Angst - survivor's guilt - fürs Team
Jul. 30th, 2022 11:48 pmTeam: Mittelerde
Challenge: Angst – survivor’s guilt – fürs Team
Fandom: Kpop, Ateez, Dystopia!AU
Titel: Entscheidungen
Inhalt: Kurz vor der Revolution kommen Fragen nach dem „Danach“ auf, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Anmerkung: Die Kpop-Band Ateez hat ein neues Musikvideo rausgebracht und die Vorgeschichte dazu ist einfach feinste Dystopia-Kost. In diesem Universum spielt die Geschichte und sie schließt direkt an dieses Video bzw. an die Szenen im Bunker an. Mein Headcanon dazu ist riesig, und das hier wahrscheinlich unverständlich. Mal gucken, was noch draus wird!
Entscheidungen
Wooyoung spürte zwar, dass San neben ihm sich immer weiter verkrampfte und er sah auch, dass er die Hände, die vorher locker auf seinem Schoß gelegen hatten, zu Fäusten ballte, doch er zuckte trotzdem zusammen, als er von dem quietschenden Ledersofa aufsprang und Angyeong beinah schreiend ins Wort fiel.
„Das ist dein Plan?! Wir befreien sie und lassen sie dann allein?!“
Hongjoong, der am Schreibtisch saß, warf vor Schreck fast die Lampe um, doch San achtete nicht auf ihn. Er stand bleich, blond und mit hochroten Wangen mitten im Zimmer und war anscheinend kurz davor, etwas mit bloßen Händen zu zerbrechen.
Wooyoung wollte in die Polster sinken. Er bekam immer noch Angst, wenn er Wut sah, seine Hand schoss automatisch zu seinem Ohr, doch der Link darin war natürlich seit Ewigkeiten verschwunden. Er vermisste ihn nicht. Er hasste ihn, er stand für alles, was ihn jahrelang von San getrennt hatte, obwohl sie sogar in derselben Klasse waren, doch in Momenten wie jetzt, wo heiße Scham ihn überrollte, weil er nicht wusste, wie er reagieren sollte, wünschte er sich manchmal diesen Knopf zurück, der die Gefühle einfing, niederdrückte, bis sie fein und kaum sichtbar wie Staub in sein Unterbewusstsein sickerten.
Wenn er ruhiger wäre, wüsste er, was zu tun wäre. Wie er San beschützen könnte, vor den ungläubigen und entnervten Blicken der anderen, vor Angyeongs stoischer Ruhe, an der San wie jedes Mal zerschellen würde, wie er ihm sagen könnte, das alles gut werden würde, er war doch da, San brauchte sich keine Sorgen machen…
Alles, was er hervorbrachte, war ein Wort, hauchdünn in der elektrisierten Luft ihres Bunkers.
„Sannie…“
San reagierte überhaupt nicht, sondern starrte immer noch mit funkelnden Augen auf Angyeong, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und ihn aufmerksam betrachtete.
„Nun“, sagte er gedehnt, „ich habe nicht gesagt, dass wir die Fabrik in die Luft jagen und uns dann wieder hier verstecken sollen, oder?“
San begann zu zittern. „Das meinte ich nicht!“, fauchte er und Angyeong nickte bedächtig.
„Was meinst du dann, San?“
San fauchte, tierhaft, er bleckte die Zähne und machte sogar einen Schritt nach vorne, seine Stiefel krachten auf den Betonboden. Jongho sprang von seinem Sitz auf, doch Angyeong winkte ab.
„Ich meine“, brüllte San, „was das heißen soll, dass wir ihnen nicht sagen, was sie danach tun sollen?“
„Hast du’s an den Ohren?“, warf Mingi ein und Seonghwa zuckte dank des obszönen Fluchs zusammen und schloss die Augen. „Wir können ihnen nicht sagen, was sie tun sollen, weil wir sonst nicht besser sind als die Augen am Himmel und ihre beschissenen Luftschiffe!“
San machte eine Geste, ohne Mingi dabei anzusehen, und alle zogen scharf die Luft ein.
Mingi knurrte und hechtete nach vorn. „Du kleiner…!“
„Genug!“ Angyeong packte Mingis Ärmel, zerrte ihn mit erstaunlicher Leichtigkeit wieder hinter den Schreibtisch. „Es wird nicht geprügelt, solange ich hier sitze!“
Mingi fluchte, doch er blieb, wo er war, und Angyeon richtete seinen Blick wieder auf San. „Wir wecken sie auf“, erklärte er. „Wir nehmen ihnen den Link, und danach müssen sie selbst entscheiden, was sie tun.“
„Wie sollen sie sich für etwas entscheiden, von dem sie nicht wissen, dass es existiert?“ San spuckte fast beim Reden. „Sie haben kein Selbst!“
„Jeder Mensch hat ein Selbst“, erklärte Angyeong. „Und jeder Mensch hat das Recht auf freie Entscheidungen. Wenn wir ihnen das nehmen, brauchen wir sie gar nicht erst zu befreien.“
„Diese Menschen können keine Entscheidungen treffen, sie haben in ihrem ganzen Leben noch keine Entscheidung getroffen! Warum kapierst du das denn nicht?!“, fauchte San zurück.
„Jeder einzelne in diesem Raum“, begann Angyeong und Wooyoung wusste plötzlich genau, was er sagen würde, als hätte er es ihm vorher auf ein Kärtchen geschrieben und er wusste auch, wie sehr San ihn missverstehen würde, doch er konnte nichts tun, er war wie festgeklebt an diesem Sofa.
„Jeder einzelne in diesem Raum, San, hat eine Entscheidung getroffen, oder nicht? Warum sollten diese Menschen, wie du sie nennst, nicht dazu in der Lage sein? Weißt du es so viel besser als sie? So wie die Augen im Himmel alles besser wissen?“
Angyeongs Auge funkelte und endlich hatte er die Hände angespannt, als würde er sich doch noch für diese Diskussion bereit machen. Doch sie war längst vorbei, das wurde Wooyoung klar, als er in Sans ungläubiges, offenmundiges Gesicht schaute.
Jongho, Seonghwa, Mingi und Yeosang waren geflohen, nachdem eine Fabrik explodiert und ihre Links pulverisiert hatte, Hongjoong und Yunho waren in freie Familien hineingeboren worden und Wooyoung hatte aus eigener Kraft seinen Link zerbrochen.
San hingegen hatten sie gemeinsam aus dem Himmel befreit, gegen seinen Willen.
Das alles wusste Angyeong, genau so, wie Wooyoung es wusste. Warum er es San trotzdem an den Kopf knallte, blieb ihm ein Rätsel.
Ohne ein weiteres Wort drehte San sich um und stürmte aus dem Raum. Die schwere Brandschutztür knallte hinter ihm ins Schloss, erschütterte die Regale, Seonghwa griff panisch nach dem Schreibtisch und hielt die Augen weiterhin fest geschlossen.
Wooyoung sprang auf und war in drei Schritten bei der Tür.
„Lass ihn“, rief Angyeong ihm nach. „Er soll sich beruhigen!“
„Ich kann nicht“, erwiderte Wooyoung und biss sich auf die Lippen. Er wagte es nicht, Angyeong anzuschauen und riss die Tür auf. „Ich kann ihn nicht alleine lassen.“
Niemand versuchte ihn aufzuhalten.
Er fand ihn auf der Rückseite des Bunkers, zusammengesunken auf einer der Betonmauern, die sich als Regenschutz über den Lüftungsschächten erhoben. Wooyoung setzte sich neben ihn. Er rechnete mit einem Wutschrei, einer weiteren Auseinandersetzung, doch stattdessen ließ San sich sofort gegen ihn fallen und vergrub den Kopf an Wooyoungs Brust. Hastig schloss er die Arme um ihn. San glühte förmlich, doch die Anspannung schien einer schweren Erschöpfung gewichen zu sein.
Sie schwiegen, bis sich Wooyoung schließlich umständlich räusperte.
„Angyeong meinte das nicht so“, begann er, doch San schnaubte nur abfällig und winkte ab.
„Er meinte es genauso, wie er es gesagt hat. Du weißt schon ‚klare Kommunikation‘ und so.“
San verzog das Gesicht zu einer gehässigen Fratze und schob eine unsichtbare Brille auf seiner Nase nach oben. Wooyoung prustete, und San begann widerwillig zu grinsenm bevor er schnell den Kopf abwandte.
„Ich werd mich nicht entschuldigen“, sagte er grimmig. „Falls sie dich deshalb hergeschickt haben.“
„Niemand hat mich hergeschickt“, erwiderte Wooyoung.
San riss den Kopf nach oben und betrachtete ihn stirnrunzelnd, doch Wooyoung hielt ihn bloß noch stärker fest. San schmiegte sich wieder an ihn und Wooyoung schwieg und überlegte, wie er ihn dazu bringen könnte, sich doch bei Angyeong und den anderen zu entschuldigen, weil das vermutlich angebracht wäre. Er kam zu keinem Ergebnis und als San sich erneut bewegte, verschob er die Gedanken auf später.
„Als ihr mich rausgeholt habt“, hörte er San flüstern, „waren da noch andere. Andere wie ich, in Einzelzellen.“
„Ja“, sagte Wooyoung zögerlich.
Das Wort schmerzte ihn, ein Geständnis, vor dem er sich am liebsten versteckt hätte.
Sie hatten nicht damit gerechnet, als sie das Luftschiff enterten, nicht mit der schieren Anzahl von Individuumsverbrechern. Yunho hatte gezögert, als sie den endlos weißen Gang gefunden hatten, Türen mit den Nummern null bis dreihundertvierundneunzig, die Chipkarte knackte in seinen verkrampften Händen.
Hongjoong hatte ihm einen Stoß in Kreuz gegeben, „Die meisten sind leer!“, gebrüllt und sie einfach mitgeschleift. Woher er das wissen wollte, war Wooyoung bis heute nicht klar, aber als sie Nummer vierundzwanzig öffneten und San darin fanden, abgemagert, mit blutig gekratzten Schläfen und leeren, hohlen Augen, war ihm alles andere völlig egal geworden. Sie holten ihn raus, stürzten aus dem Luftschiff und es flog mit all den Insassen seiner Wege, wohin auch immer.
Sans Zittern kehrte mit einem Mal zurück, unbarmherzig fraß es sich durch seine Finger und Schultern bis zu seinen Zähnen hinauf. Er machte sich von Wooyoung los, stützte die Arme auf die Oberschenkel und starrte auf die gelb vertrocknete, staubige Wiese zwischen seinen Schuhen.
„Sie werden uns hassen“, sagte er nach einer Weile. Wooyoung verstand ihn kaum, beugte sich vor, bis er fast auf Sans Schulter lag. „So wie ich euch alle gehasst habe, als ich hierher kam.“
„Du warst bloß verwirrt“, beeilte Wooyoung sich zu sagen. „Wirklich, Sannie, alle hatten Verständnis dafür…“
„Ich hab Seonghwa den Arm gebrochen!“
„Er hat dir verziehen! Schon lange!“
„Ich hab dich fast umgebracht!“
Wooyoung zuckte zusammen. „Das meintest du nicht so!“, rief er, doch er hatte lange gebraucht, um den hasserfüllten, vollkommen verängstigten Blick zu vergessen, den San ihm zugeworfen hatte, während er Wooyoung eine Gabel in den Hals rammte.
Stöhnend schlug San die Hände vor die Augen. „Du begreifst es nicht! Ihr alle begreift es nicht!“
Wooyoung schwieg, grabschte fieberhaft nach Wörtern, die ihm alle hohl vorkamen, doch bevor er den Mut aufbringen konnte, endlich etwas zu sagen, fuhr San bereits fort:
„Sie werden nicht mit uns kommen! Sie werden wieder in die Institute und Fabriken gehen, und die Augen im Himmel werden sie allesamt wegsperren, weil ihre Links zerstört sind. Man wird sie in Einzelhaft stecken und jeder und jedem von ihnen wird man das Hirn aufbrechen und alles totprügeln, was auch nur annähernd menschlich und individuell ist. Und was machen wir dann, hm? Wie viele sollen wir denn befreien und monatelang betreuen, bis sich vielleicht ein Funken Glaube für unsere Sache aus ihren Herzen in ihren Kopf stiehlt? Bis sie sich für etwas entscheiden könnten?“
Er hob den Kopf, doch seine Augen fokussierten irgendetwas so weit entfernt von ihnen, dass Wooyoung es auch in hundert Jahren nicht erreichen würde.
„Warum hast du mich rausgeholt?“, hauchte San schließlich.
Wooyoung zuckte die Schultern. „Ich konnte dich nicht alleine lassen“, sagte er, als sei es das Normalste auf der Welt. San schnaubte und starrte wieder auf das Gras unter ihren Sohlen.
Seit ihrer Trennung hatte Wooyoung jede freie Sekunde damit verbracht, an San zu denken. Als Angyeong und die anderen ihn befreiten, hatte er sofort nach San gefragt, San, San, San, die ganze Zeit, sein Herz pumpte Blut und den Gedanken an feines Haar durch seine Adern, an dunkle Augen, groß und voll mit Dingen, für die sie beide keine Worte kannten (Zweifel, Blödsinn, Übermut, Lust, Vorfreude, Loyalität… , mittlerweile kannte Wooyoung ein paar Begriffe. Was er damit anfangen sollte, war ihm allerdings noch nicht klar.)
Als er erfahren hatte, dass San auf einem Gefängnisluftschiff für Individuumsverbrechen festsaß, hatte er vor Erleichterung geweint. Der Rest war in seinen Augen ein Kinderspiel gewesen, und als er San im Arm hielt, atmete Wooyoung nach Jahren endlich wieder Luft, die nicht nach dem schwarzen, halb ausgebrannten Loch in seiner Seele schmeckte.
„Es war doch nichts mehr von mir übrig!“
San schüttelte frustriert den Kopf, als er Wooyoung aus seinen Gedanken riss. Er begann auf seiner Lippe zu kauen, als wüsste er nicht, wie er ihm etwas sehr Offensichtliches erklären sollte.
„Genug, dass wir dich wieder aufwecken konnten!“, erwiderte Wooyoung trotzig. „Sie haben dich nicht kleingekriegt, das hätten sie niemals geschafft.“
„Das konntest du nicht wissen. Ich wusste es ja nicht einmal selbst!“
Wooyoungs erster Impuls legte ihm ein gebrülltes „Doch!“ in den Mund, doch er schluckte es sofort wieder runter. „Das stimmt“, sagte er stattdessen.
Wozu hätte er ihn anlügen sollen? Die zermürbenden Tage im Bunker, San – nach dem Vorfall mit Seonghwa – festgebunden am Kopfende seines Bettes, zähnefletschend, schreiend, heulend, zornentbrannt und so entsetzlich erschöpft. Der Schorf auf seinen Schläfen heilte nicht, weil er sich auf der Suche nach dem Link ständig wieder aufkratzte, und jedes Mal, wenn Wooyoung ihm seinen eigenen Namen nannte, ihn daran erinnern wollte, wer sie gewesen waren, wurde das Heulen, das Schlagen, das Geschrei nur noch schlimmer.
Sie erinnerten sich beide an diese Tage. Wooyoung dachte allerdings kaum noch daran, weil San schließlich trotzdem aufgewacht war, etwas, woran er nie gezweifelt hatte und jetzt, wo er ihn wieder hatte, fühlte Wooyoung Euphorie, jeden Tag aufs Neue.
San hingegen verlor sich in dieser Zeit. Er schaute ihn manchmal misstrauisch an, was Wooyoung geflissentlich ignorierte, er hielt größtmöglichen Abstand von Seonghwa und rieb sich unbewusst die Narben am Kopf. Er war wach, daran bestand kein Zweifel, das hatte Angyeong ihnen versichert (und sonst hätten sie auch nie die Fesseln entfernt), aber der Schatten der Einzelhaft verschwand einfach nicht.
„Ich hab dran geglaubt“, sagte Wooyoung schließlich. Es war die Wahrheit. Eine andere hatte er nicht, eine andere hatte er nie gewollt. Rasch ergriff er Sans Hand. Sie war schweißnass, obwohl er immer noch zitterte, und er verschränkte ihre Finger miteinander, drückte sie fest gegen seine Brust.
„Ganz am Ende hast du dich für mich entschieden“, flüsterte er. „Und ich weiß, dass du es immer wieder tun wirst, und wenn sie dich noch hundertmal umprogrammieren.“
San schien ihn erst nicht gehört zu haben, doch beim letzten Satz zuckte er zusammen, riss beinah seine Finger aus Wooyoungs Hand.
„Wenn alles schief geht“, flüsterte er, „wenn sie mich schnappen sollten… dann versprich mir etwas.“
„Alles“, sagte Wooyoung.
„Erschieß mich. Spreng mich in die Luft. Bring mich um.“
Das Zittern war verschwunden, er flüsterte nicht, er murmelte nicht, er schrie nicht. Er sprach mit Wooyoung als würde er ihn nach der Uhrzeit fragen. Ein Schauer erfasste Wooyoung, und plötzlich fiel ihm auf, dass es seit einiger Zeit regnete. Sie waren völlig durchnässt.
„Sannie…“
„Versprich es mir!“
Ein Flehen. Scharfer, völlig wacher Verstand hinter glühenden Augen, in seiner Hand spürte er Sans Pulsschlag durch seine Fingerspitzen schlagen, bis er Wooyoungs eigenen überlagerte, er nagelte ihn auf diesem feuchten Beton fest.
Er schloss die Augen und öffnete den Mund.
„Okay.“
Challenge: Angst – survivor’s guilt – fürs Team
Fandom: Kpop, Ateez, Dystopia!AU
Titel: Entscheidungen
Inhalt: Kurz vor der Revolution kommen Fragen nach dem „Danach“ auf, auf die es keine einfachen Antworten gibt.
Anmerkung: Die Kpop-Band Ateez hat ein neues Musikvideo rausgebracht und die Vorgeschichte dazu ist einfach feinste Dystopia-Kost. In diesem Universum spielt die Geschichte und sie schließt direkt an dieses Video bzw. an die Szenen im Bunker an. Mein Headcanon dazu ist riesig, und das hier wahrscheinlich unverständlich. Mal gucken, was noch draus wird!
Entscheidungen
Wooyoung spürte zwar, dass San neben ihm sich immer weiter verkrampfte und er sah auch, dass er die Hände, die vorher locker auf seinem Schoß gelegen hatten, zu Fäusten ballte, doch er zuckte trotzdem zusammen, als er von dem quietschenden Ledersofa aufsprang und Angyeong beinah schreiend ins Wort fiel.
„Das ist dein Plan?! Wir befreien sie und lassen sie dann allein?!“
Hongjoong, der am Schreibtisch saß, warf vor Schreck fast die Lampe um, doch San achtete nicht auf ihn. Er stand bleich, blond und mit hochroten Wangen mitten im Zimmer und war anscheinend kurz davor, etwas mit bloßen Händen zu zerbrechen.
Wooyoung wollte in die Polster sinken. Er bekam immer noch Angst, wenn er Wut sah, seine Hand schoss automatisch zu seinem Ohr, doch der Link darin war natürlich seit Ewigkeiten verschwunden. Er vermisste ihn nicht. Er hasste ihn, er stand für alles, was ihn jahrelang von San getrennt hatte, obwohl sie sogar in derselben Klasse waren, doch in Momenten wie jetzt, wo heiße Scham ihn überrollte, weil er nicht wusste, wie er reagieren sollte, wünschte er sich manchmal diesen Knopf zurück, der die Gefühle einfing, niederdrückte, bis sie fein und kaum sichtbar wie Staub in sein Unterbewusstsein sickerten.
Wenn er ruhiger wäre, wüsste er, was zu tun wäre. Wie er San beschützen könnte, vor den ungläubigen und entnervten Blicken der anderen, vor Angyeongs stoischer Ruhe, an der San wie jedes Mal zerschellen würde, wie er ihm sagen könnte, das alles gut werden würde, er war doch da, San brauchte sich keine Sorgen machen…
Alles, was er hervorbrachte, war ein Wort, hauchdünn in der elektrisierten Luft ihres Bunkers.
„Sannie…“
San reagierte überhaupt nicht, sondern starrte immer noch mit funkelnden Augen auf Angyeong, der sich in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte und ihn aufmerksam betrachtete.
„Nun“, sagte er gedehnt, „ich habe nicht gesagt, dass wir die Fabrik in die Luft jagen und uns dann wieder hier verstecken sollen, oder?“
San begann zu zittern. „Das meinte ich nicht!“, fauchte er und Angyeong nickte bedächtig.
„Was meinst du dann, San?“
San fauchte, tierhaft, er bleckte die Zähne und machte sogar einen Schritt nach vorne, seine Stiefel krachten auf den Betonboden. Jongho sprang von seinem Sitz auf, doch Angyeong winkte ab.
„Ich meine“, brüllte San, „was das heißen soll, dass wir ihnen nicht sagen, was sie danach tun sollen?“
„Hast du’s an den Ohren?“, warf Mingi ein und Seonghwa zuckte dank des obszönen Fluchs zusammen und schloss die Augen. „Wir können ihnen nicht sagen, was sie tun sollen, weil wir sonst nicht besser sind als die Augen am Himmel und ihre beschissenen Luftschiffe!“
San machte eine Geste, ohne Mingi dabei anzusehen, und alle zogen scharf die Luft ein.
Mingi knurrte und hechtete nach vorn. „Du kleiner…!“
„Genug!“ Angyeong packte Mingis Ärmel, zerrte ihn mit erstaunlicher Leichtigkeit wieder hinter den Schreibtisch. „Es wird nicht geprügelt, solange ich hier sitze!“
Mingi fluchte, doch er blieb, wo er war, und Angyeon richtete seinen Blick wieder auf San. „Wir wecken sie auf“, erklärte er. „Wir nehmen ihnen den Link, und danach müssen sie selbst entscheiden, was sie tun.“
„Wie sollen sie sich für etwas entscheiden, von dem sie nicht wissen, dass es existiert?“ San spuckte fast beim Reden. „Sie haben kein Selbst!“
„Jeder Mensch hat ein Selbst“, erklärte Angyeong. „Und jeder Mensch hat das Recht auf freie Entscheidungen. Wenn wir ihnen das nehmen, brauchen wir sie gar nicht erst zu befreien.“
„Diese Menschen können keine Entscheidungen treffen, sie haben in ihrem ganzen Leben noch keine Entscheidung getroffen! Warum kapierst du das denn nicht?!“, fauchte San zurück.
„Jeder einzelne in diesem Raum“, begann Angyeong und Wooyoung wusste plötzlich genau, was er sagen würde, als hätte er es ihm vorher auf ein Kärtchen geschrieben und er wusste auch, wie sehr San ihn missverstehen würde, doch er konnte nichts tun, er war wie festgeklebt an diesem Sofa.
„Jeder einzelne in diesem Raum, San, hat eine Entscheidung getroffen, oder nicht? Warum sollten diese Menschen, wie du sie nennst, nicht dazu in der Lage sein? Weißt du es so viel besser als sie? So wie die Augen im Himmel alles besser wissen?“
Angyeongs Auge funkelte und endlich hatte er die Hände angespannt, als würde er sich doch noch für diese Diskussion bereit machen. Doch sie war längst vorbei, das wurde Wooyoung klar, als er in Sans ungläubiges, offenmundiges Gesicht schaute.
Jongho, Seonghwa, Mingi und Yeosang waren geflohen, nachdem eine Fabrik explodiert und ihre Links pulverisiert hatte, Hongjoong und Yunho waren in freie Familien hineingeboren worden und Wooyoung hatte aus eigener Kraft seinen Link zerbrochen.
San hingegen hatten sie gemeinsam aus dem Himmel befreit, gegen seinen Willen.
Das alles wusste Angyeong, genau so, wie Wooyoung es wusste. Warum er es San trotzdem an den Kopf knallte, blieb ihm ein Rätsel.
Ohne ein weiteres Wort drehte San sich um und stürmte aus dem Raum. Die schwere Brandschutztür knallte hinter ihm ins Schloss, erschütterte die Regale, Seonghwa griff panisch nach dem Schreibtisch und hielt die Augen weiterhin fest geschlossen.
Wooyoung sprang auf und war in drei Schritten bei der Tür.
„Lass ihn“, rief Angyeong ihm nach. „Er soll sich beruhigen!“
„Ich kann nicht“, erwiderte Wooyoung und biss sich auf die Lippen. Er wagte es nicht, Angyeong anzuschauen und riss die Tür auf. „Ich kann ihn nicht alleine lassen.“
Niemand versuchte ihn aufzuhalten.
Er fand ihn auf der Rückseite des Bunkers, zusammengesunken auf einer der Betonmauern, die sich als Regenschutz über den Lüftungsschächten erhoben. Wooyoung setzte sich neben ihn. Er rechnete mit einem Wutschrei, einer weiteren Auseinandersetzung, doch stattdessen ließ San sich sofort gegen ihn fallen und vergrub den Kopf an Wooyoungs Brust. Hastig schloss er die Arme um ihn. San glühte förmlich, doch die Anspannung schien einer schweren Erschöpfung gewichen zu sein.
Sie schwiegen, bis sich Wooyoung schließlich umständlich räusperte.
„Angyeong meinte das nicht so“, begann er, doch San schnaubte nur abfällig und winkte ab.
„Er meinte es genauso, wie er es gesagt hat. Du weißt schon ‚klare Kommunikation‘ und so.“
San verzog das Gesicht zu einer gehässigen Fratze und schob eine unsichtbare Brille auf seiner Nase nach oben. Wooyoung prustete, und San begann widerwillig zu grinsenm bevor er schnell den Kopf abwandte.
„Ich werd mich nicht entschuldigen“, sagte er grimmig. „Falls sie dich deshalb hergeschickt haben.“
„Niemand hat mich hergeschickt“, erwiderte Wooyoung.
San riss den Kopf nach oben und betrachtete ihn stirnrunzelnd, doch Wooyoung hielt ihn bloß noch stärker fest. San schmiegte sich wieder an ihn und Wooyoung schwieg und überlegte, wie er ihn dazu bringen könnte, sich doch bei Angyeong und den anderen zu entschuldigen, weil das vermutlich angebracht wäre. Er kam zu keinem Ergebnis und als San sich erneut bewegte, verschob er die Gedanken auf später.
„Als ihr mich rausgeholt habt“, hörte er San flüstern, „waren da noch andere. Andere wie ich, in Einzelzellen.“
„Ja“, sagte Wooyoung zögerlich.
Das Wort schmerzte ihn, ein Geständnis, vor dem er sich am liebsten versteckt hätte.
Sie hatten nicht damit gerechnet, als sie das Luftschiff enterten, nicht mit der schieren Anzahl von Individuumsverbrechern. Yunho hatte gezögert, als sie den endlos weißen Gang gefunden hatten, Türen mit den Nummern null bis dreihundertvierundneunzig, die Chipkarte knackte in seinen verkrampften Händen.
Hongjoong hatte ihm einen Stoß in Kreuz gegeben, „Die meisten sind leer!“, gebrüllt und sie einfach mitgeschleift. Woher er das wissen wollte, war Wooyoung bis heute nicht klar, aber als sie Nummer vierundzwanzig öffneten und San darin fanden, abgemagert, mit blutig gekratzten Schläfen und leeren, hohlen Augen, war ihm alles andere völlig egal geworden. Sie holten ihn raus, stürzten aus dem Luftschiff und es flog mit all den Insassen seiner Wege, wohin auch immer.
Sans Zittern kehrte mit einem Mal zurück, unbarmherzig fraß es sich durch seine Finger und Schultern bis zu seinen Zähnen hinauf. Er machte sich von Wooyoung los, stützte die Arme auf die Oberschenkel und starrte auf die gelb vertrocknete, staubige Wiese zwischen seinen Schuhen.
„Sie werden uns hassen“, sagte er nach einer Weile. Wooyoung verstand ihn kaum, beugte sich vor, bis er fast auf Sans Schulter lag. „So wie ich euch alle gehasst habe, als ich hierher kam.“
„Du warst bloß verwirrt“, beeilte Wooyoung sich zu sagen. „Wirklich, Sannie, alle hatten Verständnis dafür…“
„Ich hab Seonghwa den Arm gebrochen!“
„Er hat dir verziehen! Schon lange!“
„Ich hab dich fast umgebracht!“
Wooyoung zuckte zusammen. „Das meintest du nicht so!“, rief er, doch er hatte lange gebraucht, um den hasserfüllten, vollkommen verängstigten Blick zu vergessen, den San ihm zugeworfen hatte, während er Wooyoung eine Gabel in den Hals rammte.
Stöhnend schlug San die Hände vor die Augen. „Du begreifst es nicht! Ihr alle begreift es nicht!“
Wooyoung schwieg, grabschte fieberhaft nach Wörtern, die ihm alle hohl vorkamen, doch bevor er den Mut aufbringen konnte, endlich etwas zu sagen, fuhr San bereits fort:
„Sie werden nicht mit uns kommen! Sie werden wieder in die Institute und Fabriken gehen, und die Augen im Himmel werden sie allesamt wegsperren, weil ihre Links zerstört sind. Man wird sie in Einzelhaft stecken und jeder und jedem von ihnen wird man das Hirn aufbrechen und alles totprügeln, was auch nur annähernd menschlich und individuell ist. Und was machen wir dann, hm? Wie viele sollen wir denn befreien und monatelang betreuen, bis sich vielleicht ein Funken Glaube für unsere Sache aus ihren Herzen in ihren Kopf stiehlt? Bis sie sich für etwas entscheiden könnten?“
Er hob den Kopf, doch seine Augen fokussierten irgendetwas so weit entfernt von ihnen, dass Wooyoung es auch in hundert Jahren nicht erreichen würde.
„Warum hast du mich rausgeholt?“, hauchte San schließlich.
Wooyoung zuckte die Schultern. „Ich konnte dich nicht alleine lassen“, sagte er, als sei es das Normalste auf der Welt. San schnaubte und starrte wieder auf das Gras unter ihren Sohlen.
Seit ihrer Trennung hatte Wooyoung jede freie Sekunde damit verbracht, an San zu denken. Als Angyeong und die anderen ihn befreiten, hatte er sofort nach San gefragt, San, San, San, die ganze Zeit, sein Herz pumpte Blut und den Gedanken an feines Haar durch seine Adern, an dunkle Augen, groß und voll mit Dingen, für die sie beide keine Worte kannten (Zweifel, Blödsinn, Übermut, Lust, Vorfreude, Loyalität… , mittlerweile kannte Wooyoung ein paar Begriffe. Was er damit anfangen sollte, war ihm allerdings noch nicht klar.)
Als er erfahren hatte, dass San auf einem Gefängnisluftschiff für Individuumsverbrechen festsaß, hatte er vor Erleichterung geweint. Der Rest war in seinen Augen ein Kinderspiel gewesen, und als er San im Arm hielt, atmete Wooyoung nach Jahren endlich wieder Luft, die nicht nach dem schwarzen, halb ausgebrannten Loch in seiner Seele schmeckte.
„Es war doch nichts mehr von mir übrig!“
San schüttelte frustriert den Kopf, als er Wooyoung aus seinen Gedanken riss. Er begann auf seiner Lippe zu kauen, als wüsste er nicht, wie er ihm etwas sehr Offensichtliches erklären sollte.
„Genug, dass wir dich wieder aufwecken konnten!“, erwiderte Wooyoung trotzig. „Sie haben dich nicht kleingekriegt, das hätten sie niemals geschafft.“
„Das konntest du nicht wissen. Ich wusste es ja nicht einmal selbst!“
Wooyoungs erster Impuls legte ihm ein gebrülltes „Doch!“ in den Mund, doch er schluckte es sofort wieder runter. „Das stimmt“, sagte er stattdessen.
Wozu hätte er ihn anlügen sollen? Die zermürbenden Tage im Bunker, San – nach dem Vorfall mit Seonghwa – festgebunden am Kopfende seines Bettes, zähnefletschend, schreiend, heulend, zornentbrannt und so entsetzlich erschöpft. Der Schorf auf seinen Schläfen heilte nicht, weil er sich auf der Suche nach dem Link ständig wieder aufkratzte, und jedes Mal, wenn Wooyoung ihm seinen eigenen Namen nannte, ihn daran erinnern wollte, wer sie gewesen waren, wurde das Heulen, das Schlagen, das Geschrei nur noch schlimmer.
Sie erinnerten sich beide an diese Tage. Wooyoung dachte allerdings kaum noch daran, weil San schließlich trotzdem aufgewacht war, etwas, woran er nie gezweifelt hatte und jetzt, wo er ihn wieder hatte, fühlte Wooyoung Euphorie, jeden Tag aufs Neue.
San hingegen verlor sich in dieser Zeit. Er schaute ihn manchmal misstrauisch an, was Wooyoung geflissentlich ignorierte, er hielt größtmöglichen Abstand von Seonghwa und rieb sich unbewusst die Narben am Kopf. Er war wach, daran bestand kein Zweifel, das hatte Angyeong ihnen versichert (und sonst hätten sie auch nie die Fesseln entfernt), aber der Schatten der Einzelhaft verschwand einfach nicht.
„Ich hab dran geglaubt“, sagte Wooyoung schließlich. Es war die Wahrheit. Eine andere hatte er nicht, eine andere hatte er nie gewollt. Rasch ergriff er Sans Hand. Sie war schweißnass, obwohl er immer noch zitterte, und er verschränkte ihre Finger miteinander, drückte sie fest gegen seine Brust.
„Ganz am Ende hast du dich für mich entschieden“, flüsterte er. „Und ich weiß, dass du es immer wieder tun wirst, und wenn sie dich noch hundertmal umprogrammieren.“
San schien ihn erst nicht gehört zu haben, doch beim letzten Satz zuckte er zusammen, riss beinah seine Finger aus Wooyoungs Hand.
„Wenn alles schief geht“, flüsterte er, „wenn sie mich schnappen sollten… dann versprich mir etwas.“
„Alles“, sagte Wooyoung.
„Erschieß mich. Spreng mich in die Luft. Bring mich um.“
Das Zittern war verschwunden, er flüsterte nicht, er murmelte nicht, er schrie nicht. Er sprach mit Wooyoung als würde er ihn nach der Uhrzeit fragen. Ein Schauer erfasste Wooyoung, und plötzlich fiel ihm auf, dass es seit einiger Zeit regnete. Sie waren völlig durchnässt.
„Sannie…“
„Versprich es mir!“
Ein Flehen. Scharfer, völlig wacher Verstand hinter glühenden Augen, in seiner Hand spürte er Sans Pulsschlag durch seine Fingerspitzen schlagen, bis er Wooyoungs eigenen überlagerte, er nagelte ihn auf diesem feuchten Beton fest.
Er schloss die Augen und öffnete den Mund.
„Okay.“