte, in ihrem Bewusstseinsnetzwerk aber die offenste war. Zielstrebiger durch Lucia und ihre fast schon beängstigende Untergebenheit gegenüber der Kommandantin. Er konnte seiner eigenen Fürsorglichkeit Raum geben, ohne dass sie ihn auffraß, seitdem sie nicht mehr seinem kleinen Bruder galt, sondern einer kampferprobten Soldatin. Ihr menschlicher Körper mochte schwächer sein als die künstlichen, in denen Liv, Lucia und er jetzt lebten. Doch ihr wacher Geist war um ein Vielfaches robuster.
„Bereit?“, fragte er sie, als er seine Sensoren ausstreckte, um sich mit dem Bewusstsein des sterbenden Konstrukts zu verbinden. Sie wussten nie, welche Erinnerungen dem Recall zum Opfer fielen, wenn das Bewusstsein den Körper verließ und wieder zur Basis hochgeladen wurde, um in einen neuen umzuziehen. Besser, sie holten das Wichtigste jetzt noch schnell raus.
Er konnte spüren, wie die Kommandantin sich wappnete, ein Stein, der in einen stillen See geworfen wurde und dessen Wellen durch ihr Netzwerk glitten. Liv zuckte nicht mal. Sie alle kannten dieses spezielle Muster längst, waren vertraut mit ihm wie mit jeder einzelnen Schraube in ihren eigenen Gliedern.
„Vorsicht, die Korruptionslevel sind hoch“, warnte Liv, die spürte, wie sie beide nach dem Unbekannten griffen. „Ich filtere raus, was geht, aber…“
„Ich habe die Firewall verstärkt“, beruhigte Lee. „Die Daten werden in meinem Sandkasten entschlüsselt, bevor sie mit zur Kommandantin spielen gehen dürfen.“
„Wie immer Verlass auf den Profi“, lächelte die kleine, muskulöse Frau mit den blondierten Haaren und den Schmissen in der linken Wange.
Lee konzentrierte sich intensiver auf seine Aufgabe. Natürlich war Verlass auf ihn. Natürlich war er ein Profi. Es wäre unprofessionell, über diese bloßen Feststellungen länger nachzudenken.
KOMMANDATIN
Sie hatte schon länger den Verdacht gehabt, dass die Flut etwas mit dem Bewusstsein der Konstrukte machte. Als sie die Überlebenden gefunden hatte, war darum sofort für sie klar gewesen, dass sie das Ziel ihrer Mission vorübergehend ändern würde. Erkundung und Rettung waren hier ein und dasselbe. Sie musste wissen, warum sie so auffällig viele Verluste hatten, seitdem sie sich mit der Flut beschäftigten, einer neuen Evolutionsstufe des Punishing-Virus, das sie bei ihrem hohen Automatisierungsgrad gepackt und von der Erde vertrieben hatte. Eine Strafe für ihr bequemes Leben, sagte man. Darum der Name: Punishing-Virus.
Die Kommandatin glaubte nicht an solche Geschichten. Doch sie glaubte an Mutation und Evolution. Die rote Flut war nur eine weitere Stufe auf einer Treppe ins Verderben, wenn sie nicht einen Weg fanden, fitter, schlauer zu werden als die korrumpierten Maschinen.
Mit großer Sorgfalt begutachtete sie also den Datenstrom, den Lee ihr in mundgerechten Stücken servierte.
LUCIA
Über Funk. Bis vor ein paar Wochen hatte Lucia hatte nicht einmal mehr daran gedacht, dass ihre Rahmen noch über so alte Technologie verfügten. Doch seitdem die Flut gekommen war, waren die Störsignale auf allen Frequenzen so heftig, dass sie auf analog zurückgreifen mussten, wenn sie sich zu weit voneinander trennten.
Jedes Mal fühlte es sich an als würde ihr ein Arm abgeschnitten. Sie hatte sich so an den Ruhepol gewöhnt, den das M.I.N.D. Beacon der Kommandatin darstellte.
Doch sie hatten das Missionsziel angepasst und sie war nun einmal die Schnellste und Stärkste ihrer Einheit – die mit dem passenden Profil. Liv als Support musste sich um die Verletzten und um Vitalwerte der Kommandantin kümmern. Lee mit seinen Hacking-Fähigkeiten wurde für den Erkundungsteil dieser Rettungsmission gebraucht und er wiederum brauchte die Kommandatin, um nicht selbst korrumpiert zu werden, wenn sie Erinnerungen abzogen.
Es war also völlig klar, dass sie allein vorging, um nach weiteren Überlebenden zu suchen, auch wenn das bedeutete, die Bewusstseitsverbindung kurzzeitig zu trennen. Doch noch immer fühlte sie sich wie ein Kind, das vor seiner Zeit aus dem Nest geworfen und sich überlassen war, wann immer die zwei Worte sie trafen: Über Funk.
„Keine Lebenszeichen in ‚Arzneimittel im Wandel der Zeit‘. Rücke vor zu ‚Wechselende Ausstellungen‘. Bitte bestätigen.“
„Bestätige“, antwortete die Kommandantin unter Knistern und knacken. „Weiter zu ‚Wechselnde Ausstellungen‘. Und Lucia?“
„Ja?“
„Pass auf dich auf.“
„Roger“, antwortete Lucia und atmete leise auf. Das „Sie auch“ verkniff sie sich. Sie übte es täglich, weil es unhöflich war, einer Vorgesetzten gegenüber so bevormundend zu sein. Langsam wurde sie besser darin.
LEE
„Shit.“
Liv sah von ihren Reparaturarbeiten auf. Die Kommandantin biss sich auf die Zunge. Sie war tough, aber nicht der Typ, der fluchte. Kein Wunder, dass ihr Support das sofort mitschnitt und wissen wollte, was los war. Doch sie hatte gerade andere Prioritäten.
„Lucia, bitte kommen.“
„Lee, was…?“
Im Gegensatz zu Liv hatte er bereits gesehen, was sie so aus der Fassung brachte. Er deutete hinüber zu dem Konstrukt, das sie bereit für den Upload machte.
„Sie ruft nicht nach dem Kommandaten, weil sie ihn vermisst. Sie sieht ihn. Wahrscheinlich denkt sie gerade, du bist er. Sie dachte, er lebt noch. Deswegen ist sie hier runter.“
Mitten hinein in eine Schar korrumpierter Maschinen, die sie selbst zu viert nur gerade so überwunden hatten. Allein hatte die Kameradin keine Chance gehabt.
„Eine Falle“, schlussfolgerte Liv zutiefst besorgt.
„Eine Projektion. Irgendwie muss das Virus einen Weg gefunden haben, unsere Schilde zu umgehen. Wenn du geschwächt bist und der roten Flut zu nahe kommst, siehst du die Toten, die du am meisten vermisst.“
Und die haben wir alle, keiner weiß das besser als das Virus.
Liv suchte Lees Blick. Keiner von ihnen brauchte das zum Verständnis. Sie alle drei hatten bereits Gewissheit, wer es in Lucias Fall sein würde und welche Konsequenzen es hätte, wenn sie ausgerechnet Luna begegnete.
Doch Lee sah trotzdem zurück und hielt den Kontakt, während er sich daranmachte, sich aus dem komplizierten Geflecht zu lösen, mit dem er die Kommandantin vor den korrumpierten Daten des Konstrukts schützte.
„Lucia!“, funkte sie. „LUCIA!! BITTE KOMMEN!!“
Challenge: Krimi/Thriller/Horror: über Funk
Wörter: 1390
Fandom: Punishing: Gray Raven
Charaktere: Lucia, Liv, Lee, Kommandantin
Anmerkung: Punishing: Gray Raven ist ein Spiel, in das ich über den dazugehörigen Soundtrack hineingestolpert bin. Die Handlung spielt in einer postapokalyptischen Welt, in der das biomechanische Punishing-Virus die Kontrolle über alle Maschinen auf der Erde übernommen hat und dabei ist, sich auch alles Leben anzueignen. Die drastisch dezimierte Menschheit ist in den Weltraum geflüchtet und versucht mit kybernetischen Spezialeinheiten, ihren Planeten zurückzuerobern. (Möglichst ohne dass diese selbst vom Virus korrumpiert und in dessen Hive Mind eingegliedert werden.) Eine davon ist Gray Raven, bestehend aus drei ehemals menschlichen Soldat*innen in künstlichen Körpern (sog. Konstrukten) und ihrer Kommandantin aus Fleisch und Blut, die durch permanente Bewusstseinsverbindung ihr menschliches Bewusstsein stabil hält.
LIV
Die rote Flut. Anfangs hatten sie noch Witze darüber gemacht. Haha, Mädels, reißt euch mal zusammen, müsst ihr überall, ihr wisst schon. Was wollte man auch erwarten, wenn der Großteil der Mannschaft ein mentales Alter zwischen siebzehn und achtzehn Jahre hatte. (Oder ein Alter von vier Jahren, wie Karenina nicht selten schimpfte.) Doch auch der letzte Idiot nahm die zähflüssige Masse aus winzigen Maschinenteilen und Unmengen schreiend roter Vitalflüssigkeit inzwischen ernst, die sich durch die alten Kanalisationen wälzte, sich Flüsse und Seen aneignete und versuchte, ins Meer zu gelangen. Von da aus käme sie überallhin, würde Kontinente umspannen und ihre Versuche, die Erde zurückzuerobern um Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte zurückwerfen.
Sie waren hier, um das zu verhindern. Sie mussten mehr über die Ursprünge dieses neuen Phänomens erfahren. Wie erneuerten sich die korrumpierten Maschinen? Wer oder was entschied, in welcher Form sie der roten Masse entstiegen? Wohin die Flut und ihre „Kinder“ sich fortbewegten?
Eine bloße Erkundungsmission sollte nicht so viele Opfer fordern.
Liv kniete neben dem Kommandanten nieder, dessen Crew sie in der Ruine dieses längst zerstörten Museums gefunden hatten. Seine Glieder waren verdreht und zerrissen, sodass er kaum von den zerstörten Statuen zu unterscheiden war, die damals, im goldenen Zeitalter der Postmoderne, von zahlreichen Besuchern bewundert worden waren.
„Keine Lebenszeichen“, informierte sie Lee über das Ergebnis ihres Scans.
Ihr Kamerad nickte mit unbewegter Miene.
„Ein Konstrukt sendet ganz in der Nähe, aber das Signal ist schwach. Ich schicke euch die Daten.“
Sie schloss dem Kommandanten die Augen, nahm seine Plakette und schickte ein Signal hinauf in den Weltraum zu EX 02 Babylonia, damit seine Angehörigen über seinen Tod informiert werden konnten. Dann folgte sie Lee, Lucia und der Kommandantin. Hier gab es nichts mehr für sie zu tun. Nichts mehr zu retten.
LEE
„Wie heißt du?“, fragte Liv die Überreste des Konstrukts, das sie unter dem von Schüssen durchsiebten Betonpfeiler fanden. „Was ist hier passiert?“
„Komman… dant!“, krächzte sie, statt zu antworten, und streckte die Hand ins Leere.
Letzte Worte eines Konstrukts, dachte Lee. Ein Allgemeinplatz wie „Letzte Worte eines Chemikers: Dieses Experiment ist vollkommen ungefährlich.“ Kein Wunder, dass sie von außen aussahen wie abgerichtete Hunde, die nichts lieber taten als den Befehlen ihrer Herrchen und Frauchen zu folgen. Doch so war es nicht. Ja, das M.I.N.D. Beacon ihrer Kommandierenden war überlebenswichtig für ihr menschliches Bewusstsein, ein Schild gegen das Virus, das sich nach hochentwickelten Konstrukten wie ihnen die Finger leckte. Doch das war nicht der Grund, warum sie kurz vor dem Recall nach ihren Menschen riefen.
Lee merkte es selbst, während er Liv zuschaute, wie sie die Verletzte versorgte. Die Arbeit im Team hatte ihn verändert. Er war sensibler geworden durch Liv, die nach außen hin still und schüchtern wirkte, in ihrem Bewusstseinsnetzwerk aber die offenste war. Zielstrebiger durch Lucia und ihre fast schon beängstigende Untergebenheit gegenüber der Kommandantin. Er konnte seiner eigenen Fürsorglichkeit Raum geben, ohne dass sie ihn auffraß, seitdem sie nicht mehr seinem kleinen Bruder galt, sondern einer kampferprobten Soldatin. Ihr menschlicher Körper mochte schwächer sein als die künstlichen, in denen Liv, Lucia und er jetzt lebten. Doch ihr wacher Geist war um ein Vielfaches robuster.
„Bereit?“, fragte er sie, als er seine Sensoren ausstreckte, um sich mit dem Bewusstsein des sterbenden Konstrukts zu verbinden. Sie wussten nie, welche Erinnerungen dem Recall zum Opfer fielen, wenn das Bewusstsein den Körper verließ und wieder zur Basis hochgeladen wurde, um in einen neuen umzuziehen. Besser, sie holten das Wichtigste jetzt noch schnell raus.
Er konnte spüren, wie die Kommandantin sich wappnete, ein Stein, der in einen stillen See geworfen wurde und dessen Wellen durch ihr Netzwerk glitten. Liv zuckte nicht mal. Sie alle kannten dieses spezielle Muster längst, waren vertraut mit ihm wie mit jeder einzelnen Schraube in ihren eigenen Gliedern.
„Vorsicht, die Korruptionslevel sind hoch“, warnte Liv, die spürte, wie sie beide nach dem Unbekannten griffen. „Ich filtere raus, was geht, aber…“
„Ich habe die Firewall verstärkt“, beruhigte Lee. „Die Daten werden in meinem Sandkasten entschlüsselt, bevor sie mit zur Kommandantin spielen gehen dürfen.“
„Wie immer Verlass auf den Profi“, lächelte die kleine, muskulöse Frau mit den blondierten Haaren und den Schmissen in der linken Wange.
Lee konzentrierte sich intensiver auf seine Aufgabe. Natürlich war Verlass auf ihn. Natürlich war er ein Profi. Es wäre unprofessionell, über diese bloßen Feststellungen länger nachzudenken.
KOMMANDATIN
Sie hatte schon länger den Verdacht gehabt, dass die Flut etwas mit dem Bewusstsein der Konstrukte machte. Als sie die Überlebenden gefunden hatte, war darum sofort für sie klar gewesen, dass sie das Ziel ihrer Mission vorübergehend ändern würde. Erkundung und Rettung waren hier ein und dasselbe. Sie musste wissen, warum sie so auffällig viele Verluste hatten, seitdem sie sich mit der Flut beschäftigten, einer neuen Evolutionsstufe des Punishing-Virus, das sie bei ihrem hohen Automatisierungsgrad gepackt und von der Erde vertrieben hatte. Eine Strafe für ihr bequemes Leben, sagte man. Darum der Name: Punishing-Virus.
Die Kommandatin glaubte nicht an solche Geschichten. Doch sie glaubte an Mutation und Evolution. Die rote Flut war nur eine weitere Stufe auf einer Treppe ins Verderben, wenn sie nicht einen Weg fanden, fitter, schlauer zu werden als die korrumpierten Maschinen.
Mit großer Sorgfalt begutachtete sie also den Datenstrom, den Lee ihr in mundgerechten Stücken servierte.
LUCIA
Über Funk. Bis vor ein paar Wochen hatte Lucia hatte nicht einmal mehr daran gedacht, dass ihre Rahmen noch über so alte Technologie verfügten. Doch seitdem die Flut gekommen war, waren die Störsignale auf allen Frequenzen so heftig, dass sie auf analog zurückgreifen mussten, wenn sie sich zu weit voneinander trennten.
Jedes Mal fühlte es sich an als würde ihr ein Arm abgeschnitten. Sie hatte sich so an den Ruhepol gewöhnt, den das M.I.N.D. Beacon der Kommandatin darstellte.
Doch sie hatten das Missionsziel angepasst und sie war nun einmal die Schnellste und Stärkste ihrer Einheit – die mit dem passenden Profil. Liv als Support musste sich um die Verletzten und um Vitalwerte der Kommandantin kümmern. Lee mit seinen Hacking-Fähigkeiten wurde für den Erkundungsteil dieser Rettungsmission gebraucht und er wiederum brauchte die Kommandatin, um nicht selbst korrumpiert zu werden, wenn sie Erinnerungen abzogen.
Es war also völlig klar, dass sie allein vorging, um nach weiteren Überlebenden zu suchen, auch wenn das bedeutete, die Bewusstseitsverbindung kurzzeitig zu trennen. Doch noch immer fühlte sie sich wie ein Kind, das vor seiner Zeit aus dem Nest geworfen und sich überlassen war, wann immer die zwei Worte sie trafen: Über Funk.
„Keine Lebenszeichen in ‚Arzneimittel im Wandel der Zeit‘. Rücke vor zu ‚Wechselende Ausstellungen‘. Bitte bestätigen.“
„Bestätige“, antwortete die Kommandantin unter Knistern und knacken. „Weiter zu ‚Wechselnde Ausstellungen‘. Und Lucia?“
„Ja?“
„Pass auf dich auf.“
„Roger“, antwortete Lucia und atmete leise auf. Das „Sie auch“ verkniff sie sich. Sie übte es täglich, weil es unhöflich war, einer Vorgesetzten gegenüber so bevormundend zu sein. Langsam wurde sie besser darin.
LEE
„Shit.“
Liv sah von ihren Reparaturarbeiten auf. Die Kommandantin biss sich auf die Zunge. Sie war tough, aber nicht der Typ, der fluchte. Kein Wunder, dass ihr Support das sofort mitschnitt und wissen wollte, was los war. Doch sie hatte gerade andere Prioritäten.
„Lucia, bitte kommen.“
„Lee, was…?“
Im Gegensatz zu Liv hatte er bereits gesehen, was sie so aus der Fassung brachte. Er deutete hinüber zu dem Konstrukt, das sie bereit für den Upload machte.
„Sie ruft nicht nach dem Kommandaten, weil sie ihn vermisst. Sie sieht ihn. Wahrscheinlich denkt sie gerade, du bist er. Sie dachte, er lebt noch. Deswegen ist sie hier runter.“
Mitten hinein in eine Schar korrumpierter Maschinen, die sie selbst zu viert nur gerade so überwunden hatten. Allein hatte die Kameradin keine Chance gehabt.
„Eine Falle“, schlussfolgerte Liv zutiefst besorgt.
„Eine Projektion. Irgendwie muss das Virus einen Weg gefunden haben, unsere Schilde zu umgehen. Wenn du geschwächt bist und der roten Flut zu nahe kommst, siehst du die Toten, die du am meisten vermisst.“
Und die haben wir alle, keiner weiß das besser als das Virus.
Liv suchte Lees Blick. Keiner von ihnen brauchte das zum Verständnis. Sie alle drei hatten bereits Gewissheit, wer es in Lucias Fall sein würde und welche Konsequenzen es hätte, wenn sie ausgerechnet Luna begegnete.
Doch Lee sah trotzdem zurück und hielt den Kontakt, während er sich daranmachte, sich aus dem komplizierten Geflecht zu lösen, mit dem er die Kommandantin vor den korrumpierten Daten des Konstrukts schützte.
„Lucia!“, funkte sie. „LUCIA!! BITTE KOMMEN!!“